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Wirtschaft

Transparenzhilfe durch Onlineportal

Wie sauber ist mein Stammlokal?

Die Ergebnisse von Kontrollen in Lebensmittelbetrieben bleiben in Deutschland meist geheim. Foodwatch und FragDenStaat wollen das ändern - und setzen die Behörden mit einem Online-Verbraucherportal unter Druck.

Onlineportal "Topf Secret"

Von
Montag, 14.01.2019   09:43 Uhr

Schimmelt es in der Küche meines Lieblingsrestaurants? Laufen Mäuse und Kakerlaken durch die Backstube meines Bäckers? Hat der Eierlieferant meines Supermarktes Probleme mit Salmonellen? Die deutschen Lebensmittelbehörden kennen die Antworten - geben sie aber in der Regel nicht an die Verbraucher weiter. Foodwatch und die Transparenzinitiative FragDenStaat sprechen deshalb von "Geheimniskrämerei" - die sie jetzt beenden wollen.

An diesem Montag starten die Organisationen eine gemeinsame Onlineplattform mit dem Namen "Topf Secret". Dort können Verbraucher künftig die Ergebnisse von Hygienekontrollen in Restaurants, Bäckereien und anderen Lebensmittelbetrieben abfragen - allerdings müssen sie in den meisten Fällen viel Geduld mitbringen.

Denn die deutschen Kontrollbehörden machen bisher nur in wenigen Ausnahmefällen öffentlich, wie es um die Sauberkeit in den Unternehmen bestellt ist. "Die allermeisten Lebensmittelbetriebe in Deutschland arbeiten sauber", sagt Oliver Huizinga von Foodwatch. Aber etwa jeder vierte Betrieb werde bei Kontrollen beanstandet, meist wegen Hygienemängeln. Mit der Onlineplattform wollen Foodwatch und FragDenStaat die Behörden unter Druck setzen, damit künftig alle Kontrollergebnisse veröffentlicht werden - negative und positive.

Unter www.topf-secret.foodwatch.de können Verbraucher per Klick einen Antrag auf Veröffentlichung der Ergebnisse amtlicher Hygienekontrollen stellen, auf der Grundlage des Verbraucherinformationsgesetzes (VIG). Normalerweise sind derartige Anfragen nicht ganz einfach, Foodwatch hat dieses Instrument in der Vergangenheit häufiger genutzt, um auf Missstände hinzuweisen, auch SPIEGEL ONLINE hat darüber berichtet.

Onlineportal "Topf Secret"

Mit der Plattform soll die Anfrage unkompliziert ablaufen: Die Nutzer suchen den gewünschten Betrieb, etwa ein Restaurant oder eine Wurstfabrik, über eine Suchmaske oder auf der Straßenkarte. Dann geben sie ihren Namen, E-Mail- und Postadresse ein. Der Antrag soll binnen einer Minute fertig sein und dann mit einem vorbereiteten Text an die zuständige Behörde gehen.

Auf Ergebnisse dürften Verbraucher allerdings wochenlang warten - wenn sie überhaupt welche bekommen. Denn die Behörden sind mitunter nicht sehr auskunftsfreudig, auch wenn sie dazu verpflichtet sind.

Ein Grund mehr für das Portal: "Je mehr Menschen mitmachen und Anträge stellen, desto mehr Infos kommen ans Licht - und desto größer ist der Druck auf die Bundesregierung, endlich eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, die Transparenz zur Regel macht und nicht zur Ausnahme", sagt Arne Semsrott, Projektleiter von FragDenStaat. Erst so werde der Anreiz für Lebensmittelbetriebe geschaffen, sich jeden Tag an alle lebensmittelrechtlichen Vorgaben zu halten.

Die Organisationen fordern Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) dazu auf, eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, damit die Kontrollergebnisse so nachvollziehbar werden wie beispielsweise in Dänemark. Dort werden alle Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung seit Jahren in Form von gut bis schlecht gelaunten Smileys veröffentlicht, im Internet und an der Ladentür.

Eine ähnliche Kennzeichnung wird in den Verbraucherministerien der Bundesländer seit vielen Jahren immer wieder diskutiert - und immer wieder verworfen. Foodwatch und FragDenStaat hoffen nun auf den Druck der Verbraucher - "Topf Secret" solle die Behörden nerven, aber nur eine Zwischenlösung sein. "Wenn die Bundesregierung in Zukunft die Veröffentlichung aller Kontrollergebnisse vorschreibt", teilen die Organisationen mit, "schalten wir unsere Plattform gern wieder ab."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, in Dänemark würden die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung mit roten, gelben und grünen Smileys dokumentiert. Tatsächlich sind es aber gut bis schlecht gelaunte Smileys ohne Farbe. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 38 Beiträge
engesserselhof 14.01.2019
1. Verstehe ich nicht
Wenn das Gesundheitsamt einen Betrieb prüft und der besteht, sollte die Hygiene gut genug sein, damit man dort bedenkenlos essen kann. Wenn das nicht so ist, müssen die Prüfungen strenger werden. Wozu braucht man dann die [...]
Wenn das Gesundheitsamt einen Betrieb prüft und der besteht, sollte die Hygiene gut genug sein, damit man dort bedenkenlos essen kann. Wenn das nicht so ist, müssen die Prüfungen strenger werden. Wozu braucht man dann die "Transparenz"? An meinem Auto steht auch nicht, wie gut es durch den TÜV gekommen ist...
froschbus 14.01.2019
2. @1
Naja aber an ihrem Auto hängt das „bestanden“ Schild. An ihrem Restaurant nicht.... Abgesehen davon gibt es bei diesen Prüfungen ja Abstufungen bevor ein Laden geschlossen wird. Daher ist Dänemark mit der Ampel ja recht [...]
Naja aber an ihrem Auto hängt das „bestanden“ Schild. An ihrem Restaurant nicht.... Abgesehen davon gibt es bei diesen Prüfungen ja Abstufungen bevor ein Laden geschlossen wird. Daher ist Dänemark mit der Ampel ja recht offen. Bei gelb wird nix geschlossenen aber der Kunde weiß es wenigstens. Andere Staaten sind da wesentlich offener. Die Slowakei z.b muss alle öffentlichen Verträge vollständig veröffentlichen...
whitewisent 14.01.2019
3.
Die Ergebnisse von Kontrollen bleiben auch deshalb "geheim", weil viele Kunden und Bürger diese Zahlen weder einordnen können, noch entsprechende Konsequenzen ziehen. Hier ist allein der negative Effekt zu erwarten, [...]
Die Ergebnisse von Kontrollen bleiben auch deshalb "geheim", weil viele Kunden und Bürger diese Zahlen weder einordnen können, noch entsprechende Konsequenzen ziehen. Hier ist allein der negative Effekt zu erwarten, daß Unternehmen wirtschaftliche Verluste zu befürchten haben, ohne das Gefahr besteht, nur wegen etwas "Panik. Denn viele der Kontrollen bringen Zustände zu Tage, die im Gewerbe unerwünscht sind, aber in den meisten Haushalten völlig üblich. Einfach mal drüber nachdenken, ob man wirklich nach jedem WC-Besuch die Hände desinfiziert oder zumindest warm mit Seife reinigt. Wenn nicht, dürfte die TV-Fernbedienung und die PC-Tastatur wesentlich gefährlicher sein als ein Restaurant, wo das Fleisch bei Anlieferung nur 6 Grad statt 2 Grad Kerntemperatur hatte. Das andere Problem ist die Willkürlichkeit der Kontrollen. Wenn es eine konstante Überwachung aller Betriebe gäbe, wären Ergebnisse vergleichbar. Wegen fehlendem Personal und Geld wird aber nur stichpunktartig geprüft, und wenn man diese Ergebnisse dann veröffentlicht, ist es eben nicht die geforderte "Transparenz" für den Bürger. Und zuletzt, das Problem des Internets ist eben, es vergisst nicht, und es gibt auch nicht wie im Alltag sowas wie Verjährung. Wenn Prüfung Januar Mängel ergab, und die publiziert werden, können die bei der Prüfung im Februar schon beseitigt sein. Während des gesamten Jahres und länger steht ein Lokal dann aber am Pranger. Und auch die Verkürzung ist ein Problem. Die Idiotenampel dient nicht der Information, sondern der Panikmache. Was sind so typische Funde? Holzbretter in der Küche, Mangel, kaputte Silikondichtung am Waschbecken, Mangel, Küchenschürze an der Lagerraumtür, Mangel, fehlende Papierhandtücher am Waschbecken, Mangel, selbst wenn die Haushaltsrolle danebensteht. Das sind die "geheimen" Ergebnisse, um die es hier geht. Will man wirklich sowas lesen? Oder das nun ausgerechnet Foodwatch zur Umwelthilfe 2.0 wird, welche Staat und Bürger im Namen etwas Besseren behelligt?
auweia 14.01.2019
4. Ablaufschema
Im blauen Schaubild wird der Ablauf des Auskunftsbegehrens kurz und übersichtlich dargestellt. Es hat sich allerdings ein kleiner Fehler eingeschlichen. Statt "kontrolliert regelmäßig " wäre besser. "sollte [...]
Im blauen Schaubild wird der Ablauf des Auskunftsbegehrens kurz und übersichtlich dargestellt. Es hat sich allerdings ein kleiner Fehler eingeschlichen. Statt "kontrolliert regelmäßig " wäre besser. "sollte regelmäßig kontrollieren"
intercooler61 14.01.2019
5. Monitoring des Antwortverhaltens?
Um die "Behörden unter Druck zu setzen", bedarf es einer Messung der Antwortzeit und Qualität und Veröffentlichung der Ergebnisse, zB nach Bundesländern. Sollte mit so einer Plattform möglich sein - vorausgesetzt, [...]
Um die "Behörden unter Druck zu setzen", bedarf es einer Messung der Antwortzeit und Qualität und Veröffentlichung der Ergebnisse, zB nach Bundesländern. Sollte mit so einer Plattform möglich sein - vorausgesetzt, die Nutzer spielen mit und geben Rückmeldung über den Erfolg ihres Auskunftsersuchens.

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