07.08.2012
Euro-Krise
Wirtschaftsbosse warnen vor Scharfmachern
Protest in Athen (Archivbild): "Irgendwann muss jeder mal bei Mama ausziehen"
München - Das Projekt Europa gerät in Gefahr - und einige Politiker treiben den Zerfall mit billiger Polemik voran. Wirtschaftsbosse sehen das mit Besorgnis. Sie warnen eindringlich vor einer zu großen Leichtfertigkeit. Der Euro müsse im Interesse der deutschen Wirtschaft unbedingt erhalten werden, sagte Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebbber der "Süddeutschen Zeitung". Der Manager des Autokonzerns forderte "eine größere Zurückhaltung in der Öffentlichkeit" gerade auch von Politikern.
Anlass für Uebbers Kommentar sind offenkundig die Euro-Streitigkeiten der letzten Wochen. Zuletzt hatte der bayerische Finanzminister Markus Söder in der "Bild am Sonntag" gefordert, an den Griechen "ein Exempel zu statuieren". "Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen, und die Griechen sind jetzt so weit", sagte Söder.
Arbeitgeberchef Dieter Hundt kritisierte die Forderung Söders, Griechenland solle bis Jahresende aus der Euro-Zone ausscheiden: "Wir dürfen den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion nicht herbeireden. Öffentliche Spekulationen sind nicht hilfreich", sagte Hundt der "Passauer Neuen Presse". "Damit wird nur zusätzliche Unsicherheit an den Märkten hervorgerufen." Auch Bankenverbandspräsident Andreas Schmitz fürchtet darüber hinaus große Gefahr für den europäischen Zusammenhalt: "Die Kakophonie in Europa ist schon jetzt in vielen Bereichen festzustellen," sagte er SPIEGEL ONLINE. In dieser Situation führten Stammtischparolen zu nichts. "Griechenlands Austritt aus der Eurozone zu fordern, bevor der abschließende Bericht der Troika vorliegt, hilft nicht weiter."
Auch bei Gewerkschaftern stoßen Söders Äußerungen auf Unverständnis. "Die Bayern sollten erst einmal nachdenken, bevor sie sich äußern", sagte der Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Franz-Josef Möllenberg, SPIEGEL ONLINE. "Alle, die den Griechen den Austritt aus dem Euro nahe legen, sollten erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass der wirtschaftliche Erfolg und die Stabilität Deutschlands auch auf Kosten Griechenlands stattfinden." Mindestens jeder vierte Arbeitsplatz in der deutschen Lebensmittelwirtschaft sei vom Export abhängig.
Der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie und Energie, Michael Vassiliadis bezeichnete Söders Äußerungen als "unverantwortlichen Profilierungsversuch". Wer Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sichern wolle, müsse die Euro-Zone stabilisieren, sagte Vassiliadis SPIEGEL ONLINE. "Billige Polemik nach Art des bayerischen Finanzministers Söder hilft niemanden, sondern schadet den eigenen nationalen Interessen."
"Extreme Aussagen nicht hilfreich"
Die Politik dürfe die Lage in der Euro-Krise durch einfache und kernige Aussagen nicht verschlimmern, sagte auch Nikolaus von Bomhard, Chef des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. Er bedauere, dass es manchen in der Debatte vor allem um Polarisierung gehe. Für einfache Lösungen sei die Situation aber zu komplex und die Lösung der Krise zu wichtig. "Dann sind solche extremen Aussagen nicht hilfreich", sagte von Bomhard, allerdings ohne Söder beim Namen zu nennen.
Auch andere Politiker, etwa FDP-Chef Philipp Rösler, hatten einen baldigen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone angesprochen oder waren mit anderen einfachen Lösungen in der Schuldenkrise aufgefallen (siehe Fotostrecke).
Daimler-Manager Uebber hat dafür kein Verständnis. "Ohne den Euro hätten wir immense Wechselkursrisiken und Abwertungen innerhalb des europäischen Marktes - ich will mir gar nicht erst vorstellen, wie es ohne den Euro wäre", warnte Uebber. Folgen eines Auseinanderbrechens der Gemeinschaftswährung wären "ein riesiger Einbruch in der Wirtschaftsleistung, gerade auch in Deutschland, mit sehr großen Schwankungen an den Finanzmärkten", sagte er.
Er befürworte daher eine "konsequente Stufenlösung", wie sie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verfolge. "Eine Fiskalunion muss kommen, ebenso wie eine Bankenunion und eine stärkere Integration des Euro", forderte der 52-jährige Manager.
"Der politische Wille, den Euro zu behalten, ist nach wie vor groß und ich glaube nicht an einen Zerfall der Euro-Zone. Niemand sollte aber glauben, wir kämen schadlos aus der Krise", ergänzte Privatbankier Friedrich von Metzler. Bei Siemens heißt es: "Wir glauben fest an den Euro. An Spekulationen über diverse Szenarien im Zusammenhang mit dem Euro beteiligen wir uns nicht."
yes/ric/dapd/dpa
