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Altersvorsorge

Was Sie bei Ihrer Lebensversicherung beachten sollten

Die Zinsen sind mickrig und viele Kunden verunsichert: Lohnt sich eine Lebensversicherung überhaupt noch? Und sollte man alte Verträge kündigen? Die Antworten sind ziemlich eindeutig.

DPA
Eine Kolumne von
Samstag, 24.02.2018   07:18 Uhr

Kunden in Deutschland sitzen auf ungefähr 90 Millionen Lebensversicherungsverträgen und machen sich verständlicherweise Sorgen. Zum einen, wenn die Versicherungskonzerne angesichts der großen Versprechungen von früher und der mickrigen Zinsen von heute unter ihren vertraglichen Verpflichtungen ächzen - und dann versuchen, die Verträge zu verkaufen. Oder wenn Kritiker ein ums andere Mal beschreien, wie wenig kundenfreundlich oder gar riskant die Verträge der Versicherer seien.

Ein bisschen Sorge und ein zweiter Blick in die eigenen Verträge für Lebens- oder Rentenversicherungen schadet nicht. Vielleicht auch ein Blick in den Riester-Vertrag. Oft genug begegnen mir Versicherte, die nicht einmal wissen, wie viel Zinsen ihnen garantiert wurden.

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Eines sollten Sie ganz zu Beginn begreifen: Als Sie damals den Vertrag unterschrieben haben, stimmten Sie zu, dass ein großer Teil Ihrer eigentlichen Sparsumme abgezweigt wird: Da ist zunächst einmal der Versicherungsvertrieb, der sein Geld bekommt. Dann deckt der Versicherer seine Kosten für die Verwaltung. Dann für den Fall, dass Kunden sterben und Angehörige ein Anrecht auf Geld haben (Lebensversicherung) oder für das Risiko, dass Kunden sehr alt werden (Rentenversicherung). Erst, was dann noch übrig bleibt, wird angespart und muss in klassischen Lebens- und Rentenversicherungen vom Versicherer verzinst werden.

0,25 Prozentpunkte weniger Zinsen können mehrere Tausend Euro ausmachen

Vor allem die Vertriebskosten schlagen anfangs stark zu Buche. Dazu tut der Versicherer so, als ob Sie alle Zahlungen, die Sie in den kommenden Jahrzehnten für den Vertrag leisten wollen, schon eingebracht hätten und zieht von diesen imaginierten Einzahlungen seine Vertriebsprovisionen ab. Das können einige Tausend Euro sein. Die Debeka schrieb mir, dass diese Abschluss- und Vertriebskosten über 30 Jahre Ansparzeit ein knappes Viertel der Gesamtkosten ausmachen.

Früher, also vor 2005, hat der Versicherer diese Kosten oft sofort im ersten Jahr abgezogen, mit der Folge, dass Sie Ihren Sparvertrag in tiefroten Zahlen begonnen haben. Heute zieht der Versicherer die Kosten normalerweise in fünf jährlichen Raten ab. Im Ergebnis haben Sie als Kunde auch heute noch in den ersten Jahren keine Freude an Ihrem Vertrag.

Selbst wenn der Vertrag am Ende lukrativer werden kann: Aus der Konstruktion ergibt sich, dass am Anfang die Unternehmen profitieren und für Kunden Verträge tendenziell besser werden, je länger sie dabeibleiben. Zumindest dann, wenn die zugesagte Verzinsung ordentlich ist.

Die Allianz schreibt mir, dass bei Verträgen, die 30 Jahre durchgehalten werden, die Rendite "nur" noch um 0,2 bis 0,25 Prozentpunkte pro Jahr schrumpft durch die Abschluss- und Vertriebskosten. Hört sich nach wenig an, ist aber viel. Das liegt am Zinseszins-Effekt: Auf die Zinsen werden ja auch wieder Zinsen fällig. Wenn 100 Euro im Monat 30 Jahre lang mit 3 Prozent verzinst werden, kommen gut 58.000 Euro raus, bei 2,75 Prozent Zinsen nur noch 55.650 Euro. Die Differenz läge in dem Fall also bei 2350 Euro.

Und ganz ohne Abzüge von Kosten hätte die Rendite vielleicht sogar 3,75 Prozent betragen und das monatlich Ersparte wäre auf 65.870 Euro gewachsen.

Zum Autor

Blöd nur, dass mehr als die Hälfte der Kunden ihren Versicherungsvertrag irgendwann kündigt und die besseren Zeiten gar nicht erlebt. Bei langlaufenden Verträgen gilt das oft sogar für drei Viertel der Kunden. Das ist aktuell besonders ärgerlich: Denn in den vergangenen Jahrzehnten waren die Zinsen, die die Versicherer vertraglich zusagt haben, die sogenannten Garantiezinsen, deutlich höher als heute: Von Mitte der Neunzigerjahre bis Mitte 2000 gab es vier Prozent, dann bis Ende 2003 gab es 3,25 Prozent, bis Ende 2006 schließlich 2,75 Prozent und bis Ende 2011 immerhin noch 2,25 Prozent. Heute gibt es noch magere 0,9 Prozent, dafür lohnt es sich nicht, noch einen Vertrag neu abzuschließen.

Alte Verträge lieber behalten

Wer aber schon einen alten klassischen Vertrag hat, für den ergibt sich aus der Kombination von schon bezahlten Vertriebsprovisionen und noch vertraglich zugesicherten hohen Zinsen die klare Empfehlung:

Besonders dumm ist es, einen Riester-Vertrag aus diesen Jahren zu kündigen. Dabei verlieren Kunden nämlich nicht nur bereits gezahlte Provision und künftige Zinsen. Sie müssen auch noch vergangene Förderung und die Steuervorteile der vergangenen Jahre zurückzahlen und machen damit ein Negativgeschäft, während der Anbieter seinen Profit erzielt hat. Besonders ins Kontor schlägt, dass der Staat verständlicherweise die nur für die Altersvorsorge gewährten Steuervorteile zurückverlangt, an die viele Sparer gar nicht mehr denken.

Was können wir uns im Alter noch leisten?

Das sind keine Einzelfälle. Die Zahl der klassischen Riester-Versicherungsverträge wächst seit 2011 praktisch nicht mehr, obwohl in jedem Jahr einige Hunderttausende Verträge neu abgeschlossen werden. Die Allianz hat derzeit 1,6 Millionen Riester-Verträge im Bestand, von denen noch 1,15 Millionen bespart werden. Konkurrent Generali hat allein bei seiner Tochter AachenMünchner nach eigenen Angaben knapp 1,3 Millionen Riester-Verträge. Die Debeka hat insgesamt rund 620.000 Verträge, die noch bespart werden. Im Gegensatz zu den beiden Dickschiffen kann die Debeka die Zahl ihrer Verträge sogar nach Vertragsgenerationen aufschlüsseln. Beim Koblenzer Beamtenversicherer gibt es rund 90.000 Riester-Verträge mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent, und mehr als 500.000 mit einer Zwei vor dem Komma.

Zusammengefasst ergibt sich aus der Entwicklung der Produkte und der Befragung dreier großer Anbieter auch für Riester: Dranbleiben! Kündigen sie alte Verträge nicht. Wer solchen Unfug den Kunden empfiehlt, besorgt nur das Geschäft gescheiterter Versicherungsvorstände.

Haftpflicht, Rente, Zahnersatz

Übrigens: Der einzig wirtschaftlich vernünftige Abschied aus alten Lebensversicherungsverträgen ist für besonders ausgeschlafene Kunden der Widerruf dieser Verträge. Viele Anbieter haben nämlich bei der Formulierung der Widerrufsklauseln, die jeder Vertrag haben muss, nicht aufgepasst und damit die Verträge juristisch angreifbar gemacht. Gelingt Ihnen ein solcher Angriff, bekommen Sie Ihr bislang eingezahltes Geld zurück und der Anbieter muss Ihnen vielleicht sogar Zinsen zahlen. Auf Förderung und mögliche künftige Zinsen verzichten Sie aber auch in dieser Variante.

insgesamt 24 Beiträge
mina2010 24.02.2018
1. Die wohlige Wärme, die den Versicherten umgibt,
entsteht wenn er gerade über den Tisch gezogen wird. Dabei arbeiten Versicherungen und Vater Staat hand in Hand. Ich musste leider mal eine Versicherung vorzeitig kündigen. Das Ergebnis: Obwohl mir jährlich mitgeteilt [...]
entsteht wenn er gerade über den Tisch gezogen wird. Dabei arbeiten Versicherungen und Vater Staat hand in Hand. Ich musste leider mal eine Versicherung vorzeitig kündigen. Das Ergebnis: Obwohl mir jährlich mitgeteilt wurde, dass man 4 bis 4,5 % für mich erwirtschaftet hätte, blieb am Ende mal ein lausiges Prozent über. Der Rest war für die Aufwendungen der Versicherung. Für das Unternehmen sind alle Kosten steuerlich absetzbar. Und nun kommt Vater Staat. Oh, Du hast 4 % Zinsen erhalten, darauf erheben wir dann mal eben Kapitalertragssteuer. Die Knete hast Du zwar nie gesehen, die Versicherung hat sie brav von der Steuer abgesetzt und wir haben auch unseren Teil. Da fällt mir wieder der Satz ein ... Der Wirtschaft geht es gut!
crazy_swayze 24.02.2018
2.
Eine Lebensversicherung als Anlage hat sich noch nie gelohnt. Der Versicherer greift einfach zu viel an Provisionen und Verwaltungskosten ab. In jedem Fall fährt man besser mit einer Risikolebensversicherung und nutzt den [...]
Eine Lebensversicherung als Anlage hat sich noch nie gelohnt. Der Versicherer greift einfach zu viel an Provisionen und Verwaltungskosten ab. In jedem Fall fährt man besser mit einer Risikolebensversicherung und nutzt den Differenzbetrag für einen ETF-Aktienfonds. Da hat man ebenfalls eine Absicherung für seine Liebsten und obendrein noch eine schöne Rendite.
nikon2000 24.02.2018
3. Nicht ganz korrekt
Immer wieder wird nicht gesagt, dass wenn die Zinsen steigen, auch die überschussbeteiligung der Rentenversicherung steigt. Außerdem : warum sollte ich an meinen alten Vertrag ran, der über 3% Garantie Verzinsung hat? Und noch [...]
Immer wieder wird nicht gesagt, dass wenn die Zinsen steigen, auch die überschussbeteiligung der Rentenversicherung steigt. Außerdem : warum sollte ich an meinen alten Vertrag ran, der über 3% Garantie Verzinsung hat? Und noch immer warte ich auf eine Alternative, Herr Tenhagen, die mir plus minus 10% eine Rente GARANTIERT! Für mich ist ihr Artikel unglaubwürdig.
brunowsky 24.02.2018
4. Altersvorsorge: Es geht auch anders
Der Autor gibt die richtigen Empfehlungen für Altverträge. Was aber ist mit neuen Verträgen? Wie sollen Berufsanfänger für ihr Alter vorsorgen. Tenhagen zeigt, wie unterschiedliche Renditen die Auszahlung beeinflussen. Am [...]
Der Autor gibt die richtigen Empfehlungen für Altverträge. Was aber ist mit neuen Verträgen? Wie sollen Berufsanfänger für ihr Alter vorsorgen. Tenhagen zeigt, wie unterschiedliche Renditen die Auszahlung beeinflussen. Am stärksten werden die Renditen durch zu hohe Kosten für Vertrieb, Beitragsgarantie und Verwaltung belastet. Allein die Absicherung von Beitragsgarantien kostet über 30 Jahre hinweg 20 bis 25% der möglichen Auszahlung - zusätzlich zu der jährlichen Gebührenbelastung, die bei vielen Anbietern jährlich über 1,5% beträgt. Hinzu kommen die Anlageformen: Werden die eingezahlten Beiträge über 20-30 Jahre in globalen Aktien und breit gestreut angelegt, ist eine jährliche Rendite von 6% zu erwarten. Durch den langen Ansparzeitraum sinkt das Risiko von Kursrückschlägen so stark, dass eine Absicherung nicht erforderlich ist, wobei es sinnvoll ist, den Anteil von Aktien in Anleihen umzuschichten, je näher der Rentenbeginn rückt. Niedrige Kosten und langfristige Geldanlage in Aktien - in dieser Kombination lässt sich die Auszahlung bei Rentenbeginn gegenüber früheren Verträgen massiv verbessern. Dabei sollten Sparer auch Angebote bevorzugen, bei denen Kündigung, Pausieren der Zahlungen ohne große Kosten jederzeit möglich ist. Denn es geht auch anders: Viel zu wenig wird über neue, verbraucherfreundliche Wege berichtet: Digitale Altersvorsorgeportale wie z.B. myPension.de schlagen nämlich klassische Versicherungen um Längen: Extrem niedrige Gebühren von nur 0,83%, keine Vertriebskosten, Steuervorteile, flexible Ein- und Auszahlungen und hohe Renditen durch globale Aktienanlage. Als Sondervermögen sind die Beiträge überdies vor einer Insolvenz geschützt - der Sparer kann jederzeit auf sein angespartes Vermögen zurückgreifen.
dieter_huber 24.02.2018
5. glauben ist schlecht, wissen ist besser
@nikon2000: was heisst hier unglaubwürdig? Die Rendite ist berechenbar, z.b. mit KLV-Check. Mehr noch, die jährlichen Wertmitteilungen erlauben eine ziemlich genaue Prognose der Ablaufleistung. Falls Ihr Versicherer nicht [...]
@nikon2000: was heisst hier unglaubwürdig? Die Rendite ist berechenbar, z.b. mit KLV-Check. Mehr noch, die jährlichen Wertmitteilungen erlauben eine ziemlich genaue Prognose der Ablaufleistung. Falls Ihr Versicherer nicht vorher pleite geht ?

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