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18.02.2012
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Private Polizeiwache in Großbritannien

G4S, übernehmen Sie!

Von , London
REUTERS

Erst die Gefängnisse, nun die Polizeiwachen: In Großbritannien wird das erste Revier privatisiert, um Geld zu sparen. Immer wieder ist es eine Firma, die für den Staat einspringt: G4S. Nun wittern die Kommerz-Cops ein Milliardengeschäft.

Lincolnshire, sagt Alan Hardwick, sei eigentlich eine ziemlich sichere Gegend. Die größte Stadt heißt Lincoln, 120.000 Einwohner. "Der Rest ist ländlich und ruhig", sagt der Sprecher der Polizeibehörde Lincolnshire.

Ausgerechnet hier startet nun das bisher radikalste Outsourcing-Experiment in der britischen Justizgeschichte. Ab April wird die Sicherheitsfirma G4S viele Polizeiaufgaben in der mittelenglischen Grafschaft übernehmen. Die Firma soll sogar ein komplettes Polizeirevier mit 30 Zellen bauen und verwalten.

"Es ist das erste Mal, dass die große Mehrheit der Aufgaben in einer Polizeibehörde einer Privatfirma übertragen wird", sagt Nicola Savage von G4S. Der Vertrag, der in den nächsten Tagen unterzeichnet werden soll, bringt der weltweit größten Sicherheitsfirma Einnahmen von 200 Millionen Pfund über zehn Jahre.

Das Sagen in allen Polizeiwachen haben zwar auch künftig uniformierte Beamte. Doch die vielen kleinen Alltagsarbeiten sollen von Angestellten der privaten Firma erledigt werden. "Nur Polizisten können jemanden festnehmen", sagt Savage. "Aber alle Aktivitäten, die keine richterliche Anordnung benötigen, wie Fingerabdrücke, Alkoholtests oder medizinische Versorgung, übernehmen wir." Auch für die Datenverarbeitung, Personalverwaltung, den Betrieb der Funkleitstelle und die Lizenzierung von Schusswaffen ist künftig G4S zuständig.

Die Polizei von Lincolnshire rechnet mit Einsparungen von bis zu 20 Millionen Pfund im Jahr. Allein die Personalkosten dürften sich deutlich verringern: 540 von derzeit 980 Mitarbeitern der Polizeibehörde werden von G4S übernommen und bezahlt. An ihren Arbeitskonditionen soll sich vorerst nichts ändern. Deshalb regt sich bislang auch kein Protest. Längerfristig fürchten Gewerkschafter aber Gehaltskürzungen.

Keine Firma hat so sehr vom Privatisierungstrend profitiert wie G4S

Anlass für die weitreichende Privatisierung ist der Sparkurs der liberalkonservativen Koalition in London. Schatzkanzler George Osborne hatte 2010 allen regionalen Polizeichefs eine Budgetkürzung von 20 Prozent bis 2014 verordnet. Wenn Lincolnshire die Zahl der 1100 Einsatzbeamten konstanthalten wolle, müsse man eben an die Verwaltung ran, sagt Polizeisprecher Hardwick.

Der Glaube an die Vorteile einer teilprivatisierten Justiz ist in Großbritannien tief verwurzelt. Bereits 1992 eröffnete das erste private Gefängnis Europas in der Grafschaft Yorkshire. Schon damals hieß der Betreiber G4S. Inzwischen sitzen rund zwölf Prozent der britischen Häftlinge in privaten Haftanstalten, Tendenz steigend.

Keine Firma hat so sehr von diesem Trend profitiert wie G4S. Das Unternehmen mit Sitz in Crawley bei London beschäftigt inzwischen über 600.000 Mitarbeiter in 130 Ländern.

Gerade in der britischen Hauptstadt führt kaum ein Weg an den Privatcops vorbei: G4S-Leute helfen bei den Grenzkontrollen in Heathrow, sichern die Olympischen Spiele, unterstützen Anti-Terror-Einheiten und wollen künftig auch die Asylbewerberheime landesweit verwalten. In Süd-Wales, Lancashire und Staffordshire sind sie bereits seit Jahren damit betraut, festgenommenen Personen ihre Fingerabdrücke abzunehmen und sie während ihrer Verwahrung in der Zelle zu betreuen.

Zehn Grafschaften haben bereits Interesse signalisiert

Politischen Widerstand gegen die Privatisierung sensibler Staatsaufgaben gibt es kaum. Die Labour-Opposition hatte in ihren 13 Regierungsjahren von 1997 bis 2010 das Outsourcing an G4S und Co. mit ähnlich großer Begeisterung vorangetrieben wie jetzt die liberal-konservative Koalitionsregierung.

Und das, obwohl G4S in der Vergangenheit einige Male in die Schlagzeilen geraten war. Zuletzt im September 2011, als die Gefängnisaufsichtsbehörde einigen G4S-Mitarbeitern Regelverstöße vorwarf. Bei der Abschiebung von Asylbewerbern hätten sie unnötige Gewalt angewandt und untereinander die Gefangenen mit rassistischen Begriffen bezeichnet.

So etwas soll bei der Polizei allerdings auch bisweilen vorkommen. Wahrscheinlich deshalb hat der Ruf von G4S unter dem Vorfall nicht nennenswert gelitten.

Die private Polizeiwache in Lincolnshire soll für G4S nun die Tür zu weiteren Geschäftsfeldern aufstoßen. Beide Partner preisen ihre Zusammenarbeit als Modell für das ganze Land. "Nicht jede Polizeibehörde braucht ihre eigene Personalabteilung und Buchhaltung", sagt Savage.

Zehn Grafschaften haben bereits Interesse signalisiert. G4S ist im Gespräch mit all diesen Polizeibehörden. Am Ende könnte aus dem Millionen-Deal in Lincolnshire ein Milliardengeschäft im ganzen Königreich werden.

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insgesamt 99 Beiträge
1. xxx
Dumpfmuff3000 18.02.2012
Absoluter Wahnsinn, derart hochsensible Bereiche des Gemeinwesens zu privatisieren. Das kann man doch in den USA bestens erkennen, wo eine zig Milliarden schwere Gefängnisindustrie massiv Lobbyarbeit betreibt und Druck auf [...]
Zitat von sysopREUTERSErst die Gefängnisse, nun die Polizeiwachen: In Großbritannien wird das erste Revier privatisiert, um Geld zu sparen. Immer wieder ist es eine Firma, die für den Staat einspringt: G4S. Nun wittern die Kommerz-Cops ein Milliardengeschäft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815612,00.html
Absoluter Wahnsinn, derart hochsensible Bereiche des Gemeinwesens zu privatisieren. Das kann man doch in den USA bestens erkennen, wo eine zig Milliarden schwere Gefängnisindustrie massiv Lobbyarbeit betreibt und Druck auf sämtliche Politikbereiche ausübt, von der sie bzw ihre Klientel tangiert ist. Demnächst liefern sich Privatunternehmen Konkurrenzkämpfchen, wer die billigere Polizei ist, wer mehr Festnahmen fabriziert, wer ein Stadtviertel sauberer hält etc? Wahnsinn echt. Ich würd sofort wegziehen wenn ich in solch einer Kommune leben würde.
2. Leidhafte Erfahrungen in den USA
user543 18.02.2012
In den USA haben wir bereits leidhafte Erfahrungen mit der Beauftragung von Privatfirmen mit staatlichen Aufgaben gemacht. In diesem Fall wurde ein Privatunternehmen mit dem Betrieb eines Jugendgefängnisses beauftragt. Das [...]
In den USA haben wir bereits leidhafte Erfahrungen mit der Beauftragung von Privatfirmen mit staatlichen Aufgaben gemacht. In diesem Fall wurde ein Privatunternehmen mit dem Betrieb eines Jugendgefängnisses beauftragt. Das Resultat: Das Unternehmen bestach den Richter, damit dieser für Nachschub an Insassen sorgt. Jugendliche wurden bereits wegen Kleinigkeiten wie Pöbeleien auf dem Schulhof zu Haftstrafen von 12 bis 18 Monaten verurteilt. Häufig wurden die Jugendlichen während der Haft dem Richter vorgeführt, der die Strafe zusätzlich wegen angeblich schlechter Führung verlängerte, falls er es nicht schaffte für genügend neue Häftlinge zu sorgen. Schließlich verdiente das Privatunternehmen nur dann etwas, wenn es genügend Häftlinge hatte. Die Zustände wurden so skandalös, dass sich nun wieder der Staat darum kümmert. STAATLICHE AUFGABEN MÜSSEN BEIM STAAT BLEIBEN!
3.
KW-Hoerer 18.02.2012
Der nächste Schritt in Richtung Privatisierung und Kapitalisierung. Sollte es in der Zukunft doch brenzliger in Europa werden, dann werden wohl die Interessen der herrschenden Klasse von solchen Berufsgruppen durchgesetzt. [...]
Der nächste Schritt in Richtung Privatisierung und Kapitalisierung. Sollte es in der Zukunft doch brenzliger in Europa werden, dann werden wohl die Interessen der herrschenden Klasse von solchen Berufsgruppen durchgesetzt. Soetwas habe ich hier auch schonmal gelsen: Nur ein dunkler Prophet ?...Wohl leider nicht ! (http://www.extremnews.com/berichte/zeitgeschichte/347c1242cbf5c5b)
4. Lies mal den Artikel...
Stelzi 18.02.2012
Lies mal lieber den Artikel. Die gesetzliche Polizeiarbeit wird auch weiterhin von staatlichen Beamten getan. Es wird also keine Firma Festnahmen "produzieren".
Zitat von Dumpfmuff3000Absoluter Wahnsinn, derart hochsensible Bereiche des Gemeinwesens zu privatisieren. Das kann man doch in den USA bestens erkennen, wo eine zig Milliarden schwere Gefängnisindustrie massiv Lobbyarbeit betreibt und Druck auf sämtliche Politikbereiche ausübt, von der sie bzw ihre Klientel tangiert ist. Demnächst liefern sich Privatunternehmen Konkurrenzkämpfchen, wer die billigere Polizei ist, wer mehr Festnahmen fabriziert, wer ein Stadtviertel sauberer hält etc? Wahnsinn echt. Ich würd sofort wegziehen wenn ich in solch einer Kommune leben würde.
Lies mal lieber den Artikel. Die gesetzliche Polizeiarbeit wird auch weiterhin von staatlichen Beamten getan. Es wird also keine Firma Festnahmen "produzieren".
5. Klingt wie ein Märchen
Stelzi 18.02.2012
Klingt für mich wie ein Schauermärchen, da das so gar nicht möglich ist. Auch in den USA kann man in Revision gehen, auch als Jugendlicher. Und dann bekommt man einen neuen Richter. Gibts für die Story denn auch [...]
Zitat von user543In den USA haben wir bereits leidhafte Erfahrungen mit der Beauftragung von Privatfirmen mit staatlichen Aufgaben gemacht. In diesem Fall wurde ein Privatunternehmen mit dem Betrieb eines Jugendgefängnisses beauftragt. Das Resultat: Das Unternehmen bestach den Richter, damit dieser für Nachschub an Insassen sorgt. Jugendliche wurden bereits wegen Kleinigkeiten wie Pöbeleien auf dem Schulhof zu Haftstrafen von 12 bis 18 Monaten verurteilt. Häufig wurden die Jugendlichen während der Haft dem Richter vorgeführt, der die Strafe zusätzlich wegen angeblich schlechter Führung verlängerte, falls er es nicht schaffte für genügend neue Häftlinge zu sorgen. Schließlich verdiente das Privatunternehmen nur dann etwas, wenn es genügend Häftlinge hatte. Die Zustände wurden so skandalös, dass sich nun wieder der Staat darum kümmert. STAATLICHE AUFGABEN MÜSSEN BEIM STAAT BLEIBEN!
Klingt für mich wie ein Schauermärchen, da das so gar nicht möglich ist. Auch in den USA kann man in Revision gehen, auch als Jugendlicher. Und dann bekommt man einen neuen Richter. Gibts für die Story denn auch Quellennachweise?

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