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24.04.2012
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Urbanes Leben der Zukunft

"Die Stadt beobachtet mich aus Tausenden Augen"

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DPA

Computertechnik durchdringt unseren Lebensraum: Werbetafeln messen die Gesichtszüge von Passanten, Turnschuhe erstellen Psychoprofile ihrer Träger. Wie werden wir künftig in den Städten leben? Werden wir auf Schritt und Tritt vermessen? Ein Interview mit IT-Visionär Adam Greenfield.

Hamburg - Eine immer dickere Datenschicht überzieht unsere Umwelt. Menschen navigieren unterwegs durchs mobile Internet; gleichzeitig werden immer mehr Dinge in unserer Umwelt mit Computertechnik bestückt und oft auch ans Internet angeschlossen. Die Londoner Tower Bridge teilt über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, ob sie offen oder geschlossen ist. Leihfahrräder geben via iPhone-App ihren Standort an. Stromnetze erfassen immer genauer den Elektrizitätsfluss, Autobahnen die Verkehrsströme.

Der IT-Konzern Ericsson schätzt, dass 2020 rund 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden. Für die urbanen Räume bedeutet das eine Revolution. Die Stadt wird zur Smart City, das Leben ihrer Bewohner verändert sich.

Ein Mann hat schon jetzt eine genaue Vorstellung, wie die intelligente Stadt von morgen aussehen könnte. Adam Greenfield, 43, hat das Standardwerk "Everyware. The dawning age of ubiquitous computing" verfasst. Auf deutsch in etwa: "Das kommende Zeitalter der allgegenwärtigen Informationstechnologie". Er berät Verwaltungen und Unternehmen bei Projekten zur Weiterentwicklung urbaner Räume. SPIEGEL ONLINE traf den IT-Visionär zum Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Greenfield, Sie sind New Yorker. Wie stellen Sie sich Ihre Stadt im Jahr 2025 vor?

Greenfield: Die Stadt beobachtet mich mit Tausenden Augen. Sie ist voller intelligenter Geräte, die wissen, was ich will und wohin ich meine Schritte als nächstes lenke. Auch ich werde viel mehr über meine Umgebung wissen.

SPIEGEL ONLINE: Was denn zum Beispiel?

Greenfield: In Zukunft werden immer mehr Gegenstände Informationen senden und empfangen. Beim Kauf einer Hose könnte ich die Daten dieser Hose abrufen und mich fragen: Ist der Preis gerechtfertigt? Wurde sie in einem Billiglohnland gefertigt? Ich kann prüfen, ob das Produkt meinen Wertvorstellungen entspricht und mich als Konsument entsprechend verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Solch computergestützte Waren sprechen nicht nur über sich. Sie sprechen auch über ihre Besitzer.

Greenfield: In der Tat. Meine Schuhe könnten irgendwann mit der Bushaltestelle kommunizieren, zu der ich täglich laufe. Der entsprechende Datensatz könnte ergeben, dass ich von Montag bis Freitag dort auf den Bus gewartet habe, aber nur am Dienstag dieses Paar Schuhe getragen habe. Oder dass ich meine Schuhe trage, bis die Sohle durchgelaufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Mein Schuh könnte ein Psychoprofil erstellen und es dem Hersteller mitteilen?

Fotostrecke

Fotostrecke: Wie die Technik den Konsum verändert
Greenfield: Ja. Bislang sind wir es meist selbst, die persönliche Daten in sozialen Netzen veröffentlichen. Künftig muss ich womöglich meinem Schuh oder Pullover verbieten, sich mit Diensten wie Facebook oder Foursquare zu verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Konsumenten das akzeptieren? In Deutschland etwa regt sich ja schon Protest, wenn Google-Autos die Straßen fotografieren.

Greenfield: Es wird darauf ankommen, welche gesellschaftlichen Regeln sich für das Internet der Dinge entwickeln. So oder so: Aufhalten lässt sich die Technik nicht. Es wird immer günstiger, Daten zu erfassen und zu übertragen. Nach und nach wird jedes Kleidungsstück, jeder Laternenpfahl und jede Hausfassade ans Internet angeschlossen sein...

SPIEGEL ONLINE: ...und Daten über uns erheben. Die Firma Quividi etwa bietet schon jetzt Werbeflächen an, die per Gesichtserkennung Alter und Geschlecht der vorbeilaufenden Menschen bestimmen und messen, wer sich die Reklame anschaut und wer nicht. Welche Folgen hat solche Technik?

Greenfield: Für die Werbewirtschaft ist sie der Heilige Gral: Reklame kann genau auf die Zielgruppe abgestimmt werden. Gesellschaftlich gesehen ist sie bedenklich: Firmen wie Quividi nutzen Passanten als Ressource. Selbst wenn ich wegschaue, helfe ich der Firma, relevante Zielgruppen zu bestimmen. Sie schöpft Wert aus meinem Verhalten. Ohne mein Einverständnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich der Informationsfluss unterbrechen?

Greenfield: Sie könnten sich eine Anonymous-Maske aufsetzen. Oder die Werbetafel zertrümmern. Ich heiße diese Dinge nicht gut. Ich sage nur: Wenn das Gerät ihnen keine Wahl lässt, werden sich Betroffene unkonventionelle Wege suchen, ihren Willen durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Schon heute bekommt man persönliche Daten, die man ins Netz stellt, kaum wieder gelöscht, weil sie in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet werden. Künftig kann so gut wie jeder Gegenstand zusätzlich Daten erheben und verbreiten. Auch gegen unseren Willen. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Greenfield: Immer mehr unserer Taten werden gespeichert und sind für alle Zeit abrufbar. Lügen werden rascher auffliegen, die Affäre eines Verheirateten zum Beispiel. Es wird entweder Regeln geben, die Technik zu begrenzen, um die Möglichkeit des Lügens zu erhalten. Oder Wertesysteme wie die Ehe werden mit der Zeit toleranter gegenüber menschlichem Fehlverhalten.

SPIEGEL ONLINE: Beobachtet die Stadt der Zukunft unser Verhalten - oder steuert sie es sogar?

Greenfield: Es gibt bereits Geräte, die unser Verhalten steuern. Zum Beispiel "Acure", ein Getränkeautomat, der in Tokio aufgestellt wurde. Wie die Werbetafel von Quividi erkennt er Alter und Geschlecht des Kunden und bietet ihm auf einem Touchscreen eine entsprechende Selektion von Getränken. Alle anderen Drinks werden ausgeblendet.

SPIEGEL ONLINE: Die Maschine weiß, was ich will?

Greenfield: Die Maschine sagt mir, was ich will. Bequemen Menschen dürfte es ganz recht sein, wenn ihre Wahlmöglichkeiten eingeschränkt werden. Andere, wie ich, finden es dagegen bedenklich.

SPIEGEL ONLINE: Die Computertechnik verändert nicht nur die Menschen, die in einer Stadt leben, sondern auch die Stadt selbst. Aus den erhobenen Daten ergeben sich Strategien, wie man urbane Räume besser gestalten kann. In welchen Bereichen erwarten Sie besonders große Umwälzungen?

Greenfield: Im Automobilsektor. Selbst in Städten mit gut ausgebauten öffentlichen Verkehrssystemen ist der Anteil der Autobesitzer enorm hoch. Dabei ist das eigene Fahrzeug ineffizient. Ich nutze mein Auto zwei Stunden pro Tag, den Rest der Zeit steht es nutzlos herum. Nun entwickeln sich IT-gestützte Car-Sharing-Modelle, die im Idealfall eine Nutzung rund um die Uhr ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Von einem Mentalitätswandel ist aber kaum etwas zu spüren. Das eigene Auto ist für die meisten noch immer Freiheits- und Statussymbol.

Greenfield: Das liegt daran, dass die Fahrzeuge der meisten Car-Sharing-Dienste nicht attraktiv genug sind. Menschen nutzen ihr Auto als Ausweis ihrer Identität, und sie suchen ein Fahrzeug, das ihren individuellen Bedürfnissen entspricht. Car-Sharing-Dienste müssen dem entgegenkommen. Denkbar ist, dass sie irgendwann Autos anbieten, deren Lack die Farbe wechseln kann. An solcher Technik wird bereits geforscht.

SPIEGEL ONLINE: Schon heute lassen sich Waren kaufen, indem man Werbeplakate mit dem Handy scannt. Verschwinden in der Stadt der Zukunft die Ladenzeilen?

Greenfield: Das glaube ich nicht. Vor allem nicht bei Luxusgütern. Bei Einkauf von Kleidung etwa geht es ja weniger um den Warenerwerb, sondern mehr um das Erlebnis. Wir wollen gesehen werden. Wir wollen, dass uns jemand bedient. Einkaufen ist oft eine Status-Performance. Solche Bedürfnisse werden auch die Bewohner einer Smart City haben.

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insgesamt 37 Beiträge
1.
cato-der-ältere 24.04.2012
Was gar nicht groß hinterfragt wird ist wer da wen beobachtet, und warum (es wird eher technokratisch diskutiert). Beziehungsweise dass diese Systeme in erster Linie dem Kapitalismus dienen, dem Verkaufen, und dann vor allem der [...]
Was gar nicht groß hinterfragt wird ist wer da wen beobachtet, und warum (es wird eher technokratisch diskutiert). Beziehungsweise dass diese Systeme in erster Linie dem Kapitalismus dienen, dem Verkaufen, und dann vor allem der Kontrolle durch den Staat: wer ist verdächtig...? Möglich wären natürlich auch völlig andere Ansätze, sozial und kulturell nützliche, die uns wirklich voran bringen. Aber dafür sind die Budgets viel geringer. Wer das Geld hat setzt also diese Systeme für sein Zwecke ein. Allein schon deshalb kann einem da Angst und Bange werden. Weil eben die Basis unserer Gesellschaft in so hohem Maße auf Ungleichheit beruht und auf Interessen die nicht unbedingt ethisch sind. Was bisher schon nicht überzeugend funktioniert hat und sich durch diese neue Informationsmacht sich verschärfen kann, und wird.
2.
Vorzeichen 24.04.2012
Evolution in dem Sektor sieht Herr Greenfield offensichtlich nur bei der HW, nicht aber bei Algorithmen. Warum soll es in einer Welt, in der überall Daten anfallen, nicht auch automatisierte Löschprozesse geben? Außerdem werden [...]
Zitat von sysopImmer mehr unserer Taten werden gespeichert und sind für alle Zeit abrufbar.
Evolution in dem Sektor sieht Herr Greenfield offensichtlich nur bei der HW, nicht aber bei Algorithmen. Warum soll es in einer Welt, in der überall Daten anfallen, nicht auch automatisierte Löschprozesse geben? Außerdem werden keine Taten erfasst, sondern rohe Daten. Taten lassen sich aus den Daten vielleicht rekonstruieren oder auch nur interpretieren, aber dazu wiederum benötigt man mindestens Analyse-, wenn nicht gleich Warehousing-SW. ---Zitat--- Lügen werden rascher auffliegen, die Affäre eines Verheirateten zum Beispiel. ---Zitatende--- Ob eine Affäre auffliegt oder nicht, hat eher etwas mit dem Geschick des Ehebrechers zu tun als mit Technik. Künftig muss er vielleicht noch besser aufpassen, aber mehr auch nicht. ---Zitat--- Oder Wertesysteme wie die Ehe werden mit der Zeit toleranter gegenüber menschlichem Fehlverhalten. ---Zitatende--- Hier wird's gänzlich esoterisch. Nach Greenfieldscher Deutung werden ja, s.o., auch Verbrechen schneller auffliegen. Da würde mich mal interessieren, ob sich da auch Wertesysteme wandeln. Wird es keine Verbrecher mehr geben oder werden wir ihnen gegenüber toleranter? Ich seh's schon kommen. Demnächst stehe ich an der Bushalte neben einem anderen Mann und eine zuckersüße Frauenstimme aus dem Werbeplakat für ein Einkaufszentrum erklärt uns, wo wir beste Dessous kaufen können. Wen von uns meint das Plakat? Habe ich vergessen, meine Cookies zu löschen? Was denkt der Typ neben mir jetzt? Wer verliert zuerst die Nerven?
3.
seine_unermesslichkeit 24.04.2012
Warum gibt es bei all dieser Vernetzung und itelligenten Technik immer noch kein Telefon oder Handy, welches dem Anrufer vor beabsichtigter Anwahl mitteilt, dass er gerade stören würde, wenn er anruft? Kein höflicher Mensch kommt [...]
Warum gibt es bei all dieser Vernetzung und itelligenten Technik immer noch kein Telefon oder Handy, welches dem Anrufer vor beabsichtigter Anwahl mitteilt, dass er gerade stören würde, wenn er anruft? Kein höflicher Mensch kommt auf die Idee, in eine Konversation hineinzuplatzen, aber telefonisch ist das immer noch möglich!
4. Schoen waer's...
vhe 24.04.2012
aber leider gibt's bei uns ein Vermummungsverbot.
Zitat von sysopSie könnten sich eine Anonymous-Maske aufsetzen.
aber leider gibt's bei uns ein Vermummungsverbot.
5.
seine_unermesslichkeit 24.04.2012
Warum gibt es bei all dieser Vernetzung und itelligenten Technik immer noch kein Telefon oder Handy, welches dem Anrufer vor beabsichtigter Anwahl mitteilt, dass er gerade stören würde, wenn er anruft? Kein höflicher Mensch kommt [...]
Warum gibt es bei all dieser Vernetzung und itelligenten Technik immer noch kein Telefon oder Handy, welches dem Anrufer vor beabsichtigter Anwahl mitteilt, dass er gerade stören würde, wenn er anruft? Kein höflicher Mensch kommt auf die Idee, in eine Konversation hineinzuplatzen, aber telefonisch ist das immer noch möglich!

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Zur Person

  • Urbanscale
    Adam Greenfield, 43, war einer der ersten, der ausgiebig untersuchte, welche Auswirkungen die Allgegenwärtigkeit von Computern auf das Leben in den Städten hat. Bereits 2006 verfasste er dazu das Standardwerk "Everyware. The dawning age of ubiquitous computing", in dem er untersuchte, wie Computerisierung, das Internet der Dinge, Augmented Reality, Smart Grids und andere technische Entwicklungen zu einem Megatrend verschmelzen.

    Der New Yorker hat rund um die Welt Vorträge zum Thema gehalten. 2008 bis 2010 managte er beim finnischen Handy-Hersteller Nokia das Design der Bedienoberflächen und Dienste. 2010 gründete er Urbanscale, ein Beratungsunternehmen für Projekte rund ums das Thema vernetze Städte.
  • http://urbanscale.org/

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