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17.11.2012
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Job-Portal für Rentner

Suche Arbeit, biete Können, will viel Kohle

Von
DPA

Rentner am Laptop: Jobvermittlung im Internet

Die Enkel hüten und Rasen mähen? Das war gestern! Auf der Online-Plattform Rent a Rentner bietet eine äußerst selbstbewusste Ruheständler-Generation ihre Dienste an. Viele lassen keinen Zweifel: Sie wollen Cash sehen.

Hamburg - Beatrice Hesse-von Witzleben könnte mit gutem Gewissen faul sein. Sie ist 67 - im besten Rentenalter. Aber von Witzleben denkt nicht an Faulenzen. "Peer Steinbrück ist 65 und fängt jetzt noch mal so richtig an", sagt sie. Auch die Journalistin will zeigen, was noch in ihr steckt. Also heuerte sie bei Rent a Rentner an.

Das Internetportal ging im August an den Start. Ruheständler können sich dort für Jobs anbieten. Von Witzleben registrierte sich als eine der ersten. "Kultur, Kunst, Reisen, Textchefin. Sicher im Texten, Redigieren, Korrektur lesen", steht in ihrem Profil. Sie könnte sich zum Beispiel vorstellen, die Macher einer Stadtteil-Zeitung zu unterstützen. Aber bisher hat sich niemand gemeldet. Von ihrem Stundenlohn zwischen 30 und 80 Euro möchte von Witzleben dennoch nicht abrücken.

Auf lokaler und regionaler Ebene gibt es in Deutschland bereits zahlreiche Vereine, in denen Senioren kostenlos oder gegen einen kleinen Betrag als Ersatz-Omas oder als Gartenhelfer einspringen. Doch für Beatrice Hesse-von Witzleben kommt das nicht in Frage: "In Deutschland herrscht oft die Meinung: Ein Alter kann ja ein Ehrenamt machen", sagt sie. Auch von Witzleben hat bereits ein Ehrenamt - in einem Museum. Bei Rent a Rentner will sie nun an ihren erlernten Beruf anknüpfen - und stolze Stundensätze verlangen. Auf das Geld sei sie zwar nicht angewiesen, sagt sie. Aber gute Arbeit koste eben.

Geht es den modernen Rentnern also darum, möglichst viel zu verdienen? "Die Menschen sind nicht materialistischer, sondern es geht ihnen um Anerkennung. Und Anerkennung bedeutet eben auch, bezahlt zu werden", sagt Arbeitsmarktforscher Martin Brussig vom Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

Bei einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung unter angehenden Rentnern, sagte fast die Hälfte, sie wollten weiterarbeiten. Dabei gaben 54 Prozent an, es gehe ihnen darum, Anerkennung zu erlangen. "Dieses Motiv wird oft unterschätzt", sagt Brussig.

Die Idee zu Rent a Rentner kam zwei jungen Gründern

Als der Vater von Jonas Reese in Ruhestand ging, stellte er sich die Frage, was er nun mit seiner Freiheit anfangen solle. Und brachte damit seinen Sohn auf die Idee zu dem Portal Rent a Rentner. Zusammen mit seinem Kompagnon Lutz Nocinski hat Reese die deutsche Seite an den Start gebracht. Knapp 2000 Leute haben sich bisher registriert, sagt der 33-Jährige.

Die Profile sind kostenlos, auch die Auftraggeber müssen nichts bezahlen. Um den Ruheständlern die Sorge vor allzu viel Offenheit zu nehmen, müssen sie neben ihren angebotenen Tätigkeiten nur ihren Namen und die Postleitzahl angeben. Fotos sind möglich, aber kein Muss.

Reese und Nocinski haben einen vierstelligen Betrag investiert. "Bisher machen wir das vor allem aus Freude und aus dem Glauben daran, dass die Idee funktioniert", sagt Reese. Er selbst verdient sein Geld als Journalist, sein Partner als IT-Berater. Es gebe aber Überlegungen, ob man etwa durch Werbung oder Sponsoren die Kosten decken könnte. Für die Rentner soll die Seite aber kostenlos bleiben.

Einen Überblick darüber, wie viele Jobs über Rent a Rentner bisher vermittelt wurden, habe er nicht, sagt Reese. "Wir treten nicht als Vermittler auf. Die Leute tauschen die Infos untereinander aus." Auch Haftungsfragen müssen sie untereinander klären.

Er habe aber bereits viel positives Feedback bekommen, sagt Reese. Aus solchen Mails leitet er auch die Motivation der Ruheständler ab. "Ich glaube, nicht Geld steht bei den meisten im Vordergrund, sondern sozialer Kontakt und das Gefühl, gebraucht zu werden." Manche freuten sich schon, wenn sie nach der Arbeit zum Essen eingeladen werden.

Wenn er sich da mal nicht täuscht! Viele der Rentner treten sehr selbstbewusst auf - und lassen keinen Zweifel, dass es ihnen nicht um eine warme Mahlzeit geht. Auch Rolf Seibold hofft langfristig auf gute Honorare.

Neustart mit 61 Jahren

Seit 43 Jahren ist der gelernte Bankkaufmann in der Finanzbranche tätig. Er war Filialleiter einer Bank, arbeitete als Investmentbanker und kümmerte sich in der Schweiz um wohlhabende Kunden. Mit 61 Jahren fängt er nun noch einmal von vorne an. Seibold will sich als unabhängiger Finanzberater selbständig machen. Der Markt sei da: Euro-Krise, marode Banken und Abzocke verunsichern die Kunden.

"Ich möchte unabhängig beraten und keine Produkte verkaufen", sagt Seibold. Er tastet sich vorsichtig an seine Kundschaft heran. "Einer Dame habe ich am Wochenende kostenlos per E-Mail Fragen zum Versicherungstarif für ihre Kinder beantwortet", berichtet er. Einem anderen Interessenten habe er etwas über Aktiengeschäfte erklärt - ebenfalls unentgeltlich. "Aber die Leute können mit ihren Fragen testen, was ich draufhabe."

Ein Ehepaar habe ihn inzwischen zu sich eingeladen, um mal die Finanzen durchzuschauen. "Das ist dann schon richtig Arbeit und da wird man dann auch über ein Honorar reden", sagt Seibold. Er will Kunden auch anbieten, ihnen bei Beratungsterminen bei der Bank zur Seite zu stehen.

Seibold hofft, dass Menschen über das Rentner-Portal Vertrauen zu ihm fassen. Gerade als älterer Berater habe er vielleicht sogar einen Vertrauensvorschuss, hofft er. "Begriffe wie 'Silberrücken' für uns Ältere sind ja eher positiv belegt." Der Banker überlegt sogar, ein eigenes Blog für seine Finanzberatung zu gründen, um Kunden zu akquirieren. "Es wäre nicht uninteressant, davon leben zu können."

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Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
1.
purzel2k13 17.11.2012
Wieso haben die Leute so ein riesen Problem damit, zu sagen, dass sie Geld verdienen möchten? >>"Bisher machen wir das vor allem aus Freude und aus dem Glauben daran, dass die Idee funktioniert", sagt Reese. Er [...]
Wieso haben die Leute so ein riesen Problem damit, zu sagen, dass sie Geld verdienen möchten? >>"Bisher machen wir das vor allem aus Freude und aus dem Glauben daran, dass die Idee funktioniert", sagt Reese. Er selbst verdient sein Geld als Journalist, sein Partner als IT-Berater. Es gebe aber Überlegungen, ob man etwa durch Werbung oder Sponsoren die Kosten decken könnte.
2. Warum nicht?
Der_Franke 17.11.2012
Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Und wenn es Leute gibt, die diese angebotenen Dienstleistungen wünschen, sollen sie auch zahlen. An Tankstelle kann ich auch nicht gratis tanken.
Zitat von sysopDie Enkel hüten und Rasen mähen? Das war gestern! Auf der Online-Plattform Rent a Rentner bietet eine äußerst selbstbewusste Ruheständler-Generation ihre Dienste an. Viele lassen keinen Zweifel: Sie wollen Cash sehen. Internetportal Rent a Rentner bietet Jobvermittlung im Ruhestand - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/internetportal-rent-a-rentner-bietet-jobvermittlung-im-ruhestand-a-863545.html)
Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Und wenn es Leute gibt, die diese angebotenen Dienstleistungen wünschen, sollen sie auch zahlen. An Tankstelle kann ich auch nicht gratis tanken.
3. Altersvorsorge - oder Im Alter selbst für die Rente sorgen?
ka.briz 17.11.2012
Noch habe ich ein paar Jährchen. Als Mathematiklehrer an der Oberstufe einer Freien Schule habe ich nach 30 Jahren Aussicht auf ca. 800€ monatlich. Rentenvorsorge? A la Riester? Als Mathelehrer kann ich doch selber rechnen und [...]
Noch habe ich ein paar Jährchen. Als Mathematiklehrer an der Oberstufe einer Freien Schule habe ich nach 30 Jahren Aussicht auf ca. 800€ monatlich. Rentenvorsorge? A la Riester? Als Mathelehrer kann ich doch selber rechnen und weiss, dass ich damit wieder nur im Augenblick Versicherungsgesellschaften ( und deren Topmanager) oder Persönlichkeiten wie Dr. Maschmeyer den Geldbeutel füllen. Nein! Lieber Sorge ich mit meiner Kompetenz als Nachhilfelehrer oder Kleingruppenlehrer weiterhin für das Vorankommen von Jugendlichen und auch dafür, dass ich nicht einroste! Aber natürlich ist das Einkommen dafür neben meiner Rente nicht verzichtbar. Im Artikel wird ein Stundenpreis von 30 - 80€ als Anspruchsvoller Lohn deklariert; und ein wenig Raffgier nahegelegt. In Zürich erhält ein Stundent für Nachhilfe 40.-CHF; also gut 35€. Und nun ein Akademiker, ein Vollprofi? Da bitte ich doch, dass ich für eine gute Arbeit als Rentner später ( auf heutigen Niveau) für excellente Voraussetzungen und Erfahrungen gut meine 50€ verlangen kann. In Gruppen zu 2. oder zu dritt ist das dann doch verträglich. Also nochmals abschliessend: Ich kann den Unterton des Artikels nicht verstehen, angesichts der Rentenproblematik und drohender Altersarmut, von der wochenlang die Rede ist. Auf keinen Fall sollten wir auf unsere gutbezahlten Abgeeordneten rechnen, die zwar ihr Schäfchen im Trockenen haben und sonst wissen sehr wenige, wie es im unteren Segment und mittlerweile auch im Akademikersegment tatsächlich aussieht. Da investiert man doch auch viel mehr Zeit, die Höhe teils horrender Einkünfte plausibel zu machen, als in die Richtungen zu denken und zu handeln, in der uns gerade das komplette Geldwesen zusammenbricht.
4. Kopie
bernd003 17.11.2012
Korrektur: Die Geschäftsidee kommt aus der Schweiz. Die haben dort vor zirka 4 Jahren gestartet und sind sehr erfolgreich. Statt .de also .ch! Idee wurde 1:1 kopiert.
Korrektur: Die Geschäftsidee kommt aus der Schweiz. Die haben dort vor zirka 4 Jahren gestartet und sind sehr erfolgreich. Statt .de also .ch! Idee wurde 1:1 kopiert.
5. Gute Arbeit wird gut bezahlt
Der Emigrant 17.11.2012
Interessante Idee, nur warum wird das mit dem Geld so betont. Ich bin selbst in der Altersklasse, war aber noch nie auf die Idee gekommen, mich als "Rentner" zu vermarkten. Für das Schreiben von iPhone-Apps [...]
Interessante Idee, nur warum wird das mit dem Geld so betont. Ich bin selbst in der Altersklasse, war aber noch nie auf die Idee gekommen, mich als "Rentner" zu vermarkten. Für das Schreiben von iPhone-Apps verlange ich 75 Euro pro Stunde, und die Kunden sollen selbst entscheiden, ob sie das für 40 Jahre Programmiererfahrung zahlen oder lieber einen Anfänger nehmen, der gerade sein Schmalspur-Studium als Bachelor in IT fertig hat und bereit ist, für magere 30 Euro zu arbeiten.

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