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18.01.2013
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Boom am Aktienmarkt

Startschuss für die Hausmännerrallye

Von
DPA

Ex-Telekom-Chef Ron Sommer 1996: Der Beginn der großen Blase

Festgeld, Sparbrief, Anleihen - die klassischen Anlageformen der Deutschen werfen nur noch Minizinsen ab. Aktien dagegen locken mit zweistelligen Renditen und saftigen Dividenden. Doch Kleinanleger steigen an der Börse erfahrungsgemäß erst dann ein, wenn es schon wieder zu spät ist.

Hamburg - Spüren Sie auch schon diese Unruhe? Sagenhafte 29 Prozent hat der Deutsche Aktienindex Dax im Jahr 2012 zugelegt. Einige Aktien schafften sogar Kursgewinne von mehr als 50 Prozent. Und Sie? Ihr Geld liegt für 0,5 Prozent Zinsen auf dem Sparbuch - oder für 1,5 Prozent auf dem Tagesgeldkonto. Das reicht doch nicht mal, um die Inflation auszugleichen.

Das ist genau der Reiz, auf den Banken und Fondsgesellschaften jetzt setzen. Der Dax hat ein gigantisch gutes Jahr 2012 hinter sich - das beste seit 2003. Und es soll noch weitergehen. Nicht einmal 500 Punkte ist der Dax noch von seinem Allzeithöchststand aus dem Jahr 2007 entfernt. 8151 Punkte waren es damals. Die meisten Experten von Banken und Vermögensverwaltern gehen davon aus, dass dieser Rekord 2013 fällt. Laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erwarten die Analysten 21 großer Finanzhäuser im Schnitt, dass der Dax bis Ende 2013 auf mehr als 8000 Punkte steigen wird. Die Commerzbank sieht den Index sogar bei 8500 Punkten.

Da sollte man einsteigen, bevor es zu spät ist, denken sich derzeit viele Privatanleger - und springen auf den fahrenden Zug auf. Doch die Prognosen der Experten sind mit Vorsicht zu genießen. Seit dem Jahr 2000 haben sie im Schnitt stets steigende Kurse vorausgesagt - selbst in Horrorjahren wie 2002 oder 2008.

Sicher, noch ist die Zahl derer begrenzt, die sich wieder an Aktien und Aktienfonds herantrauen. "Der Absturz der Telekom-Aktie im Jahr 2000 hat sich in das Gedächtnis der Privatanleger fest eingegraben", sagt Kapitalmarktexperte Dennis Nacken vom Vermögensverwalter Allianz Global Investors. "Verlustängste wurden ausgelöst, die viele bis heute nicht wirklich überwunden haben." Von einst 12,9 Millionen Aktionären im Jahr 2001 schrumpfte die Zahl laut Deutschem Aktieninstitut (DAI) bis zum zweiten Halbjahr 2010 auf 8,2 Millionen.

"Das Vertrauen ist langsam zurückgekehrt"

Doch seit 2011 zeigt der Trend wieder leicht nach oben. In der ersten Jahreshälfte 2012 waren rund 10,2 Millionen Bundesbürger über Aktien oder Fonds an Unternehmen beteiligt - neuere Zahlen liegen nicht vor. Innerhalb von 18 Monaten ist die Zahl der Privatanleger an der Börse also um rund ein Viertel gestiegen.

"Das Vertrauen in den Aktienmarkt ist zuletzt langsam wieder zurückgekehrt", sagt Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts. Der jüngste Schock nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers sei mittlerweile weitgehend verdaut.

Es ist diesmal nicht der Reiz des Kapitalistendaseins, der die Anleger in die Aktien treibt, sondern vor allem der Mangel an Alternativen. Schon seit 2009 hält die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen können, sehr niedrig. Mitte 2012 senkte sie ihn ein weiteres Mal auf nun 0,75 Prozent.

Und die Geldinstitute geben diese Minizinsen an ihre Kunden weiter. Wer sein Geld zum Beispiel für zwei Jahre fest anlegen will, bekommt bei den meisten deutschen Banken weniger als zwei Prozent Zinsen pro Jahr. Zum Vergleich: Die Inflation lag zuletzt bei 2,1 Prozent. De facto verlieren die Anleger bei den Angeboten also Geld.

Kein Wunder, dass viele von ihnen nach besseren Anlageformen suchen. Bisher hat sich das vor allem im Markt für Unternehmensanleihen bemerkbar gemacht. Weil die Zinspapiere der Firmen immerhin noch höhere Renditen versprachen als etwa Bundesanleihen, verzeichneten die entsprechenden Fonds im vergangenen Jahr gewaltige Zuflüsse um mehr als 25 Prozent. Entsprechend schossen die Kurse der Papiere in die Höhe, die Rendite sank. Mittlerweile gelten die meisten Unternehmensanleihen als ebenso unattraktiv wie Staatspapiere.

Machen die Kleinanleger den gleichen Fehler wie immer?

So bleiben an den Finanzmärkten fast nur noch die Aktien übrig, wenn man Renditen deutlich oberhalb der Inflationsrate verdienen will. "Es gibt im Moment praktisch keine Zinsen. Da schauen sich die Leute verstärkt nach Aktien um", sagt DAI-Experte Leven. Bei vielen Papieren lockt schon allein die hohe Rendite, die sich mit den jährlichen Dividendenausschüttungen erzielen lässt. "Eine Dividendenrendite von fast vier Prozent bei Dax-Werten ist schon attraktiv", sagt Leven.

Doch reicht das, um jetzt noch auf den Aktienboom aufzuspringen? Oder machen die Kleinanleger damit den gleichen Fehler wie jedes Mal?

"Dienstmädchenhausse" oder "Hausfrauenrallye" heißt das Phänomen in der Börsensprache - "Hausmännerrallye" wäre mittlerweile wohl angebrachter. Es meint: Wenn die Kleinanleger einsteigen, ist das Beste meist schon gelaufen. Bald darauf stürzen die Kurse ab - und die Anleger verlieren.

"Das ist das Drama des Marktes", sagt Andreas Beck vom Münchner Institut für Vermögensaufbau. "Erst wenn Aktien gut gelaufen sind, berichten die Medien darüber und die Vermarktungsmaschinerien der Banken und Fondsgesellschaften springen an. Bis die Privatanleger dann einsteigen, ist es in der Regel schon zu spät."

Das beste Beispiel für dieses Phänomen ist das Jahr 2000. Damals lief der deutsche Aktienmarkt schon längst auf Hochtouren. Seit 1996 hatten sich die Kurse im Dax verdreifacht. Nun witterten Millionen von Kleinanlegern ihre Chance. Im Sommer brachte die Deutsche Telekom die dritte Tranche ihrer legendären T-Aktie auf den Markt. Hatte das Papier beim ersten Börsengang vier Jahre zuvor noch ganze 28,50 Mark gekostet, waren nun 66,50 Euro fällig - allein diese Zahlen zeigen den Wahnsinn der damaligen Zeit.

Die Kleinanleger griffen trotzdem beherzt zu - kurz darauf begann der Absturz. Mittlerweile dümpelt der Kurs der T-Aktie bei neun Euro vor sich hin.

Droht den Kleinanlegern nun also ein neues Debakel à la T-Aktie? Ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen. Die Kurse sind seit Ende 2011 zwar kräftig gestiegen. Doch erstens fehlt den Anlegern derzeit schlicht die Alternative. Und zweitens kann so eine Aufwärtsphase auch historisch betrachtet noch lange weiterlaufen - selbst wenn es zwischendurch mal kurz nach unten geht. Ein Beispiel dafür ist die Situation Anfang 2004: Auch damals hatten die Aktienmärkte ein extrem gutes Jahr hinter sich. So richtig losgehen sollte der Boom allerdings erst ein Jahr später - am Ende stand im Jahr 2007 der Dax-Rekord von 8151 Punkten.

"Von einer Spekulationsblase zu sprechen, wäre derzeit nicht gerechtfertigt", sagt auch Experte Beck. Er verweist darauf, dass sich die großen deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren "substantiell weiterentwickelt" hätten. "Das spiegelt sich im Aktienmarkt noch nicht voll wider."

So richtig billig sind die deutsche Aktien aber auch nicht mehr. "Die Anleger, die jetzt zuletzt eingestiegen sind, mussten zu hohen Kursen kaufen", räumt selbst Aktienbefürworter Leven ein. Wer jetzt einsteigt, muss also mit dem erhöhten Risiko leben, dass es bald wieder abwärts gehen kann. Man sollte als Aktienkäufer zumindest genug Geduld mitbringen, um die nächste Schwächephase notfalls auszusitzen.

Mit Material von dpa

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
1. Einfach
Freifrau von Hase 18.01.2013
Eigentlich ist es ganz einfach und es wird im Artikel auch erwähnt: In dem Moment, wo alle drüber reden, sollte man nicht mehr einsteigen. Wenn also jemand sagt "Eigentlich müsste man Gold kaufen", dann weiß man, [...]
Eigentlich ist es ganz einfach und es wird im Artikel auch erwähnt: In dem Moment, wo alle drüber reden, sollte man nicht mehr einsteigen. Wenn also jemand sagt "Eigentlich müsste man Gold kaufen", dann weiß man, dass man jetzt besser kein Gold kauft, weil die Blase schon eine gewisse Größe erreicht hat.
2. Buy on bad news, bye on good news
noalk 18.01.2013
Die Luftpumper sind schon am Werk. Es geht jetzt nurnoch darum, einen Rekord zu knacken. Die nächste Krise kommt. Ich erinnere ans Frühjahr 2003, als der DAX bei 2500 EUR stand, Frühjahr 2009 bei 4000 EUR. Das waren reele [...]
Die Luftpumper sind schon am Werk. Es geht jetzt nurnoch darum, einen Rekord zu knacken. Die nächste Krise kommt. Ich erinnere ans Frühjahr 2003, als der DAX bei 2500 EUR stand, Frühjahr 2009 bei 4000 EUR. Das waren reele Werte. Was drüber rausgeht, ist spekulativ.
3. ...die nächste Schwächephase notfalls aussitzen
gintonik 18.01.2013
Das ist ja mal ein grandioser Ratschlag! Hat den im Artikel beschriebenen Telekomaktionären bestimmt nach den ersten Kurverlusten auch jemand geraten...
Das ist ja mal ein grandioser Ratschlag! Hat den im Artikel beschriebenen Telekomaktionären bestimmt nach den ersten Kurverlusten auch jemand geraten...
4. Dabei ist das völlig simpel:
oldharold 18.01.2013
Nur Aktien kaufen, die auch Dividende ausschütten. Nur kaufen, wenn sie sich dem Tiefststand der letzten 12 Monate nähern. Mindesteinsatz, wegen der Gebühren, 500 Euro. Abwarten, bis sie um 20 % gestiegen sind. Dann, [...]
Zitat von sysopDPAFestgeld, Sparbrief, Anleihen - die klassischen Anlageformen der Deutschen werfen nur noch Minizinsen ab. Aktien dagegen locken mit zweistelligen Renditen und saftigen Dividenden. Doch Kleinanleger steigen an der Börse erfahrungsgemäß erst dann ein, wenn es schon wieder zu spät ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/boom-bei-aktien-jetzt-einsteigen-oder-ist-es-schon-zu-spaet-a-877498.html
Nur Aktien kaufen, die auch Dividende ausschütten. Nur kaufen, wenn sie sich dem Tiefststand der letzten 12 Monate nähern. Mindesteinsatz, wegen der Gebühren, 500 Euro. Abwarten, bis sie um 20 % gestiegen sind. Dann, ohne wenn und aber, verkaufen. Das alles nur online, wegen der schnelleren Reaktionszeiten.
5. Nicht erwähnt wird..
a.weishaupt 18.01.2013
..dass durch die Abgeltungssteuer selbst 3% Zinsen real meist einen Verlust bedeuten können, je nach genauer Inflationsrate. Durch diese Besteuerung der Inflation wird man zu riskanteren Anlageformen quasi gezwungen. Oder in die [...]
..dass durch die Abgeltungssteuer selbst 3% Zinsen real meist einen Verlust bedeuten können, je nach genauer Inflationsrate. Durch diese Besteuerung der Inflation wird man zu riskanteren Anlageformen quasi gezwungen. Oder in die Flucht in Immobilien.

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