Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Umfrage zur Generation Mitte

Glücklich, zufrieden - Zweifel am Staat

Selten zuvor ging es den 30- bis 59-Jährigen so gut wie heute. Und doch gärt es: Etwa jeder Vierte steht dem Staat negativ gegenüber, zeigt eine Umfrage. So tickt die Generation Mitte.

Getty Images
Von und  (Grafiken)
Dienstag, 14.11.2017   13:00 Uhr

So nah wie in diesem Jahr war die CDU mit ihrem Wahlkampfslogan wohl selten an der Wirklichkeit: "Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben" - so rief es den Bürgern im Spätsommer von Tausenden Plakaten entgegen. Und so sieht es laut einer neuen Umfrage tatsächlich eine sehr große Mehrheit der sogenannten Generation Mitte, also der 30- bis 59-Jährigen. Es ist jene Altersgruppe, die im Berufsleben steht, den Großteil der Steuern und Sozialabgaben zahlt - und die die Mehrheit der Wahlberechtigten stellt.

Die Umfrage, die das Allensbach-Institut im Auftrag des Versicherungsverbands GDV durchgeführt hat, zeichnet das Bild einer ganz überwiegend zufriedenen Generation - und macht zugleich deutlich, dass es Risse in diesem Bild gibt, die vielleicht auch ein bisschen erklären können, warum die Wahl dann doch anders ausging als von der CDU erhofft.

Aber zunächst zum Positiven: Der Generation Mitte geht es so gut wie wohl selten zuvor. Und das weiß sie offenbar auch: Fast 80 Prozent der Befragten schätzen ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut ein (siehe Grafik) - im vergangenen Jahr waren es noch 75 Prozent.

40 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass sich ihre Lebensqualität in den vergangenen fünf Jahren verbessert habe - nur bei 17 Prozent hat sie sich verschlechtert. Auch bei diesen Werten gibt es eine klare Tendenz: Immer weniger Menschen zählen in Deutschland zu den Verlierern und immer mehr zu den Gewinnern (siehe Grafik).

Man kann diese Ergebnisse unterschiedlich interpretieren. Eine Deutungsweise ist folgende: In Zeiten, in denen es so vielen Menschen immer besser geht, fühlen sich die wenigen, denen es schlechter geht, womöglich besonders abgehängt.

Das ist, wie gesagt, nur eine Interpretation. Andere Ergebnisse der Umfrage deuten aber darauf hin, dass viele Menschen zumindest eine soziale Spaltung wahrnehmen. So geben 77 Prozent der Generation Mitte die Verteilung von Einkommen und Vermögen als Schwachpunkt Deutschlands an. Das ist der höchste Wert. Auf Platz zwei folgt das Pflegesystem beziehungsweise der Umgang mit Pflegebedürftigen, auf Platz drei die Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen. Erst danach die Integration von Zuwanderern.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, um welche Themen sich die nächste Bundesregierung besonders kümmern soll: Ganz oben steht dabei ein zukunftssicheres und bezahlbares Gesundheitssystem (84 Prozent), gefolgt von dem Wunsch, die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verringern, den 79 Prozent äußern. Erst danach kommen die allgegenwärtigen Talkshow-Themen zu innerer Sicherheit und Flüchtlingen (siehe Grafik).

Erstaunlich ist, wie wenig die 30- bis 59-Jährigen offenbar darauf vertrauen, dass die Politik die Interessen ihrer Generation ausreichend berücksichtigt. 41 Prozent der Befragten gaben an, wenig Vertrauen zu haben, nur 33 Prozent vertrauen darauf. Besonders groß ist das Misstrauen dabei in den unteren sozialen Schichten: Bei den Befragten mit niedrigem sozioökonomischem Status gab mit 54 Prozent eine Mehrheit an, wenig Vertrauen zu haben (siehe Grafik).

Gerade in den unteren Schichten ist auch die Beziehung zum Staat eher problematisch. 38 Prozent der Gruppe mit niedrigem sozioökonomischem Status gaben an, mit dem Staat überwiegend Negatives zu verbinden. Insgesamt sahen das 27 Prozent der Befragten so (siehe Grafik).

Auch das zeigt, wie groß der Frust bei vielen wirtschaftlich und sozial schwächeren Menschen ist - und wie diffus er sich manchmal äußert. Schließlich profitieren eigentlich gerade diese Menschen von der staatlichen Umverteilung, während die sozioökonomisch Höhergestellten zum Beispiel mehr Steuern zahlen. Trotzdem ist die Wahrnehmung bei vielen Menschen dieser Gruppe offenbar anders. Sie sehen den Staat vor allem negativ - ein Thema, das die Politik in Zukunft beschäftigen sollte.

Details zur Befragung

Wer wurde befragt?
Für die Studie hat das Institut für Demoskopie Allensbach in einer repräsentativen Umfrage 1053 Männer und Frauen im Alter von 30 bis 59 Jahren befragt. Die Befragung fand vom 1. bis zum 23. August 2017 statt, also noch vor der Bundestagswahl.
Wer ist der Auftraggeber?
Hinter der Umfrage steht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die Dachorganisation der privaten Versicherer in Deutschland. Der GDV beauftragt das Institut für Demoskopie Allensbach seit 2013, die Bevölkerungsschicht der 30- bis 59-Jährigen einmal jährlich zu befragen.
Was wurde gefragt?
Zentrale Themen der Studie sind Lebensqualität, Deutschlands Stärken und Schwächen sowie die Einstellung zum Berufsleben. Die Befragten gaben unter anderem Auskunft darüber, wie sie ihre eigene und die allgemeine Lebensqualität in Deutschland einschätzen. Außerdem wurden sie nach den wichtigsten Aufgaben für die künftige Bundesregierung befragt. Auch der Umgang mit der eigenen Altersvorsorge wurde thematisiert.

Dieser Artikel konzentriert sich auf die Einschätzung der eigenen Lebensqualität und die politische Agenda. Hier finden Sie die vollständigen Ergebnisse der Umfrage auf der Webseite des GDV.
insgesamt 213 Beiträge
meinungsforscher 14.11.2017
1. endlich entlasten!
Umso wichtiger ist es jetzt die tragende Säule unseres Staates, Familien mit beiden Elternteilen die arbeiten gehen, zu entlasten. Da ist noch vieles möglich und nötig: angefangen bei den KITA Gebühren bis hin zur steuerlichen [...]
Umso wichtiger ist es jetzt die tragende Säule unseres Staates, Familien mit beiden Elternteilen die arbeiten gehen, zu entlasten. Da ist noch vieles möglich und nötig: angefangen bei den KITA Gebühren bis hin zur steuerlichen Belastung und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: hier ist deutlich mehr Flexibilität gefragt!
franz.v.trotta 14.11.2017
2.
"So geben 77 Prozent der Generation Mitte die Verteilung von Einkommen und Vermögen als Schwachpunkt Deutschlands an." Das ist das Ergebnis von 12 Jahren Merkel-Regierung. Und die Situation wird sich unter der [...]
"So geben 77 Prozent der Generation Mitte die Verteilung von Einkommen und Vermögen als Schwachpunkt Deutschlands an." Das ist das Ergebnis von 12 Jahren Merkel-Regierung. Und die Situation wird sich unter der Koalition, die jetzt geschmiedet wird, weiter zuspitzen, verschlechtern.
INGXXL 14.11.2017
3. Die Umfrage zeigt doch das
Der Slogen der CDU zutrifft für die Mehrheit der Bevölkerung. Das einer der nicht viel erreicht hat im Leben unzufrieden ist, ist auch nicht überraschend. Der hat wahrscheinlich auch schon in der Schule wenn er eine schlechte [...]
Der Slogen der CDU zutrifft für die Mehrheit der Bevölkerung. Das einer der nicht viel erreicht hat im Leben unzufrieden ist, ist auch nicht überraschend. Der hat wahrscheinlich auch schon in der Schule wenn er eine schlechte Note geschrieben hat die Schuld beim Lehrer gesucht
JerryKraut 14.11.2017
4. Staatsverdruss?
In der Tat! Zuviele durch den Finanzminister gedeckte Cum-Ex-Geschäfte. Zuviele Panama- und Paradise-Papers. Zuviele Bail-outs für die Banken und sonstige Vertreter des Großkapitals. Sanktionen für Hartzer und Boni für [...]
In der Tat! Zuviele durch den Finanzminister gedeckte Cum-Ex-Geschäfte. Zuviele Panama- und Paradise-Papers. Zuviele Bail-outs für die Banken und sonstige Vertreter des Großkapitals. Sanktionen für Hartzer und Boni für Bankster. Spahn tönt vom länger Arbeiten. Klar, Rente, von der man leben kann, wird es ja nur noch für seinesgleichen geben. CDU-CSU bei 24% und SPD bei 16% - die Nichtwähler berücksichtigt. Es bewegt sich etwas in Deutschland. Die großen alten Volksparteien haben nicht mehr die Mehrheit der Wahlberechtigten hinter sich. Das "Volks-" können sie also streichen. Es kann nur besser werden. Wir 30-59-jährigen haben allen Grund zur Zufriedenheit.
mydryn 14.11.2017
5. Die Bandbreite zwischen 30 und 59 Jahren
ist m. E. zu hoch. Würde diese Gruppe gedrittelt werden, wäre das Ergebnis wesentlich anders. Die 50 - 59jährigen sind halt zu oft von der politischen Führung angelogen worden und sind vielfach unversöhnlicher gegenüber [...]
ist m. E. zu hoch. Würde diese Gruppe gedrittelt werden, wäre das Ergebnis wesentlich anders. Die 50 - 59jährigen sind halt zu oft von der politischen Führung angelogen worden und sind vielfach unversöhnlicher gegenüber Lügen, Halbwahrheiten und Vergesslichkeiten. Man darf auch nicht den langen Zeitraum vergessen, mit dem sie am po9litischen geschehen teilgenommen haben.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP