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23.02.2012
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Banken in der Sinnkrise

Abstieg der Geldgötter

Von Wolfgang Kaden
DPA

Finanzplatz Frankfurt am Main: Die Banken sind weniger spendierfreudig als früher

Europa erlebt die zweite Bankenkrise innerhalb von drei Jahren, doch diesmal tut es der Branche richtig weh: Die Commerzbank will sparen, andere Geldkonzerne kappen im großen Stil die Boni. Die Finanzindustrie ist gezwungen, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu ändern - endlich!

Bonjour tristesse. Wenn die Investmentbanker in diesen Tagen die Briefe mit den Boni fürs Jahr 2011 erhalten, dürfte es viele lange Gesichter geben. Fast alle Banken haben die Erfolgsprämien gesenkt. Bei der Schweizer UBS, beispielsweise, sind es 40 Prozent weniger als im Vorjahr, bei der französischen BNP Paribas Chart zeigen sogar 50 Prozent, und bei der Deutschen Bank werden die jetzt fälligen Boni auf 200.000 Euro begrenzt. In den Augen der verwöhnten Gilde ist das eine Zumutung.

Für nicht wenige der Geld-Jongleure könnte es bald noch schlimmer kommen. Alle großen Banken haben angekündigt, dass sie die Kosten senken werden. Beispiel Commerzbank Chart zeigen: Bei der Vorlage der Zahlen am Donnerstag kündigte der scheidende Finanzvorstand Eric Strutz weitere Eineinsparungen an. Die Kosten sollen von acht Milliarden Euro auf 7,6 Milliarden sinken.

Es ist endgültig vorbei mit der Banken-Herrlichkeit. Entlassungen scheinen in der Branche unvermeidlich, Zehntausende Banker-Jobs stehen zur Disposition. Nachdem der große Crash mit Steuergeld abgewendet worden war, schien es zunächst so, als könnten die Finanzmanager da weiter machen, wo sie nach dem Lehman-Desaster aufgehört hatten. Die Regierungen konnten sich nicht auf eine straffe Regulierung einigen; die Banker gingen wieder voll ins Risiko; die Boni überstiegen mancherorts sogar das Vorkrisen-Niveau.

Seit im Sommer des vergangenen Jahres aber die europäische Schuldenkrise über die Welt hereinbrach, hat sich das Blatt gewendet. Wie der Wirtschafts-Sachverständigenrat so schön in seinem Jahresgutachten formulierte: "Von der Bankenkrise zur Schuldenkrise und zurück". Und dieses Mal, das scheint nun Gewissheit, wird die Bankerkaste fundamental umdenken, muss sie sich auf die Suche nach einem neuen Geschäftsmodell, nach einer neuen Identität machen.

Banker sollen sich nicht länger zu Lasten der Übrigen bereichern

Was sich in den vergangenen Monaten im Bankgewerbe abgespielt hat, ist für das breite Publikum nicht mehr so spektakulär, wie es die Geschehnisse nach dem Lehman-Crash waren. Und dennoch: Die Lage war und ist hochgefährlich. Die Banker misstrauen sich wechselseitig und leihen sich untereinander kein Geld mehr. Ein wenig Entspannung ist erst eingetreten, als die Europäische Zentralbank (EZB) Notrettung betrieb: mit dem Aufkauf von fragwürdigen europäischen Staatsanleihen, mit 500 Milliarden Euro an billiger Liquidität, mit immer geringeren Anforderungen an die Sicherheiten, die das Bankgewerbe für Notenbankkredite gewähren muss.

Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren wird nun öffentliches Geld locker gemacht, um ein Banken-Inferno zu verhindern. Wieder einmal werden die Risiken des Geldgewerbes vergemeinschaftet.

Es reicht. Politik und Gesellschaft sind nicht mehr bereit, die Finanzbranche ihre gefährlichen Spiele weitertreiben zu lassen. Mit der Occupy-Bewegung mobilisierte erstmals die Straße gegen die Geldgewaltigen. Hinter der Wut, die weit über das linksideologische Spektrum ins Bürgertum hineinreicht, steckt erstmals mehr als das übliche Bankenbashing: Die Banker sollen sich nicht länger auf groteske Weise zu Lasten der Übrigen bereichern; sie sollen durch ein neues Geschäftsverständnis daran gehindert werden, in immer kürzeren Abständen die Welt an den Abgrund zu führen.

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insgesamt 71 Beiträge
1. Nebelgranate !
sagmalwasdazu 23.02.2012
Das ist m.M nach eine Imagekampagne . - Raus aus den Schlagzeilen. Nach dem Motto : Liebe Kunden, auch wir bringen Opfer dar. Wenn es Beweise gibt, überdenke ich meine gefestigte Meinung.
Das ist m.M nach eine Imagekampagne . - Raus aus den Schlagzeilen. Nach dem Motto : Liebe Kunden, auch wir bringen Opfer dar. Wenn es Beweise gibt, überdenke ich meine gefestigte Meinung.
2. Geschäftsmodell Politik: Wahlgeschenke auf Pump!
hienstorfer 23.02.2012
Nur die Politiker ändern ihre Geschäftsmodelle nicht: sie setzen weiterhin auf Wahlgeschenke auf Pump. Diese Wahlgeschenke werden den Wählern als "Konjunkturpakete" verkauft. Tatsächlich ist es aber Stimmenkauf. [...]
Nur die Politiker ändern ihre Geschäftsmodelle nicht: sie setzen weiterhin auf Wahlgeschenke auf Pump. Diese Wahlgeschenke werden den Wählern als "Konjunkturpakete" verkauft. Tatsächlich ist es aber Stimmenkauf. Wenn es dann schief geht - der Staat überschuldet ist - dann wird kräftig auf die Bankster geschimpft. Das System hat Methode. Schon im Rom hies das Motto "Brot und Spiele", unter den Nazis wurde die Füllhornpolitik auf Pump "Kraft-durch-Freude" genannt. Wie immer muss für die Schulden irgendwann jemand zahlen, d.h. es wird ein Sündenbock identifiziert, der dann Schuld ist an der Krise. Eines ist sicher: keiner der Politiker in Europa hat bisher Verantwortung für die vielen Schulden übernommen. *Die Politiker tun so, als ob sie von den Bankstern zu den Staatsschulden gezwungen worden sind!* Statt dessen wird mit dem Finger auf Bankster, Spekulanten und andere gezeigt. Oder es wird - wie in Griechenland - die nationale Karte gespielt. *Wiederholt sich die Geschichte?* Wann endlich bekommt die Opposition in Europas Parlamenten mehr Kontrolle über das Schuldenmachen der Regierung? Ich bin europaweit für ein 3/5 Mehrheit fürs Schuldenmachen!
3. Lange überfällig!
Benjowi 23.02.2012
Es ist mehr als bedauerlich, dass man die Dinge hat derartig lange treiben lassen. Für jeden, der ein wenig logisch denken kann, sind die bisher betriebenen "Geschäftsmodelle" nichts anderes als legalisierter Betrug [...]
Zitat von sysopEuropa erlebt die zweite Bankenkrise innerhalb von drei Jahren, doch diesmal tut es der Branche richtig weh: Die Commerzbank will sparen, andere Geldkonzerne kappen im großen Stil die Boni. Die Finanzindustrie ist gezwungen, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu ändern - endlich! Banken in der Sinnkrise: Abstieg der Geldgötter - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815307,00.html)
Es ist mehr als bedauerlich, dass man die Dinge hat derartig lange treiben lassen. Für jeden, der ein wenig logisch denken kann, sind die bisher betriebenen "Geschäftsmodelle" nichts anderes als legalisierter Betrug an der Gemeinschaft, denn das dicke Ende ist regelmäßig schon bei Geschäftsabschluss bekannt gewesen und war genauso regelmäßig für den Steuerzahler gedacht gewesen. Da nützen auch alle Vernebelungstaktiken nichts. Zu allem Überfluss wird durch dieses Getue im "virtuellen" Geldraum jegliche sinnvolle Tätigkeit in der Realwirtschaft ad absurdum geführt. Nur wie gesagt, eigentlich ist es ein Skandal, dass dieses Treiben nicht schon längst beendet wurde, aber da waren wohl lange Zeit auch die "nützlichen Zuwendungen" der Lobbys an die Politik im Weg........
4.
james-100 23.02.2012
Seh ich genauso. Nur ein Scheinmanöver. Die Politiker sind immer noch willig, die Normalbevölkerung zu Gunsten der oberen 5% gnadenlos auszunehmen.
Zitat von sagmalwasdazuDas ist m.M nach eine Imagekampagne . - Raus aus den Schlagzeilen. Nach dem Motto : Liebe Kunden, auch wir bringen Opfer dar. Wenn es Beweise gibt, überdenke ich meine gefestigte Meinung.
Seh ich genauso. Nur ein Scheinmanöver. Die Politiker sind immer noch willig, die Normalbevölkerung zu Gunsten der oberen 5% gnadenlos auszunehmen.
5. wieder ein Lobbyist vom MM
marc0815 23.02.2012
wieder mal ein banken- und finanzmarktfinanzierter Schreiberling beim SPON. Er reiht sich ein in die Liste der Gastautoren vom Managermagazin, die auf SPON ständig dafür sorgen finanzmarktgetreue Artikel unters "Volk" zu [...]
wieder mal ein banken- und finanzmarktfinanzierter Schreiberling beim SPON. Er reiht sich ein in die Liste der Gastautoren vom Managermagazin, die auf SPON ständig dafür sorgen finanzmarktgetreue Artikel unters "Volk" zu bringen. Ekelhaft

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