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19.12.2012
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Folgen der Euro-Krise

Wo staut sich die Geldflut?

Von , Frankfurt am Main
Corbis

Euro-Münzen: Das Geld kommt nicht vom Himmel, sondern aus dem Computer

Die Europäische Zentralbank pumpt immer neue Milliarden in den Geldkreislauf - doch bei den Unternehmen und Verbrauchern kommt davon kaum etwas an. Wo bleiben bloß all die neuen Euro? Droht bald die große Inflation? Eine Spurensuche.

Deutschlands Geldmaschine versteckt sich in einem schmucklosen Achtziger-Jahre-Bau: Außen weiße Platten und etwas Glas, innen Auslegware in Grau- und Blautönen. Hier im Frankfurter Norden, weit ab von den Bankentürmen der Innenstadt, sorgen rund 300 Mitarbeiter einer kleinen Firma dafür, dass dem Land das Geld nicht ausgeht. Die Firma heißt Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH und sie bedient sich eines Mittels, das seit einigen Jahren ziemlich in Verruf geraten ist: Sie macht Schulden.

Schulden sind an sich nichts Verwerfliches. Im Kapitalismus sind sie sogar dringend nötig, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Würden Unternehmen keine Kredite aufnehmen, um Geld in vielversprechende Ideen und Projekte zu investieren, gäbe es kein Wachstum und keinen Wohlstand. Die Unternehmen wiederum bekommen ihr Geld von den Geschäftsbanken geliehen, gegen Zinsen natürlich. Und die Geschäftsbanken können selbst Kredite aufnehmen bei den Notenbanken, in der Euro-Zone also bei der Europäischen Zentralbank (EZB).

So sieht der Geldkreislauf aus, der in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch beschrieben wird. Man könnte auch sagen: so sieht die ideale Welt aus.

Doch mit dieser idealen Welt hat die Realität nur noch wenig gemein. Eine Unwucht ist in den Geldkreislauf geraten. Die europäische Zentralbank verteilt immer mehr Geld an die Geschäftsbanken. Doch bei den Unternehmen, die mit diesem Geld eigentlich ihre Investitionen finanzieren und so für das Wirtschaftswachstum von morgen sorgen sollen, kommt davon nur wenig an. Stattdessen landet ein viel zu großer Teil des Geldes in dem schmucklosen Flachbau im Frankfurter Norden.

Deutschland profitiert von der Krise

Carl Heinz Daube, der Geschäftsführer der Finanzagentur, sitzt in seinem Büro im ersten Stock. Sein Job ist es, Staatsanleihen zu verkaufen - Schuldscheine der Bundesrepublik. Gerade haben Daube und seine Händler bei einer Versteigerung solcher Scheine 2,5 Milliarden Euro reingeholt. Übermorgen soll das Geld an den Finanzminister überwiesen werden. "Es ist ordentlich gelaufen", sagt Daube. "Wir hatten 60 Gebote von 32 Banken. Die hätten uns Anleihen über fast fünf Milliarden Euro abgenommen."

Die Anleihen der Bundesrepublik sind gefragt im Moment. Für die fünfjährigen Schuldscheine, die Daube und seine Leute heute versteigert haben, müssen sie den Investoren im Schnitt gerade einmal 0,4 Prozent Zinsen zahlen. In Zeiten der Krise suchen die Anleger fast verzweifelt nach soliden Anlagen. Und sind deshalb bereit, auf hohe Renditen zu verzichten, solange ihr Geld nur sicher ist. "Für den deutschen Steuerzahler ist das charmant", sagt Daube. Schließlich spart der Bund dadurch jedes Jahr mehrere Milliarden Euro an Zinszahlungen.

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Wie Geld entsteht: Das Zusammenspiel von Banken und Zentralbanken

Dreieinhalb Stunden dauerte die Auktion diesmal - um 8 Uhr morgens ging es los, mittags um 11.30 Uhr war alles vorbei. In der Zwischenzeit gaben die Banken ihre Gebote ab, zu welchem Preis sie die Schuldscheine kaufen wollen. "Die spannendste Phase sind die letzten zehn bis 15 Minuten", erklärt Daube. "Da kommen noch mal viele Gebote rein."

In dieser Phase bildet sich im Handelsraum der Agentur eine kleine Menschentraube hinter den Bildschirmen. Chefhändler Thomas Weinberg ist dabei, ein Vertreter der Strategieabteilung, ein Controller und Geschäftsführer Daube. "Variante ist ausgewählt", sagt Weinberg am Ende, als der Preis und die versteigerte Menge feststehen. "Daten stehen zur Zuteilung bereit."

Die 2,5 Milliarden Euro, die Deutschland an diesem Tag im November einnimmt, kommen von Banken. Einen guten Teil der frischen Anleihen verkaufen sie weiter, zum Beispiel an Pensionskassen oder Investmentfonds, den Rest behalten sie. Solche Finanzmarktgeschäfte sind in den vergangenen Jahren zu einer Hauptbeschäftigung der Banken geworden. Das klassische Modell, Spareinlagen zu verzinsen und Kredite zu vergeben, ist in den Hintergrund getreten. Stattdessen wird in Wertpapiere investiert - am liebsten in deutsche. Denn Deutschland, so lautet eine der letzten Wahrheiten, die an den Finanzmärkten als unumstößlich gelten, kann nicht pleite gehen.

Doch woher haben die Banken all das Geld, um Deutschlands Schulden nahezu zum Nulltarif zu finanzieren?

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insgesamt 52 Beiträge
1. Titel
josh67 19.12.2012
Das Geld staut sich bei den Banken und "Investoren". Die haben nämlich während der "Krise" ca. 1.4 Billionen € Gewinn gemacht.
Zitat von sysopCorbisDie Europäische Zentralbank pumpt immer neue Milliarden in den Geldkreislauf - doch bei den Unternehmen und Verbrauchern kommt davon kaum etwas an. Wo bleiben bloß all die neuen Euros? Droht bald die große Inflation? Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/geld-aus-dem-nichts-woher-die-schulden-kommen-a-873065.html
Das Geld staut sich bei den Banken und "Investoren". Die haben nämlich während der "Krise" ca. 1.4 Billionen € Gewinn gemacht.
2. Bei der Beschreibung des Geldkreislaufes wird immer wieder etwas vergessen.
kanoprie 19.12.2012
"So sieht der Geldkreislauf aus, der in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch beschrieben wird. Man könnte auch sagen: so sieht die ideale Welt aus." - Sie stellten die Frage, wo das Geld bleibt. - Nun, weil Geld aus [...]
"So sieht der Geldkreislauf aus, der in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch beschrieben wird. Man könnte auch sagen: so sieht die ideale Welt aus." - Sie stellten die Frage, wo das Geld bleibt. - Nun, weil Geld aus Krediten bzw. aus Schulden besteht, wird es vollkommen ausgebucht, wenn der Schuldner seinen Kredit getilgt hat. Dieses Geld steht dann dem Geldkreislauf nicht mehr zur Verfügung. – Wenn keine Neuschuldner auf der Bühne erscheinen, tritt zwangsläufig die Deflation ein.
3. optional
AndreasBL 19.12.2012
Der Beitrag ist sehr interessant zu lesen, zeigt aber auch, dass mit dem Begriff "Geld" völlig unterschiedliche Dinge zusammengefasst werden. Daher auch immer wieder das Märchen von den "Geld schöpfenden [...]
Der Beitrag ist sehr interessant zu lesen, zeigt aber auch, dass mit dem Begriff "Geld" völlig unterschiedliche Dinge zusammengefasst werden. Daher auch immer wieder das Märchen von den "Geld schöpfenden Banken". Es gilt zu unterscheiden zwischen GELD einerseits und Schulden/Guthaben andererseits. Geld ist das, was in der Wirtschaft als offizielles Zahlungsmittel zirkuliert und nur von der Zentralbank erschaffen werden kann. Wer Banknoten nachmacht, wird bestraft!!! Das Vergeben von Krediten bewirkt, dass auf der einer Seite Schulden und auf der anderen Seite Guthaben entstehen. In dem Falle wechseln Geldscheine vom Gläubiger zum Schuldner. Die GELDmenge steigt dadurch nicht an. Wenn der Schuldner seine Schuld mit dem Geld begleicht, dann wechseln Geldscheine wieder zurück zum Gläubiger; Schulden und Guthaben werden so getilgt, die GELDmenge bleibt wiederum gleich. Aber man macht immer den Fehler, Guthaben und zirkulierendes Geld als "Geldmenge" zusammenzufassen. Dass selbst die Währungshüter hier schon nicht mehr klar unterscheiden, ist sehr bezeichnend für die Situation, in der wir uns befinden.
4. Wertpapiere benachteiligen
el`Ol 19.12.2012
Ich habe keine Ahnung von Wirtschaft, man möge mich also korrigieren, aber wenn es für JEDES Wertpapier einen Ausgabeaufschlag gäbe (wo der hinfließen soll, ist eine andere Frage), würde das nicht diese Art von Schweinereien [...]
Ich habe keine Ahnung von Wirtschaft, man möge mich also korrigieren, aber wenn es für JEDES Wertpapier einen Ausgabeaufschlag gäbe (wo der hinfließen soll, ist eine andere Frage), würde das nicht diese Art von Schweinereien (plus eine Menge andere) verhindern?
5. Inkompetenz oder Desinteresse?
TheBear 19.12.2012
Da wird mal wieder das sinnvolle Prinzip "Fördern und Fordern" vergessen. Wenn man in der EZB arbeitet, sollte man schon a) einen Plan haben, warum man diese Geldmengen hin und herschiebt b) das (auf Grund des [...]
Zitat von sysopCorbisDie Europäische Zentralbank pumpt immer neue Milliarden in den Geldkreislauf - doch bei den Unternehmen und Verbrauchern kommt davon kaum etwas an. Wo bleiben bloß all die neuen Euros? Droht bald die große Inflation? Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/geld-aus-dem-nichts-woher-die-schulden-kommen-a-873065.html
Da wird mal wieder das sinnvolle Prinzip "Fördern und Fordern" vergessen. Wenn man in der EZB arbeitet, sollte man schon a) einen Plan haben, warum man diese Geldmengen hin und herschiebt b) das (auf Grund des Plans) gewünschte Verhalten einfordern, und sonst halt das Geld zurückhalten. Was nicht klar ist, sind die Verantwortlichen zu dumm, oder einfach (sie haben ja selber ein hinreichend grosses Einkommen) nicht interessiert.

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Die Europäische Zentralbank

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Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
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