24.05.2012
Schwindende Aufträge
Euro-Krise bremst Deutschlands Wirtschaft
Container-Frachter im Hamburger Hafen: Deutsche Konjunktur belastet
Hamburg - Die Krise in Griechenland spitzt sich zu, doch die Krisenmanager der Euro-Zone wirken hilflos. Vor allem Kanzlerin Angela Merkel und ihr französischer Kollege François Hollande sind auf Konfrontationskurs. Derzeit streiten sie über das Für und Wider gemeinsamer Anleihen, sogenannter Euro-Bonds.
Europa wirkt blockiert - und das wirkt sich nach Einschätzung des Münchner Ifo-Instituts nun auch auf die Wirtschaft aus: Die jüngsten Wahlen in Griechenland und Frankreich hätten das Bild verändert, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe am Donnerstag. Bisher hatten sich die Firmen in gewissem Maß an die Krise gewöhnt. Nun schlagen die Unsicherheiten wieder voll durch: Das Ifo-Geschäftsklima stürzte im Mai um drei auf 106,9 Punkte ab.
Die 7000 vom Ifo-Institut befragten Firmen beurteilten sowohl ihre aktuelle Geschäftslage als auch die Zukunft deutlich schlechter als in den vergangenen Monaten, erläuterte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Wohlrabe sagte, die politische Lage in Frankreich und Griechenland verunsichere vor allem die großen, im Euro-Raum stark verflochtenen Konzerne. "Sie vermuten, dass es sie jetzt betrifft."
Am Donnerstag gab es ein neues Alarmzeichen. Die anderen Mitglieder der Euro-Zone rüsten sich offenbar für den Ernstfall: Experten der 17 Euro-Staaten entwerfen Notfallpläne für den Fall eines Euro-Austritts Griechenlands. Das bestätigte Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker.
Griechische Steuereinnahmen brechen ein
"Ich habe die Mitgliedsregierungen der Euro-Zone nicht beauftragt, nationale Notfallpläne auszuarbeiten", sagte Juncker am Donnerstagmorgen nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel. "Aber selbstverständlich ist es so, dass wir uns auf alle Szenarien einstellen müssen, weil wir sonst unserer Aufgabe nicht gerecht würden." Politischer Wille sei allerdings, dass Griechenland Euro-Mitglied bleibe.
Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters überweisen die Griechen ihrem klammen Staat zudem immer weniger Geld. "Die Leute stellen Zahlungen ein, weil uns Wahlen bevorstehen und auch wegen der Unsicherheit durch einen möglichen Euro-Austritt", sagte ein ranghoher Mitarbeiter des Finanzministeriums. Der griechische Fiskus dürfte in diesem Monat rund zehn Prozent geringere Einnahmen verbuchen, berichtet die Agentur. In abgelegenen Finanzämtern seien die Einnahmen im Mai sogar um 15 bis 30 Prozent zurückgegangen.
Das alles drückt auf die Stimmung. Die deutsche Industrie schrumpfte einer Umfrage zufolge im Mai so stark wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex fiel um 1,2 auf 45,0 Punkte, teilte das Markit-Institut am Donnerstag zu seiner Umfrage unter Hunderten Unternehmen mit. Das ist der tiefste Stand seit Juni 2009. Das Barometer entfernte sich damit weiter von der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird.
Deutschlands Wirtschaft wächst im ersten Quartal
Trotz aller Verunsicherung: Noch steigen in Deutschland die Exporte. Der starke Außenhandel bescherte Deutschlands Wirtschaft zum Jahresanfang ein deutliches Plus. Gegenüber dem Vorquartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP)um 0,5 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Im Vergleich zum ersten Quartal 2011 legte die Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent zu.
Deutschlands Firmen profitieren derzeit davon, dass der Euro deutlich an Wert verlor. Die Gemeinschaftswährung lag am Donnerstagvormittag deutlich unter der Marke von 1,26 Dollar. Am Vortag war er zeitweise auf den tiefsten Stand sei 22 Monaten gefallen. Das macht Exporte nach Übersee billiger.
"Gut läuft außerdem die Unterhaltungselektronik", sagte Wohlrabe. Hier wirke sich bereits die Fußball-Europameisterschaft positiv aus, die im Juni in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Viele Konsumenten gönnen sich vor Großereignissen wie der EM eher einen neuen Fernseher.
ssu/dpa/Reuters