19.07.2012
Möglicher Fälscherring
Deutsche Bank soll in Zinsmanipulationen verstrickt sein
Deutsche-Bank-Co-Chef Jain: Skandal um Libor-Manipulationen weitet sich aus
Hamburg - Die Untersuchungen über Manipulationen der Referenzzinssätze Libor und Euribor gehen offenbar voran: Laut "Financial Times" prüfen die Fahnder Verbindungen zwischen der britischen Bank Barclays und den Instituten Crédit Agricole, HSBC, Société Générale - sowie der Deutschen Bank. Händler dieser Geldhäuser könnten einen Ring gebildet haben, um den Euribor zu manipulieren, so der Verdacht. Rädelsführer könnte demnach der Barclays-Händler Philippe Moryoussef gewesen sein.
Der Euribor gehört wie der Libor zu den zentralen Zinssätzen im Finanzsystem. Sie zeigen an, zu welchem Preis sich Banken untereinander Geld leihen - und bilden damit die Basis für zahlreiche Immobilienkredite, Sparverträge und Anleihen im Volumen von vielen Billionen Dollar. Die Sätze werden jeden Tag neu ermittelt: Dazu melden Banken die Zinsen, zu denen sie Refinanzierungsgeschäfte mit der Konkurrenz tätigen würden. Der Durchschnitt dieser Werte ist dann der Euribor beziehungsweise der Libor für den jeweiligen Tag. Mehrere Banken sollen die Zinsen systematisch zu niedrig angegeben und so Libor und Euribor manipuliert haben.
Mindestens ein Händler der Deutschen Bank war laut "FT" tief in die Zinsmanipulationen verwickelt. Er soll zu dem Zirkel der Bankenmitarbeiter gehört haben, die sich absprachen. Die verdächtigten Händler sollen sich laut "Financial Times" in den Jahren 2006 bis 2007 in mindestens 58 Fällen bei Euribor-Zinssätzen abgesprochen haben, um so bei eigenen Termingeschäften zu profitieren.
Ein Sprecher der Deutschen Bank bestätigte, dass der verdächtigte Händler bereits im vergangenen Jahr suspendiert worden sei und die Bank verlassen habe, ebenso wie ein weiterer Kollege. Die Deutsche Bank kooperiere mit den Behörden.
Weitgehende Absprachen
Die mutmaßlichen Euribor-Absprachen betreffen einen Zeitraum vor Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007. Bisher lag der Fokus des öffentlichen Interesses auf der möglichen Manipulation des noch wichtigeren Libor-Satzes seit Beginn der Finanzkrise. Die Banken, so die Vermutung, könnten in der Krise einen Anreiz gehabt haben, die gemeldeten Zinssätze niedrig zu halten, um so Zweifel an ihrer Zahlungsfähigkeit zu zerstreuen.
Weltweit laufen seit rund zwei Jahren Ermittlungen gegen etwa 20 Großbanken wegen Manipulationsversuchen bei den Zinssätzen. Die entscheidende Frage dabei ist, ob es sich lediglich um das Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter handelt oder ob es quasi zum Geschäftsmodell der Banken gehörte, den Zinssatz zu manipulieren.
Die britische Bank Barclays hatte als erste Manipulationen eingestanden - und muss dafür 450 Millionen Dollar Strafe zahlen. In der Folge trat Vorstandschef Bob Diamond zurück. Laut führenden Mitarbeitern der Bank soll die Manipulation der Zinssätze von höchster Stelle angeordnet worden sein.
Angesichts der bekanntgewordenen Manipulationsversuche fordert der britische Notenbank-Chef Mervyn King, Reformen bei der Ermittlung der Referenzzinssätze. Er lud dazu Zentralbanker aus aller Welt für den 9. September zu Beratungen in der Schweiz ein. Bislang werden Libor und Euribor dadurch ermittelt, dass die Großbanken die Zinssätze für Verleihgeschäfte untereinander in einer vertraulichen Umfrage melden. Daraus wird dann ein Durchschnittskurs gebildet, an dem sich alle möglichen Zinsen in der Realwirtschaft orientieren.
Kanadas Notenbankchef Mark Carney fordert sogar noch weitergehende Konsequenzen aus der Libor-Affäre. Er verlangt die komplette Abschaffung des Referenz-Zinssatzes. Carney sitzt dem einflussreichen Finanzstabilitätsrat vor.
ssu/stk/dpa-AFX/Reuters
