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Wirtschaft

Gefährliche Chemikalien

Deutlich weniger Superschadstoffe in Textilien

Der Einsatz von hochgiftigen, teils krebserregenden Chemikalien in der Textilproduktion ist deutlich gesunken - nicht zuletzt dank einer jahrelangen Kampagne der Umweltorganisation Greenpeace.

REUTERS

Textilindustrie in Kambodscha

Donnerstag, 12.07.2018   07:00 Uhr

Chlorphenole, perfluorierte Kohlenwasserstoffe, Phthalate: Manche Chemikalien, die noch heute in der Textilproduktion eingesetzt werden, gelten als hochgiftig, krebserregend oder gefährlich für die Fortpflanzungsfähigkeit.

Vor sieben Jahren, am 13. Juli 2011, hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace deshalb eine Kampagne gestartet. Das Ziel: Elf "chemische Superschadstoffe" weltweit aus der Textilproduktion verbannen und so die Gefährdung für Mensch und Umwelt in Produktionsländern wie China, Indonesien oder Mexiko verringern.

Die Geschäftsführerin von Greenpeace International, Bunny McDiarmid, zog nun am Donnerstag Bilanz. "Es gab einen tiefgreifenden Wandel in der Bekleidungsindustrie", schreibt sie in einer Bestandsaufnahme zur Verwendung der elf Chemikalien.

Insgesamt 80 Firmen, die für etwa 15 Prozent der globalen Textilproduktion stehen, haben sich laut Greenpeace inzwischen verpflichtet, bis 2020 bei der Produktion ihrer Ware den Einsatz der elf gefährlichsten Chemikaliengruppen auf Null zu senken.

Dabei sind Modegiganten wie H&M, Primark und Zara, Sportartikelhersteller wie Adidas, Nike und Puma, aber auch Handelsketten wie Aldi, Lidl oder Tchibo. In Deutschland seien rund 30 Prozent der Textilindustrie auf Detox-Kurs, berichteten die Umweltschützer.

Schon jetzt deutlich weniger Chemikalien im Einsatz

Die Umsetzung der Versprechen macht Greenpeace zufolge Fortschritte. Fast drei Viertel der beteiligten Unternehmen verzichten demnach inzwischen bei der Textilproduktion auf gefährliche perfluorierte Chemikalien, sogenannte PFCs, die unter anderem als krebserregend gelten. Die restlichen Unternehmen machten "gute Fortschritte auf dem Weg dahin". Auch bei anderen gefährlichen Stoffen gehe die Entwicklung voran.

Thomas Rasch vom Deutschen Modeverband Germanfashion räumt ein, vor der Detox-Kampagne habe das Hauptaugenmerk der Branche auf der Produktsicherheit in Deutschland gelegen. Durch die Kampagne sei auch die Situation in den Produktionsländern stärker berücksichtigt worden. Heute sei das Thema fest in der Branche verankert.

Auch nach Einschätzung von Kai Falk vom Handelsverband Deutschland (HDE) hat die Entgiftungs-Kampagne dazu beigetragen, die Branche zu verändern. "Das Ziel der Kampagne ist voll im Handel angekommen", sagt er.

Greenpeace hofft indes, dass die bisherigen Fortschritte nicht durch die immer größere Schnelllebigkeit der Modewelt unterlaufen werden. Der übermäßige Textilkonsum sei ein Problem, das angegangen werden müsse, schreiben die Umweltschützer. Sein weltweites Volumen könnte von 62 Millionen Tonnen im Jahr 2017 auf 102 Millionen Tonnen im Jahr 2030 ansteigen.

Hier sei die Modebranche gefordert, hieß es. Sie müsse für einen radikalen Wandel sorgen, indem sie statt immer kurzlebigerer Kollektionen qualitativ bessere, haltbarere und vielseitigere Kleidung herstelle.

Video: Moderecycling - Das Geschäft mit Altkleidern

Foto: SPIEGEL TV

ssu/dpa

insgesamt 9 Beiträge
rene.macon 12.07.2018
1. Hat mal jemand recherchiert, wie gefährlich diese...
elf "chemische Superschadstoffe" tatsächlich sind? In den Mengen, in denen Sie beim Endverbraucher landen? Was sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dazu? Wenn diese [...]
elf "chemische Superschadstoffe" tatsächlich sind? In den Mengen, in denen Sie beim Endverbraucher landen? Was sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dazu? Wenn diese "Superschadstoffe" tatsächlich so gefährlich sind, sollte es ein Gesetz geben, das die Richtwerte festlegt. Warum es das nicht gibt, wäre auch eine Fragestellung, der man einmal journalistisch nachgehen sollte. Journalismus sollte mehr sein, als die Weitergabe von Pressemitteilungen...
max-mustermann 12.07.2018
2.
"Sie müsse für einen radikalen Wandel sorgen, indem sie statt immer kurzlebigerer Kollektionen qualitativ bessere, haltbarere und vielseitigere Kleidung herstelle." Das ist ja so als ob sie von der Industrie [...]
"Sie müsse für einen radikalen Wandel sorgen, indem sie statt immer kurzlebigerer Kollektionen qualitativ bessere, haltbarere und vielseitigere Kleidung herstelle." Das ist ja so als ob sie von der Industrie verlangen würden Produkte ohne geplante Obsoleszenz zu produzieren oder Elektroartikel mit austauschbaren Akkus. Träumt mal schön weiter, its kapitalism stupid !
hardy.stiefel 12.07.2018
3. Ich sehe ein Problem
in der Analyse und dem Bericht dahingehend, dass zwar mit feinsten Methoden diese Stoffe in den Textilien aufgespürt und nachgewiesen wurden. Aber mich treibt die Frage um, was und wieviel dieser Chemikalien am Ende der Nutzung [...]
in der Analyse und dem Bericht dahingehend, dass zwar mit feinsten Methoden diese Stoffe in den Textilien aufgespürt und nachgewiesen wurden. Aber mich treibt die Frage um, was und wieviel dieser Chemikalien am Ende der Nutzung noch in den Textilien sind oder wieviele davon in der Wäsche landeten. Kurz, es wurden zwar Chemikalien gefunden und die Gefährlichkeit beschrieben, es wird aber nichts über die Auswirkung im Laufe der Nutzung geschrieben. Ich vermute, dass über 90% aller wasserunlöslichen Chemikalien noch in den Textilien am Nutzungsende sind. Bei wasserlöslichen Chemikalien vielleicht weniger, da diese in der Trommel ausgewaschen werden. Kurz, die Menge der Chemikalien sagt nichts über Gefährlichkeit, aber schon gar nichts darüber, was davon produktionstechnisch notwendig ist.
schumbitrus 12.07.2018
4.
Es ging gerade nicht nur darum, die Endverbraucher zu schützen, sondern auch die Vergiftung und Tötung der Produktionsmitarbeiter in den Hersteller-Ländern zu reduzieren. "Tatsächlich so gefährlich"? Ja - und [...]
Zitat von rene.maconelf "chemische Superschadstoffe" tatsächlich sind? In den Mengen, in denen Sie beim Endverbraucher landen? Was sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dazu? Wenn diese "Superschadstoffe" tatsächlich so gefährlich sind, sollte es ein Gesetz geben, das die Richtwerte festlegt. Warum es das nicht gibt, wäre auch eine Fragestellung, der man einmal journalistisch nachgehen sollte. Journalismus sollte mehr sein, als die Weitergabe von Pressemitteilungen...
Es ging gerade nicht nur darum, die Endverbraucher zu schützen, sondern auch die Vergiftung und Tötung der Produktionsmitarbeiter in den Hersteller-Ländern zu reduzieren. "Tatsächlich so gefährlich"? Ja - und wie gesagt: Für diejenigen, die die Gifte in Kilo- und Liter-Maßstäben - i.d.R. nicht geschützt von Deutschen/Europäischen Arbeitssicherheits-Gesetzen und -richtlinien und oft ohne Kenntnis der Gefahren für die eigene Gesundheit - auf die Klamotten kippen, eben auch in überschaubaren Zeiträumen "Gesundheits-verändernd" bis tödlich: Wo bei uns Produkte mit Milligramm-Mengen zu recht aus dem Verkehr gezogen werden um den Verbraucher zu schützen, da mussten man bei der Massen-Herstellung Kilos von dem Zeug in die Bottiche. Dass das bei Billiglöhnen, Akkordarbeit, Kinderarbeit und mangelhafter Aufsicht der bekannten Modemarken sachkundig und Menschenleben-schonend durchgeführt kann man a priori eben knicken. Da muss das Abrauchen der teuer aufgebauten und in die Hirne der Konsumenten gepressten Marke, also der Verlust von Investments und zukünftiger Profite drohen, damit die anfangen, ihre Prozess-Ketten Menschenfreundlicher zu gestalten - wie Greenpeace es offenbar für uns alle getriggert hat.
quark2@mailinator.com 12.07.2018
5.
Denk ich an Greenpeace, denke ich an Kriminalität, wie zuletzt in Berlin, wo jede Menge Autofahrer entweder Crash oder zumindest Verschmutzung in Kauf nehmen mußten, weil diese Organisation einfach Unmengen Farbe auf die [...]
Denk ich an Greenpeace, denke ich an Kriminalität, wie zuletzt in Berlin, wo jede Menge Autofahrer entweder Crash oder zumindest Verschmutzung in Kauf nehmen mußten, weil diese Organisation einfach Unmengen Farbe auf die Fahrbahn schütten mußte. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und es sollte sich für die Medien verbieten, positive Berichte über eine Organisation zu verbreiten, die über Jahrzehnte immer wieder vorsätzlich gegen Gesetze verstößt. Der Artikel läßt auch jeden Beweis vermissen, daß die Änderungen in der Textilindustrie wirklich nennenswert von Greenpeace getrieben wurden. Nur weil die Organisation das selbst behauptet, ist es nicht wahr. Der Artikel liefert auch keinen Hinweis darauf, was nun statt dessen eingesetzt wird, denn die Stoffe bestehen ja nicht plötzlich aus Luft und Wasser.

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