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29.11.2012
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Höhere Strompreise

Verbraucher sind zu feige zum Wechseln

dapd

Steckerleiste: Verbraucher scheuen den Versorgerwechsel

Millionen Verbraucher mussten bereits 2012 mehr für Strom zahlen, im kommenden Jahr stehen weitere Erhöhungen an. Dennoch bleiben die meisten Haushalte ihren Versorgern treu. Laut einer Umfrage hat sich die Hälfte nicht einmal mit einem Wechsel beschäftigt - meist aus Bequemlichkeit oder Angst.

Hamburg - Steigende Strompreise sind eines der größten Aufregerthemen bei der Energiewende. Bereits im Frühjahr erhöhten viele Energieunternehmen die Entgelte, zum Jahreswechsel haben Hunderte Versorger erneut Steigerungen angekündigt. Doch die Unternehmen müssen offenbar keinen Denkzettel ihrer Kunden fürchten. Denn laut einer Umfrage, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, bleiben die meisten Deutschen ihren Versorgern treu.

Nur 22 Prozent der deutschen Haushalte haben in den vergangenen zwei Jahren ihren Stromvertrag gewechselt, ergab die Befragung des Marktforschungsinstituts infas. Dies machten wiederum sieben Prozent bei ihrem bisherigen Anbieter. Für den Großteil der Wechsler war der Preis ausschlaggebend. Das Umsatteln auf Ökostrom spielte für nicht einmal ein Viertel von ihnen eine Rolle.

Von 3000 befragten Haushalten gaben 23 Prozent an, dass sie sich zwar über einen Wechsel des Anbieters informiert hätten, dann aber doch ihrem alten Versorger treu blieben. Mehr als die Hälfte aus dieser Gruppe sagte, die Ersparnis sei ihnen im Verhältnis zum Aufwand zu gering gewesen oder sie hätten keinen besseren Anbieter gefunden. Fast ebenso viele Haushalte behielten ihren alten Vertrag, aus Sorge, dass der Wechsel nicht klappt. (Details zu der Umfrage in der Grafikstrecke)

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Grafiken: Warum die Deutschen wechselfaul sind
Laut infas spielt nicht nur die Angst im Dunkeln zu sitzen eine Rolle. Viele Verbraucher fürchten auch, dass bei der Abrechnung etwas schiefgeht oder der neue Anbieter pleitegehen könnte. "Dass diese subjektiven Befürchtungen objektiv wenig gerechtfertig sind, spielt dabei keine Rolle", schreiben die Meinungsforscher. (Die Stiftung Warentest gibt Tipps, worauf Kunden achten müssen, wenn sie den Versorger wechseln.)

Der Großteil der Verbraucher befasst sich laut der Umfrage nicht einmal mit dem Thema Versorgerwechsel. 55 Prozent der Haushalte sagten, dass sie dies nicht in Betracht gezogen hätten. 87 Prozent dieser Nicht-Wechsler gaben an, mit dem derzeitigen Versorger zufrieden zu sein. Jeweils 46 Prozent erklärten, das Thema sei ihnen nicht wichtig oder sie hätten Angst vor Pannen.

Auffällig sei, dass sozial schwächere Haushalte ihrem Vertrag eher treu bleiben, obwohl sie oft besonders unter dem Strompreis leiden. Dies gehe oft mit geringerer Bildung einher. Dagegen seien Haushalte mit höherer Bildung und besserem ökonomischen Status wechselbereiter. "Sie trauen sich das Prozedere offensichtlich eher zu", lautet die Erklärung der Meinungsforscher.

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Die Stiftung Warentest zeigt, welche Einstellungen bei der Tarifsuche wichtig sind
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
Lange ging das gar nicht. Inzwischen bestehen in einigen Fällen auch hier alternative Angebote.
Die Bequemlichkeit der Verbraucher hat laut der Umfrage auch etwas mit der Größe der Haushalte zu tun. Demnach wechseln tendenziell mehr große Haushalte, denn hier seien auch die größten Einsparpotentiale zu erwarten. Angesichts der bevorstehenden Aufschläge im kommenden Jahr, dürfte sich bei vielen Familien ein Tarif-Check lohnen. So muss ein Durchschnittshaushalt mit vier Personen und einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden im kommenden Jahr im Schnitt mit zusätzlichen Belastungen in einer Größenordnung von rund 125 Euro rechnen. Das Kartellamt empfiehlt, sich mit einem Wechsel des Anbieters gegen steigende Preise zu wehren.

Wie wenig sich seit der Liberalisierung auf dem Strommarkt getan hat, zeigen die Zahlen zur Verteilung der Kundschaft auf die Anbieter. 33 Prozent der Haushalte sind bei einem der fünf großen Konzerne E.on, Vattenfall, RWE, EnBW oder EWE. 29 Prozent beziehen ihren Strom von den örtlichen Stadtwerken. Nur zwei Prozent der befragten Haushalte haben einen Vertrag mit reinen Ökostromanbietern abgeschlossen.

mmq

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insgesamt 187 Beiträge
1.
M. Michaelis 29.11.2012
Wechselt nur alle zum gerade billigsten, woher das Geld für die gewaltigen Investitionen infolge der Energiewende kommen soll ist ja egal.
Wechselt nur alle zum gerade billigsten, woher das Geld für die gewaltigen Investitionen infolge der Energiewende kommen soll ist ja egal.
2. Welches Prozedere?
denkdochmalmit 29.11.2012
Der Wechsel ist eine Sache von Minuten, wer dafür die Stiftung Warentest braucht sollte mal in sich gehen...
Der Wechsel ist eine Sache von Minuten, wer dafür die Stiftung Warentest braucht sollte mal in sich gehen...
3. Das hat weniger mit Bequemlichkeit zu tun
jos4711 29.11.2012
Bei mir ist es so, dass alle seriösen Anbieter nur minimal billiger sind als die örtlichen Stadtwerke. Sparen kann man nur mit unseriösen Anbietern, mit einem Jahr Vorauszahlung oder mit Neukundenboni, die nur im ersten Jahr [...]
Bei mir ist es so, dass alle seriösen Anbieter nur minimal billiger sind als die örtlichen Stadtwerke. Sparen kann man nur mit unseriösen Anbietern, mit einem Jahr Vorauszahlung oder mit Neukundenboni, die nur im ersten Jahr greifen (und denen dann meist eine saftige Preiserhöhung folgt). Ich habe schon diverse Anbieter durch. Meist für genau ein Jahr, dann kam die Preiserhöhung (auf über Stadtwerke-Niveau) und mein nächster Wechsel. Dass solche Spielchen nicht jeder mitmachen will, kann ich gut verstehen.
4. Deutscher Michel
vonlandsberg 29.11.2012
Auf die Rhetorikmasche der Regierung falle ich nicht rein, ich bleibe bei meinem Anbieter!
Auf die Rhetorikmasche der Regierung falle ich nicht rein, ich bleibe bei meinem Anbieter!
5. Spart man denn die Umlage beim Wechsel??
stromkunde 29.11.2012
Ist schon auffällig, wie gut die Politik die Presse im Griff hat. In Berlin wird beschlossen, dass die Umlagen um BRUTTO 2,65 ct/kWh steigen, zusätzlich billigt man den Netzbetreiber notgedrungen noch eine Erhöhung der [...]
Ist schon auffällig, wie gut die Politik die Presse im Griff hat. In Berlin wird beschlossen, dass die Umlagen um BRUTTO 2,65 ct/kWh steigen, zusätzlich billigt man den Netzbetreiber notgedrungen noch eine Erhöhung der Netzentglete um ca. 0,9 ct/kWh zu. Das sind also 3,55 ct/kWh. Dann kommt die Minister, die dies beschlossen haben und sagen, es wäre eine Erhöhung von max. 1,8 ct/kWh berechtigt. Und die Medien, SPON eingeschlossen, laufen wie die Lemminge der Argumentation hinterher und fordern zum Wechseln auf. Wie wenn ein anderer Lieferant diese Kosten nicht hätte. Wenn dann aber ein Stromanbieter (wie Teldafax) Pleite geht ist das Geheule auch wieder groß. weil sich der Wunsch nach günstigen Strompreisen anscheinend doch nicht erfüllen lässt.

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EEG-Umlage

Was ist die EEG-Umlage?
Die EEG-Umlage ist das zentrale Förderinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wind-, Solar- und Biogasanlagen können am Markt noch nicht mit Kohle- und Atomkraftwerken konkurrieren. Damit sie trotzdem rentabel sind, wird solchen Kraftwerken der Strom zu einem fixen Preis abgenommen. Dieser liegt deutlich über dem Preis an der Strombörse EEX. Die Differenz von Börsenpreis und fixem Abnahmepreis zahlen die Verbraucher über ihre Stromrechnung.
Warum steigt die EEG-Umlage?
Das hat zwei Gründe. Erstens, weil die absolute Menge des Ökostroms steigt. Durch die Energiewende gehen eine große Menge neuer Ökostromanlagen ans Netz. Zweitens steigt die EEG-Umlage auch relativ. Das hat paradoxerweise mit sinkenden Strompreisen zu tun. Die erneuerbaren Energien erhöhen das Stromangebot in Zeiten großer Nachfrage und senken dadurch den Strompreis an der Börse. Wenn aber der Strompreis sinkt, dann steigt die Differenz zwischen dem tatsächlichen Strompreis und dem fixen Abnahmepreis, den Betreiber von Ökostromanlagen garantiert bekommen - und die Verbraucher per EEG-Umlage ausgleichen müssen.
Zahlen alle Verbraucher die EEG-Umlage?
Im Prinzip ja. Allerdings werden ausgerechnet die größten Stromfresser der Nation entlastet. Sie genießen den Schutz der sogenannten besonderen Ausgleichsregel des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Laut dieser zahlen Firmen die volle EEG-Umlage nur für die ersten eine Million Kilowattstunden Strom, die sie verbrauchen. Für jede weitere Kilowattstunde zahlen sie nur noch zehn Prozent der EEG-Umlage, ab einem Verbrauch von zehn Millionen Kilowattstunden ist es nur noch ein Prozent, ab einem Verbrauch von 100 Millionen Kilowattstunden sind es noch 0,05 Cent. Beispiel: Die Trimet Aluminium AG verbraucht bei voller Auslastung 4,6 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr*. Die Aluminiumhütte muss also nur für rund 0,02 Prozent ihres Gesamtverbrauchs die volle EEG-Umlage zahlen.

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