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Wirtschaft

Danone und Nestlé

Das zynische Geschäft mit Säuglingsnahrung

Muttermilchersatz ist ein Milliardengeschäft für Konzerne wie Nestlé oder Danone. Sie verkaufen ihre Produkte gezielt in Entwicklungsländern - und gefährden damit nach Ansicht von Wissenschaftlern die Gesundheit Hunderttausender Kinder.

Aktion gegen den Hunger

Mutter und Kind in Kamerun

Von
Donnerstag, 17.05.2018   16:52 Uhr

Säuglinge in Kamerun werden im Schnitt nur vier Wochen lang gestillt. Danach bekommen viele künstlichen Muttermilchersatz. Die Verwendung von Säuglingsanfangsnahrung gilt in dem armen Land als Symbol für den sozialen Aufstieg - und als besonders gesund für die Kleinkinder.

Das dürfte auch mit dem Marketing der Lebensmittelgiganten zusammenhängen: Ein bis zwei Mal im Monat schicken sie Vertreter, die junge Mütter oder gleich das Gesundheitspersonal über die Vorzüge ihrer Muttermilchprodukte gegenüber dem Stillen informieren. Auch Werbegeschenke oder Proben würden verteilt, heißt es in einem aktuellen Bericht der Organisation Aktion gegen den Hunger, aus dem das Beispiel stammt.

Aktion gegen den Hunger

Werbung für Säuglingsnahrung in Kamerun

Dabei kann die Verabreichung der künstlichen Produkte statt Muttermilch negative Folgen haben - das zeigt sich auch in Kamerun: Viele Kinder sind chronisch mangelernährt, ihr Wachstum und ihre Entwicklung ist verzögert, jedes zehnte leidet unter schwerer Mangelernährung. Der Hauptgrund dafür ist mangelnde Hygiene, es fehlt der Zugang zu sauberem Wasser und zu Kühlmöglichkeiten. Unter diesen Bedingungen angemischte Muttermilch-Ersatzprodukte führen häufig zu Durchfallerkrankungen - eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern.

Internationaler Kodex der WHO wird ignoriert

Schon einmal gab es massiven öffentlichen Druck auf die Unternehmen, vor allem auf Nestlé, dem Anfang der Siebzigerjahre vorgeworfen wurde, durch seine Milchersatzprodukte würden mehr Säuglinge sterben als gerettet. Auch deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon 1981 den Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilch-Ersatzprodukten erarbeitet, der unter anderem vorsieht, dass Schwangeren oder jungen Müttern keine kostenlosen Proben gegeben werden dürfen, die Produkte nicht öffentlich beworben werden sollen oder dass Hersteller Gesundheitspersonal keine Anreize geben dürfen, die Produkte zu bewerben. Nur hält sich bis heute kaum ein Unternehmen an alle Vorgaben.

Kein Wunder, der Markt für Muttermilch-Ersatzprodukte boomt und die Gewinne sind traumhaft. Marktführer Nestlé erzielt in seiner Säuglingsnahrungssparte eine operative Gewinnmarge von fast 23 Prozent. Weltweit dürfte der Markt im kommenden Jahr auf mehr als 58 Milliarden Euro wachsen.

Aktion gegen den Hunger

Verstöße gegen den WHO-Kodex auf Produktetiketten in Bangladesch

Mit möglicherweise fatalen Folgen für die kleinen Endverbraucher: In der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" warnten Wissenschaftler schon vor gut zwei Jahren, dass der Wechsel vom Stillen zur Säuglingsmilch "katastrophale Folgen für die Gesundheit folgender Generationen" bedeute. Würde weltweit nahezu überall gestillt, schreiben die Wissenschaftler, könnten mehr als 820.000 Kinderleben gerettet werden - pro Jahr.

Plakate, Gratisproben, Geschenke und Einfluss auf Ärzte

Aktion gegen den Hunger und andere Organisationen haben recherchiert, wie die großen Hersteller von Muttermilchersatz, Nestlé, Danone, FrieslandCampina, Kraft Heinz, Abbott und Reckitt Benckiser ihre Produkte vermarkten. Sie haben Beispiele aus Kamerun, Burkina Faso, Bangladesch, Indonesien, Thailand, Äthiopien, Indien und vielen anderen Ländern gesammelt und die Erkenntnisse nun in einem Bericht veröffentlicht.

Sie fanden zahlreiche Verstöße gegen den Milchkodex der WHO:

Das Marketing wirkt, so die Erkenntnis der Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen: In allen untersuchten Ländern, in denen die Sterblichkeit durch Mangelernährung von Kindern unter fünf Jahren sehr hoch ist, gibt ein großer Teil von jungen Müttern an, dass ihnen Gesundheitshelfer zu Säuglingsnahrung geraten hätten.

Aktion gegen den Hunger

Werbegeschenk Reflexhammer mit Produktlogo in Kamerun

Die Unternehmen verteidigen sich gegen die Vorwürfe, in Afrika sind von den sechs großen Herstellern nur Danone, Nestlé und Kraft Heinz vertreten.

FrieslandCampina, Reckitt Benckiser und Kraft Heinz betonten, sie würden sich an den WHO-Kodex halten und die Empfehlungen für ausschließliches Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten respektieren. Abbott und Nestlé schreiben auf Anfrage, dass sie sich an die Gesetze der Länder hielten, in denen sie tätig seien.

Allerdings haben manche Länder den WHO-Kodex gar nicht gesetzlich umgesetzt. Nestlé und Abbott verweisen aber auf unternehmensinterne Programme, mit denen die Unternehmen "systematisch alle Hinweise auf mögliche Verstöße gegen den WHO-Kodex" untersuchen und gegebenenfalls Maßnahmen einleiten. Danone betont, dass die eigenen Regularien häufig strikter seien als lokale Gesetze. Trotzdem sei es möglich, "dass vereinzelt Verstöße gegen unsere Richtlinien und Anweisungen auf lokaler Ebene auftreten", die aktiv behoben würden.

Möglicherweise müssen die Unternehmen ihre Geschäfte jetzt erneut prüfen: Aktion gegen den Hunger und ihre französische Mutter starten mit dem Bericht eine Unterschriftenaktion, mit der sie die Lebensmittelkonzerne unter Druck setzen wollen, die "aggressiven Marketingstrategien" für ihre Säuglingsnahrung zu stoppen und den Milchkodex vollständig umzusetzen.

insgesamt 38 Beiträge
twistie-at 17.05.2018
1. ist denn dann die Säuglingsnahrung das Problem?
"Der Hauptgrund dafür ist mangelnde Hygiene, es fehlt der Zugang zu sauberem Wasser und zu Kühlmöglichkeiten. Unter diesen Bedingungen angemischte Muttermilchersatzprodukte führen häufig zu Durchfallerkrankungen - eine [...]
"Der Hauptgrund dafür ist mangelnde Hygiene, es fehlt der Zugang zu sauberem Wasser und zu Kühlmöglichkeiten. Unter diesen Bedingungen angemischte Muttermilchersatzprodukte führen häufig zu Durchfallerkrankungen - eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern." dann wäre das Problem doch dieser Zugang zu sauberem Wasser, nicht aber die Säuglingsnahrung. Wie wäre es denn ohne diese Nahrung?
mime-sis 17.05.2018
2. Statusobjekt
Unsere Putzfrau in Mexiko hat gleich aufs Stillen verzichtet und fast ihren gesamten Lohn für die teuerste Babymilch ausgegeben. Wie im Artikel geschrieben, ist die Milch eine Art Statusobjekt. Muttermilch und vor allem Stillen [...]
Unsere Putzfrau in Mexiko hat gleich aufs Stillen verzichtet und fast ihren gesamten Lohn für die teuerste Babymilch ausgegeben. Wie im Artikel geschrieben, ist die Milch eine Art Statusobjekt. Muttermilch und vor allem Stillen in der Öffentlichkeit ist vor allem bei der ärmeren Bevölkerung verpönt. Die Zubereitung der Milch ist manchmal auch sehr abenteuerlich. Angerührt mit kaltem Wasser und mit Karottensaft oder Fleischsaft versetzt.
dasfred 17.05.2018
3. Warum wundert mich diese Nachricht nicht?
Vielleicht, weil ich mich dran gewöhnt habe, zu lesen, das Lebensmittel-Multis für ihre Aktionäre über Leichen gehen. Egal, ob beim Trinkwassers, Spekulation auf Grundnahrungsmittel oder eben wie hier, wo man jenseits aller [...]
Vielleicht, weil ich mich dran gewöhnt habe, zu lesen, das Lebensmittel-Multis für ihre Aktionäre über Leichen gehen. Egal, ob beim Trinkwassers, Spekulation auf Grundnahrungsmittel oder eben wie hier, wo man jenseits aller Moral und Ethik, im Wissen um die Schädlichkeit trotzdem jungen Müttern etwas vorgaukelt, nur um den Umsatz anzuheben. Da sieht man bestens, was die Konzentration in der Lebensmittelindustrie weltweit anrichten kann. Diese Multis stehen in vielen Ländern einfach über dem Gesetz. Solange nur Kinder weit weg betroffen sind, sehen die Industrie Nationen auch keinen Handlungsbedarf.
seismologe 17.05.2018
4.
Da würden die Kinder gestillt werden und nicht mit der abenteuerlich angemischten Milch ernährt werden. Die Mütter kommen mit dem miesen Trinkwasser deutlich besser zurecht. Sauberes Wasser ist natürlich das oberste Ziel, [...]
Zitat von twistie-at"Der Hauptgrund dafür ist mangelnde Hygiene, es fehlt der Zugang zu sauberem Wasser und zu Kühlmöglichkeiten. Unter diesen Bedingungen angemischte Muttermilchersatzprodukte führen häufig zu Durchfallerkrankungen - eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern." dann wäre das Problem doch dieser Zugang zu sauberem Wasser, nicht aber die Säuglingsnahrung. Wie wäre es denn ohne diese Nahrung?
Da würden die Kinder gestillt werden und nicht mit der abenteuerlich angemischten Milch ernährt werden. Die Mütter kommen mit dem miesen Trinkwasser deutlich besser zurecht. Sauberes Wasser ist natürlich das oberste Ziel, mit dem Werbeverbot für den Muttermilchersatz kann man schon mal eine Menge toter Kinder verhindern.
susybntp11-spiegel 17.05.2018
5. So einem global Player...
...ist das Leben bzw. der Tod eines oder tausenden Säuglingen total egal, was zählt ist das was unterm Strich beim Verkauf ihrer Produkei finanziell rauskommt und sonst garnichts. Und mit einer eventuellen Unsicherheit der [...]
...ist das Leben bzw. der Tod eines oder tausenden Säuglingen total egal, was zählt ist das was unterm Strich beim Verkauf ihrer Produkei finanziell rauskommt und sonst garnichts. Und mit einer eventuellen Unsicherheit der betroffenen Mütter werden die retorisch geschulten Vertriebler locker fertig.

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