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24.02.2012
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Deutsches Modell

Spanien hofft auf Los Azubis

Aus Madrid berichtet
SPIEGEL ONLINE

Sie nennen es "Bildung à la Merkel". In der Krise entdeckt Spanien die duale Berufsausbildung als Jobmotor. Eine Schule in Madrid macht vor, wie es geht. Dort werden Jugendliche nach deutschem Vorbild ausgebildet.

Ungläubiges Staunen - das ist die typische Reaktion, wenn Violeta Fernández Sosa spanischen Bekannten erklärt, wie einfach sie ihren Ausbildungsplatz bekommen hat. Die 24-Jährige schrieb eine Bewerbung und schickte sie an ihre heutige Schule. Die leitete die Bewerbung an interessierte Firmen weiter. Drei von ihnen meldeten sich und luden Violeta zu Bewerbungsgesprächen nach Madrid ein: Bosch, Mercedes und Siemens. Vier Monate später kam die gute Nachricht: Violeta hatte einen Ausbildungsplatz bei Siemens España.

"Die Geschichte kannst du Spaniern stundenlang erzählen", sagt Violeta, deren Eltern aus Spanien und Mexiko stammen. "Und dann denken sie immer noch: Nee, stimmt nicht."

Violetas Schule ist die Aset, eine Berufsschule in Madrid. In einem schmuck restaurierten Kloster im Norden der Stadt werden Jugendliche über zwei Jahre zu Industrie- oder Speditionskaufmännern ausgebildet. Die Theorie in der Schule wird auf Deutsch vermittelt, die Praxis in den Betrieben auf Spanisch.

Rund 1400 Schüler haben die Ausbildung bislang absolviert, sie arbeiten heute als Geschäftsführer, Finanzdirektor oder auch Modedesignerin. "Mir ist kein arbeitsloser Aset-Schüler bekannt", sagt der frühere Schulchef Alfred Giehl. Eine ziemlich sensationelle Aussage für ein Land, im dem jeder zweite Jugendliche keinen Job hat.

In Deutschland ist das Berufsschulmodell nichts Ungewöhnliches, in Spanien ist es bislang einzigartig. Deshalb gründeten deutsche Unternehmen in Spanien vor 30 Jahren die Aset. Sie hatten damals genug davon, ständig Fachkräfte aus Deutschland importieren zu müssen. So entstand die Idee, die benötigten Mitarbeiter vor Ort auszubilden. "Sie wollten das so machen wie in Deutschland - also im dualen System", erzählt Giehl.

Ein Gegenentwurf zur "Titulitis"

Möglicherweise können sich die Unternehmer demnächst als Pioniere führen. Denn angesichts der katastrophalen Lage auf dem Arbeitsmarkt wächst in Spanien das Interesse an berufsbegleitenden Ausbildungen. Bildungsminister José Ignacio Wert sagte Anfang Februar, Spanien prüfe eine Übernahme des "deutschen Modells". Nun wächst auch das Interesse an der Aset. Kürzlich waren bereits Journalisten der spanischen Zeitung "La Razón" da. Als "Bildung à la Merkel", beschrieben sie die Schule anschließend.

Das spanische System bildet oftmals am Bedarf vorbei aus. In keinem anderen EU-Land arbeiten so viele Universitätsabsolventen in einem Job, für den sie überqualifiziert sind. "Titulitis nennt man das hier", erzählt Daniel Granados. Der Sohn eines Spaniers und einer Deutschen macht bei Mercedes eine Ausbildung zum Industriekaufmann. In seinem Umfeld ist der 18-Jährige damit ein Exot. "Ich habe keinen Freund, der eine Ausbildung macht."

Auch Max Deckert kennt die Vorbehalte von Gleichaltrigen gegen eine Ausbildung: "Die Leute hier gehen alle studieren und sind dann arbeitslos auf hohem Niveau", sagt der 21-Jährige. Er lernt bei der spanischen Tochter des Logistikkonzerns Kühne + Nagel. Dort hätten die Aset-Schüler einen guten Ruf, erzählt er. "Die freuen sich immer, wenn wir in ihre Abteilungen kommen."

Spanische Berufsanfänger sind hingegen oft schlecht auf ihre Arbeit vorbereitet, die Hochschulen bieten wenig Praxisbezug. "Die werden so richtig reingeschmissen", hat Siemens-Azubi Violeta in ihrem eigenen Betrieb beobachtet. Die selbstbewusste junge Frau sieht aber auch die Arbeitsmoral ihrer Altersgenossen kritisch. Spanische Jugendliche könnten schon "ein bisschen Disziplin brauchen", findet sie. "Die haben immer ihre Eltern als Polster."

Viel Theorie, zu wenig Praxis

Zwar gibt es auch in Spanien eine Art duale Ausbildung, die Formación Profesional. Doch spanische Berufsschüler machen erst am Ende ihrer Ausbildung Praktika, die nur etwa ein Fünftel der Ausbildungszeit ausmachen. "Das hat mit einer praktischen Ausbildung wie wir sie kennen wenig gemein", sagt die stellvertretende Aset-Leiterin Susanne Gierth. Ihre Schüler sind dagegen von Anfang an in die Betriebe integriert und verbringen dort fast zwei Drittel der Zeit.

Wie praxisnah der Unterricht an der Aset ist, lässt sich im Unterricht der Speditionskaufleute beobachten. Max Deckert und drei Mitschüler besprechen mit Lehrer Michael Gierloff die letzte Klausur. Die Stimmung ist gut, die Atmosphäre aufgrund der kleinen Klasse vertraut. Es geht um Frachtflughäfen, ein Thema das Gierloff nicht nur aus der Theorie kennt: Bevor er Lehrer an der Aset wurde, hat er selbst 24 Jahre bei Kühne + Nagel gearbeitet.

Praktiker wie Gierloff sind in spanischen Klassenzimmern bislang die Ausnahme. "Es geht wirklich um reine Paukerei", beschreibt Gierth das spanische Schulmodell. Doch bald könnte auch die Aset spanische Lehrkräfte brauchen - für das Modell "Aset E". Unter diesem Namen ist ein Ausbildungszweig geplant, in dem auch der Unterricht auf Spanisch läuft. Bislang müssen Schüler an der Aset in Madrid und einer Schwesterschule in Barcelona Deutsch beherrschen. Das dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass die meisten Aset-Schüler bisher aus Deutschland kommen oder zumindest ein deutsches Elternteil haben.

Die Sprache ist allerdings nicht das einzige Hindernis. Zwar beteiligen sich an der Schule inzwischen auch einige einheimische Firmen. Doch vielen spanischen Unternehmern scheint die duale Ausbildung bis heute fremd zu sein. Wiederholt hätten die Töchter deutscher Unternehmen die Kooperation mit der Aset aufgekündigt, als dort ein Spanier ans Ruder kam, erzählt man an der Schule. Auf diese Weise sei auch ein Ausbildungsgang zum Bankkaufmann geendet, der zusammen mit der Deutschen Bank angeboten wurde.

Viele Unternehmen dürften die Kosten der Ausbildung schrecken. Investitionen in die Mitarbeiter seien "gerade in kleinen und mittleren spanischen Unternehmen noch ein Fremdwort", sagt Aset-Vorstand Bernhard Iber. Im Hauptberuf ist er Geschäftsführer bei der spanischen Tochter des Maschinenbauers Stihl. Von dort kennt Iber die Frustration von Mitarbeitern, die ihr Geld trotz Uni-Abschluss als Lagerarbeiter verdienen müssen. Iber fordert auch ein Umdenken spanischer Eltern. Diese müssten erkennen, "dass das Heil ihrer Kinder nicht unbedingt in einer Universitätsausbildung liegt".

Offiziell begrüßen spanische Unternehmen das deutsche Ausbildungsmodell. "Es erscheint uns fabelhaft", sagt Arturo Fernández, Chef der Handelskammer und Unternehmervereinigung von Madrid. Er war im vergangenen Jahr in München und hat mit der dortigen Handelskammer ein Kooperationsabkommen geschlossen. Künftig sollen auch Berufsschüler in Madrid zwei Drittel ihrer Zeit in den Betrieben verbringen, die Hauptstadtregion will so zum Vorreiter bei der dualen Ausbildung werden. "Die Mentalität muss sich ändern", sagt Fernández.

Wie lange aber wird das dauern? Siemens-Azubi Violeta kennt die Bedenken spanischer Freunde. Die sind in einer Arbeitwelt der Zeitverträge aufgewachsen. Deshalb warnen sie Violeta, am Ende ihrer Ausbildung werde sie sicher nicht übernommen. Doch die Aset-Schülerin ist optimistisch - sie vertraut auf die Bildung à la Merkel.

Forum

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insgesamt 46 Beiträge
1. Naja,
forumgehts? 24.02.2012
dafür geht es bei uns in die andere Richtung. Nach einer Lehre konnte ich meinen Beruf als Exportkaufmann ausüben. Heute muss man dazu zumindest den Bachelor wenn nicht gar den Master haben. Dabei geht es "an der [...]
Zitat von sysopSie nennen es "Bildung à la Merkel". In der Krise entdeckt Spanien die duale Berufsausbildung als Jobmotor. Eine Schule in Madrid macht vor, wie es geht. Dort werden Jugendliche seit 30 Jahren nach deutschem Vorbild ausgebildet. Deutsches Modell: Spanien hofft auf*Los Azubis - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816987,00.html)
dafür geht es bei uns in die andere Richtung. Nach einer Lehre konnte ich meinen Beruf als Exportkaufmann ausüben. Heute muss man dazu zumindest den Bachelor wenn nicht gar den Master haben. Dabei geht es "an der Front" nicht um hochkomplexe Wirtschaftstheorien sondern um Menschen- und Produkt- und Marktkenntnis (nur in der Praxis erlernbar). Im Grunde ist es ganz einfach: Der Kunde muss Vertrauen zum Verkäufer und zum Produkt haben. Dann macht die Zusammen/Arbeit Spass.
2. wie oft ist unser Lehrsystem
ronald1952 24.02.2012
kritisiert, oder in der übelsten Art verunglimpft worde.Unser lehr und Meißtersystem ist aus vielen Jahrhunderten gewachsen.Es hatte immer bestand hier in Deutschland, bis Politiker meinten das ganze System aushebeln zu [...]
Zitat von sysopSie nennen es "Bildung à la Merkel". In der Krise entdeckt Spanien die duale Berufsausbildung als Jobmotor. Eine Schule in Madrid macht vor, wie es geht. Dort werden Jugendliche seit 30 Jahren nach deutschem Vorbild ausgebildet. Deutsches Modell: Spanien hofft auf*Los Azubis - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816987,00.html)
kritisiert, oder in der übelsten Art verunglimpft worde.Unser lehr und Meißtersystem ist aus vielen Jahrhunderten gewachsen.Es hatte immer bestand hier in Deutschland, bis Politiker meinten das ganze System aushebeln zu müssen.Bevor man früher ein Geschäft eröffnen wollte, musste man erst einmal einen Meißterbrief oder Kaufmansbrief vorweisen.Und da hatte auch bestand.Aber heute kann jeder Idiot der wirklich von nichts Ahnung hat, ein Geschäft eröffnen.Mit welchem Erfolg sich man ja an den jählichen Firmenpleiten.Studierte Writschaftwissenschftler brauchte man nur in den großen Banken und Industrien.Selbs als die ersten GMBH`s eröffnet wurden, musste man bei der IHK eine Schulung mit Prüfung zum GMBH § ablegen. Leider heute nicht mehr.Es ist imm besser eine wirklich Fundierte Ausbildung zu haben, als sich ohne Ausbildung als Vollwertiger Kaufmann ausgeben zu können.Wie sagt man, Lehrjahre sind keine Herrenjahre.Was wir brauchen sind keine Studierten Idioten, sondern Bodenständige Kaufleute und Handwerksmeißter. schönen Tag nlch
3. Tja...
Dumme Fragen 24.02.2012
und hierzulande muss man sich wg. der "zu niedrigen Akademikerquote" von OECD usw. kritisieren lassen... Wie es nur kommt, dass hier die Arbeitslosenquote so niedrig ist? Immerhin, die spanischen Akademiker haben es [...]
und hierzulande muss man sich wg. der "zu niedrigen Akademikerquote" von OECD usw. kritisieren lassen... Wie es nur kommt, dass hier die Arbeitslosenquote so niedrig ist? Immerhin, die spanischen Akademiker haben es gut, sie werden auch bei "Überqualifizierung" angestellt... Wenn man sich als Akademiker hier auf eine TA-Stelle bewirbt (unbefristet!!), heisst es gleich vom Personalrat "njet - überqualifiziert", und die ARGE schickt einen dann zum 1-Euro-Job...
4. Viele Häuptlinge ...
Martin205 24.02.2012
... und wenige Indianer. Es kann nun mal nicht jeder studieren. Was in solch einem Fall passiert kann man aktuell (u.A.) in Spanien sehen: Eine Inflation der Bildungsabschlüsse. Meiner Meinung nach resultiert das hohe Interesse am [...]
... und wenige Indianer. Es kann nun mal nicht jeder studieren. Was in solch einem Fall passiert kann man aktuell (u.A.) in Spanien sehen: Eine Inflation der Bildungsabschlüsse. Meiner Meinung nach resultiert das hohe Interesse am Studium daher, dass reguläre Jobs einfach zu mies bezahlt sind ...
5.
Werner86 24.02.2012
Naja, die OECD-Kritik ist in gewissem Maße berechtigt, da sich die niedrige Akademikerquote ja auf Bereiche auswirkt, wo akademische Abschlüsse erforderlich sind. Die OECD-Kritik ist aber einfach zu allgemein gehalten, es [...]
Zitat von Dumme Fragenund hierzulande muss man sich wg. der "zu niedrigen Akademikerquote" von OECD usw. kritisieren lassen... Wie es nur kommt, dass hier die Arbeitslosenquote so niedrig ist?
Naja, die OECD-Kritik ist in gewissem Maße berechtigt, da sich die niedrige Akademikerquote ja auf Bereiche auswirkt, wo akademische Abschlüsse erforderlich sind. Die OECD-Kritik ist aber einfach zu allgemein gehalten, es darf nicht um die Gesamtzahl der Akademiker gehen, sondern um deren Fachgebiet. Was nützen uns tausende BWL-Studenten, wenn sie die Fähigkeiten für die später gewählten Berufe auch durch ne Ausbildung erlangen, während gleichzeitig bei bestehendem Ärztemangel niemand Medizin studiert. Unabhängig davon, die OECD lobt ausdrücklich das duale System Deutschlands. Das war immer einer der Dinge, die außen vor gelassen wurden. Letztlich beißt es sich aber dann auch wieder mit der Akademikerquote, wie Sie schon richtig angedeutet haben. So sehr ich mir wünschen würde, dass wir einige Dinge aus dem Ausland übernehmen, die dort besser laufen, so sehr wünsche ich mir für unsere Nachbarn, dass sie auch das Gute bei uns mitnehmen. Mag uns wirtschaftlich zwar etwas schwächen, wenn wir Konkurrenz kriegen, aber im Sinne eines friedlichen Miteinander wäre es wünschenswert, wenn in Südeuropa die Jugendarbeitslosigkeit ab- und die Arbeitsqualifikation zunimmt.

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