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15.11.2012
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Zuwanderung

Südeuropas Leid, Deutschlands Freud

Von Alexander Demling
Ziehl-Abegg / Achim Köpf

Mitarbeiter bei Ziehl-Abegg lernt eine Elektroingenieurin an

Krisengewinnler Deutschland: Die Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa treibt tausende hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Bundesrepublik. Selbst die, die kein Wort Deutsch sprechen, sind bei den Unternehmen willkommen.

Hamburg - Inzwischen lernen die Portugiesen in Künzelsau sogar Kegeln. "Die Leute werden hier sofort an die Hand genommen. Unsere Mitarbeiter nehmen die Neuen zum Fußballspielen oder auf die Kegelbahn mit", sagt Rainer Grill vom schwäbischen Unternehmen Ziehl-Abegg. Zwei Ingenieure aus Portugal hat der Mitteständler in diesem Jahr bereits eingestellt, bald fängt ein dritter an. Für das Unternehmen ist das hervorragend: "Wir brauchen spezialisierte Maschinenbau-Ingenieure und haben ständig offene Stellen", sagt Grill.

So absurd es klingen mag: Die Euro-Krise hilft Unternehmen wie Ziehl-Abegg. Denn der Bewerberstrom aus Südeuropa wird in den nächsten Monaten kaum abreißen: Im ersten Halbjahr 2012 kamen netto rund 182.000 Zuwanderer nach Deutschland, 35 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Portugiesen und Spanier stieg gegenüber 2011 um mehr als die Hälfte, die Zahl der griechischen Zuwanderer steig um 78 Prozent. In der Krise gilt Deutschland als letzte Zuflucht vor der Massenarbeitslosigkeit und der tiefen Rezession in ihren Heimatländern.

"Für Deutschland ist das großartig", sagt Herbert Brücker, Migrationsexperte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. 50 bis 70 Prozent der Zuwanderer seien Hochschulabsolventen, viele davon aus den gefragten naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Aber auch Pflegekräfte und Krankenschwestern würden schnell Arbeit finden. Das gelte für Südeuropäer genauso wie für Ungarn, deren Zahl seit 2011 auch rapide angestiegen ist. Und weil etwa mit jedem neuen Ingenieur meist auch mehrere Fach- oder Hilfsarbeiter angestellt werden, sei der Gesamteffekt auf den deutschen Arbeitsmarkt mehr als positiv.

Wie groß das Interesse potentieller Arbeitskräfte ist, zeigen nicht nur die neuesten Zahlen der Statistiker: Nachdem ein Fernsehteam des portugiesischen Senders TV-1 über den Fachkräftemangel bei Ziehl-Abegg berichtet hatte, brach eine Flut von Bewerbungen über die Personalabteilung des Unternehmens, das in Künzelsau 800 Mitarbeiter hat, herein: Rund 1500 Mappen mit englischen Anschreiben, portugiesischen Zeugnissen und Projektbeschreibungen mussten die Personaler auswerten. "Das hat uns Monate beschäftigt", sagt Sprecher Grill.

"Die Leute müssen sich bei uns wohlfühlen"

Auch nachdem der Mittelständler die richtigen Bewerber gefunden hatte, machten die einige Mühe: "Unsere Portugiesen konnten zunächst kein Wort Deutsch", erzählt Grill. Deshalb gehe eine Mitarbeiterin aus der Personalabteilung mit den Ingenieuren aus Südeuropa nun aufs Einwohnermeldeamt oder helfe dabei, ein Auto zu kaufen. Auch mietet der Betrieb ein Apartmenthaus, in dem die neuen Fachkräfte nach ihrer Ankunft unterkommen. "Die müssen ja erst mal sehen, welche Mietwohnung sie sich hier leisten können. Aber auf Dauer sollen sie sich natürlich selbst zurechtfinden", meint Grill. Er glaubt aber, dass sich der Aufwand auszahlt: "Die Leute müssen sich bei uns wohlfühlen. Sonst haben wir die Kosten der Eingewöhnung und sie sind sie sofort weg, wenn ein anderer 500 Euro mehr bietet."

Was bei Ziehl-Abegg klappt, funktioniert auch in Stuttgart: Mit der "Aktion Nikolaus" lud die regionale Wirtschaftsförderung am 6. Dezember 2011 genau 100 spanische Ingenieure auf eine Fachmesse für mittelständische Industriebetriebe. "Inzwischen haben 22 der Spanier in kleinen und mittleren Betrieben in der Region Stuttgart Arbeit gefunden, elf weitere anderswo in Deutschland. Das war ein Riesenerfolg", sagt Walter Rogg von der Wirtschaftsförderung Stuttgart. Die eigentlich einmalige Aktion will Rogg nun dauerhaft anbieten: Die spanischen Fachkräfte sollen nach vier Wochen Sprachkurs ein Praktikum in der Industrie machen. Und danach im Idealfall dort bleiben.

Im Gesamtjahr 2012 könnte die Nettozuwanderung nach Deutschland laut IAB-Experte Brücker deutlich über 300.000 liegen. Das habe Deutschland auch bitter nötig: "Der demografische Wandel wird uns in 10 bis 15 Jahren voll treffen. Bis dahin müssen wir unser Erwerbspersonenpotential entwickeln", sagt Brücker. Ob der Zustrom aus dem Süden aber noch lange anhält, hält der Ökonom aber für sehr fraglich: "Wir haben eine einmalige Situation. Fast überall in Europa ist Krise, nur in Deutschland nicht. Das bleibt nicht für immer so."

Forum

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insgesamt 58 Beiträge
1. ist doch cool
MünchenerKommentar 15.11.2012
Genau für sowas ist doch die EU eigentlich gemacht. Und in Jobs, die einen Hochschulabschluß erfordern, der irgendwas mit Technik zu tun hat, braucht man in Deutschland sowieso schon lange kein Deutsch mehr zu können, Englisch [...]
Genau für sowas ist doch die EU eigentlich gemacht. Und in Jobs, die einen Hochschulabschluß erfordern, der irgendwas mit Technik zu tun hat, braucht man in Deutschland sowieso schon lange kein Deutsch mehr zu können, Englisch reicht auch. Dann kommt es nur noch darauf an, ob der portugische englische Akzent einigermaßen erträglich ist :-) Und wenn es irgendwann mal in Deutschland nicht mehr so läuft ziehen wir halt in den Süden.
2. dafür
Broeselbub 15.11.2012
stehen die deutschen Arbeitnehmer beim Arbeitsamt an. Auch eine Möglichkeit die Löhne zu drücken. Merkel wirds freuen. Wiedermal ein Beitrag von ihr zur Gewinnsteigerung bei Unternehmen.
stehen die deutschen Arbeitnehmer beim Arbeitsamt an. Auch eine Möglichkeit die Löhne zu drücken. Merkel wirds freuen. Wiedermal ein Beitrag von ihr zur Gewinnsteigerung bei Unternehmen.
3. Ständig offene Stellen?
lennybruce 16.11.2012
Wann hört die Presse endlich auf vom sogenannten Ingenieurmangel zu schreiben? Diesen gibt es nämlich nicht in Deutschland! Und bei den "ständig offenen Stellen", handelt es sich um hochqualifizierte Arbeitsplätze, die [...]
Wann hört die Presse endlich auf vom sogenannten Ingenieurmangel zu schreiben? Diesen gibt es nämlich nicht in Deutschland! Und bei den "ständig offenen Stellen", handelt es sich um hochqualifizierte Arbeitsplätze, die ungefähr so gut bezahlt werden, wie eine Stelle als Handwerker oder Briefträger z.B. in der Schweiz. Wenn es in Deutschland angeblich einen solch immensen Fachkräftemangel gibt, warum sind die Gehälter in diesen Branchen nicht schon längst durch die Decke gegangen? Müsste sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nicht schon längst auf die Löhne ausgewirkt haben? In Wirklichkeit sind diese aber nur minimal gestiegen in den letzten Jahren. Insofern sind die einzigen "Krisengewinnler" die Unternehmen, die auch weiterhin auf billige Arbeitskräfte hoffen dürfen, nicht zuletzt durch das immer wiederkehrende Mantra des angeblichen Fachkräftemangels und dem angeblich kurz bevorstehenden Niedergang der deutschen High-Tech Branchen.
4. optional
großwolke 16.11.2012
Hochqualifiziert? Wirklich? Wenn von dort so unglaublich viele krasse Checker herkommen, wie kommts dann, dass die Südländer als ganzes so gut wie kein innovatives, produzierendes Gewerbe auf die Beine gestellt bekommen haben? Ich [...]
Hochqualifiziert? Wirklich? Wenn von dort so unglaublich viele krasse Checker herkommen, wie kommts dann, dass die Südländer als ganzes so gut wie kein innovatives, produzierendes Gewerbe auf die Beine gestellt bekommen haben? Ich hatte das Glück, in den vergangenen paar Jahren mit Menschen aus vielerlei Ländern zu arbeiten, und habe vor allem von Spaniern und Portugiesen unisono erzählt bekommen, dass gute Leute dort nicht wegen, sondern trotz des (vor allem beruflichen!) Bildungssystems vorkommen. Ich würde fast wetten, dass hierzulande vor allem in den techniklastigen Berufen die Vorarbeiter/Meister/etc. mehr wert sind als das meiste, was von dort an sogenannten Ingenieuren und anderen Top-Kräften zu uns kommt.
5. So so ...
Feindbild_Mensch 16.11.2012
Ja, Gewinner Deutschland - kurzfristig gesehen, freut das die Manager deutscher Unternehmen wieder. Aber langfristig wird sich das rächen. Wir haben keinen Fachkräftemangeln, sondern die Bereitschaft fachgerecht auszubilden. So [...]
Zitat von sysopKrisengewinnler Deutschland: Die Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa treibt tausende hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Bundesrepublik. Selbst die, die kein Wort Deutsch sprechen, sind bei den Unternehmen willkommen. Zuwanderung von Ingenieuren aus Südeuropa nützt Deutschland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zuwanderung-von-ingenieuren-aus-suedeuropa-nuetzt-deutschland-a-867528.html)
Ja, Gewinner Deutschland - kurzfristig gesehen, freut das die Manager deutscher Unternehmen wieder. Aber langfristig wird sich das rächen. Wir haben keinen Fachkräftemangeln, sondern die Bereitschaft fachgerecht auszubilden. So kann man die Lohnkosten nur noch weiter drücken. Ingenieure und Informatiker auf 30 000 EUR Basis in 50 h Stundenwoche. Wo gibt es denn die vielen naturwissenschaftlichen Stellen, bei der man keinerlei Deutschkenntnisse vorweisen muss? In Vertrieb und Entwicklung mit Südamerika/Spanien. Sehr gute Englischkenntnisse mögen ja auf internationaler Managementebene genügen, aber bei der täglichen Arbeit im Büro und kleineren Teams? Und wenn hier deutsche Hochschulabsolventen mit Dr. und 1-er Schnitt über 50 Bewerbungen benötigen, um eine passende Stelle zu finden, die dann eigentlich auch nur über Kontakte zustandekam ... frage mich gerade, wie das mit nicht-deutschsprechenden Spanier und Portugiesen sein soll? In den Medien wird uns, Deutschen, zwar immer eine geringe Kulturoffenheit und schlechte sprachliche Bedingungen attestiert - gegenüber asiatischen Facharbeitern mag das gelten, aber Spanier und Portugiesen - habe ich jetzt da was nicht mitbekommen, meine Erfahrungen sagen da was ganz klar anderes. Übrigens allein die Klischees, die hier aufgetischt werden: -"Krankenpflege aus Rumänien und Bulgarien" (da gibt es ja keine Hochschulfachkräfte, denkt der Journalist) - "Top-Ingenieure und sonstige aus Spanien und Portugal" (wo bekanntlich die hohe Arbeitslosigkeit aufgrund fehlender Berufsqualifikationen erfolgte, weiß der Journalist nicht).

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