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Wirtschaft

Arm trotz Arbeit

3,2 Millionen Menschen haben mehrere Jobs

Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Konjunktur ist gut - doch immer mehr Beschäftigte in Deutschland gehen mehreren Jobs nach. Eine Arbeit reicht oft nicht zum Leben.

DPA

Restaurantkellnerin (Symbolbild)

Freitag, 13.10.2017   07:31 Uhr

Binnen zehn Jahren ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in Deutschland um rund eine Million gestiegen. Vergangenen März hatten 3,2 Millionen Menschen mehr als einen Job, wie aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hervorgeht. Auch im Vergleich zu März 2016 nahm die Zahl demnach zu. Damals waren knapp 3,1 Millionen Arbeitnehmer betroffen.

Die Linken im Bundestag kritisieren den Anstieg. "Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus. Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig", sagte Fraktionsvize Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte. Viel zu viele Menschen seien arm trotz Arbeit.

Die Arbeitslosigkeit war zuletzt auf ein neues Rekordtief gesunken. Knapp 2,5 Millionen Arbeitslose gab es im September. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nahm in den vergangenen Jahren auch fast kontinuierlich auf knapp 32 Millionen zu. Und so sank auch die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten auf zuletzt 4,9 Millionen.

7,5 Millionen Deutsche arbeiten auf 450-Euro-Basis

Tatsächlich haben viele Menschen mit mehreren Jobs den Angaben der Bundesarbeitsagentur zufolge auch eine sozialversicherungspflichtige Arbeit - aber noch zusätzlich eine geringfügige Beschäftigung. Dies trifft auf 2,7 Millionen Menschen in Deutschland zu. Die Gesamtzahl der geringfügig Beschäftigten war dementsprechend kontinuierlich ansteigend und liegt derzeit bei rund 7,5 Millionen.

Geringfügige Nebenbeschäftigungen auf 450-Euro-Basis wurden durch die Hartz-Reformen begünstigt: Minijobber zahlen mit Ausnahme der Rentenversicherung keine Sozialabgaben - und von der Rentenversicherung kann man sich befreien lassen, was viele auch tun. Lesen Sie hier die Analyse: "Was ist dran am deutschen Jobwunder?"

Mehr als 310.000 Menschen haben derzeit laut der Anfrage neben ihrer sozialversicherungspflichtigen Arbeit mindestens zwei geringfügige Jobs. 260.000 haben dagegen nur mehrere geringfügige Arbeitsverhältnisse. Im Schnitt in jeder achten geringfügigen Beschäftigung wird bei Minijobbern auch noch illegal der Mindestlohn unterschritten.

"Die scheidende Bundesregierung hat hier auf der ganzen Linie versagt", kritisierte Linken-Politikerin Zimmermann. Die Einführung des Mindestlohns sei nicht ausreichend gewesen, um Arbeit existenzsichernd zu machen. Nötig seien dessen Erhöhung und die Abschaffung von "Niedriglohnbeschäftigung in Form der Leiharbeit".

apr/dpa

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