07.01.2016
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Indien, Chile und Co.

Die Energie-Supermächte der Zukunft

Von Nils-Viktor Sorge
REUTERS

Windturbinen und Seltene Erden in China: Neue Player erobern den Energiemarkt

Sie bauen im großen Stil Kohle ab, setzen auf Ökostrom und Super-Batterien. Fünf Staaten schicken sich an, Russland und Saudi-Arabien als Energiemächte abzulösen. Mit dabei: Deutschland.

Öl, Kohle, Gas - die Preise für Energierohstoffe sind im freien Fall. Darunter leidet unter anderem Russland, dessen Konjunktur regelrecht eingebrochen ist. Saudi-Arabien wiederum versucht verzweifelt, mit einem Ölpreiskrieg seine Position auf dem Energieweltmarkt zu behaupten, häuft ein gigantisches Staatsdefizit an und erwägt sogar, Teile des staatlichen Ölkonzern Saudi Aramco an der Börse zu verkaufen.

Die Probleme der zwei Energie-Supermächte verdeutlichen einen Trend: Die Energieversorgung verändert sich in vielen Staaten der Erde. Der weltweite Wandel hat Folgen für die globalen Machtverhältnisse.

Eine wachsende Zahl von Fachleuten rechnet damit, dass Energie trotz wachsender Weltwirtschaft weiter billig bleibt. Ein riesiges Angebot steht einer nur langsam wachsenden Nachfrage gegenüber. Je länger das so bleibt, desto größer werden die Probleme für Scheichs und Despoten - aber auch für Demokratien, die stark auf den Export von Energierohstoffen setzen.

Gleichzeitig bauen viele Länder heimische Energiequellen aus. Andere profitieren als Industrie-Zulieferer zusehends vom Aufschwung von Windkraft, Solarenergie und Elektroautos.

Folgende fünf Staaten haben das Zeug, Saudi-Arabien, Russland und Co. als Energie-Supermächte zu beerben.

1. Indien: Die angehende Solarmacht

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Solarlampen in Indien: Versorgung mit erneuerbaren Energien steigt

Noch ist Indien wie kaum ein anderer Staat bekannt für seine Energiearmut. Hunderte Millionen Einwohner sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Im heißen Sommer kommt es immer wieder zu Blackouts, weil die Kraftwerke nicht genügend Elektrizität erzeugen.

Doch Präsident Narendra Modi hat Energie zur Chefsache erklärt. So will Indien seine Kohleproduktion massiv ausbauen. Das macht das Land unabhängiger von Importen.

Außerdem soll bis 2022 die installierte Solarenergie-Leistung von derzeit 5 auf dann 100 Gigawatt wachsen. Die Anlagen würden in der vollen Mittagssonne so viel Strom erzeugen wie 100 Atomkraftwerke.

Schon jetzt beginnen Firmen aus aller Welt mit dem Mammutprojekt. Sie finanzieren Kleinanlagen in Dörfern oder bauen riesige Solarparks. Die gute Sonneneinstrahlung in Indien führt dazu, dass Solarparkbetreiber ihren Strom teils bereits billiger anbieten als Kohlekraftwerke. Kein Wunder, dass im Kohle-Exportland Australien bereits die Angst vor einer Solarmacht Indien wächst, die auch andere Schwellenländer inspiriert und mit Technik beliefert.

2. USA: Die Energie-Revoluzzer

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Batteriefabrik von Tesla: Konzerne verknüpfen die Tech- mit der Energiewelt

Warum die USA? Sind die nicht schon eine Energie-Supermacht?

In Sachen Verbrauch trifft das wohl zu, bei der Produktion nur zum Teil: So importiert die größte Volkswirtschaft der Welt trotz Fracking netto noch immer gut ein Viertel ihres verbrauchten Öls.

Doch der Trend ist eindeutig: Die Vereinigten Staaten bauen ihre Energiewirtschaft massiv aus. Beim Erdgas sind sie bereits Selbstversorger, Industrie und Verbraucher profitieren von niedrigen Preisen.

Nun steigern die USA auch zunehmend ihre Exporte. Mehrere Terminals zur Gasverflüssigung, mit denen sich der Rohstoff per Schiff um die Welt schicken lässt, gehen in den kommenden Jahren in Betrieb. Zudem sind dank einer Gesetzesänderung künftig Öl-Ausfuhren erlaubt.

Nicht zuletzt etablieren sich die USA als Vorreiter in sauberer Energietechnik. Solar- und Windenergie sind auf dem Vormarsch, die Anlagen werden zum großen Teil im eigenen Land produziert. Das US-Unternehmen Tesla Chart zeigen ist mit seiner im Bau befindlichen Giga-Batteriefabrik zudem ein globaler Vorreiter bei Elektroautos und Speichern. Apple Chart zeigen , Google Chart zeigen und Co. interessieren sich ebenfalls zunehmend für Elektroautos, erneuerbare Energien und softwaregestützte Energie-Steuerung.

Das alles stärkt Amerika und schwächt die klassischen Energie-Supermächte.

3. China: Angehende Wind- und Solarschwemme

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Chinesische Stadt Damo: "Willkommen in der Region der Seltenen Erden"

Viel hilft viel - das scheint Chinas Motto für seine Energiepolitik zu sein. Angesichts von Smog und nachlassendem Wirtschaftswachstum baut das Land verschiedene Energieträger in schnellem Tempo aus und hat große Pläne. Einige Beispiele:

• Bis 2025 soll die Leistung von Windkraftanlagen auf 350 Gigawatt steigen.

• Bis 2020 sollen Solaranlagen mit einer Leistung von 200 Gigawatt entstehen.

• Im selben Zeitraum will Peking 40 Atomkraftwerke fertigstellen.

Für die Analysten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) ist China bereits das Top-Schwellenland bei sauberen Energien. Wie kaum ein anderer Staat achtet die Volksrepublik darauf, dass die Anlagen aus heimischer Produktion stammen. Das gilt auch für Stromnetztechnik, Batterien und Elektroautos - Bereiche, in denen Peking ebenfalls seinen internationalen Führungsanspruch angemeldet hat.

Unter den chinesischen Unternehmen entstehen dabei potenzielle Weltmarktführer: BYD (Batterien, Elektroautos, Busse), Kandi (Elektroautos) oder Solarkonzerne wie Trina, Jinko und Yingli. Zugute kommt dem bevölkerungsreichen Land, dass es über große Vorkommen an Seltenen Erden wie Neodym verfügt. Diese finden zum Beispiel in Elektromotoren und Windturbinen Anwendung.

4. Chile: Die Batterie-Macht

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Lithium-Reserven in der Atacama-Wüste: Rohstoff für Batterien

Immer mehr Investoren stecken Milliarden in Chiles Energiesektor. Im Bloomberg-Ranking der Erneuerbare-Energien-Topländer liegt der südamerikanische Staat inzwischen auf Rang drei.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Chile bietet zuverlässige Winde und extrem starke Sonneneinstrahlung - beste Bedingen für Wind- und Solarenergie. Das Land gilt dadurch als Vorreiter für eine subventionsfreie Integration erneuerbarer Energien ins Stromsystem.

Zudem verfügt Chile nach Angaben der US-Regierung über die weltweit mit Abstand größten Lithium-Reserven. Das Metall findet sich in hoher Konzentration in Salzseen in der Atacama-Wüste und dient als bedeutender Grundstoff für Lithium-Ionen-Batterien. Diese finden sich verstärkt in Autos, Stromspeichern und elektronischen Geräten aller Art.

5. Deutschland: Schwarmintelligenz für sauberen Strom

manager magazin

Strom-Selbstversorger in der Eifel: Millionen kleine Stromproduzenten

Für seine Energiewende ist Deutschland weltweit berühmt. Das Mammutprojekt dient sowohl als Vorzeige- als auch als Negativbeispiel. Zwar sind einzelne Bestandteile der Energiewende schlecht aufeinander abgestimmt, und das Vorhaben ist wenig mit anderen Ländern koordiniert. Doch unterm Strich hat sich die Bundesrepublik im Wettrennen um die Energieversorgung der Zukunft vielversprechend positioniert.

Vor allem in der Windkraft sind Tausende Arbeitsplätze entstanden, und es werden mehr. Firmen wie Siemens, Nordex und Enercon spielen weltweit oben mit. Dies auch technologisch, wie im Bereich der Offshore-Windparks oder bei Schwachwindrotoren.

Zudem investieren auch private und gewerbliche Verbraucher sowie Finanzkonzerne Milliarden in Deutschlands Energieversorgung. Dabei entsteht ein weltweit einmaliges System, das zentrale und dezentrale Energieversorgung kombiniert.

Gelingt der Umbau, ist das System eine Blaupause für andere Industrieländer, an deren Export deutsche Firmen gut verdienen könnten. Denn so geht Energie-Supermacht in Zukunft: Nicht Rohstoffe sind in erster Linie gefragt, sondern Technik und Ideen.

Energiewende global - fünf herausragende Projekte

Die Solarstadt

Dezhou gilt als Welthauptstadt des Solarbooms. Mehr als 120 Erneuerbare-Energie-Firmen mit einem Umsatz von mehreren Milliarden Dollar haben sich in der Stadt im Osten Chinas niedergelassen. Besonders bekannt ist Dezhou für die vielen Anlagen, die Sonnenenergie in thermische Energie umwandeln. Insgesamt wird diese Technologie in Dezhou auf einer Fläche von gut drei Millionen Quadratmetern genutzt. Damit gibt es in dieser Stadt so viel Solarthermie wie in der gesamten EU.

Der Öko-Wolkenkratzer

Das Empire State Building, eines der wichtigsten Wahrzeichen von New York City, ist inzwischen auch eine Ikone des Ökozeitalters. Das im Jahre 1930 erbaute Gebäude wurde vor kurzem komplett energetisch saniert. Der Energieverbrauch des Wolkenkratzers konnte um fast 40 Prozent reduziert werden, die Kostenersparnis für Heizung und Strom beläuft sich auf gut 4,4 Millionen pro Jahr.

Biogas-Boom in Vietnam

Seit 2006 sind in Vietnam 146.000 Biogasanlagen errichtet worden. Die Regierung will den Menschen auf dem Land so saubere und bezahlbare Energie zur Verfügung zu stellen. Das Biogas wird zum Kochen benutzt und ersetzt fossiles Gas oder die Nutzung von Brennholz. Die Rückstände der Biogasanlagen werden als Düngemittel genutzt. Jede einzelne Anlage spart im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken pro Jahr rund fünf Tonnen CO2 ein. Mehr als 1600 Maurer und gut 1000 Techniker wurden eigens für den Biogas-Boom ausgebildet.

Die Solarzellen-Verleiher

Nicht jeder kann oder will sich eine Solaranlage kaufen. Unternehmen wie Solar City, Sungevity oder Sun Run bieten daher Leasing-Konzepte an. Sie installieren die Anlagen umsonst auf Dächern und verkaufen den produzierten Strom an die Hausbesitzer. Laut einer Erhebung von Lichtblick und dem WWF können Kunden ihre Stromrechnung dadurch um bis zu 30 Prozent senken. Besonders erfolgreich sind die Zellenverleiher in den USA: Dort ist der Solarmarkt für Privathaushalte inzwischen zu 70 bis 80 Prozent ein Leasing Markt.

Energiewende in New York

New York steht vor einem großen Wandel. Bis 2025 soll nach dem Willen von Gouverneur Andrew Cuomo die Hälfte der Energie in dem US-Bundesstaat und seiner ikonischen Stadt aus erneuerbaren und dezentralen Quellen erzeugt werden. Unter anderem sollen dazu viele kleine Ökostrom- und Speicheranlagen zu einer Art virtuellem Kraftwerk kombiniert werden. Einkommensschwache Bürger sollen von einer effizienteren und kostengünstigeren Versorgung profitieren. Das Projekt könnte, sofern es denn Erfolg hat, Vorbild für andere US-Bundesstaaten sein.

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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 200 Beiträge
1.
ir² 07.01.2016
Man kann gar nicht in einem Forumskommentar auf diesen geballten Unsinn eingehen, man bräuchte genau so viele, wenn nicht mehr, Zeilen als der Beitrag selbst lang ist. Nur soviel, KEINES der Argumente kann einer technischen [...]
Man kann gar nicht in einem Forumskommentar auf diesen geballten Unsinn eingehen, man bräuchte genau so viele, wenn nicht mehr, Zeilen als der Beitrag selbst lang ist. Nur soviel, KEINES der Argumente kann einer technischen Überprüfung stand halten da die physikalisch-technischen Defizite der Sonnen- und Windstromerzeugung den Träumereien des Autors Lügen strafen. Und Deutschland als "Schwarmintelligenz" Stromerzeuger ist ein Aprilscherz eines technisch Ahnungslosen...
2.
soulbrother 07.01.2016
Es hat eine Weile gedauert aber nun scheint man endlich die Vorteile der Energiewende zu erkennen - und dass Deutschland nicht alleine dasteht.
Es hat eine Weile gedauert aber nun scheint man endlich die Vorteile der Energiewende zu erkennen - und dass Deutschland nicht alleine dasteht.
3. Energiewende
Ein Dr. 07.01.2016
a la Deutschland sieht folgendermassen aus: Alle zusaetzlichen Kosten werden auf die Privathaushalte umgelegt und die Grossbetriebe machen weiter wie immer.
a la Deutschland sieht folgendermassen aus: Alle zusaetzlichen Kosten werden auf die Privathaushalte umgelegt und die Grossbetriebe machen weiter wie immer.
4. Und nicht zu vergessen: Russland
marcnu, 07.01.2016
Siehe Bericht der Lappeenranta University of Technology: www.eurekalert.org/pub_releases/2015-12/luot-rcb123015.php
Siehe Bericht der Lappeenranta University of Technology: www.eurekalert.org/pub_releases/2015-12/luot-rcb123015.php
5. Nicht fossile Energie
butzibart13 07.01.2016
Gerade Chile, das ich vor kurzem besucht habe, ist so ein heimlicher Aufsteiger. Zur Zeit politisch leicht links relativ stabil, bietet die Atacama mit ihrem Dauersonnenschein die ideale Lösung für Solarstrom und das immer [...]
Gerade Chile, das ich vor kurzem besucht habe, ist so ein heimlicher Aufsteiger. Zur Zeit politisch leicht links relativ stabil, bietet die Atacama mit ihrem Dauersonnenschein die ideale Lösung für Solarstrom und das immer windige Patagonien bis hin zum Kap Hoorn und entsprechend das vorgelagerte Meer gute Voraussetzung für Windkraftenergie. Das Lithium aus den Salzseen im Norden kommt als Wirtschaftsfaktor hinzu.
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