08.08.2012
Schuldenkrise als Generationenkonflikt
Traue keinem Europäer über 30!
Ein Debattenbeitrag von David Böcking
Alte Griechen (bei einer Veranstaltung der Sozialisten): Fast alle waren Komplizen
Hamburg - "Que se vayan todos" - Alle sollen abhauen! Das gehörte zu den Slogans, mit denen im vergangenen Jahr in Spanien zigtausende "Indignados" protestierten. Abgesehen von ihrer namensgebenden Empörung hatten sie vor allem eines gemeinsam: Die meisten waren jung und fühlten sich als Opfer der Krise.
Die Demonstranten hätten ruhig etwas konkreter werden können: "Die Alten sollen abhauen!" Denn in vieler Hinsicht ist die Euro-Krise ein Generationenkonflikt. Die satte Generation der Babyboomer, also der 50- und 60-Jährigen, lebt in den Krisenländern auf Kosten der Jugend.
Die Generationengerechtigkeit - gemessen unter anderem an der Höhe von direkten und versteckten Schulden und von Rentenansprüchen - ist in Südeuropa besonders gering. Als die Bertelsmann-Stiftung 2011 die Generationengerechtigkeit in 31 Industrieländern untersuchte, landete Griechenland auf dem letzten Platz. Wenig besser schnitten Italien (Platz 28), Portugal (Platz 24) und Spanien (Platz 22) ab. Tatsächlich wird die ungerechte Verteilung von Lebenschancen und Ressourcen derzeit besonders deutlich:
- Der Absturz des Arbeitsmarktes trifft junge Europäer ungleich stärker als Ältere. In Griechenland und Spanien ist mehr als jeder zweite unter 25 arbeitslos - doppelt so viel wie bei älteren Arbeitnehmern. Auch in Teilen Süditaliens liegt die Jugendarbeitslosigkeit über 50 Prozent.
- Ein Grund für diese Lage sind ungleiche Beschäftigungsverhältnisse: Ältere Spanier und Italiener profitieren von einem im internationalen Vergleich hohen Kündigungsschutz. Dagegen ist jeder zweite junge Italiener nur befristet beschäftigt, in Spanien sind es sogar rund 60 Prozent.
- Lasten und Risiken der versuchten Euro-Rettung tragen vor allem die Jungen. Schließlich werden steigende Staatsverschuldung und milliardenschwere Euro-Rettungsfonds mit Anleihen finanziert, die oft erst in vielen Jahren fällig werden.
Es sind eben nicht nur Politiker und Banker schuld an der Krise. Weite Teile der älteren Generation waren Komplizen der taumelnden Systeme. In Griechenland gab es in fast jeder Familie einen Beamten, der vom aufgeblähten Staatsapparat profitierte. In Spanien haben Babyboomer massenweise Hypotheken aufgenommen und das Land so in die Schuldenkrise gestürzt. In Italien konnte wiederholt ein Politiker wie Silvio Berlusconi an die Macht gelangen, dessen Gaunereien offenbar auf breite Sympathie stießen - Rentner gehörten zu seinen wichtigsten Wählergruppen.
Wo also bleibt der Aufschrei der Jungen? Erste Anzeichen dafür gibt es. So schrieb der italienische Schriftsteller Leonardo Palmisano kürzlich in der "Tageszeitung", in der Debatte um die Lockerung des Kündigungsschutzes in seiner Heimat gehe es "nicht so sehr um 'Klasse', sondern vor allem ums 'Alter'". Auf der einen Seite stünden die schon jetzt meist prekär beschäftigten Jungen, auf der anderen Babyboomer mit unbefristeten Verträgen und sicheren Renten. Diese "C/S" (Cinquanta/Sessantenni) seien die "Protagonisten des Berlusconi-Regimes" und hielten "ein Übermaß an Macht in den Händen, ohne dabei über die nötigen Kompetenzen zu verfügen, das Land aus der Krise zu führen".
Eine Generation vor Gericht
Natürlich sind nicht alle südeuropäischen Senioren kleine Berlusconis. Unter den Folgen der Einsparungen leiden auch viele Ältere. Dennoch ist es richtig, pauschal nach der Verantwortung der älteren Generation zu fragen - um so zu ehrlicheren Antworten auf die Krise zu kommen.
Dazu gehören unbequeme Arbeitsmarktreformen, welche die Privilegien der Älteren beschneiden. Dazu gehören auch Steuererhöhungen für Reiche und ein konsequenter Kampf gegen die lange als Kavaliersdelikt betrachtete Steuerhinterziehung - beides Maßnahmen, die vor allem Ältere mit Vermögen treffen.
Derzeit aber ist ein anderer Trend zu beobachten: Nach anfänglicher Selbstkritik mehren sich unter den Südeuropäern Verschwörungstheorien. Ob nun die Wall Street oder Angela Merkel der Bösewicht sind: Schuld an der eigenen Misere haben die anderen. Besonders dreist ist mal wieder Silvio Berlusconi, der ein politisches Comeback plant und allen Ernstes behauptet: "Nur ich kann alles retten."
Warum rebellieren junge Südeuropäer nicht stärker gegen so viel Arroganz? Eine traurige Antwort: Sie würden die Hand beißen, die sie füttert. Mangels eigener Mittel leben in Italien, Spanien und Griechenland vor allem junge Männer bis ins Erwachsenenalter im Elternhaus - das macht es schwer, aufzubegehren.
Doch Vorsicht: Zu deutscher Überheblichkeit besteht kein Anlass. Der ungelöste Generationenkonflikt im Süden liefert einen Vorgeschmack auf das, was uns auch in Deutschland bevorstehen könnte.
Hierzulande war es vor wenigen Jahren möglich, dass die Große Koalition eine "Rentengarantie" durchsetzte: Die Bezüge der Alten sollten auch dann nicht reduziert werden, wenn die Löhne der Jüngeren sinken. Der Grund: Angst vor wütenden Rentnern bei der nahenden Wahl. Die Mehrkosten: Laut einer Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft knapp 18 Milliarden Euro.
Auch in Deutschland werde die Einkommensverteilung zwischen den Generationen zur "Neuen Sozialen Frage", warnt eine aktuelle Analyse, die im "Schnelldienst" des Münchner Ifo-Instituts erschienen ist. Der Abstand zwischen den Einkommen von Jüngeren und Älteren müssen sich verringern. "Andernfalls steigt das Konfliktpotential."
Massive Unterschiede in den USA
Und auch außerhalb der Euro-Zone wächst die Kluft: In den USA ist das Haushaltsvermögen von über 65-Jährigen laut einer Analyse des Pew Research Center seit 1984 um 42 Prozent gewachsen. Die unter 35-Jährigen dagegen besitzen heute 68 Prozent weniger als ihre Altersgenossen Mitte der achtziger Jahre.
In Großbritannien - im vergangenen Jahr Schauplatz schwerer Jugendkrawalle - veröffentlichte der konservative Politiker David Willetts 2010 ein Buch mit dem Untertitel "Wie die Babyboomer die Zukunft ihrer Kinder genommen haben". Willetts schrieb, die nächste Generation werde "herausfinden, dass sie härter arbeiten muss, um ihre Schulden abzubezahlen. Deshalb sind künftige Generationen die wahren Verlierer der gegenwärtigen Finanzkrise."
Doch dass jemand die Probleme der Jugend beschreibt, macht ihn noch nicht zu ihrem Verbündeten. In seinem Buch nannte Willetts Studiengebühren als einen Faktor für den schwindenden Wohlstand junger Briten. Kurz nach Erscheinen wurde er Wissenschaftsminister der Cameron-Regierung. Als solcher hatte Willetts kein Problem damit, die Studiengebühren verdreifachen zu lassen. Nebenbei bemerkt: Der Mann ist 56.
Am Ende werden junge Europäer ihre Interessen eben doch selbst durchsetzen müssen. Vielleicht sollten sie dafür einen Slogan der 68er wiederbeleben: Traue keinem über 30!

