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Wirtschaft

Unterstützungsgeld

Nur 2000 Anträge auf Pflege von Angehörigen

Mit Lohnersatz und Darlehen will der Staat Arbeitnehmer bei der Pflege von Angehörigen unterstützen. Doch einem Bericht zufolge wird das Angebot kaum wahrgenommen. Verbände überrascht das nicht.

DPA

Pfleger mit Rollstuhl (Archivbild)

Dienstag, 20.10.2015   12:44 Uhr

Der Staat will pflegende Angehörige unterstützen, doch sein Angebot stößt auf wenig Interesse: Für das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld zahlten die Pflegekassen bis Mitte des Jahres lediglich 1,2 Millionen Euro aus, melden die Zeitungen der Funke-Mediengruppe unter Berufung auf das Bundesfamilienministerium. Die ausgezahlte Summe entspricht demnach rund 2000 genehmigten Anträgen.

Das Pflegeunterstützungsgeld ist ein staatlicher Zuschuss, den Angehörige als Lohnersatz erhalten, wenn sie bis zu zehn Arbeitstage lang wegen der Pflege von Angehörigen nicht arbeiten gehen. Zudem können sich Beschäftigte für bis zu sechs Monate freistellen lassen und für diese sogenannte Pflegezeit ein zinsloses Darlehen erhalten.

Solche Kredite bekamen dem Bericht zufolge lediglich 169 Pflegende gewährt. Die Darlehen müssen nach dem Ende der Pflegezeit zurückgezahlt werden.

Die zur finanziellen Entlastung der Pflegenden gedachten Leistungen traten mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz im Januar in Kraft. Beantragen kann das Geld, wer sich kurzfristig um einen Angehörigen kümmern muss. In Deutschland werden dem Bericht zufolge 1,25 Millionen Menschen allein von ihren Angehörigen gepflegt.

"Pflegende müssen sich hoch verschulden"

Der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Werner Hesse, forderte dem Bericht zufolge eine finanzielle Unterstützung von pflegenden Angehörigen aus Steuermitteln. "Nur so wird die Familienpflegezeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ausreichend gewürdigt", sagte Hesse. Die Notwendigkeit, das Einkommen in dieser Zeit auf Darlehensbasis zu sichern, schränke für viele die Möglichkeit der Inanspruchnahme ein.

Auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisierte das Angebot der zinslosen Darlehen. "Pflegende müssen sich hoch verschulden, um ihren schweren Dienst zu leisten. Wir brauchen ein Konzept wie beim Elterngeld." Abhängig vom Einkommen könne dann über einen längeren Zeitraum Geld gewährt werden, das nicht zurückgezahlt werden müsse.

Anfang des Jahres trat das erste Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Mit der Pflegereform, die schrittweise bis 2016 umgesetzt werden soll, ist eine Erhöhung des Beitrags zur Pflegeversicherung verbunden. Zu Jahresbeginn stieg er von 2,05 Prozent auf 2,35 Prozent. 2017 kommt eine weitere Steigerung um 0,2 Punkte hinzu. Beide Erhöhungen bringen zusammen fünf Milliarden Euro. Zuletzt hatte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einmalig weitere 4,4 Milliarden Euro für die Pflegereform veranschlagt.

mxw/AFP

insgesamt 11 Beiträge
Holzbeinschnitzer 20.10.2015
1. Pflege- und Gesundheitsreform
Leider auch wieder nur ein Flickwerk-Reförmchen. Im Gesundheitswesen wird leider bei Reformfragen schon lange nur reagiert und nicht mehr agiert. Das ganze Thema muss grundlegend neu ausgearbeitet werden und auf finanziell [...]
Leider auch wieder nur ein Flickwerk-Reförmchen. Im Gesundheitswesen wird leider bei Reformfragen schon lange nur reagiert und nicht mehr agiert. Das ganze Thema muss grundlegend neu ausgearbeitet werden und auf finanziell sichere Beine gestellt werden. Hier fehlt leider der politische Mut! (Wille?)
melaw 20.10.2015
2. Abstimmung mit demografischen Füßen
Kinder kriegen ist undankbar in Deutschland, also lässt man es. Doch - Pflegefälle kriegen kann man nicht lassen. Der Staat sollte zumindest den Anstand haben, die demographischen Probleme nicht wie sonst nur mit einem Scheck [...]
Kinder kriegen ist undankbar in Deutschland, also lässt man es. Doch - Pflegefälle kriegen kann man nicht lassen. Der Staat sollte zumindest den Anstand haben, die demographischen Probleme nicht wie sonst nur mit einem Scheck lösen zu wollen. Die Menschen, die pflegen, brauchen in erster Linie Entlastung und Unterstützung.
quark2@mailinator.com 20.10.2015
3.
Nachdem ich da mit 3 Angehörigen durch bin kann ich nur sagen, das ist ein finsterer Bereich in unserer Gesellschaft. Es gibt teilweise auch Lichtblicke, keine Frage, aber zu viele Menschen müssen am Ende ihres Lebens extrem [...]
Nachdem ich da mit 3 Angehörigen durch bin kann ich nur sagen, das ist ein finsterer Bereich in unserer Gesellschaft. Es gibt teilweise auch Lichtblicke, keine Frage, aber zu viele Menschen müssen am Ende ihres Lebens extrem harte Umstände erdulden. Da wird man schon mal gebeten, den Prozeß abzukürzen, was unerträglich bitter ist, weil man ja schon tut, was man nur irgend kann. Z.T. ist es total abstrus - Geld ist da für eine Sache, die nicht gebraucht wird. Man hat mehrere Kartons von irgendwas, wenn man nicht aufpaßt. Aber bei einer anderen Sache sind die vorgeschriebenen Mengen viel zu niedrig und man weiß nicht, wie man hinkommen soll. Beides wird aus der gleichen Kasse bezahlt, aber man hat nicht die Möglichkeit, von dem einen weniger zu nehmen und dafür von dem anderen mehr zu bekommen. Die Pflegedienste tricksen, damit es überhaupt geht. Da wird A abgerechnet, um Zeit für B zu haben, ohne das es nicht geht. Bei DEM Lohn noch gezwungen zu sein, sich auch noch rechtlich aus dem Fenster zu lehnen, ist der Hammer. Ich kann den Einsatz der Pflegekräfte nur dankbar und lobend erwähnen. Warum bekommen die nicht mal so 500 Bundesverdienstkreuze, statt immer nur irgendwelche Leute, die eh schon alles haben :-( ? Und was die Angehörigen angeht ... tja ... Seinerzeit wurde die Familie ja als etwas angesehen, um das man sich einfach kümmert - Kinder, Kranke, Greise ... nun wird das langsam eine geldwerte Leistung. Hmmm. Ein komisches Gefühl. Irgendwo macht es Sinn, wenn die Gesellschaft diese Leistung zahlt, aber irgendwie auch nicht. Ich habe es jedenfalls gern für meine Leute getan, ohne was haben zu wollen, aber angesichts der Verarmung breiterer Schichten in unserem Land muß das Geld irgendwoher kommen. Wir brauchen ENDLICH eine Rückverteilung von oben nach unten. Die Arbeitsproduktivität steigt ständig, aber das breite Volk profitiert nicht davon (siehe auch Verfall der Infrastruktur).
jokermanex 20.10.2015
4.
.... weil es einfach kompliziert ist und pflegende Angehörige genug Zeit zur Lösung von Disputen mit Ämtern, Behörden. Krankenkasse aufbringen müssen und irgendwann mal die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Selbst wenn [...]
.... weil es einfach kompliziert ist und pflegende Angehörige genug Zeit zur Lösung von Disputen mit Ämtern, Behörden. Krankenkasse aufbringen müssen und irgendwann mal die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Selbst wenn damit potentielle Entlastungen verbunden sind. Leider ist DAS System ungerecht, z. B. ist unverständlich, dass zusätzliche Betreuungsleistungen zwar von Angehörigen erbracht werden sollen, doch diese nicht aus vorhandenen Mitteln erstattet werden. Dies geht nur, wenn solche Leistungen z. B. bei Sozialdiensten teuer eingekauft werden! Das ist Geldverschwendung und Subventionierung von diesen kommerziellen Anbietern. Man darf sich gerne mal die Kosten dafür anschauen; nur ein Bruchteil davon gelangt bei den ausführenden Bediensteten! Weiter ist die Provinz massiv bzgl. Angebot benachteiligt; man vergleiche z. B. Angebote im Ballungsraum Stuttgart mit det Provinz Oberschwaben. .... Also, aufm Papier klingt alles nett, doch die Realität zeigt was anderes. Dabei sehe ich mal von tw. eklatat schlechter Beratung der eigentlich verantwortlichen Stellen ab.
Nordstadtbewohner 20.10.2015
5.
Die Pflege eines Familienangehörigen ist Aufgabe der Familien selbst und nicht des Steuerzahlers, wie es von den beiden im Artikel erwähnten Lobbyisten erwähnt wird.
Die Pflege eines Familienangehörigen ist Aufgabe der Familien selbst und nicht des Steuerzahlers, wie es von den beiden im Artikel erwähnten Lobbyisten erwähnt wird.

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