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19.12.2012
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Arme Strom- und Gaskunden

Anbieterwechsel? Leider nicht möglich

Von
dapd

Stromzähler in Dresden: Wechsel unmöglich

Die meisten Stromkonzerne erhöhen zum 1. Januar ihre Preise, auch Gas ist teuer. Verbraucherschützer und sogar das Bundeskartellamt fordern zum Anbieterwechsel auf. Das Problem: Wer wirklich arm ist und einen Schufa-Eintrag hat, wird von den Billiganbietern oft gar nicht beliefert.

Hamburg - Ursula H. ist ratlos: Zum 1. Januar 2013 hat ihr Gasversorger die Preise erhöht. Dann muss die 72-Jährige jeden Monat 144 Euro zahlen, damit ihre Zweizimmerwohnung warm wird. Auch der Strom wird teurer, statt 35 zahlt sie künftig 61 Euro. H. hat wenig Geld und würde deshalb gerne zu einem billigeren Energieversorger wechseln. Aber keiner nimmt sie.

Das Problem von Ursula H. ist ihr Eintrag bei der Schufa. Sie musste Privatinsolvenz anmelden, jetzt lebt sie von 770 Euro Rente und Grundsicherung vom Sozialamt. Davon kann sie die 260 Euro Miete für ihre Zweizimmerwohnung in Markkleeberg zahlen, auch für Telefon und Medikamente reicht es noch. Wenn sie nun aber noch mehr als 200 Euro monatlich für Licht und Heizung zahlen muss, wird es finanziell eng.

Dabei hat H. alles versucht: Sie hat ihrem aktuellen Gasanbieter geschrieben, einen Antrag bei einem neuen gestellt, das sächsische Sozialministerium eingeschaltet - und trotzdem keinen Erfolg gehabt.

Der Gasanbieter eprimo, der mit dem Slogan "mehr Kunde, weniger Kosten" wirbt, lehnte H. mit der Begründung ab, dass "zu ihrer Person bei Schufa Holding AG ein nicht ausreichender Bonitätswert" vorliege. Immerhin verspricht der Energiediscounter, ein neues attraktives Angebot zu machen, "wenn sich Ihre Situation geklärt hat". Angehängt ist ein Auszug aus den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens, nach denen eprimo berechtigt ist, eine Bonitätsauskunft über den Kunden einzuholen. So machen es alle Energieversorger, schließlich wollen sie keine Kunden, die ihre Rechnungen mehrfach nicht bezahlt haben.

"Wir halten die hohen Stromkosten für Geringverdiener für ein Problem"

Einen Eintrag bei der Schufa bekommt jeder, der es mehrfach versäumt hat, eine Rechnung oder eine Kreditrate zu zahlen - egal ob er Millionär ist oder Hartz-IV-Empfänger. Allerdings sind es in der Regel Menschen mit geringem Einkommen und ohne Vermögen, die einen schlechten Bonitätswert bekommen - und üblicherweise einen besonders hohen Anteil ihres Einkommens für Strom und Gas ausgeben. Genau diese Klientel hat aber kaum eine Chance, ihre Energiekosten durch den Wechsel zu einem günstigeren Anbieter zu senken.

Stattdessen landen sie im Grundversorgungstarif des örtlichen Anbieters. Der ist verpflichtet, jeden aufzunehmen - in der Regel aber deutlich teurer als die zahlreichen Discountangebote. H. beispielsweise würde laut Verbraucherportal Verivox bei einem anderen Stromanbieter rund 200 Euro im Jahr sparen. Rechnet man den üblichen Neukundenbonus ein, wären es sogar mehr als 280 Euro. Der Wechsel des Gasanbieters würde ihr sogar zwischen 300 und 430 Euro pro Jahr bringen - wenn er denn möglich wäre.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hält Sozialtarife für einkommensschwache Haushalte allerdings für unnötig. Bezieher von Transferleistungen wie Hartz IV bekämen die Heizkosten ja sowieso erstattet - dann zahlen die Steuerzahler die hohen Gasrechnungen. Anders ist es beim Strom, den zahlen auch Hartz-IV-Empfänger aus ihrem knappen Budget selbst.

Die Opposition hat das Thema dankbar aufgegriffen. "Wir halten die hohen Stromkosten für Geringverdiener für ein Problem", sagt der SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber SPIEGEL ONLINE. Die Sozialdemokraten wollen die Stromanbieter dazu verpflichten, einen sogenannten Niedrigverbrauchertarif anzubieten.

Die Kosten darin dürften pro Kilowattstunde nicht höher sein als beim günstigsten Tarif des Anbieters. Allerdings soll das Billigangebot nur für eine begrenzte Strommenge gelten, um die Verbraucher zum Stromsparen zu animieren. Laut Kelber könnte der Staat innerhalb dieses Tarifs sogar auf die Stromsteuer verzichten.

Bis es so weit kommen könnte, müsste die SPD aber erst einmal die Bundestagswahl im kommenden Jahr gewinnen. Ursula H. wird in der Zwischenzeit weiter zahlen müssen. Der Energieberater, den sie beauftragt hat, stellte fest, dass ihr Kühlschrank ein echter Stromfresser ist. Für einen neuen fehlt der 72-Jährigen allerdings das Geld.

Forum

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insgesamt 74 Beiträge
1. Völlig in Ordnung
psion1977 19.12.2012
Bevor jetzt alle anfangen, auf den Gas- oder Stromanbieter verbal einzuprügeln: Es herrscht immer noch Vertragsfreiheit. Jeder Anbieter kann sich seine Kunden aussuchen. Und umgekehrt. Kontrahierungszwang besteht jedenfalls nur [...]
Bevor jetzt alle anfangen, auf den Gas- oder Stromanbieter verbal einzuprügeln: Es herrscht immer noch Vertragsfreiheit. Jeder Anbieter kann sich seine Kunden aussuchen. Und umgekehrt. Kontrahierungszwang besteht jedenfalls nur für den örtlichen Anbieter im Grundtarif.
2. Warum langen die Versorger bei HartzIV-Empfängern und Geringverdienern besonders zu?
p.u. baer 19.12.2012
Danke! Es ist schon perfide: die besonders hohen Tarife zahlen auch die, die die günstigen Tarife kurzfristig mal nicht zahlen konnten. Also oft auch die Geringverdiener, die KEINE Hartz-IV-Empfänger sind. Die [...]
Danke! Es ist schon perfide: die besonders hohen Tarife zahlen auch die, die die günstigen Tarife kurzfristig mal nicht zahlen konnten. Also oft auch die Geringverdiener, die KEINE Hartz-IV-Empfänger sind. Die FDP-Argumentation ist auch sehr aufschlussreich für die Bigotterie der FDP: warum soll es in Ordnung sein, daß die Stromversorger sich ausgerechnet über die Hartz-IV-Klientel erneut vom Staat zusätzliche lukrativ Einnahmen beschaffen? Das belastet doch die Steuerzahler und/oder die Beitragszahler der Sozialversicherungen! Wer Steuersenkungen und Wettbewerb wirklich wollen würde, müsste auch hier der Klientelpolitik entgegentreten - aber nicht bei der FDP.
3. na also
milan32 19.12.2012
ist ja klar, dass kein Geschäftsmann gerne säumige Zahler übernimmt. Muß halt der Steuerzahler dafür sorgen, dass nicht zu viele Deutsche in ihren Wohnungen erfrieren, denn das wird doch wohl keiner wollen ?
ist ja klar, dass kein Geschäftsmann gerne säumige Zahler übernimmt. Muß halt der Steuerzahler dafür sorgen, dass nicht zu viele Deutsche in ihren Wohnungen erfrieren, denn das wird doch wohl keiner wollen ?
4. Meine Sympathie für Energiekonzerne hält sich in Grenzen...
dweit 19.12.2012
aber kann man ernsthaft verlangen, dass ein Unternehmen, Kunden mit schlechter Zahlungsmoral auch noch hätschelt? Bei allem Respekt für die unterschiedlichen Gründe die es geben kann, einen SCHUFA-EINTRAG zu erhalten ist doch wohl [...]
aber kann man ernsthaft verlangen, dass ein Unternehmen, Kunden mit schlechter Zahlungsmoral auch noch hätschelt? Bei allem Respekt für die unterschiedlichen Gründe die es geben kann, einen SCHUFA-EINTRAG zu erhalten ist doch wohl eher die Frage berechtigt warum kommen Menschen in diese Situation und was haben sie dafür getan. Jammern und nach dem Staat schreien ist einfach! Selbstverantwortung zu übernehmen, sparsam und genügsam mit seinen Mitteln umzugehen kann nur jeder selbst. Und wenn ich zu wenig verdiene muss ich mich fragen warum?
5. Dieser Artikel
eisbaerchen 19.12.2012
demonstriert in aller Deutlichkeit, wo wir stehen in Deutschland. Gnadenlose Umverteilung von unten nach oben. Danke SPDFDPGRÜNECDUCSU....Und keine ernstzunehmende Alternative in Sicht (hier hat die Bundesmutti mal wirklich [...]
Zitat von sysopDie meisten Stromkonzerne erhöhen zum 1. Januar ihre Preise, auch Gas ist teuer. Verbraucherschützer und sogar das Bundeskartellamt fordern zum Anbieterwechsel auf. Das Problem: Wer wirklich arm ist und einen Schufa-Eintrag hat, wird von den Billiganbietern oft gar nicht beliefert. Arme Strom- und Gaskunden können ihren Versorger nicht wechseln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/arme-strom-und-gaskunden-koennen-ihren-versorger-nicht-wechseln-a-872841.html)
demonstriert in aller Deutlichkeit, wo wir stehen in Deutschland. Gnadenlose Umverteilung von unten nach oben. Danke SPDFDPGRÜNECDUCSU....Und keine ernstzunehmende Alternative in Sicht (hier hat die Bundesmutti mal wirklich recht...alternativlos ist diese Politik mangels kompetenter, nach aussen (zum Volk) gekehrten Politiker... Übrigens, ich bin Mittelstand, habe aber auch keine Lust mehr, die Wucherpreise für Gas und Strom zu zahlen!

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