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18.11.2012
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Verschwörungstheorien

Bilderberg - das Kartell der Macht

Von
AFP

Bilderberg-Konferenzort St. Moritz (2011): Hier kuschelt die Weltelite

Wenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Wie die globale Elite bei den geheimen Bilderberg-Konferenzen die Welt unter sich aufteilt.

Die Theorie

Jedes Jahr treffen sich die Mächtigsten der Mächtigen irgendwo auf der Welt in einem Luxushotel an einem abgeschiedenen Ort, um drei Tage lang die Welt untereinander aufzuteilen - auf der Bilderberg-Konferenz. Das illustre Teilnehmerfeld besteht aus aktuellen und früheren Staatschefs, Diplomaten, Konzernchefs, Militärs, Adligen, Intellektuellen und einigen Journalisten.

Es war der polnische Politikberater Józef Retinger, der nach dem Zweiten Weltkrieg seine Verbindungen in die Politik und in die Wirtschaft nutzte, um eine geheime transatlantische Konferenz zu gründen. Über die CIA wurde sogar der US-Präsident kontaktiert, auch der Milliardär David Rockefeller war dabei.

Die Teilnehmer mussten demnach "einflussreich und allgemein respektiert sein sowie über Spezialwissen oder reichlich Erfahrung" verfügen, um durch ihre "persönlichen Kontakte und ihren Einfluss in nationalen wie internationalen Kreisen den von Bilderberg gesetzten Zielen" zu genügen. Die Vorbereitungen dauerten bis 1954, dann lud Prinz Bernhard der Niederlande in sein Hotel de Bilderberg in Oosterbeek ein. Daher der Name.

Bis heute sind die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Tagungsort strikt und diskret. Journalisten, die versuchten, sich im Tagungshotel einzumieten oder über die Konferenz zu schreiben, berichten von abgehörten Mobiltelefonen, gelöschten Digitalfotos und Einschüchterungsversuchen.

Was genau die Teilnehmer im Kaminzimmer, an der Bar oder in der Sauna auskungeln ist nicht klar, für Liebhaber der Verschwörung gibt es aber eine Reihe von Indizien: So hat sich die illustre Runde der Theorie zufolge schon im vergangenen Jahr auf den damaligen Konferenzteilnehmer Peer Steinbrück (SPD) als nächsten deutschen Kanzler festgelegt - schließlich wird das immer dort entschieden: Angela Merkel wurde 2005 eingeladen, und ein paar Monate später war sie die mächtigste Frau Deutschlands.

Helmut Kohl war 1980 dabei und wurde zwei Jahre später zum Kanzler gekürt, Helmut Schmidt konnte seine Bilderberg-Teilnahme 1973 schon ein Jahr später mit der Kanzlerschaft krönen. Dass die nächste Bundesregierung eine rot-grüne Koalition sein wird, ist - so glaubt es die wachsende Gemeinde der Verschwörungstheoretiker - übrigens auch schon festgelegt: Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin nahm in diesem Jahr an der Konferenz teil.

Was steckt dahinter?

Schwer zu sagen, weil Teilnehmer in der Regel nicht über die Konferenz sprechen. Sicher ist: Die Geheimhaltung bei Bilderberg-Treffen ist nicht strenger als bei vielen anderen Konferenzen. Es gilt die sogenannte Chatham House Rule, derzufolge die Teilnehmer die Informationen zwar verwenden, aber die Aussagen nicht mit bestimmten Anwesenden verknüpfen dürfen - ähnlich wie bei einem Hintergrundgespräch von Politikern oder Wirtschaftsgrößen mit Journalisten.

Matthias Naß, Internationaler Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit", schlägt als Mitglied im Lenkungsausschuss von Bilderberg seit Jahren Teilnehmer vor und setzt die Themen mit. Die SPIEGEL-ONLINE-Anfrage lässt ihn aufseufzen: "Es ist alles ein ausgemachter Blödsinn, was sich um die Bilderberg-Konferenz rankt." Die Wirklichkeit gebe für Verschwörungstheorien nicht viel her.

Verwirrend sind dagegen die Antworten anderer deutscher Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2012: Roland Koch (Ex-Ministerpräsident von Hessen, jetzt Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger) lässt ausrichten, er habe "nicht die Absicht, sich zu dieser Thematik zu äußern". Ein Sprecher von Josef Ackermann (Ex-Deutsche-Bank-Chef) bittet um Verständnis, "dass sich Herr Ackermann zu solchem Weltverschwörungs-Unsinn nicht (mehr) äußern will". Wolfgang Reitzle (Chef des Dax-Konzerns Linde AG) reagiert knapp mit "kein Kommentar möglich". Spätestens hier wird der geübte Verschwörungstheoretiker hellhörig: Warum ist kein Kommentar "möglich"? Hätte er gerne etwas gesagt, wird aber gezwungen, zu schweigen?

Selbst jene, die ein wenig ausführlicher antworten, lassen viele Fragen unbeantwortet - und viel Raum für Spekulationen. Wolfgang Ischinger zum Beispiel, früher Diplomat und Vorsitzender der nicht minder verschwörungstauglichen Münchner Sicherheitskonferenz, heute für die Allianz-Versicherung tätig: "Es gibt keine Geheimnisse", schreibt Ischinger und verweist auf die Internetseite der Konferenz. Dass dort an einer Weltdiktatur gearbeitet wird, verneint Ischinger, während er auf die Frage, wer das Wort auf dieser verschwiegenen Versammlung führt, eine sibyllinische Antwort gibt: "Bei Bilderberg hat der etwas zu sagen, der etwas zu sagen hat."

Selbst Jürgen Trittin, der von der Geheimkonferenz sogar twitterte, erklärt nichtssagend: "Auf diesen Konferenzen geht es um einen offenen Austausch zu aktuellen Themen von der Euro-Krise bis zur Sorge um den Verlust demokratischer Handlungsmöglichkeiten. Damit unterscheiden sich Bilderberg-Konferenzen nicht von anderen Formaten, in denen sich Think-Tanks, Politiker und Unternehmen treffen." Sogar ihm, dem Grünen, sei zugehört worden.

Keine Antwort gibt es auf die Frage: Bedeutet es für das Geschehen in Politik und Wirtschaft weltweit wirklich so wenig, wenn 120 der vielleicht mächtigsten Politiker und Manager miteinander an der Bar oder in der Sauna sitzen, Verständnis füreinander aufbringen und wenigstens für ein Wochenende einen Konsens herstellen?

Und wenn es doch wahr wäre?

Wenn es doch wahr wäre, dann gäbe es beispielsweise in der Euro-Krise viel weniger Reibereien und dramatisches Gipfeltheater. Griechenland wäre längst klammheimlich gerettet oder unter den angrenzenden Ländern aufgeteilt worden. Wenn es wirklich wahr wäre, dann hätte auch EADS-Chef Thomas "Tom" Enders als Mitglied im Lenkungsausschuss der Bilderberg-Konferenz die Fusion seines Konzerns mit dem britischen Konkurrenten BAE Systems bei dem illustren Treffen schon vorab geklärt, statt kläglich an den Widerständen der Politik zu scheitern.

Und wenn es wirklich wahr wäre, dann hätte die eigentliche Konferenz zur Weltverschwörung ihren Sinn verloren. Jedes Jahr treffen sich die Mächtigen der Welt nämlich tatsächlich an einem abgeschiedenen Ort, um über die Geschicke von Millionen Menschen und Milliarden Dollar zu bestimmen - mitten in den Schweizer Alpen, in dem kleinen Örtchen Davos. Auf dem Weltwirtschaftsforum.

Forum

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insgesamt 171 Beiträge
1. Ein Dach mit deutscher Flagge wäre wohl passender
fprester 18.11.2012
Wenn wir schon bei den Verschwörungstheorien sind: Ist es Zufall, dass als Bild ein Dach mit Schweizer Fahne gezeigt wird? Oder will man einmal mehr die Schweiz mit dubiosen Machenschaften und Organisationen in Verbindung [...]
Zitat von sysopAFPWenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Wie die globale Elite bei den geheimen Bilderberg-Konferenzen die Welt unter sich aufteilt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/die-verschwoerungstheorie-ueber-die-bilderberg-konferenzen-a-862961.html
Wenn wir schon bei den Verschwörungstheorien sind: Ist es Zufall, dass als Bild ein Dach mit Schweizer Fahne gezeigt wird? Oder will man einmal mehr die Schweiz mit dubiosen Machenschaften und Organisationen in Verbindung bringen. Das würde zu den systematischen Verunglimpfungen dieses Landes durch den Spiegel durchaus passen. Dieses Schlechtreden wird wohl erst dann aufhören, wenn die Schweiz in die EU geprügelt ist und ihre Vorteile damit eingeebnet sind. Selbstverständlich eine reine Verschwörungstheorie!
2.
c++ 18.11.2012
Trittin sagt: "Damit unterscheiden sich Bilderberg-Konferenzen nicht von anderen Formaten, in denen sich Think-Tanks, Politiker und Unternehmen treffen." Sogar ihm, dem Grünen, sei zugehört worden. Nun behauptet [...]
Trittin sagt: "Damit unterscheiden sich Bilderberg-Konferenzen nicht von anderen Formaten, in denen sich Think-Tanks, Politiker und Unternehmen treffen." Sogar ihm, dem Grünen, sei zugehört worden. Nun behauptet niemand, dass nur bei den Bilderberg-Konferenzen wichtige Entscheidungen durch Kungelei zwischen Wirtschaftseliten und ihren politischen Vertretern ausgehandelt werden, dass es auch bei anderer Gelegenheit geschieht, macht es nicht besser. Und dass die Grünen längst zum Club gehören, verwundert nur diejenigen, die noch an den Mythos der linken Protestpartei aus ehemaligen Kadern der kommunistischen Studentenbewegung glauben. Führende Grüne wie Joschka Fischer werden längst von der Großindustrie für ihre Lobbyarbeit bezahlt, mit Özdemir sitzt er im Think Tank des Großspekulanten Soros. Die Grünen haben nicht nur die Wähler mit dem höchsten Durchschnittseinkommen, sie vertreten auch die Interessen der Reichen, nur nicht so bieder wie CDU oder FDP, sondern moderner. Eigentlich bestätigt der Spiegelartikel nur die "Verschwörungstheorien" um die Bilderberger.
3. Titellos
UnitedEurope 18.11.2012
Ja, aber das darf doch nicht sein! Wir waren uns doch alle absolut sicher, dass wenigstens die Bilderberger echt sind, wenn schon Donald Duck und Winnie Puh sich als Fälschung rausgestellt haben! Mal im Ernst: Ich glaube [...]
Ja, aber das darf doch nicht sein! Wir waren uns doch alle absolut sicher, dass wenigstens die Bilderberger echt sind, wenn schon Donald Duck und Winnie Puh sich als Fälschung rausgestellt haben! Mal im Ernst: Ich glaube viele Leute wollen speziell diese Verschwörungstheorie glauben, weil sie ein Gefühl von Sicherheit gibt. Die Welt ist gar nicht so chaotisch wie sie scheint, die Euro-Krise wird schon geregelt, der Klimawandel wurde erfunden und Öl gibt es eigentlich auch unbegrenzt. Die Wahrheit, dass die Welt eben zu einem großen Teil chaotisch, unkontrolliert und gefährlich ist und es sein kann, dass wir alle zu grunde gehen, weil es eben keine geheime Ratstreffen gibt, ist vielen Menschen so angsteinflößend, dass sie lieber den Verschwörern glauben. Aus dem selben Grund sind ja auch viele Menschen religiös. Und bei nicht wenigen spielt auch das Gefühl der Überlegenheit eine kleine Rolle "Ha, du einfacher Naivling lässt dich blenden aber ich nicht, ich stehe über den Dingen und bin gewiefter als du!".
4. Wozu braucht es eine Bilderberg-Veranstaltung im Geheimen ?
müllschlecker 18.11.2012
Das halte ich auch für Nonsens. Die Richtung in der der Kapitalismus sich heute bewegt ist doch eindeutig. Verteilung von unten nach oben. Festigung der Weltordnung wie sie nach dem 2. WK war. Das ist jedem klar, auch [...]
Zitat von c++Trittin sagt: "Damit unterscheiden sich Bilderberg-Konferenzen nicht von anderen Formaten, in denen sich Think-Tanks, Politiker und Unternehmen treffen." Sogar ihm, dem Grünen, sei zugehört worden. Nun behauptet niemand, dass nur bei den Bilderberg-Konferenzen wichtige Entscheidungen durch Kungelei zwischen Wirtschaftseliten und ihren politischen Vertretern ausgehandelt werden, dass es auch bei anderer Gelegenheit geschieht, macht es nicht besser. Und dass die Grünen längst zum Club gehören, verwundert nur diejenigen, die noch an den Mythos der linken Protestpartei aus ehemaligen Kadern der kommunistischen Studentenbewegung glauben. Führende Grüne wie Joschka Fischer werden längst von der Großindustrie für ihre Lobbyarbeit bezahlt, mit Özdemir sitzt er im Think Tank des Großspekulanten Soros. Die Grünen haben nicht nur die Wähler mit dem höchsten Durchschnittseinkommen, sie vertreten auch die Interessen der Reichen, nur nicht so bieder wie CDU oder FDP, sondern moderner. Eigentlich bestätigt der Spiegelartikel nur die "Verschwörungstheorien" um die Bilderberger.
Das halte ich auch für Nonsens. Die Richtung in der der Kapitalismus sich heute bewegt ist doch eindeutig. Verteilung von unten nach oben. Festigung der Weltordnung wie sie nach dem 2. WK war. Das ist jedem klar, auch ohne Verschwörungstheorien, wird doch daraus kein Hehl gemacht. Erreicht man es nicht mit wirtschaftlichen Repressalien gibt es Krieg. Man könnte es auch zwangsweise Demokratisierung nennen. Das einzig schräge daran ist, Russland nach dem Exitus der UDSSR und die BRIC - Staaten machen das Spielchen nicht so mit, wie es nach Gusto des Westens wünschenswert wäre. Da kommt noch was. Siehe den neu vom Zaun gebrochenen Krieg Israels.
5. Verschwörungsunsinn
Anay2 18.11.2012
Klar ist das ein geheimes Treffen, klar werden v.a. "rising stars", Wahlkandidaten etc. eingeladen und gehört, und klar wird da auch über "policies" diskutiert, und (Wunder, oh Wunder) vielleicht auch mal ein [...]
Klar ist das ein geheimes Treffen, klar werden v.a. "rising stars", Wahlkandidaten etc. eingeladen und gehört, und klar wird da auch über "policies" diskutiert, und (Wunder, oh Wunder) vielleicht auch mal ein Konsens getroffen, der aber in den meisten Staaten erst mal durch die nationalen Parlamente muss. Die Mächtigen haben sich schon immer in Hinterzimmern getroffen, seit Jahrhunderten. Aber eine Verschwörung ist das nicht, denn da ziehen offenkundig die wenigsten an einem Strang. Wieso auch? Es geht im globalen Spiel um Macht und v.a. um Geld. Und langfristige Verschwörungen für eine konzertierte globale multipolar-autokratische Machtübernahme, die vielleicht irgendwann mal geschehen soll, bringen keinen kurzfristigen Gewinn, keinen schnellen Zugriff auf die Macht. Und nur das ist, was die Mitglieder der Elite wollen, die Politiker, die Bankster, die Konzernchefs usw. Macht, Geld, Einfluss usw.… jetzt sofort, nicht erst in ein paar Jahrzehnten. Die Bank Goldman-Sachs hätte nie und nimmer ihre momentane Macht erlangt und de facto die Rothschild-Dynastie abgelöst, wenn sie auf andere Bilderberger Rücksicht genommen hätte. Da wird bei Bilderberg lediglich einmal im Jahr die weiße Flagge gewedelt und Kollege gespielt. Das einzige, was mich an der Nummer stört, ist die fehlende Transparenz, die völlige Geheimhaltung. Da treffen sich nämlich auch meine Vertreter, die Politiker aus Berlin etc., die ich und andere aus dem Souverän gewählt haben, und ich hätte schon gerne gewusst, was da inhaltlich konkret läuft. Aber natürlich reden sie sich raus, dass es eine informelle Konferenz ist, wo sich alle nur als Privatleute treffen. Nicht gut. Aber dem Verschwörungsunsinn kann ich nur widersprechen.

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