Lade Daten...
13.12.2012
Schrift:
-
+

EU-Haushalt

Italien ist Europas wahrer Zahlmeister

Von Tina Friedrich
AP

Kanzlerin Merkel, Premier Monti: Deutschland landet erst auf dem dritten Platz

Nur nehmen, nichts geben? Italien gilt als großer Nutznießer der EU. Irrtum. Nicht Deutschland oder Frankreich zahlen die höchsten Beiträge, sondern Rom - zumindest gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes.

Hamburg - Alexander Dobrindt wählt gerne drastische Worte. "Wer den Leistungsgedanken hinter die Hängematten-Politik der Südeuropäer zurückstellt, gefährdet den europäischen Gedanken", schrieb der CSU-Generalsekretär im Juni auf seiner Facebook-Seite. Ein Spruch wie direkt vom Stammtisch, der wiedergibt, was viele denken: Die im Süden liegen nur faul auf der Haut, wir im Norden arbeiten hart und bezahlen auch noch ihre Schulden.

Solche Vorurteile kursieren umso intensiver, je mehr auf dem Spiel steht. In diesen Wochen wird der EU-Haushalt für die kommenden Jahre verhandelt. Viel Gelegenheit also, um den vermeintlich Faulen mehr Leistung abzuverlangen. Doch wenn heute die Staats- und Regierungschefs der EU zu ihrem Gipfeltreffen zusammenkommen, steht schon fest, wem der Titel des Zahlmeisters gebührt: Italien, vertreten durch Regierungschef Mario Monti.

Gemessen an der Wirtschaftsleistung trug 2011 kein anderes Land netto mehr zum Budget der Europäischen Union bei als Italien. Sein Anteil betrug im vergangenen Jahr 0,38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das sind rund 5,9 Milliarden Euro. Wohlgemerkt: Die Rede ist von den Nettobeiträgen. Alles, was Italien aus Brüssel erhält, seien es Subventionen für toskanische Olivenbäume oder Strukturfonds für die marode sizilianische Wirtschaft, ist bereits mit den italienischen EU-Beiträgen verrechnet.

SPIEGEL ONLINE

Grafik: Die sechs größten Nettozahler der EU

Ausgerechnet Italien, dessen Regierungschef am Wochenende seinen Rücktritt angekündigt hat, weil er nicht genug Unterstützung für seine Sparpolitik gesehen hat. Ausgerechnet Italien, das seither wieder höhere Zinsen für seine Staatsanleihen bezahlt, und das in der Vergangenheit immer wieder dementieren musste, Finanzhilfen zu brauchen.

Kein Wunder, dass Italiens Anteil steigt, sein Bruttoinlandsprodukt wird ja auch wegen der Krise immer kleiner, könnten die Herren am Stammtisch argumentieren. Stimmt so nicht. Zuletzt gab es in Italien 2009 einen Einbruch, wie auch in Deutschland. Doch in den beiden Folgejahren - also auch 2011 - ist der Wohlstand wieder angestiegen. Erst in diesem Jahr dürfte die italienische Wirtschaftsleistung zurückgegangen sein.

Und wo steht Deutschland in der Rangfolge? Selbst Belgien und die Niederlande leisten gemessen an ihrem Wohlstand einen größeren Anteil am Netto-EU-Budget als die Bundesrepublik. Deutschland folgt gleichauf mit Dänemark und Finnland auf Platz drei. Freilich, betrachtet man die absoluten Zahlen, überweist Deutschland nach wie vor die höchste Summe nach Brüssel - schließlich ist Deutschland der größte Mitgliedstaat der EU, und ein kleiner Teil von sehr viel Geld bleibt immer noch sehr viel Geld. Der deutsche Beitrag beläuft sich auf rund neun Milliarden Euro, das entspricht 0,34 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Aber Deutschland hat doch immer schon die restliche Union durchgefüttert, mag der Einwand lauten. Mitnichten. Das letzte Mal musste Deutschland im Jahr 2000 den größten Anteil des eigenen Wohlstands abgeben. Das liegt mehr als eine Dekade zurück. Seither haben vor allem die Niederlande die Statistik angeführt, und sogar Belgien, das mit einer Staatsverschuldung von fast 100 Prozent der Wirtschaftsleistung immer wieder zu den Sorgenkindern Europas gehört.

Der Titel als Europas heimlicher - und unfreiwilliger - Zahlmeister gebührt Italien auch deshalb, weil das Land bei den diversen Euro-Rettungsschirmen nach Deutschland und Frankreich der drittgrößte Geldgeber ist, aber trotz seiner hohen Staatsverschuldung noch keinen Cent aus diesen Rettungsschirmen in Anspruch genommen hat.

Am Beispiel Italiens zeigt sich, dass sich die Höhe der Nettobeiträge in der EU weniger an der Leistungsfähigkeit der Mitgliedstaaten orientiert als an ihrem Verhandlungsgeschick. Man könnte auch sagen: an ihrer Dreistigkeit. Einige EU-Länder haben auf diese Weise großzügige Rabatte ausgehandelt, allen voran Großbritannien. Andere bekommen immerhin Rabatte auf die Mehrkosten, die ihnen durch den Britenrabatt entstehen - Italien gehört aber weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe.

Die britischen Sonderkonditionen führen dazu, dass Großbritannien nicht nur einen deutlich geringeren Anteil seines Vermögens abgibt (0,32 Prozent des BIP), sondern auch in der Summe weniger überweist als Italien. Das sei ungerecht, findet Mario Monti und forderte deshalb gemeinsam mit Frankreich, den Britenrabatt ganz abzuschaffen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 195 Beiträge
1.
KurtFolkert 13.12.2012
Ist doch okay. Genau wie wir und andere hat Italien Prima von der EU gelebt. Jetzt muss der Ausgleich her. Uns trifft das auch noch früh genug. Aber das darf natürlich keiner Aussprechen.
Ist doch okay. Genau wie wir und andere hat Italien Prima von der EU gelebt. Jetzt muss der Ausgleich her. Uns trifft das auch noch früh genug. Aber das darf natürlich keiner Aussprechen.
2. Ja schafft den Briten-Rabatt ab!
hiwhatsup 13.12.2012
UNd wenn die Briten nicht wollen - dann werft sie aus der EU. Punkt.
UNd wenn die Briten nicht wollen - dann werft sie aus der EU. Punkt.
3. Ein Artikel
buntesmeinung 13.12.2012
der direkt vom Kanzleramt lanciert sein könnte! Mit Statistiken lässt sich die Wahrheit nach Gutdnken formen. Mehr sage ich dazu nicht, denn mir schwillt der Kamm!
der direkt vom Kanzleramt lanciert sein könnte! Mit Statistiken lässt sich die Wahrheit nach Gutdnken formen. Mehr sage ich dazu nicht, denn mir schwillt der Kamm!
4.
genlok 13.12.2012
Schöne Zahlenspielerei. Wer länger in Italien gelebt hat weiss dass zwischen 12:00 und 16:00 mal Siesta stattfinded und da wird nichts gemach. Ist in der Hautpstadt natürlich nicht so. Ich war allerdings eine Zeit lang [...]
Zitat von sysopNur nehmen, nichts geben? Italien gilt als großer Nutznießer der EU. Irrtum. Nicht Deutschland oder Frankreich zahlen die höchsten Beiträge, sondern Rom - zumindest gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes. Italien zahlt höchste Nettobeiträge zum EU-Budget - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/italien-zahlt-hoechste-nettobeitraege-zum-eu-budget-a-872604.html)
Schöne Zahlenspielerei. Wer länger in Italien gelebt hat weiss dass zwischen 12:00 und 16:00 mal Siesta stattfinded und da wird nichts gemach. Ist in der Hautpstadt natürlich nicht so. Ich war allerdings eine Zeit lang überrascht dass das überhaupt noch geht, sowas kennen wir ja gar nicht.
5. Danke,
yoiy 13.12.2012
endlich wird auch von deutschen Medien klargestellt, dass Deutschland nicht ungerecht behandelt wird auf EU Ebene und waehrend der Euro-Krise/Rettung. Es ist reiner Populismus zu behaupten die EU wuerde Deutschland schaden. In den [...]
endlich wird auch von deutschen Medien klargestellt, dass Deutschland nicht ungerecht behandelt wird auf EU Ebene und waehrend der Euro-Krise/Rettung. Es ist reiner Populismus zu behaupten die EU wuerde Deutschland schaden. In den letzten Krisenjahren, haben deutsche Politiker und Medien diese Meinung leider viel zu oft verbreitet...

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter RSS
alles zum Thema EU-Gipfel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten