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29.05.2012
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Enttäuschung bei West-Investoren

Ende der China-Party

Von Stefan Schultz
Textilfabrik im chinesischen Huaibei: Lohnkosten steigen rapide
REUTERS

Textilfabrik im chinesischen Huaibei: Lohnkosten steigen rapide

Das Wachstum schwindet, die Gehälter steigen: Chinas Wirtschaft steckt in einem historischen Umbruch. Unter europäischen Investoren wächst die Ernüchterung - jeder fünfte erwägt inzwischen gar, dem Standort den Rücken zu kehren. Die Volksrepublik verliert ihren Vorteil als Billiglohnland.

Hamburg - Die Europäische Handelskammer hat am Dienstag eine überraschende Umfrage veröffentlicht. Mehr als jedes fünfte Unternehmen denkt demnach darüber nach, seine Investitionen in China zurückzufahren und sich stärker in anderen Boom-Ländern zu engagieren. In Vietnam oder Indien zum Beispiel - oder in Südamerika. Vor allem Anbieter von Konsumgütern orientieren sich laut Umfrage um.

Während die meisten Firmen noch im China-Boom schwelgen, während der deutsche Mittelstand das Land gerade als neuen Absatzmarkt für sich entdeckt, scheint bereits eine Gegenbewegung zu entstehen. Viele Investoren seien frustriert, heißt es in der Umfrage, weil das Boom-Land nicht das hält, was es verspricht. Drei Hauptgründe werden für die neue Investorenskepsis genannt.

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Grafiken: Investoren drohen mit Abzug aus China
Der Standort China wird für einen Teil der Investoren unattraktiver. Das zeigt, wie stark sich die Wirtschaft des Landes verändert. Doch die eigentliche Frage lautet: Ist der Aufschwung dadurch bedroht? Verspielt das Boom-Land seine strukturellen Vorteile?

"Die Wild-West-Ära ist vorbei"

Nach Ansicht von Simon Cox lässt sich Chinas Wirtschaft gut mit einem Fahrrad vergleichen. Beide müssten ein gewisses Tempo halten - sonst droht ein schmerzhafter Sturz, schreibt der Autor des britischen Magazins "Economist" in einer Analyse über die ökonomischen Umbrüche der angehenden Supermacht.

Der chinesischen Regierung galten acht Prozent Wirtschaftswachstum lange als Untergrenze, um das Land stabil zu halten, um genug Wohlstand und Arbeitsplätze für die 1,35-Milliarden-Menschen-Nation zu schaffen. Für das laufende Jahr hat die Regierung nun nur noch ein Wachstumsziel von mindestens 7,5 Prozent festgelegt. Der Fokus verschiebt sich vom schwindelerregenden Boom in Richtung Stabilität.

Gleichzeitig ändert sich der wirtschaftspolitische Fokus. "China steht vor einem Strukturbruch", sagt Horst Löchel, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management (FSM), der acht Jahre in China Wirtschaftswissenschaften unterrichtete. "Es verliert seinen Standortvorteil als Billiglohnland." Damit die Wirtschaft wachsen kann, muss sie von der Kopier-Nation zur Hightech-Industrie werden. "Investoren, die auf günstige Produktionsstätten setzen, werden bald abziehen", sagt Löchel. "Die Wild-West-Ära ist vorbei, und das ist auch gut so."

Der Wettbewerb wird härter

Um die Wirtschaft weiterzuentwickeln, hat Chinas Kommunistische Partei zahlreiche Reformen angeschoben: Die Forschungsausgaben sollen bis 2020 auf 402 Milliarden Dollar anschwellen und sogar die der USA übertreffen. Das Kreditwesen wird modernisiert, mit besonderem Fokus auf die Privatwirtschaft. Der Kapitalmarkt wird allmählich geöffnet, die Bedeutung der Landeswährung Yuan wird international gestärkt. Ab 1. Juni werden beispielsweise China und Japan ihren Handel nicht länger über den Dollar abwickeln, sondern direkt in Yuan und Yen.

Der Umbau der chinesischen Wirtschaft ist ein Mammutprojekt, das in der Kommunistischen Partei einen Richtungsstreit darüber entfacht hat, wie viel Marktwirtschaft das Land wagen muss. Wie viel Rückhalt die Reformblockierer in der Bevölkerung haben, zeigte sich zuletzt beim Sturz des Neomaoisten Bo Xilai. Der ließ Regierungsangestellte "Rote Lieder" schmettern, als er noch KP-Chef der Metropolregion Chongqing war - und soll nicht zuletzt wegen seines bedenklichen Populismus abgesetzt worden sein. Die Anti-Kapitalismus-Bewegung konnte das kaum dämpfen. Die Wut jener Millionen Menschen, die sich im China-Boom abgehängt fühlen, kanalisiert sich derzeit in einem gespenstischen Kult um den toten Diktator Mao Tse-tung - den die Regierung unter anderem dadurch bekämpft, dass sie Dutzende linksgerichtete Webseiten sperren lässt und das Internet immer schärfer zensiert.

Investoren sind verunsichert, ob die Regierung das Land schnell genug reformieren kann. Wenn der zügellose Boom allmählich abebbt, wenn die Löhne steigen und heimische Betriebe sich zusehends zu Hightech-Firmen mausern, dann sehen sich ausländische Firmen zudem einem immer schärferen Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen ausgesetzt.

"Derzeit handelt Chinas Regierung aus einer Position der absoluten Stärke heraus", sagt Löchel von der FSM. "Sie bevorzugt die eigenen Unternehmen gegenüber ausländischen Konkurrenten bis über das Erlaubte hinaus." Europäische Firmen müssen sich also doppelt und dreifach anstrengen. Dabei dürften einige auf der Strecke bleiben.

Eine Besserung der Lage ist kaum in Sicht. "Wenn zu viele ausländische Investoren aus dem Land abziehen, dürfte die chinesische Führung ihre nationalistische Industriepolitik ein wenig lockern", sagt Löchel. Vermutlich aber eben immer nur so weit, wie sie muss.

Durch die Veränderung der chinesischen Wirtschaft drohen ausländischen Firmen also noch rauere Zeiten als bisher. Schon jetzt gibt ein Drittel der Firmen an, ihre Gewinnmargen seien in China geringer als im weltweiten Durchschnitt. Und viele geben an, ihr Ziel sei gar nicht mehr, neue Marktanteile zu erobern - sondern die bestehenden zu halten.

Forum

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insgesamt 83 Beiträge
1. Billiglohnland-Hopping
inqui 29.05.2012
ich schlage als nächstes Kambodscha oder Laos vor. In Vietnam lohnt sichs auch nicht mehr. Vielleicht schließt sich ja eines Tages der Kreis in Deutschland.
Zitat von sysopDas Wachstum schwindet, die Gehälter steigen: Chinas Wirtschaft steckt in einem historischen Umbruch. Unter europäischen Investoren wächst die Ernüchterung - jeder fünfte erwägt inzwischen gar, dem Standort den Rücken zu kehren. Die Volksrepublik verliert ihren Vorteil als Billiglohnland. Europas Firmen drohen raue Zeiten in China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,835703,00.html)
ich schlage als nächstes Kambodscha oder Laos vor. In Vietnam lohnt sichs auch nicht mehr. Vielleicht schließt sich ja eines Tages der Kreis in Deutschland.
2. Da kommen einem ja fast die Tränen
Suppenhahn 29.05.2012
Welches andere Land gibt es denn noch, wo die Menschen kurz vorm Verrecken sind und sich daher sogar über Ausbeutung noch freuen?
Welches andere Land gibt es denn noch, wo die Menschen kurz vorm Verrecken sind und sich daher sogar über Ausbeutung noch freuen?
3. Ja und?
talackova 29.05.2012
War etwas anderes zu erwarten? China kommt in der Realität an, ehemalige Wanderarbeiter verlangen heute auch ihre Gehälter, leben ist in China nicht mehr billiger als bei uns und für high tech Produkte fehlt es noch an allen [...]
Zitat von sysopDas Wachstum schwindet, die Gehälter steigen: Chinas Wirtschaft steckt in einem historischen Umbruch. Unter europäischen Investoren wächst die Ernüchterung - jeder fünfte erwägt inzwischen gar, dem Standort den Rücken zu kehren. Die Volksrepublik verliert ihren Vorteil als Billiglohnland. Europas Firmen drohen raue Zeiten in China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,835703,00.html)
War etwas anderes zu erwarten? China kommt in der Realität an, ehemalige Wanderarbeiter verlangen heute auch ihre Gehälter, leben ist in China nicht mehr billiger als bei uns und für high tech Produkte fehlt es noch an allen Ecken und Enden. China lohnt sich noch als Markt, aber der ist berenzt, aber immer weniger als verlängerte Werkbank. Die kapitalistische Karavane zieht weiter und wird sich die nächsten Billiglohnländer suchen. Die alten südlichen Sowjetrepubliken werden genutzt werden, Afganistan und Pakistan werden ausgebeutet werden, Afrika steht in den Startlöchern. China muss jetzt den Weg der Konsolidierung finden. Die sozialen und politischen Unruhen werden zunehmen und weite Teile des Landes haben noch Dritte Weltniveau.
4. Da hab ich mit dem Firmen aber Mitleid,
kmg87 29.05.2012
wenn sich die Ausbeutung nicht mehr lohnt.
wenn sich die Ausbeutung nicht mehr lohnt.
5. Wer weiss...
einzelkönig 29.05.2012
...vllt. gibt's dann 'mal in Afrika einen Billiglohn-Boom, wenn z. B. chinesische Industrielle ihre Mittel nutzen, um *noch* billiger produzieren zu können.
Zitat von inquiich schlage als nächstes Kambodscha oder Laos vor. In Vietnam lohnt sichs auch nicht mehr. Vielleicht schließt sich ja eines Tages der Kreis in Deutschland.
...vllt. gibt's dann 'mal in Afrika einen Billiglohn-Boom, wenn z. B. chinesische Industrielle ihre Mittel nutzen, um *noch* billiger produzieren zu können.

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