24.01.2013
Neue Chefin der US-Börsenaufsicht SEC
Ein Pitbull für die Wall Street
Von Marc Pitzke, New York
Mary Jo White (Archivbild): Neue Chefin der SEC
Der dunkelste Tag in Mary Jo Whites Karriere war der 11. September 2001. Damals US-Oberstaatsanwältin, erlebte sie die Stunden des Terrors in den New Yorker FBI-Büros mit. Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Türme des World Trade Centers einstürzten.
Es war für sie ein persönlicher Schock. Vier Jahre zuvor hatte sie Ramsi Ahmed Jussuf hinter Gitter gebracht, einen Hauptdrahtzieher des ersten Bombenanschlags auf die Twin Towers im Jahr 1993. Deren täglicher Anblick auf dem Weg zur Arbeit hatte White seither "ein besonderes, positives Gefühl" gegeben, sagte sie dem TV-Sender PBS.
Dann kam 9/11 - und die Nachricht, dass auch ihr Freund John O'Neill umgekommen ist. Der langjährige New Yorker FBI-Chef, seit kurzem erst Sicherheitschef des World Trade Centers, hatte immer schon - vergeblich - vor Osama Bin Laden gewarnt. "Wie kann man die Ironie beschreiben?", sagte White nach O'Neills Tod. "Es ist etwas, das keiner von uns, der ihn kannte, jemals verschmerzt oder vergisst."
Keine Angst vor dicken Fischen
Whites neuer Job wird wahrscheinlich weniger dramatische Momente bieten. Als designierte Chefin der US-Börsenaufsicht SEC jongliert sie fortan weniger mit Menschenleben als mit (Dollar-)Milliarden. Trotzdem wird sie auch weiterhin Schurken, Schufte und Übeltäter jagen - nur diesmal eben an der Wall Street. Und dort sind sind sie oft schlüpfriger als Mafiosi.
Das soll sich nun ändern: White, die 2002 in eine Top-Anwaltskanzlei wechselte, gilt bis heute als eine der härtesten US-Juristinnen. Ihr Spitzname in der Branche, lange bevor Sarah Palin den für sich beanspruchte: Pitbull.
"Du willst dich nicht mit Mary Jo anlegen", sagte US-Präsident Barack Obama, als er White am Donnerstag nominierte. "Mary Jo lässt sich nicht leicht einschüchtern." Als SEC-Chefin werde sie "unverantwortliches Verhalten in der Finanzindustrie verfolgen, damit der Steuerzahler nicht den Preis dafür zahlen muss".
Indem er erstmals eine Staatsanwältin mit der SEC betraut, will Obama ein Zeichen setzen. "Warum sitzen keine Wall-Street-Banker für ihre Rolle in der Finanzkrise im Gefängnis?", fragte das investigative TV-Magazin "Frontline" erst diese Woche. Eine der Antworten: Auch Obamas Regierung sei allzu eng mit den Titanen der US-Finanzwirtschaft verbandelt - wenn ihnen nicht sogar hörig.
White hat jedenfalls keine Angst vor dicken Fischen. Selbst gerade mal 1,52 Meter groß, knöpfte sie sich als Staatsanwältin Terroristen, Mafiosi und Straßengangs wie auch das New York Police Department (NYPD) vor - und siegte meist. In einer Stadt, die so schon als tough gilt, galt sie als eine der Toughsten.
Turbulente Zeit als Oberstaatsanwältin
Präsident Bill Clinton beförderte die Anwältin 1993 zur ersten - und bisher einzigen - Frau an die Spitze des U.S. Attorney's Office in New York. Für viele Staatsanwälte war und ist diese wohl prominenteste Justizbehörde der USA ein Sprungbrett zur großen Karriere - unter ihnen Rudy Giuliani (Bürgermeister), Thomas Dewey (Gouverneur) und Louis Freeh (FBI-Direktor).
White verknackte einige der meistgefürchteten Kriminellen. 1992 klagte sie, damals noch als Vizechefin der Behörde, den berüchtigten Mafioso John Gotti an, unter anderem wegen fünffachen Mordes. Der Prozess endete mit einem Schuldspruch und lebenslanger Haft für Gotti, der zehn Jahre später im Gefängnis starb.
Ihre turbulente Zeit als Oberstaatsanwältin begann 1993 mit dem ersten Anschlag aufs World Trade Center. Es dauerte zwei Jahre, bis Jussuf in Pakistan aufgespürt und in New York verurteilt wurde. Im gleichen Jahr beförderte White den "blinden Scheich" Omar Abd al-Rahman als Terror-Drahtzieher hinter Gitter. 1998 klagte sie Osama Bin Laden für zwei Anschläge auf US-Botschaften in Afrika an.
Dann wechselte White auf die andere Seite: Seit 2002 arbeitet sie für die namhafte Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton. Dort verteidigt sie ironischerweise auch bedrängte Banker. Darunter den früheren Vorstandschef der Bank of America, Ken Lewis, des Investorenbetrugs angeklagt wegen seiner Rolle bei der Übernahme von Merrill Lynch.
Es ist nun aber gerade diese Volte von Anklägerin zur Verteidigerin, die Skeptiker beunruhigt, trotz der sonst positiven Reaktion auf Whites Berufung. Verbraucherschützer, "die erwarten, dass White mit Bankern hart umgeht", sollten nicht zu viel erwarten, lästert das Wall-Street-Blog "Business Insider" etwa.
Als Anwältin, warnte auch das "Wall Street Journal", habe White "zahlreiche große Investmentfirmen beraten, die von der SEC überwacht werden". Überdies seien "SEC-Beobachter besorgt", dass White zu wenig über die Behörde und ihre Funktionsweise wisse.
"White muss mit einem Vorschlaghammer zur SEC kommen"
Hinzu kommt, dass ihr Ehemann John White, seinerseits ein SEC-Veteran, zuletzt als Lobbyist gegen Obamas Finanzmarktreform gearbeitet hat - eines der wichtigsten Gebiete, auf dem die SEC tätig ist. Dies, kritisiert der Finanzblogger Yves Smith, sei für White der größte Interessenkonflikt.
White versprach am Donnerstag, mit "aller Energie" für "Stärke, Effizienz und Transparenz unserer Kapitalmärkte" zu sorgen. Doch sie übernimmt ein ohnehin angeschlagenes Amt.
Die vorherige SEC-Chefin Mary Schapiro war schon im Dezember abgetreten, seitdem hatte SEC-Kommissarin Elisse Walter die Geschäfte geführt. Unter Schapiro hatte die SEC etliche zivilrechtliche Verfahren gegen Banken und Konzerne angestrengt. Die meisten resultierten jedoch in außergerichtlichen Einigungen und Geldstrafen, die leicht zu verschmerzen waren.
Eine schwere Pleite war der Fall des Milliardenbetrügers Bernard Madoff, der jahrzehntelang unbehelligt blieb - unter den Augen einer schlafenden SEC. Auch konnte die SEC der Wall-Street-Bank Goldman Sachs nie ein Schuldeingeständnis abringen, trotz deren windiger Deals mit "synthetischen" Produkten, bei denen die eigenen Klienten verloren, doch Hedgefondshaie wie John Paulson verdienten.
"White muss mit einem Vorschlaghammer zur SEC kommen, nicht mit einem Spachtel", sagte der frühere Wall-Street-Jurist Bill Singer dem "National Journal". "Normalerweise durchlaufen Börsenaufseher in Washington drei Stadien: Ich weiß nicht; ich bin dabei, Veränderungen vorzunehmen; vielen Dank für den Job."
Whites erste Worte, nachdem Obama sie nominiert hatte: "Vielen Dank, Mr. President." Dazu stieg sie auf eine Kiste, um über das Rednerpult hinausblicken zu können.
