17.09.2011
Folgen der Lehman-Pleite
Sparkurs ins Ungewisse
Von Yasmin El-Sharif
Schuldenuhr der USA: Ende der "Shop till you drop"-Ideologie
Hamburg - Es ist Anfang Oktober 2008, als sich auf der Sixth Avenue in Manhattan ein Drama mit großer Symbolik abzeichnet. Der Schuldenuhr der USA gehen die Stellen aus. Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat die Staatsverschuldung mit mehr als zehn Billionen Dollar 14 Ziffern erreicht. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ist zu diesem Zeitpunkt erst rund drei Wochen her.
Während die Nation die fatalen Auswirkungen des Zusammenbruchs auf die Finanz- und Weltwirtschaft nicht einmal erahnt, führt der Platzmangel an der Uhr den Amerikanern schlagartig vor, wie tief sie im Schuldenschlammassel stecken: Als die Uhr 1989 angebracht worden war, hatte das Defizit noch 2,7 Billionen Dollar betragen. Der Schuldenberg, so wurde jetzt deutlich, hatte sich in weniger als zwei Jahrzehnten fast vervierfacht.
Es war kein Zufall, dass die Lehman-Pleite und das Spektakel an der Schuldenuhr so dicht aufeinander folgten. Denn beide verkörperten das gefährliche Leben auf Pump - und damit sollte künftig Schluss sein. Der Herbst 2008 läutete den Anfang vom Ende einer Ideologie ein, die sich als "Shop till you drop", also "Einkaufen bis zum Umfallen" bezeichnen lässt.
Europa installiert Stoppsysteme
Über Jahrzehnte hinweg hatten die Bürger des Landes ihren Konsum immer mehr über Kredite finanziert, als ob es kein Morgen gäbe. Ähnlich prasste die Regierung nahezu unentwegt. Auch andere Länder waren von dem Schuldenvirus infiziert. So geben Länder wie Deutschland seit 40 Jahren überwiegend mehr Geld aus als sie einnehmen. Bund, Länder und Kommunen stehen mittlerweile mit rund zwei Billionen Euro in der Kreide. Und auch die schwere Schuldenkrise in Griechenland, Portugal, Irland und den anderen europäischen Sorgenländern ist das Ergebnis einer zügellosen Ausgabenpolitik vergangener Jahre.
Doch im Herbst 2008 ändert sich alles. Das gesamte Finanzsystem in den USA droht zu kollabieren: Die Immobilienblase ist geplatzt, hinter Hunderttausenden Krediten stehen keine Sicherheiten. Und weil in einer global vernetzten Welt alles mit allem zusammenhängt, muss nicht nur die Regierung in Washington, sondern müssen auch diejenigen in Europa und Asien Billionen Euro in die Hand nehmen, um ihre Banken, ja ihr gesamtes Wirtschaftssystem, vor dem Untergang zu retten. Es ist das vorerst letzte Mal, dass so viel Geld in den Kreislauf gepumpt wird - als Ausweg vor dem globalen Kollaps.
Inzwischen ist das Staatsdefizit der USA auf mehr als 14 Billionen Dollar gestiegen. Doch jetzt soll gespart, oder besser gesagt gekürzt werden, was das Zeug hält. In den kommenden zehn Jahren will die Regierung in Washington 2,4 Billionen Dollar weniger ausgeben. In Deutschland sorgt die sogenannte Schuldenbremse dafür, dass der Bund ab 2016 und die Länder ab 2020 kaum neue Kredite aufnehmen dürfen. Auch Spanien und Italien haben diese Stoppsysteme auf den Weg gebracht; Großbritanniens Streichliste hat historische Ausmaße. Und die Sparvorhaben Griechenlands erreichen fast wöchentlich eine neue Dimension - aber das ist bekanntlich eine ganz eigene Geschichte.
Wenn wir etwas machen, dann auch richtig
Es stellt sich dennoch die Frage, wie dauerhaft und nachhaltig die neue globale Sparsamkeit ist. Steckt hinter ihr ein echter Sinneswandel oder ist sie nur den leeren Kassen geschuldet? Und ist die neue Ideologie des "Great deleveraging", des großen Schuldenabbaus, nicht wieder der Weg in ein neues Extrem?
Sicher ist: Die amerikanische Bevölkerung hat im Schnellverfahren dazugelernt. Seit drei Jahren baut sie ihre Verbindlichkeiten in einem schwindelerregenden Tempo ab: Inzwischen hat die private Verschuldungsquote wieder fast den Wert von vor 20 Jahren erreicht - die Hypothekenschulden allerdings ausgenommen. Die liegen teils höher als der Wert der Häuser und werden die Besitzer noch sehr lange belasten.
Ein wenig anders verhält es sich mit dem Staat. Zwar hat die Regierung von Barack Obama den obersten Sparmeister abgegeben, doch war dies vor allem dem politischen Streit mit den Republikanern um die Schuldenobergrenze geschuldet. Jetzt will der US-Präsident wieder quasi da weiter machen, womit er zu Anfang seiner Amtszeit begonnen hatte: mit Konjunkturprogrammen im dreistelligen Milliardenbereich. Doch anders als früher will er dieses Mal nicht die Notenpresse anwerfen, sondern alle Maßnahmen durch Steuererhöhungen oder womöglich Kürzungen an anderer Stelle gegenfinanzieren. Sollte das wirklich klappen, ist die größte Volkswirtschaft der Welt einen deutlichen Schritt weiter als im Herbst 2008.
Und in Deutschland? Die Bevölkerung, die ohnehin mehr Geld auf die hohe Kante legt als vergleichbare andere Nationen, trägt die größere Enthaltsamkeit der Regierung mit. Sie hat sie bereits so sehr verinnerlicht, dass sie sogar den Steuersenkungsplänen der FDP keine Beachtung mehr schenkt, ja, sie sogar ablehnt. Nach dem Motto: Wenn wir etwas machen, dann auch richtig.
Alte Extrempositionen treten wieder zutage
Die zwei Beispiele zeigen, dass die Finanzmarktkrise die Gräben zwischen den nationalen Denkweisen nur zeitweise schließen konnte. Kaum verdüstern sich die Aussichten für die Weltkonjunktur erneut, treten die alten Extrempositionen wieder verstärkt zutage, die sich so charakterisieren lassen: mehr Sparprogramme versus mehr Konjunkturstützen. Ihre Cheflobbyisten sind Deutschland und die USA. Beide Positionen versammeln zahlreiche Befürworter und Argumente hinter sich: entweder geht es um die Stärkung des Wirtschaftswachstums oder um die Generationengerechtigkeit.
Bislang aber haben die rigiden Sparprogramme in Europa nur bedingt den gewünschten Effekt gehabt. In Spanien oder Portugal etwa wird erfolgreich gestrichen, gekürzt und gespart, aber auf Kosten des Wachstums. In Griechenland ist die Lage noch extremer: Dort schrumpft die Wirtschaft rapide, dafür steigt die Wut der Menschen. Und an den Märkten ist die Verunsicherung größer denn je.
Kein klares Nein zum Schuldenmachen
Die Lehre aus der Finanzmarktkrise dürfte daher weder ein eindeutiges Ja oder Nein zum Schuldenmachen sein, sondern vielmehr aus einem Prozess des Abwägens bestehen: Lohnt es, sich zu verschulden, weil unterm Strich der Gewinn durch die damit finanzierten Maßnahmen die Kosten der Kredite übertrifft? Oder ist der Abbau von Schulden zweckmäßiger, weil der Gewinn zu gering wäre und künftige Generationen über Gebühr belastet würden?
Es ist die große Aufgabe der Regierungen, die richtige Antwort dafür zu finden.
