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Wirtschaft

Wirtschaftswachstum

Wie lange dauert der Dauerboom?

Mehr Arbeit, höhere Exporte, bessere Löhne: Sieben Jahre Daueraufschwung in Deutschland haben den meisten Menschen und Branchen viel gebracht. Was für einen länger anhaltenden Boom spricht - und was dagegen.

DPA

Baustelle am Hauptstadtflughafen (Archivbild)

Von
Dienstag, 14.11.2017   18:44 Uhr

Die deutsche Wirtschaft hat einen Lauf. Um 0,8 Prozent stieg das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Quartale davor ging es auch stetig aufwärts. Ein Wachstum, das bereits seit sieben Jahren anhält.

Und fürs Erste dürfte das so weitergehen. Die Ökonomen des Sachverständigenrats sagen für 2017 ein Plus von 2,0 Prozent, für 2018 sogar von 2,2 Prozent voraus. "Alles in allem steht die deutsche Wirtschaft noch vor einigen Jahren mit hohem Wachstum", schätzt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch nach Überzeugung des Ifo-Konjunkturexperten Timo Wollmershäuser ist kein Ende des Booms in Sicht. Die für den jüngsten Ifo-Index befragten Experten hätten sich noch einmal optimistischer geäußert als im Quartal zuvor.

Wie stark sich die Wirtschaft in den vergangenen Jahren entwickelt hat, zeigt der Überblick in Grafiken (bitte klicken).

Für den optimistischen Ausblick gibt es laut den Experten gleich mehrere Indizien:

Konsum: Die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sind so gut wie lange nicht mehr, Sparen wirft wegen der Niedrigzinsen im Euroraum kaum noch etwas ab - was also läge da näher, als das Geld auszugeben?

Zuletzt gab es allerdings einen kleinen Knick, weil zwischen Juli und September die Preise deutlicher anzogen. Insbesondere Nahrungsmittel waren teurer geworden. Der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge reagieren Verbraucher besonders sensibel auf Preiserhöhungen von Produkten, die sie häufig kaufen.

Mit einem Einbruch des privaten Konsums rechnen Ökonomen jedoch nicht. "Der starke Arbeitsmarkt zusammen mit einer niedrigen Inflation und höheren Löhnen sind weitere Garanten für künftiges Wachstum", argumentiert ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski.

DPA

Einkaufscenter in Essen (Archivbild)

Weltwirtschaft: Die exportorientierte deutsche Wirtschaft profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur, die die Nachfrage nach "Made in Germany" ankurbelt. In den ersten neun Monaten gingen Waren im Wert von 954,7 Milliarden Euro ins Ausland, das waren 6,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Eurozone: Der gemeinsame Währungsraum hat nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) seine Krise weitgehend überwunden. Die Zustimmung zur Währungsunion sei in den Mitgliedsländern auf Rekordniveau, sagte IWF-Europadirektor Poul Thomsen jüngst. "Und das, obwohl noch vor wenigen Jahren pure Existenzangst herrschte." Europa insgesamt wird nach Einschätzung des IWF immer mehr zur Zugmaschine der Weltwirtschaft.

Getty Images

Stahlwerk in Salzgitter (Archivbild)

Geldpolitik: Europas größte Volkswirtschaft profitiert von der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Verbraucher und Unternehmen kommen billiger an Geld. Das stärkt die Bereitschaft, zu investieren. Die Zinsen dürften auch noch über längere Sicht niedrig bleiben.

Es gibt aber auch Pessimisten, die auf die Gefahr eines Konjunktureinbruchs hinweisen:

Überhitzung: Die Wirtschaftsweisen sehen angesichts des ungewöhnlich langen Aufschwungs die Gefahr, dass die Konjunktur heiß läuft. Die deutsche Wirtschaft befinde sich in einer Überauslastung, warnt das Beratergremium der Bundesregierung. Bei weiter steigenden Auftragszahlen kämen die Unternehmen deshalb mit der Produktion nicht mehr nach. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft wies unlängst darauf hin, dass insbesondere in der Baubranche mehr und mehr Unternehmen darüber klagten, dass ein Mangel an Arbeitskräften ihre Produktion beeinträchtige.

picture alliance / dpa

Neubauwohnungen in Berlin-Weißensee (Archivbild)

Euro-Stärke: In den vergangenen Monaten hat der Euro deutlich an Wert gewonnen. Waren "made in Germany" werden dadurch außerhalb des gemeinsamen Währungsraumes tendenziell teurer, das kann die Nachfrage dämpfen.

Handelsschranken: US-Präsident Donald Trump steht Freihandel kritisch gegenüber, zuletzt verhängten die USA Strafzölle gegen Flugzeugimporte des Nachbarn Kanada. Zwischen der EU und den USA gibt es Streit um Stahlimporte. Kritisch sieht die US-Politik auch Deutschlands Überschüsse im Handel mit den USA. Wohin die Unstimmigkeiten führen, ist noch unklar.

Immobilienpreise: Günstige Hypothekenkredite fachen die Immobiliennachfrage an. Vom Bauboom profitiert die deutsche Wirtschaft insgesamt, zugleich steigen allerdings die Preise für Wohnimmobilien zum Teil extrem. Das gilt vor allem für die großen Städte. Die Gefahr einer Immobilienblase sahen die amtlichen Gutachterausschüsse zuletzt aber noch nicht.

Mit Material von dpa

insgesamt 137 Beiträge
hackartgs 14.11.2017
1. ????
Bessere Löhne?? Hab ich die letzten 20Jahre irgendwas verpasst ???? Die meisten sind froh, das die "enormen" Lohnerhöhungen grade noch die Inflation ausgleichen.
Bessere Löhne?? Hab ich die letzten 20Jahre irgendwas verpasst ???? Die meisten sind froh, das die "enormen" Lohnerhöhungen grade noch die Inflation ausgleichen.
laxness 14.11.2017
2. komisch.....
...bei mir scheint der Boom unerkannt vorbeigekommen zu sein.....
...bei mir scheint der Boom unerkannt vorbeigekommen zu sein.....
awoth 14.11.2017
3. Außer den sich beinahe täglich überbietenden
Lobpreisungen merke ich leider nichts davon. Geht das nur mir so? Bitte melden,wenn ich was verpasst haben sollte!
Lobpreisungen merke ich leider nichts davon. Geht das nur mir so? Bitte melden,wenn ich was verpasst haben sollte!
freizeitverkaeufer 14.11.2017
4. Solange der deutsche Steuerzahler. ...
...für die Risiken von bald 1 Billion Target-II-Fehlsaldo der Bundesbank gerade steht, geht der Boom weiter. Die einfache Unternehmerrechnung dabei sieht so aus: Exportiere auf Teufel komm raus an europäische Käufer, die [...]
...für die Risiken von bald 1 Billion Target-II-Fehlsaldo der Bundesbank gerade steht, geht der Boom weiter. Die einfache Unternehmerrechnung dabei sieht so aus: Exportiere auf Teufel komm raus an europäische Käufer, die eigentlich keine Kaufkraft mehr haben. Der Unternehmensgewinn geht an den Unternehmer. Das Risiko geht an den deutschen Steuerzahler. Ist doch wieder mal ne klassische Win -Win - Situation? ! Andere Meinungen?
PeterPetroleum 14.11.2017
5. Bei Lichte betrachtet.....
Draghi pumpt Geld in den Kreißlauf und da werden sehr sehr sehr viel Investitionen vorgezogen. Es wird gebaut was das zeug hält. Wenn die Flächen zugebaut sind und die Immobilien saniert, dann kommt laaaaange eine Flaute. Des [...]
Draghi pumpt Geld in den Kreißlauf und da werden sehr sehr sehr viel Investitionen vorgezogen. Es wird gebaut was das zeug hält. Wenn die Flächen zugebaut sind und die Immobilien saniert, dann kommt laaaaange eine Flaute. Des billigen Geldes wegen wird hier und da ein Auto und eine Maschine etc. gekauft. Und wenn die große große Übersettigung da ist und Draghis Leitzins immer noch gegen Null tendiert, Freunde, wie man dann die Wirtschaft stimmuliert, zeigen die Japaner und unsere Geschichtsbücher.

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