Lade Daten...
22.11.2012
Schrift:
-
+

Steigende Rücklagen

Kassen bunkern Milliarden

DPA

Gesundheitskarten verschiedener Kassen: Rücklagen steigen

Die Abschaffung der Praxisgebühr dürfte die Krankenkassen vorerst finanziell kaum treffen. Denn ihre Reserven sind im dritten Quartal weiter gestiegen. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" legte allein der Überschuss der Ersatz- und Ortskrankenkassen sowie der Knappschaft um eine Milliarde Euro zu.

Frankfurt am Main - Die gesetzlichen Krankenkassen schwimmen weiter im Geld. Sie konnten ihre Rücklagen laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im dritten Quartal erneut steigern. Allein die Ersatz- und Ortskrankenkassen, bei denen gut zwei Drittel der gesetzlich Versicherten sind, sowie die Knappschaft haben demnach ihren Überschuss um mindestens eine Milliarde Euro ausgeweitet. Die Zeitung berief sich auf Kreise der Krankenkassen. Zahlen der Betriebs- und Innungskassen lagen noch nicht vor.

Die Reserven der gesetzlichen Krankenkassen waren bereits im ersten Halbjahr um 2,7 Milliarden Euro gestiegen und summierten sich damit auf 21,8 Milliarden Euro. Wegen ihrer hohen Überschüsse haben die Kassen laut der Zeitung auch im dritten Quartal dieses Jahres weniger Geld benötigt, als ihnen der Gesundheitsfonds zugewiesen hat. Dieser wurde 2009 eingeführt. Aus dem Fonds erhalten die Krankenkassen einheitliche Beiträge für jeden Versicherten, um die Kosten zu decken. Nach Berechnungen des Schätzerkreises der gesetzlichen Krankenversicherung wird der Überschuss im Gesundheitsfonds Ende des Jahres auf zwölf Milliarden Euro angestiegen sein.

Das dicke Finanzpolster der Kassen hat die Regierung dazu gebracht, die Praxisgebühr abzuschaffen. Der Bundestag hat bereits zugestimmt, damit fällt die Abgabe zum Jahreswechsel weg. Die im Jahr 2004 eingeführte Praxisgebühr in Höhe von zehn Euro hatten gesetzlich Versicherte bislang pro Quartal für Arztbesuche zahlen müssen. Sie bescherte den Kassen Einnahmen von rund zwei Milliarden Euro pro Jahr, galt jedoch als bürokratisch und ineffizient.

mmq/dpa

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
1. Die wissen warum.
kantundco 22.11.2012
Bei der steigenden Arbeitslosenzahl nächstes Jahr ist das schnell wieder weg, wenn die Beitragszahler ausfallen und gleichzeitig die Kosten steigen. Fragt sich nur, wo die Kassen es bunkern, denn die Inflation schlägt gnadenlos [...]
Bei der steigenden Arbeitslosenzahl nächstes Jahr ist das schnell wieder weg, wenn die Beitragszahler ausfallen und gleichzeitig die Kosten steigen. Fragt sich nur, wo die Kassen es bunkern, denn die Inflation schlägt gnadenlos zu,
2. Wie ein Pitbull an der Eingangstür
Demokrator2007 22.11.2012
Die Praxisgebühr war der "Pitbull" an der Eingangstür des Solidaritätsprinzips. Kranken Menschen in prekärer Lebenslage hat die Praxisgebühr mit Sicherheit geschadet. Die Schäden sind wie üblich bei [...]
Zitat von sysopDPADie Abschaffung der Praxisgebühr dürfte die Krankenkassen vorerst finanziell kaum treffen. Denn ihre Reserven sind im dritten Quartal weiter gestiegen. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" legte allein der Überschuss der Ersatz- und Ortskrankenkassen sowie der Knappschaft um eine Milliarde Euro zu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ueberschuesse-der-krankenkassen-steigen-a-868615.html
Die Praxisgebühr war der "Pitbull" an der Eingangstür des Solidaritätsprinzips. Kranken Menschen in prekärer Lebenslage hat die Praxisgebühr mit Sicherheit geschadet. Die Schäden sind wie üblich bei Gesundheitsfragen oft nur noch gar nicht sichtbar, weil verschleppt. Die Bürger zu mehr Eigenverantwortung zu erziehen, wie durch die Erhebung der Praxisgebühr gedacht, muß nach hinten los gehen, wenn man die bestraft die krank sind und nicht einfach die belohnt die sich Gesundheitschecks unterziehen. Warum da frühkapitalistisch marktwirtschaftlich gedacht und der kurzfristige Erfolg überbewertet wird verstehe ich nicht. Hierfür gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder ist so ein "Kapitalistenhirn" nur mit dem Kurzzeitgedächniss ausgestattet, oder aber es fehlt das Gewissen das man sich mit solchen Regulierungen als "Herr über Leben und Tod" aufspielt. Für beide Optionen fallen mir entsprechende politische Persönlichkeiten ein.
3. Praxisgebühr
Lemmi42 22.11.2012
eher als Zwangsabgabe bei Rentnern und chronisch Kranken als Kulturgebühr eingezogen soll nun trotz Protest einiger weniger kopfkranker Lobbyisten nicht mehr eingezogen werden.Es gibt noch genug anderer Möglichkeiten diese [...]
eher als Zwangsabgabe bei Rentnern und chronisch Kranken als Kulturgebühr eingezogen soll nun trotz Protest einiger weniger kopfkranker Lobbyisten nicht mehr eingezogen werden.Es gibt noch genug anderer Möglichkeiten diese Personengruppe abzukassieren.Das Kulturgut in den Wartezimmern der Ärzte war sowieso nichts wert.
4. bullshit
zudummzumzum 22.11.2012
21 Milliarden ist zwar ein Haufen Geld, aber der Betrag muss am Umsatz gemessen werden. Und der dürfte sich, quer durch alle Kassen, in diesem Jahr auf kanpp 200 Milliarden € belaufen. Mithin haben die Kassen ein Polster von [...]
Zitat von sysopDPADie Abschaffung der Praxisgebühr dürfte die Krankenkassen vorerst finanziell kaum treffen. Denn ihre Reserven sind im dritten Quartal weiter gestiegen. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" legte allein der Überschuss der Ersatz- und Ortskrankenkassen sowie der Knappschaft um eine Milliarde Euro zu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ueberschuesse-der-krankenkassen-steigen-a-868615.html
21 Milliarden ist zwar ein Haufen Geld, aber der Betrag muss am Umsatz gemessen werden. Und der dürfte sich, quer durch alle Kassen, in diesem Jahr auf kanpp 200 Milliarden € belaufen. Mithin haben die Kassen ein Polster von etwa 12% ihres Jahresumsatzes oder rund anderthalb Monatsumsätzen. Das wäre also in etwa zu sehen, wie wenn ein privater Haushalt mit 3.000 € Haushaltseinkommen Netto ungefähr 4.500 € beiseite liegen hätte. Da würde man auch nicht davon sprechen, dass Reichtum ausgebrochen ist und so tun, als wüssten die Leute schon nicht mehr wohin mit ihrem Geld. Eine Schwankungsreserve von bis zu 3 Monatsumsätzen sollte weder in der Renten-, noch in Kranken- oder Pflegeversicherung dazu führen hektisch umzusteuern, sondern innerhalb eines Korridors zwischen einem und 3 Monatsumsätzen als okay angesehen werden. Fürs nächste Jahr sind ja schon an etlichen Stellen Mehrausgaben vorgesehen: die niedergelassenen Ärzte bekommen 1,3 Mia mehr, die Praxisgebühr entfällt, ... Von daher, und in Anbetracht der vermutlich nicht weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen und der Demografieentwicklung sehe ich überhaupt keinen Anlass zum hektischen Gegensteuern. Endlich steht der GKV mal das Wasser nicht bis zum Hals. Vielleicht sollte man im Nachhinein das Wirken der seinerzeitigen SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch mal neu bewerten. Ganz so schlecht war es wohl nicht, auch wenn sie die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten kann.
5.
muellerthomas 22.11.2012
Das stimmt und die Frage sollte jeder beantworten können, der höhere Rücklagen von öffentlichen Kassen fordert. Die Inflation? Die 2%?
Zitat von kantundcoBei der steigenden Arbeitslosenzahl nächstes Jahr ist das schnell wieder weg, wenn die Beitragszahler ausfallen und gleichzeitig die Kosten steigen. Fragt sich nur, wo die Kassen es bunkern, denn die Inflation schlägt gnadenlos zu,
Das stimmt und die Frage sollte jeder beantworten können, der höhere Rücklagen von öffentlichen Kassen fordert. Die Inflation? Die 2%?

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Die bisherigen Gesundheitsreformen

1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Krankenkassen
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten