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Wirtschaft

Erdogans Bilanz in Grafiken

Aufschwung, Putsch - und nun?

Die Türkei hat ihre Wirtschaftskraft in der Ära Erdogan verdreifacht und Milliardeninvestitionen aus dem Ausland angezogen - nur die Senkung der Arbeitslosenquote will einfach nicht klappen. Warum?

AP

Präsident Erdogan

Erdogans Bilanz in Grafiken von und
Montag, 13.11.2017   19:55 Uhr

Aus der Türkei kommen in diesen Tagen widersprüchliche Wirtschaftsnachrichten. Ein Beispiel: Die türkische Lira hat in den vergangenen Wochen mehr als vier Prozent ihres Wertes zum Euro verloren, innerhalb des der vergangenen zwölf Monate liegt das Minus sogar bei fast 30 Prozent. Die türkische Währung ist damit so schwach wie seit Jahren nicht mehr. Vor zehn Jahren war sie noch mehr als doppelt soviel wert.

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Andererseits: Trotz eines kleinen Einbruchs im Zuge des Putschversuchs 2016 geht die Regierung von einer Fortsetzung des Wirtschaftsbooms aus. Ministerpräsident Binali Yildirim prognostiziert bis zum Jahr 2020 ein Wachstum von jeweils 5,5 Prozent. 2020 könnte sich die türkische Wirtschaftskraft (derzeit 850 Milliarden Dollar) dann erstmals auf mehr als 1.000 Milliarden Dollar belaufen. 2002 waren es nicht einmal 240 Milliarden Dollar gewesen. Damals kam die AKP erstmals an die Macht, die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

In Umfragen geben Anhänger der AKP häufig an, "wegen der Wirtschaft" für die Partei zu stimmen. Wie also fällt Erdogans Wirtschaftsbilanz aus, nach de facto 15 Jahren an der Macht - und zwei Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl?

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Türkei: Erdogans Bilanz in 11 Grafiken

Die ersten AKP-Regierungen haben zahlreiche Wirtschaftsreformen umgesetzt. Wirtschaftsvertreter aus der Türkei und dem Ausland loben noch immer die ausgeprägte "Pro-Business-Culture" in der Türkei, die Firmenfreundliche Einstellung von Regierung und Behörden also.

Diese hat sich bei den Investitionen niedergeschlagen. Kurz nach der Amtsübernahme durch die erste AKP-Regierung setzte ein regelrechter Ansturm ausländischer Investoren an: Während um die Jahrtausendwende kaum mehr als ein paar hundert Millionen ausländischen Kapitals in die Türkei flossen, waren es 2007 dann 22 Milliarden Dollar.

Auch das Wirtschaftswachstum - früher regelmäßig gebremst von heftigen Einbrüchen, die Ökonomen "Stop-and-Go"-Zyklen nennen - verstetigte sich ebenfalls. Nur in der Folge der weltweiten Wirtschaftskrise (2008/09) rutschte die türkische Wirtschaft in die Rezession. Ebenfalls ein Erfolg der AKP-Regierungen: Die krassen Inflationsraten von 80 Prozent pro Jahr oder mehr gehören der Vergangenheit an. Niedrige Inflationszahlen sind aber wichtig für die Planungssicherheit von Firmen und Bürgern.

Die Lebenserwartung steigt rasant

Die Türkei profitiert auch von ihrer günstigen demografischen Entwicklung. Die Bevölkerung hat sich von 28 Millionen im Jahr 1960 auf inzwischen fast 80 Millionen verdreifacht. Seit 2002 beträgt der Anstieg immerhin noch mehr als 14 Millionen Menschen. Das bedeutet mehr Arbeitskräfte, aber auch mehr potenzielle Kunden für türkische Unternehmen.

Grund dafür ist nicht nur eine große Kinderzahl. Auch die Lebenserwartung nähert sich der europäischer Staaten rasant an: Vor einem halben Jahrhundert starben Türken im Schnitt 20 Jahre früher als Griechen, heute liegt die Differenz nur noch bei etwa sechs Jahren (siehe Grafik-Leiste).

Diese erfreuliche Entwicklung bedeutet aber auch: Der wachsende Wohlstand verteilt sich auf eine schnell wachsende Zahl von Bürgern. Obwohl die türkische Wirtschaft auf vielen Exportmärkten erfolgreich ist - und Millionen neuer Jobs schafft - ist die Arbeitslosigkeit mit rund zehn Prozent konstant hoch.

Pro-Kopf fällt der Zuwachs der Wirtschaftsleistung deshalb auch bescheidener aus. Zuletzt vergrößerte sich der Abstand etwa zu Deutschland sogar wieder. Manche Entwicklungsökonomen sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer sogenannten "Middle Income Trap": Manche Schwellenländer holen zunächst rasant gegenüber den Industrienationen auf - tun sich dann aber schwer, den Sprung auf das nächste Entwicklungsniveau zu schaffen. Andere Beispiele sind Länder wie Brasilien oder Südafrika.

Gutes Wachstum - schlechtes Wachstum?

In der Türkei kommt nach Ansicht von Daron Acemoglu, türkischstämmiger Ökonom an der US-Eliteuniversität MIT, ein weiterer Faktor erschwerend hinzu. Ein Grund für den Aufschwung sei die Schaffung unabhängiger wirtschaftspolitischer Institutionen gewesen. Nach einer verheerenden Finanzkrise in der Türkei hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) tief greifende Strukturreformen im Land durchgesetzt. Acemoglu meint etwa die Schaffung unabhängiger Aufsichtsbehörden für den Banken-, Telekommunikations- und Energiesektor. "Die Schlüsselreform war aber zweifelsfrei die größere Unabhängigkeit der Zentralbank ab 2001", so Acemoglu.

Seit einigen Jahren seien diese Institutionen aber wieder wachsender politischer Einflussnahme ausgesetzt. So tut etwa die Zentralbank erstaunlich wenig gegen die auf über 12 Prozent gesprungene Inflation. Womöglich ist der Grund, dass eine Erhöhung des Leitzins nicht nur die Teuerung bremsen würde, sondern auch die hohen Wachstumsraten, mit denen Präsident Erdogan 2019 seine Wiederwahl sichern will.

Acemoglu beobachtet zudem seit einigen Jahren ein "Wachstum schlechterer Qualität". Ein Zeichen dafür sei das schleppende Produktivitätswachstum: von 2001 bis 2007 wuchs die Arbeitsproduktivität in der Türkei im Schnitt laut OECD-Daten um satte 7,7 Prozent (Deutschland: 1 Prozent pro Jahr). Bis 2012 sank das Produktivitätswachstum in der Türkei allerdings auf nur noch 1,9 Prozent.

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