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Wirtschaft

Betrug, Bestechung, Partys in Las Vegas

Milliardenskandal erschüttert Goldman Sachs

Britney Spears sprang für ihn einst im Bikini aus der Torte, inzwischen ist der mysteriöse Finanzier Jho Low flüchtig. Im Strudel des Milliardenbetrugs: die US-Bank Goldman Sachs - und ein deutscher Manager.

Getty Images

Flüchtiger Finanzier Mr Jho Low (Archivbild)

Von , New York
Freitag, 16.11.2018   12:20 Uhr

In der Party-Hauptstadt Las Vegas war es die Party des Jahrzehnts. Kim Kardashian und Kanye West waren da. Leonardo DiCaprio und Jamie Foxx ebenfalls, außerdem Bradley Cooper, der in der Nähe gerade "Hangover 3" drehte. An der Bar standen Models, Pharrell, Ludacris und Usher sorgten für Livemusik.

Dutzende Prominente feierten im November 2012 den 31. Geburtstag ihres Gastgebers. Der bekam einen 2,5-Millionen-Dollar-Bugatti geschenkt und ein Ständchen: Britney Spears sprang im Goldbikini aus einer Torte und sang "Happy Birthday".

Sechs Jahre später ist der Gastgeber, ein mysteriöser Malaysier namens Jho Low, auf der Flucht. Die meisten Gäste jener Nacht wollen ihn plötzlich nicht mehr kennen, andere sind wegen Milliardenbetrugs vor Gericht gelandet. Darunter ist ein deutscher Ex-Banker, der seinen damaligen Arbeitgeber jetzt als Mitwisser beschuldigt hat - das renommierte US-Investmenthaus Goldman Sachs.

AP

Flüchtiger Beschuldigter Jho Low

Was als amüsanter Klatsch begann, ist zum weltumspannenden Krimi geworden. Der Ministerpräsident von Malaysia stürzte bereits über die Affäre, nun gerät auch noch die größte Wall-Street-Bank mit in den Strudel. Die US-Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet - und seither befindet sich die Goldman-Aktie im Sturzflug.

Dem Konzern droht der saftigste Skandal seiner Geschichte. Es geht um einen malaysischen Staatsfonds, der von Goldman Sachs mitgemanagt wurde - doch der US-Justiz zufolge nichts anderes war als eine milliardenschwere Spesenkasse für Low und seine Goldman-Komplizen. Goldmans früherer Südostasien-Chef, der Deutsche Tim Leissner, hat sich bereits wegen Betrugs, Bestechung, Geldwäsche und Veruntreuung schuldig bekannt. Leissners Vize, der Malaysier Roger Ng, wurde jetzt in New York angeklagt. Ein dritter Goldman-Manager ist beurlaubt.

"Verwerfliche Aktionen Einzelner"

Wie Low ist auch der 2016 gefeuerte Leissner eine schillernde Figur. Er studierte in Siegen und Connecticut und heuerte 1998 bei Goldman an, wo er schnell aufstieg und als skrupellos galt. 2013 heiratete er Reality-Star Kimora Lee Simmons, die Ex-Frau des bekannten Hip-Hop-Produzenten Russell Simmons.

Er sei "persönlich schockiert", beteuerte Goldman-Chef David Solomon diese Woche zwar in einer Voicemail an alle Mitarbeiter. Er griff dabei zum üblichen Schadensbegrenzungsvokabular: Es handele sich um die "verwerflichen" Aktionen vereinzelter, längst geschasster Übeltäter. Doch der Ruf ist schnell ruiniert: "Das ist ein Desaster für Goldman", resümiert der Wall-Street-Analyst Chris Kotowski.

Der ehemalige Goldman-Vorstandschef Lloyd Blankfein, bis heute Boss des Verwaltungsrats der Bank, soll sich mindestens einmal mit Low getroffen haben. Leissner wiederum erklärte bei seinem Schuldgeständnis vor einem New Yorker Gericht, mehrere Topmanager Goldmans seien eingeweiht gewesen - "im Einklang" mit der Konzernkultur.

Der Mann im Mittelpunkt bleibt unterdessen verschwunden. Low, 37, der sich in Las Vegas als spendabler Milliardär bejubeln ließ, ist untergetaucht, sein Vermögen beschlagnahmt: Diamantenkolliers, Privatjets, Picasso-Gemälde und die 92 Meter lange und 250 Millionen Dollar teure Jacht "Equanimity" (Gleichmut), die im Hafen Port Klang bei Kuala Lumpur auf ihre staatliche Versteigerung wartet.

AP

Jacht "Equanimity"

Wer Jho Low wirklich ist, weiß keiner so genau. Wie Donald Trump studierte der angebliche Finanzier einst an der Wharton School in Pennsylvania, soll schüchtern sein und schnell schwitzen. Auf Fotos wirkt er wie ein harmloses, pausbäckiges Kind.

In Wahrheit habe Low eines der größten Finanzverbrechen in der Geschichte inszeniert, schreiben die Reporter Tom Wright und Bradley Hope vom "Wall Street Journal" in ihrem neuen Buch "Billon Dollar Whale" über den Fall. Die Affäre offenbart, wie sich Betrüger nach der Finanzkrise von den USA abwendeten und ihr Glück stattdessen im unregulierteren Asien-Markt suchten.

Millionen für Kunst, Klunker und DiCaprio

Die US-Anklage stützt sich auf jahrelange Ermittlungen. Demnach veruntreute Low, assistiert von Leissner, Ng und anderen, von 2009 bis 2014 fast drei Milliarden Dollar aus dem malaysischen Staatsfonds 1MDB. Dazu hätten sie auch Politiker bestochen, allen voran den Ministerpräsidenten Malaysias Najib Razak. Goldman Sachs wiederum habe an 1MDB rund 600 Millionen Dollar Gebühren verdient.

Um das gestohlene Geld zu waschen, habe Low es in den USA ausgegeben, für Villen, Juwelen, Kunst. Etwa für ein Gemälde von Jean-Michel Basquiat, das 2013 bei Christie's für den Rekordpreis von 48,8 Millionen Dollar versteigert wurde. Auch habe Low den Film "The Wolf of Wall Street" mitfinanziert. Der handelt ironischerweise von einem Wall-Street-Schwindler - gespielt von Leonardo DiCaprio.

AFP

Proteste gegen Ministerpräsident Najib in Malaysia

Der Skandal kostete Ministerpräsident Najib das Amt. Nachfolger Mahathir Mohamad ließ ihn anklagen, die Polizei konfiszierte in seinem Haushalt Preziosen im Wert von 275 Millionen Dollar, darunter 1400 Ketten, 567 Handtaschen, 423 Armbanduhren, 2200 Ringe, 1600 Broschen und 14 Tiaras. Die neue Regierung fordert von Goldman die Rückerstattung besagter 600 Millionen Dollar Gebühren.

Low bleibt verschwunden. Er hat jedoch über eine amerikanische PR-Agentur eine Website zu seiner Verteidigung eingerichtet. "Ich bin unschuldig", schreibt er da. Die Rechte an seiner Geschichte wurden unterdessen an Hollywood verkauft, doch ob DiCaprio diesmal mitspielt, ist unbekannt.

Im Video: Eine Bank lenkt die Welt

Foto: polyband
insgesamt 52 Beiträge
OhMyGosh 16.11.2018
1. "Verwerfliche Aktionen Einzelner"
"Verwerfliche Aktionen Einzelner" - ach nee, wirklich??? Gehören derartige Praktiken nicht längst zum Bewerbungsprofil des international operierenden Banksterunwesens? Verlogener geht es ja nun wirklich nicht mehr. [...]
"Verwerfliche Aktionen Einzelner" - ach nee, wirklich??? Gehören derartige Praktiken nicht längst zum Bewerbungsprofil des international operierenden Banksterunwesens? Verlogener geht es ja nun wirklich nicht mehr. Gewöhnt euch endlich an die Volksweisheit: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Die beschreibt nämlich sinnfällig das arrogante Geschnösel der Großbanken mit dem Geld der Anderen. Von wegen, Pecunia non olet („Geld stinkt nicht“). Und wie das stinkt. Zum Himmel.
Kater Bolle 16.11.2018
2. Na ja
wieder mal die Bänker... Wundert mich nicht mehr. Passt zu meinem Bild der Bankbranche. Meine Vorurteile werden erneut bestätigt. Jetzt weis ich auch warum die Akten über den Goldman Sachs-Griechenland deal und den Tresoren [...]
wieder mal die Bänker... Wundert mich nicht mehr. Passt zu meinem Bild der Bankbranche. Meine Vorurteile werden erneut bestätigt. Jetzt weis ich auch warum die Akten über den Goldman Sachs-Griechenland deal und den Tresoren der EZB lageern. Der EUGH hat damals die Herausgabe per Urteil verhindert. Der EUGH ist so zu sagen der Libero für die EU und die Finanzbranche. Da müssen ja wohl tolle Dinge drin stehen. Zu der Zeit war Herr Draghi ja Europa Chef bei Goldman. Ein Schelm wer da böses denkt. Trotz Finanzkrise hat weder die EU noch die Bundesregierung die Finanzbranche "gebändigt", Fazit: Bonis, Millionengehältere und Dividenden für die Bänker und ihre Aktionäre. Wenn knallt zahlt der kleine Mann/Steuerzahler.
frankfurtbeat 16.11.2018
3. da ...
da mag Solomon versuchen die Bank insgesamt als was Gutes darzustellen das von ein paar wenigen bösen Männern beraubt wurde. Banken waren noch nie wirklich etwas seriöses - ganz am Anfang hat man den Goldmünzen Fremdmetalle [...]
da mag Solomon versuchen die Bank insgesamt als was Gutes darzustellen das von ein paar wenigen bösen Männern beraubt wurde. Banken waren noch nie wirklich etwas seriöses - ganz am Anfang hat man den Goldmünzen Fremdmetalle beigemengt ... später wurde daraus dann Cum-Ex oder Immoblase ... Noch immer versucht der freundliche Banker am Schalter die Seriosität mittels Krawatte zu unterstreichen. Der Staat zwingt einem zum Bankkonto - mit welcher Berechtigung eigentlich? Achso die Steuern ...
anboes 16.11.2018
4. Diese Geschichte macht viele Menschen sprachlos!
Hinter diesen Summen der Geldgier stehen vermutlich unvorstellbare Schicksale der diesen Machenschaften ausgelieferten Menschen, und zwar weltweit. Bis zum Mord ist kein Verbrechen auszuschließen.
Hinter diesen Summen der Geldgier stehen vermutlich unvorstellbare Schicksale der diesen Machenschaften ausgelieferten Menschen, und zwar weltweit. Bis zum Mord ist kein Verbrechen auszuschließen.
vliege 16.11.2018
5. Nur die Spitze des Eisberges
Dieses Beispiel ist nur eines von vielen. Dank des aus dem Nichts erschaffenen billigen Geldes bewegen wir uns auf die nächste und mMn endgültige Katastrophe der Finanzwelt zu. Das absurd viele Geld im Umlauf ist durch nichts [...]
Dieses Beispiel ist nur eines von vielen. Dank des aus dem Nichts erschaffenen billigen Geldes bewegen wir uns auf die nächste und mMn endgültige Katastrophe der Finanzwelt zu. Das absurd viele Geld im Umlauf ist durch nichts zu rechtfertigen. Einige wenige Gierhälse bekommen den Hals nicht voll und ruinieren damit die gesamte schon erheblich wackelnde Weltordnung. Es sind wie immer Goldmänner die ganz vorne mitmischen oder solche Praktiken initiieren. Die Firmenphilosophie ist wohl auf Betrug aufgebaut und es wird dem kein Einhalt von Staatlicher Seite aufgezeigt. Zu groß sind die Verflechtungen zwischen Politik und Finanzwelt. Die Schlüsselpositionen auf der politischen Entscheidungsebene werden strategisch besetzt/ gekauft. Ob sie nun Goldman Sachs oder Black Rock heißen, die Liste der (ehemaligen) Gehaltsempfänger in der Politik ist lang. Der nächste Crash wird wie immer zum Nachteil der Allgemeinheit sein. Die "Systemrelevanz" ist halt DAS bestimmende Argument und das scheue Reh des ewigen Wachstums darf auf keinen Fall im geringsten reguliert werden. Das endet nach Ansicht der Neoliberalen Kapitalisten im Sozialismus.

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