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28.03.2013
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Anlegemanöver

Manni, der Gläubiger

Von Christian Kirchner
dapd

Frankfurter Börse: Lieber Eigentümer von Unternehmen als Gläubiger von Banken

Die Krise in Zypern führt Anleger zu einer banalen Frage: Wollen Sie lieber Gläubiger oder lieber Eigentümer von etwas sein, also lieber bei der Bank sparen oder Aktien kaufen? Die Deutschen ahnen die Antwort, doch sie handeln nicht entsprechend.

Die Eskalation der Finanzlage Zyperns ist ein Ereignis, an das man sich künftig erinnern wird wie an den Tag der Lehman-Pleite. Wo genau war man, als erstmals in einem Euro-Land Banken geschlossen blieben, Geldautomaten streikten und es Sparern an die Konten ging? Spätestens seit vorvergangenem Samstag wird niemand mehr sagen können, eine "einmalige Stabilisierungsabgabe" treffe einen gänzlich unvorbereitet.

Der Geist ist aus der Flasche. Das wissen auch die Deutschen: Laut der Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag von RTL und "Stern" misstrauen 54 Prozent der Deutschen Angela Merkels Aussage, dass die Spareinlagen im Lande sicher seien. Nur 41 Prozent glauben ihr. Insgesamt machen sich der Umfrage zufolge 67 Prozent der Deutschen große (26 Prozent) oder etwas (41 Prozent) Sorgen um ihr Erspartes.

Die Euro-Krise ist damit an einem Punkt angelangt, an dem sich jeder Anleger eine einfache Frage stellen muss: Will man in einem Umfeld ausufernder Schulden lieber ein Gläubiger oder lieber ein Eigentümer von etwas sein?

Die Frage ist natürlich suggestiv. Ich habe sie am vergangenen Wochenende auch meinem alten Freund Manfred gestellt, der in seinem Denken und Handeln geradezu idealtypisch den deutschen Durchschnittsanleger verkörpert.

Manfred ist erfolgreicher Berater. Er verdient gut. Darüber freut er sich zwar. Es verursacht bei ihm aber auch Magengrummeln, weil er wenig Ahnung hat, was er mit seinem Geld machen soll - aber dafür umso mehr Angst, etwas falsch zu machen. Daher sitzt er in Sachen Geldanlage da wie ein Teenager auf einer Party, der innerlich ständig bis drei zählt, um ein Mädchen mal anzusprechen, am Ende aber gar nichts macht.

Nach Bier Nummer drei will er von mir stets wissen, ob er jetzt "rein in den Dax" soll, aber meine verschwurbelten Antworten schläfern ihn dann eher ein, wo er doch nur ein "Ja" oder "Nein" hören wollte, auf das er mich jahrelang festnageln kann.

Auf dem Konto türmt sich das Geld. Was tun?

Ich drücke mich meist um eine klare Antwort, denn ich weiß: Manfred ist, wie die meisten Anleger, sehr diszipliniert in seinem Wahnsinn: Gewinne begrenzt er zügig. Etwa dann, wenn nach der "Tagesschau" ein Krisen-Brennpunkt läuft. Dann fliegen Aktien mit grünen Vorzeichen im hohen Bogen aus dem Depot. Verluste hingegen lässt er laufen. Übrig ist folglich noch ein mickriger, tiefroter Rest an ehemaligen Übernahmekandidaten, katastrophal gelaufenen Fonds und abgestürzten Dax-Granden.

Doch wie man es auch dreht und wendet - das Luxusproblem bleibt: Auf Manfreds unverzinstem Girokonto wie auch dem mager verzinsten Tagesgeldkonto türmt sich das Geld. Was tun?

Manfred erwägt - seit Jahren schon und wie Millionen andere auch - einen Immobilienkauf, aber die Preise sind ihm ebenso davongaloppiert wie der Deutsche Aktienindex Dax und den Feiglingen früher die Mädels, wenn man schüchtern auf der Party herumgesessen hat. Was damals - natürlich - an den Mädels lag. Nicht etwa an der eigenen Feigheit.

Ich will lieber ein Eigentümer sein als Gläubiger

Manfred ist kein Eigentümer, sondern ein Gläubiger par excellence, wie so viele andere Deutsche auch. Nicht einmal jeder Zweite hierzulande besitzt Grund und Boden, nur jeder Zehnte Aktien. Mehr als zwei Drittel ihres rund 4900 Milliarden Euro umfassenden Geldvermögens haben die Bundesbürger verliehen - entweder direkt über Anleihen sowie Sicht- und Spareinlagen bei Banken oder indirekt über Kapital-Lebensversicherungen und Pensionskassen.

Und deshalb gab ich Manfred, entgegen meinen Gewohnheiten, am Wochenende einen unzweideutigen Rat: Ich habe keine Ahnung, wo der Dax in zwei Jahren steht, wohin die Zinsen steuern und ob wir eine Immobilienblase in Deutschland haben oder nicht.

Ich weiß nur, dass eine Zahlungsunfähigkeit zunächst ein Problem desjenigen ist, der das Geld verliehen hat. Und nicht desjenigen, der es verjubelt hat. In einem Umfeld ausufernder Staatsschulden, Geld druckender Notenbanken und immer atemberaubenderer Rettungsaktionen will ich lieber Eigentümer von Unternehmen (über Aktien), Eigentümer von Immobilien oder anderen Sachwerten, meinetwegen auch Eigentümer von Goldbarren sein als ein Gläubiger von Banken oder Staaten.

Dass einem das Dasein als Gläubiger nicht einmal mit attraktiven Zinsen belohnt wird, macht die Sache noch leichter.

Schuldenkrisen sind historisch nichts Besonderes. Und die Lösungswege sind am Ende immer die gleichen: Nur mit viel Glück kann man sich aus der Krise über Wirtschaftswachstum an den eigenen Haaren herausziehen. Üblich sind drei andere Varianten: eine sanfte Schuldenentwertung über dauerhaft negative Realzinsen, eine ruppige über sprunghaft steigende Teuerungsraten oder ein Schuldenschnitt. Für Gläubiger sind alle drei Wege katastrophal. Die Deutschen scheinen das zu ahnen - doch sie ziehen als Anleger nicht die richtigen Konsequenzen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
1.
Morkhero 28.03.2013
Soso der typische Deutsche bei dem sich das Geld auf dem Konto türmt und er weiß nicht wohin damit .
Zitat von sysopdapdDie Krise in Zypern führt Anleger zu einer banalen Frage: Wollen Sie lieber Gläubiger oder lieber Eigentümer von etwas sein, also lieber bei der Bank sparen oder Aktien kaufen? Die Deutschen ahnen die Antwort, doch sie handeln nicht entsprechend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutsche-misstrauen-sparguthaben-kaufen-trotzdem-keine-aktien-a-891058.html
Soso der typische Deutsche bei dem sich das Geld auf dem Konto türmt und er weiß nicht wohin damit .
2.
diesdas1 28.03.2013
Der run kann beginnen... das ist nur der Anfang. Die Geschichte wiederholt sich, es wid Zeit...
Der run kann beginnen... das ist nur der Anfang. Die Geschichte wiederholt sich, es wid Zeit...
3. Wer Banken und Politikern nicht mehr traut...
wolfgangm71 28.03.2013
deckt sich mit Edelmetallen und Bitcoins ein. Die bringen zwar keine Rendite im Normalfall, aber lassen sich im Gegensatz zu Immobilien wenigstens bewegen und verstecken. Etwas Bargeld darf natürlich auch nicht fehlen, aber [...]
deckt sich mit Edelmetallen und Bitcoins ein. Die bringen zwar keine Rendite im Normalfall, aber lassen sich im Gegensatz zu Immobilien wenigstens bewegen und verstecken. Etwas Bargeld darf natürlich auch nicht fehlen, aber natuerlich nicht als langfristige Sicherheit. Alles was Rendite bringt hat auch ein Risiko und das ist manchmal höher als man vermutet.
4. Die Krise
kdshp 28.03.2013
Wer sind eigentlich "DIE Deutschen"? Was mich doch wundert ist das man hier wem was falsches vorwirft dieser aber ganz weit oben steht also vom wohlstand/vermögen her. Warum sollen diese deutschen denn was ändern [...]
Zitat von sysopdapdDie Krise in Zypern führt Anleger zu einer banalen Frage: Wollen Sie lieber Gläubiger oder lieber Eigentümer von etwas sein, also lieber bei der Bank sparen oder Aktien kaufen? Die Deutschen ahnen die Antwort, doch sie handeln nicht entsprechend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutsche-misstrauen-sparguthaben-kaufen-trotzdem-keine-aktien-a-891058.html
Wer sind eigentlich "DIE Deutschen"? Was mich doch wundert ist das man hier wem was falsches vorwirft dieser aber ganz weit oben steht also vom wohlstand/vermögen her. Warum sollen diese deutschen denn was ändern wenn sie sehen das es anders schlechter ist. So stehen immobilieneigentümer in spanien jetzt auf der straße weil sie die raten nicht weiter zahlen können.
5.
Locutus 28.03.2013
Na das soll er mal Commerzbank-Aktionären erzählen. Da wäre man mit einem Commerzbank-Konto doch etwas besser dran gewesen.
Na das soll er mal Commerzbank-Aktionären erzählen. Da wäre man mit einem Commerzbank-Konto doch etwas besser dran gewesen.

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Zum Autor

  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

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