24.07.2012
Nürburgring
Experten fürchten Mauschelei bei Insolvenz
Von Maria Marquart
Helm vor Nürburgring-Schriftzug: Dominante Rolle des Landes Rheinland-Pfalz
Mainz/Hamburg - Das Land Rheinland-Pfalz behält auch nach der Insolvenz des Nürburgrings seine dominante Stellung bei der Rennstrecke. Die wichtigsten Gläubiger des Nürburgrings wollen für die Sanierung des Unternehmens keinen unabhängigen Insolvenzverwalter. "Der vorläufige Gläubigerausschuss hat getagt und sich einstimmig für ein Verfahren in Eigenverantwortung ausgesprochen", sagte der Direktor des zuständigen Amtsgerichts Bad Neuenahr-Ahrweiler, Jürgen Powolny, am Dienstag. Das Gericht werde dem zustimmen.
Bei einer Insolvenz in Eigenverantwortung bleibt die bisherige Unternehmensleitung im Amt und führt die Geschäfte weiter. Der Sanierungsplan des Managements, der sogenannte Insolvenzplan, wird von einem Sachwalter überwacht. Dieser hat aber weit weniger Einfluss als ein Insolvenzverwalter.
Experten und die Opposition in Rheinland-Pfalz sehen die Insolvenz in Eigenverwaltung im Fall Nürburgring sehr kritisch, denn das Land ist Gesellschafter und Geldgeber zugleich. "Das Land Rheinland-Pfalz ist quasi sein eigener Gläubiger", sagt Detlef Specovius, Fachanwalt für Insolvenzrecht bei der Kanzlei Schultze & Braun. "Eigenverwaltung und Insolvenzplan sind grundsätzlich zu begrüßen. In einem Insolvenzverfahren, in dem gegen die Beteiligten der Vorwurf mangelnder Transparenz und ein großer Vertrauensverlust im Raum stehen, erscheinen diese Sanierungsinstrumente jedoch wenig geeignet."
Gutachten warnt vor hohen Verlusten für die Steuerzahler
Der Nürburgring gehört zu 90 Prozent dem Land und zu zehn Prozent dem Landkreis Ahrweiler. Auch im Gläubigerausschuss sitzen zum größten Teil Vertreter von Land und Kommunen. Hauptgläubiger ist die landeseigene ISB-Bank, dem Gremium gehören zudem Vertreter der Ortsgemeinden Nürburg und Müllenbach, die Bundesagentur für Arbeit (BA) sowie ein Vertreter der Arbeitnehmer an.
Durch eine Sanierung in eigener Regie könne "in diesem Fall der öffentliche Eindruck entstehen, dass beim Nürburgring der Bock zum Gärtner gemacht wird und alles so weiter läuft wie bisher", sagte Specovius. "In einer solchen Situation ist der klassische Insolvenzverwalter als externer Sanierer womöglich die bessere Lösung."
Die staatliche Nürburgring GmbH hatte am Freitag für sich selbst und für ihre Töchter Motorsport Resort Nürburgring GmbH und Congress- und Motorsport Hotel Nürburgring GmbH eine Insolvenz in Eigenverantwortung beantragt. Als Sachwalter wurde der Koblenzer Anwalt Jens Lieser bestimmt. Er will sich an diesem Mittwoch der Öffentlichkeit vorstellen. Sanierungsgeschäftsführer wird der Trierer Anwalt Thomas B. Schmidt. Dieser wurde den Angaben der Nürburgring GmbH zufolge als "neuer alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer" bestimmt. Er soll das Unternehmen mit den bisherigen Chefs Gerd Weisel und Hans-Joachim Koch führen.
Sollte die Sanierung nicht gelingen, müssten wohl die Steuerzahler den Schaden begleichen. Wie die "Rhein-Zeitung" und der "Trierische Volksfreund" berichten, deuten sich herbe Verluste für den Steuerzahler an. Ein in Auszügen veröffentlichtes Gutachten von Wirtschaftsprüfern rechnet vor, dass der Wert der Rennstrecke mit angrenzenden Immobilien die Schulden bei einem Verkauf kaum tilgen könne.
Die Koblenzer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Dr. Dornbach & Partner GmbH bezifferte im Mai den Verkehrswert der Ring-Immobilien auf 98 bis 126 Millionen Euro - und die Nettoschulden auf rund 400 Millionen Euro. Damit würden die Steuerzahler mit circa 300 Millionen Euro zur Kasse gebeten. Das wäre mehr als die hierfür geplante Landesrücklage: Sie beläuft sich auf nur 254 Millionen Euro.
Der beste Weg, "um Fehler auch zukünftig zu verschleiern"
Die CDU-Opposition kritisierte, die Sanierung in Eigenregie sei für die Regierung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) als Hauptgesellschafter der beste Weg, "um frühere Fehler auch zukünftig zu verschleiern". Die FDP forderte Becks Rücktritt. Der Regierungschef habe "dem Land die finanzpolitische Handlungsfähigkeit genommen", sagte der Vorsitzende der Landes-FDP, Volker Wissing.
Die staatliche Nürburgring GmbH ist wegen ausbleibender Pachtzahlungen der privaten Betreiber nicht mehr liquide und kann einen 330-Millionen-Euro-Kredit nicht mehr bedienen. Das Land wollte die Rennstrecke mit einer Finanzspritze in Höhe von 13 Millionen Euro ein weiteres halbes Jahr über Wasser halten. Doch die EU-Kommission genehmigte die Hilfe nicht rechtzeitig.
mit Material von AFP und dapd
