15.06.2012
Griechenland-Wahl
Notenbanken der Welt wappnen sich gegen Marktschock
Börsenhändler an der Wall Street: Warten auf die Schockwellen aus Griechenland
London/Washington - Am Sonntag steht die Schicksalswahl in Griechenland an - und die wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf mögliche schwere Marktturbulenzen vor: Die Zentralbanken präparieren sich laut der Nachrichtenagentur Reuters für eine koordinierte Aktion, um die globalen Finanzmärkte zu stabilisieren. Reuters beruft sich auf Vertreter der G20, die sich in der kommenden Woche in Mexiko zu einem Gipfel versammelt.
Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, ging am Morgen indirekt auf das Marktgerücht ein. In Frankfurt kündigte er an, notfalls die Geldschleusen weiter zu öffnen. Die EZB habe bislang dafür Sorge getragen, dass die Banken genug Geld bekämen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, sagte Draghi in Frankfurt am Main. "Das Euro-System wird weiter Liquidität bereitstellen, wenn das benötigt wird", sagte er.
Hintergrund der Befürchtungen sind die starken Umfrageergebnisse für die griechischen Parteien, die den bisherigen Spar- und Reformkurs ablehnen. Sollten sie sich tatsächlich durchsetzen, halten Experten das Ende des Euro in Griechenland für möglich. Um dann eine Kreditklemme zu verhindern, bereiten sich die Notenbanker der größten Volkswirtschaften der Welt darauf vor, die Finanzmärkte mit Liquidität zu versorgen. Abhängig von der Heftigkeit der Reaktionen könnte am Montag oder Dienstag zudem ein Krisentreffen von Ministern der G7 angesetzt werden. Per Telefon könnten die Notenbanker zugeschaltet werden. An den Handelsplätzen löste die Nachricht Kursgewinne aus: Die Indizes der New Yorker Börse etwa stiegen klar. Der Euro
legte ebenfalls zu.
Auch die Finanzminister der Euro-Zone wollen am Sonntagabend in einer Telefonkonferenz gemeinsam beraten, wie sie mit dem Ergebnis der Griechenland-Wahl umgehen werden. Die Hauptsorge sei das Risiko von größeren Kapitalabflüssen, sollte sich die radikale Linkspartei Syriza eindeutig durchsetzen, sagte ein Vertreter der Euro-Zone. Syriza lehnt die Auflagen der internationalen Geldgeber ab, will das Land aber dennoch im Euro halten. Am Donnerstag bekräftigte Parteichef Alexis Tsipras seine Entschlossenheit, die Hilfsbedingungen nach einem Wahlsieg zu kippen.
Großbritannien pumpt hundert Milliarden Euro in Bankensystem
Großbritannien hat zudem bereits konkrete Maßnahmen beschlossen, um sich vor einer Verschärfung der Euro-Krise zu schützen: Mehr als hundert Milliarden Pfund wollen Regierung und Zentralbank in das Bankensystem pumpen. Mit der koordinierten Aktion soll die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen und Verbraucher angekurbelt werden. Das Land werde in wenigen Wochen ein entsprechendes Programm auflegen, sagte Notenbank-Chef Mervyn King vor Londoner Bankiers. Die Geldhäuser sollen damit auf eine günstige langfristige Finanzierung zugreifen können. Nach Angaben aus dem Finanzministerium könnte allein der Plan der Regierung neue Darlehen in Höhe von schätzungsweise 80 Milliarden Pfund unterstützen.
Finanzminister George Osborne rief die Länder der Euro-Zone auf, die Krise endlich in den Griff zu bekommen. Großbritannien müsse sich nun selbst schützen. "Wir sind nicht machtlos im Angesicht des Schuldensturms der Euro-Zone", sagte er. Die Kredite an die Banken sollen mit einer Laufzeit von wahrscheinlich drei bis vier Jahren ausgestattet werden. Die Verzinsung soll unterhalb der derzeitigen Marktzinsen liegen. Die Bank of England werde zudem ihre Notfall-Liquiditätshilfe aktivieren, die im Dezember geschaffen wurde, sagte Notenbankchef King. Gegen die Hinterlegung von Sicherheiten sollen die Banken Kapital für sechs Monate erhalten können. Mit dieser Operation sollen den Finanzinstituten mindestens fünf Milliarden Pfund pro Monat angeboten werden. Die Bank of England hatte ihren Leitzins bereits in der Finanzkrise auf den Rekordtiefstand von 0,5 Prozent gesenkt. Zudem hat sie bisher Anleihen im Wert von 325 Milliarden Pfund aufgekauft.
Auch die Schweizerische Nationalbank bereitet sich auf eine Verschärfung der Euro-Krise vor. Weil Anleger in den Franken flüchten und dessen Kurs so weiter in die Höhe treiben könnten, kündigte Notenbankchef Thomas Jordan an, in unbegrenzter Höhe an den Märkten einzugreifen, um den Kurs des Franken stabilzuhalten.
fdi/Reuters/dpa-AFX
