Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

G20-Treffen in Baden-Baden

Gruppentherapie mit Amerikanern

Der US-Finanzminister verhindert eine Absage an den Protektionismus, afrikanische Amtskollegen hoffen auf mehr Handel: Das G20-Treffen zeigt, dass die Welt unter Donald Trump auch wirtschaftlich nicht mehr dieselbe ist.

REUTERS

Gruppenbild der G20-Finanzminister in Baden-Baden, 17. März 2017

Aus Baden-Baden berichtet
Samstag, 18.03.2017   17:55 Uhr

Als die Rede auf Donald Trump kommt, muss Amadou Ba grinsen. "Natürlich leben wir in einer immer offeneren Welt", sagt der Finanzminister des Senegal. Deshalb werde es "sehr, sehr, sehr, sehr, sehr schwierig", sich wieder abzuschotten.

Genau dieses Vorhaben jedoch verfolgt die Regierung Trump offenbar weiterhin. Nach Angela Merkels durchwachsenem Antrittsbesuch in Washington hat das nun auch das Treffen der G20-Finanzminister und Notenbankchefs in Baden-Baden gezeigt.

Lange wurde dort darum gerungen, ob sich die führenden Industrie- und Schwellenländer wie in der Vergangenheit für offene Märkte und gegen Protektionismus aussprechen. Am Ende aber setzten sich die Amerikaner durch: Die Abschlusserklärung enthält lediglich das komplett vage Bekenntnis, "den Beitrag von Handel zu unseren Volkswirtschaften zu stärken". Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versuchte erst gar nicht, dies schönzureden. Man habe sich "auf Formulierungen verständigt, die in der Sache nicht viel weiterführend sind - wenn überhaupt", sagte er nach Abschluss des Treffens.

Was bei all der Aufregung um den protektionistischen Kurs der USA leicht in Vergessenheit gerät: Im Gegensatz zu Trump wünschen sich viele Länder mehr Vernetzung mit dem Rest der Welt. Das gilt besonders für den afrikanischen Kontinent, der innerhalb der G20 nur durch Südafrika vertreten wird und bislang nur etwa zwei Prozent des Welthandels ausmacht.

Deshalb sitzt Ba nun in der holzlastigen Bauernstube eines Hotels in Baden-Baden und erzählt vom "Compact with Africa". Das Projekt der deutschen G20-Präsidentschaft soll private Investitionen in vorerst fünf afrikanischen Ländern fördern, der Senegal ist eines davon. Dass Länder wie seines in Baden-Baden überhaupt teilnehmen können, ist für Ba ein großer Fortschritt, den Pakt nennt er "revolutionär".

Wie viel die Initiative aber wirklich bringt, ist offen. Konkrete Zusagen sind in der Abschlusserklärung von Baden-Baden jedenfalls Mangelware. Stattdessen wird vor allem auf die Berichte anderer Institutionen wie des Internationalen Währungsfonds oder der afrikanischen Entwicklungsbank Bezug genommen.

SPIEGEL ONLINE

Amadou Ba

"Wenn sie nur Initiativen zusammenschreiben, sind die G20 kein relevantes Forum", kritisiert Friederike Röder, die für die Entwicklungshilfeorganisation One nach Baden-Baden gereist ist. Der Pakt müsse mit einer Verdopplung öffentlicher Entwicklungshilfe flankiert werden, besonders für die Bildung. "Kein Investor interessiert sich für ein Land, in dem Leute nicht lesen und schreiben können."

Komfortzone für den Finanzminister

Auch der Senegalese Ba beklagt den geringen Entwicklungsstand der heimischen Wirtschaft. Bislang könnten afrikanische Länder oft nur Rohstoffe exportieren, ohne sie vor Ort weiterzuverarbeiten. "Das schafft keine Arbeitsplätze." Ba hätte auch sagen können: Das bestehende Handelssystem ist für uns sehr unfair.

Diese Klage aber übernehmen in Baden-Baden ausgerechnet jene, die den Freihandel über Jahrzehnte mit fast schon religiösem Eifer vorangetrieben haben: US-Finanzminister Steven Mnuchin wiederholte vor den G20-Kollegen noch einmal die Forderung seines Präsidenten, dass Handel fair sein müsse. Und fair bedeutet in Trumps Augen nun mal: Ihr kauft so viel von uns wie wir von euch.

"Dass Handel auch was mit Wettbewerb zu tun hat, davon hat er nicht gesprochen", berichtet ein deutsches Delegationsmitglied einigermaßen fassungslos. Nach Mnuchins Auftritt hätten zahlreiche Länder vehement widersprochen, die US-Delegation aber sei weitgehend verstummt. Selbst wenn er gewollt hätte: Ohne seinen Chef konnte Mnuchin offenbar wenig entscheiden.

Schon früh gibt es in Baden-Baden deshalb Versuche, die Erwartungen an das Treffen zu mindern und gleichzeitig wohlwollende Signale an die Amerikaner zu schicken. Einer davon kommt von Angel Gurría, dem Chef der Industrieländerorganisation OECD.

Gurría stammt aus Mexiko, auch wenn sein Englisch und die Vehemenz des Vortrags immer eher an einen US-Amerikaner erinnern. "Diese Treffen drehen sich nicht um Kommuniqués!", behauptet er bei einem Auftritt mit Gastgeber Schäuble. Man freue sich, dass Mnuchin überhaupt da sei. "Wir wollen, dass er sich zu Hause fühlt, wollen eine kleine Komfortzone für ihn kreieren." Es klingt eher nach einer Gruppentherapie als einem Treffen von Finanzpolitikern.

Ein bisschen Lob für Trump

Später lobt Gurría dann noch mehrere Vorhaben Trumps. Die US-Unternehmenssteuern seien im internationalen Vergleich sehr hoch - Trump will sie senken. Außerdem plant der Präsident massive Investitionen in die Infrastruktur. "Wir halten das für eine gute Idee", sagt Gurría. Gerade hat er mit Schäuble einen Report vorgestellt, demzufolge solche Investitionen der wichtigste Schritt für mehr Wachstum in den USA wären. "So unvernünftig sind die Vorschläge nicht", sagte der Bundesfinanzminister am Ende der Tagung noch einmal.

Es ist ja nicht so, als ob das Ausland alle Vorhaben Trumps ablehnen würde. Auch in anderen Ländern ist der Blick auf die Schattenseiten der Globalisierung heute kritischer als noch vor wenigen Jahrzehnten. So betonen Schäuble und Gurría bei ihrem Auftritt etwa beide, zu große soziale Ungleichheit hemme Wachstum - eine relativ neue Überzeugung.

Nur wäre man im Rest der Welt wohl froh, wenn Trump mit seinen Entscheidungen nicht regelmäßig die Prinzipien jahrelanger Zusammenarbeit über Bord werfen würde. Das gilt auch für ein Bekenntnis zur Finanzierung von Klimaschutzprojekten, das ebenfalls auf amerikanischen Druck nicht mehr in der Abschlusserklärung auftaucht.

Die Hoffnung auf eine Rückkehr zu mehr Kooperation will Schäuble zumindest noch nicht aufgeben. "Manchmal muss man sich bei solchen Tagungen eben darauf beschränken, dass man keinen Partner überfordert", sagt er. Möglicherweise müssten ja manche G20-Mitglieder erst "ein Gefühl dafür kriegen, wie internationale Zusammenarbeit geht."

insgesamt 54 Beiträge
mediendienst 18.03.2017
1. Und warum setzten sich am ende die Amerikaner durch?
Weil sie die Wirtschaftsnation Nummer 1 sind. Da gelten andere Gesetzmäßigkeiten, als für den Senegal. Außerdem findet ja Welthandel schon statt. Und so viel davon, dass die ganzen Schiffe, die mit Waren um den halben Globus [...]
Weil sie die Wirtschaftsnation Nummer 1 sind. Da gelten andere Gesetzmäßigkeiten, als für den Senegal. Außerdem findet ja Welthandel schon statt. Und so viel davon, dass die ganzen Schiffe, die mit Waren um den halben Globus fahren, einen hohen Anteil an der Erderwärmung haben. Der US-Finanzminister, der ja lieber in Washington bei trump und Merkel gewesen wäre, vertritt den Kurs seines Präsidenten. Und darauf haben sich die deutschen Politiker einzustellen. Denn für genau so eine Arbeit wurden sie gewält. Merkel wie Schäuble. Denn auch wenn der Bundestag gewählt wurde, die Wähler wusste, welche Leute in der Regierung man mit seiner Stimme bekommt. Dabei gab es schon vor dem Treffen von Merkel und Trump gute Nachrichten für Deutschland. Und um das geht es ja. Denn Immer wenn Trump über Merkel gelästert hatte, kam von ihm der Zusatz "was sie Deutschland angetan hat" (oder so ähnlich). Trump hat also weniger Deutschland angegriffen, sondern mehr Merkels Politik. In diesem Sinne: hoffentlich schafft sie es nach gestern in den kommenden Monaten, eine persönliche Gesprächsebene aufzubauen. Denn dann klappt es mit den Handelsverhandlungen auch gleich um einiges besser. Der Japanische Staatschef hat es jetzt schon hinbekommen. War mit ihm sogar auf Wochenende in Florida. Und der Kanadische, Irische und die Britische Regierungschefin haben den Vorteil der gemeinsamen Sprache. So etwas verbindet. Jetzt wartet viel Arbeit für Merkel. Weniger für Schäuble. Denn Trump lässt seine Leute arbeiten. Innerhalb seiner Vorgaben. Und deshalb muss Merkel liefern. In zukünftigen telefonaten und Treffen mit Trump. Für Deutschland. Denn das ist ihre Aufgabe als unsere Kanzlerin.
birdie 18.03.2017
2. Das t-Rumpelstielzchen hat also seinen Knechten die Marschorder gegeben, ...
ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten seinen Kurs in Sachen isolatorischer Handelsbeziehungen durchzupauken. Und die kleinmütigen Europäer kuschen lieber als auf die Pauke zu hauen und die Trumpknechte mit einem saftigen [...]
ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten seinen Kurs in Sachen isolatorischer Handelsbeziehungen durchzupauken. Und die kleinmütigen Europäer kuschen lieber als auf die Pauke zu hauen und die Trumpknechte mit einem saftigen Fusstritt in den Allerwertesten auf vorzeitige Heimreise zu schicken. Wer sind wir eigentlich, uns von ein einem präsidialen Dilletanten herumkommandieren zu lassen. Wenn er also Zoff will, dann sollten wir ihm soviel Zoff bescheren, dass sogar die Amerikaner wach werden und anfangen über ein impeachment nachzudenken.
einwerfer 18.03.2017
3. Schönes Gruppenbild
Es zeigt sehr typisch die Haltung welcher der holländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe gegenüber Schäuble einnimmt. Die Holländer haben dies ihm und seiner Partei (PvdA) bei der letzten Wahl überzeugend [...]
Es zeigt sehr typisch die Haltung welcher der holländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe gegenüber Schäuble einnimmt. Die Holländer haben dies ihm und seiner Partei (PvdA) bei der letzten Wahl überzeugend gedankt.
Jimbofeider 1 18.03.2017
4. Credo
Amerikas neues Credo , nur soviel Kaufen wie es selbst Verkauft. Also ich kann darin nichts schlechtes entdecken, denn mit einem Hyper verschuldeten Staatzu leben das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Amerikas neues Credo , nur soviel Kaufen wie es selbst Verkauft. Also ich kann darin nichts schlechtes entdecken, denn mit einem Hyper verschuldeten Staatzu leben das kann auf Dauer nicht gut gehen.
nofreemen 18.03.2017
5. zurück zu alten Schulbüchern
Gut das Schäuble weiß wie internationale Handelszusammenarbeit funktioniert. Der deutsche Aussenhandels Überschuss scheinr das aber nicht zu bestätigen. Was jahrzehnte lang usanz war wird nun von einem Mann (Trump) über den [...]
Gut das Schäuble weiß wie internationale Handelszusammenarbeit funktioniert. Der deutsche Aussenhandels Überschuss scheinr das aber nicht zu bestätigen. Was jahrzehnte lang usanz war wird nun von einem Mann (Trump) über den Haufen geworfen und alle reiben sich die Augen. Es ist eben nie zu spät mit Korrekturen zu beginnen. Und Trump ist ein Macher wie es seit dem Mittelalter keinen mrhr gegeben hat (ausser einem der aber grandios scheiterte). Letzterer wurde von den Deutschen bejubelt, Trump wird es nicht. Tatsache ist, Trump wird das Rad nicht neu erfinden, aber die grösse des Umfangs bestimmen. Deutschland hat "fairness" zu lernen. Nicht die Masse der Arbeitsplätze macht es aus, sondern die Balancen. Deutschland hat das noch nicht kappiert.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP