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21.02.2013
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Landnahme in China

Tod des brennenden Bauerns

Aus Panjin berichtet Sophia Lee
Wu Jiang

Durch die Urbanisierung verlieren Millionen Chinesen ihr Land - und wehren sich immer erbitterter: Ein Mann übergießt sich mit Benzin, um den Abrisstrupp zu stoppen. Ein Polizist erschießt ihn. Nun will der Staat ein ganzes Viertel mundtot machen. Eine Alltagsgeschichte aus Panjin, China.

Die genauen Umstände von Wang Shu Jies Ableben wurden nie geklärt. Man weiß nur, dass die Situation eskaliert sein muss.

Die Wangs wollten nicht, dass die Regierung eine Straße durch ihr Haus baut. Als am 21. September 2012 der Abrisstrupp kam, stellten sie sich ihm entgegen. Jie und sein Bruder gegen die Bauarbeiter, die Eltern gegen die Polizei. Es kam zu Rangeleien. Als die Kämpfe heftiger wurden, drückte der Vizepolizeichef ab. Dreimal. Blutend sank Jie aufs Weizenfeld. Am nächsten Tag erklärte die Regierung der Stadt Panjin die Schüsse für gerechtfertigt.

Zeitungen und TV-Sender im ganzen Land berichteten über den Todesfall in der Stadt Panjin im Nordosten Chinas. Er wurde zum Symbol für einen nationalen Missstand. Insgesamt neun Millionen Menschen soll der Staat von ihren Grundstücken vertrieben haben, um darauf Fabriken, Einkaufszentren und verspiegelte Wohntürme zu bauen.

Die staatliche Landnahme ist die Schattenseite eines historisch beispiellosen Booms. Vor gut 30 Jahren lebten rund 200 Millionen Chinesen in den Städten, heute sind es fast 700 Millionen, Tendenz steigend. Um Platz für solche Menschenmassen zu schaffen, kommen immer öfter die Bautrupps, mit Kränen und Baggern, vertreiben die Bauern, betonieren das traditionelle China ein. Der Widerstand der Bauern wird heftiger. Ebenso die Brutalität, mit der die Regierung den Umbau der Volksrepublik vorantreibt.

Der Staat als Gutsherr

Panjin, Liaoning-Provinz, Stadtteil Ershili. Wachhunde bellen, Schneegeruch. Der Tatort ist ein mit Rauhreif überzogenes Feld. 30 Jahre bauten die Wangs hier Weizen an. Aus drei Himmelsrichtungen rückte die Stadt näher. Als vergangenes Jahr die Nachricht kam, dass die Regierung sich bald das Land zurückholt, reichten die Schatten der Baukräne bis fast an den Ackerrand.

Was im Westen Enteignung wäre, ist in China allgemeines Recht. Das Land gehört nicht den Leuten, es bleibt stets in Staatsbesitz. Die Regierung leiht es den Bauern nur auf bestimmte Zeit, sie kann es sich zurückholen, jederzeit. Den Bauern steht dann eine Entschädigung zu. Doch diese wiegt ihre Verluste kaum auf: das Haus, das gepflügte Feld, das landwirtschaftliche Gerät, das oft nutzlos wird, weil sich keine neue Farm mehr findet.

In Ershili bot die Regierung den Bewohnern 800 Yuan, rund 100 Euro, für jedes verlorene Erntejahr und für jedes Mu Land (667 Quadratmeter). Der aktuelle Grundstückspreis in einer Stadt von der Größe Panjins beträgt bis zu 300.000 Yuan pro Mu, rund 37.500 Euro. Trotz dieses Missverhältnisses fügten sich fast alle in ihr Schicksal. Nur die Wang-Familie nicht. Sie forderte mehr Geld, für ihr Land, für ihr Haus. Als sie es nicht bekam, griff sie zu den Waffen.

Mit Axt und Sichel gegen die Staatsgewalt

Am 21. September gegen 6.30 Uhr morgens rückte der Bautrupp an. Fünf Arbeiter, zwei Bagger. Auf dem Feld standen die Mähdrescher bereit, die Ernte stand bevor, nicht einmal die wollte der Staat noch abwarten. Wang Shu Jie und sein Bruder liefen aufs Feld, um die Bauarbeiter aufzuhalten. Was dann geschah, lässt sich aus Statements der Regierung, aus Artikeln und Fotos in Staatsmedien und aus den Beschreibungen von Nachbarn der Wang-Familie grob rekonstruieren.

Jie besprenkelte demnach einige der Bauarbeiter und sich selbst mit Benzin. Sein Bruder bedrohte die Männer mit einer Axt und einem Schraubenzieher. Als der Vizepolizeichef am Tatort ankam, soll Jies Bruder auch ihn mit Benzin besprenkelt haben. Der Polizist soll einige Schritte weggelaufen sein, da soll der Bruder den Rest des Benzins über sich selbst gegossen und ein Feuerzeug gezückt haben. Die Mutter bekam nun offenbar Panik und griff den Polizisten mit einer Sichel an. Sie schnitt ihm in die rechte Hand. Jie rang mit den Bauarbeitern und fing Feuer.

Nun werden die Schilderungen stark widersprüchlich. Der Polizist will Jie für einen Bauarbeiter gehalten haben; er sei auf Jie zugelaufen, um ihm zu helfen, sagte er Reportern. Da sei Jies Vater auf ihn losgegangen. Während sie miteinander rangen, habe sich ein Schuss gelöst und den Vater ins Bein getroffen. Als Jie die Schüsse hörte, sei er, noch immer brennend, auf ihn zugestürmt, sagt der Polizist. Er habe um sein Leben gefürchtet und Jie aus Notwehr erschossen.

Die Einheimischen erzählen etwas anderes. Dass der Vizepolizeichef dem Vater mutwillig ins Bein geschossen haben soll. Dutzende bewaffnete Beamte ihm Rückendeckung gegeben hätten. Jie nicht mehr gebrannt habe, als er auf den Polizisten zulief. Dass Jie unbewaffnet gewesen sei. Trotzdem habe der Polizist auf ihn geschossen. Jies 13-jähriger Sohn habe einen Tobsuchtsanfall bekommen, Sicherheitskräfte hätten den Teenager ergriffen und ihm brutal den Nacken verdreht.

Wenig später jedenfalls stopften Sicherheitskräfte Jies Leiche in einen Sack. Die Familie durfte nie Abschied nehmen. Eltern, Frau und Bruder, Tochter und Sohn: Zu sehen bekamen sie vom Toten nur die Asche.

Am nächsten Tag erklärte die lokale Regierung in einem offiziellen Statement, der Polizist habe absolut korrekt gehandelt. Sie berief sich auf einen Untersuchungsbericht, den nie jemand zu sehen bekam. Seinerzeit nicht, bis heute nicht.

Wer redet, wird weggesperrt

In den Medien entspann sich um den Todesfall eine heftige Debatte. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua schmähte Jie als geldgierigen Pyromanen. Regierungskritische Blogs glorifizierten ihn zum Märtyrer. In Wahrheit sind wohl beide schuld, dass die Situation außer Kontrolle geriet.

Die Gewalt in Ershili erinnert an einen Vorfall in der Stadt Wuhan, wo ein Bauer sein Grundstück mit einem selbstgebauten Flammenwerfer verteidigte. Sie erinnert an die Stadt Dingzhou, in der Dutzende Bewohner eine Revolte gegen die Enteignung begannen, bis Söldner den Aufstand niedermetzelten. Sie erinnert daran, wie der Kampf ums Land immer brutaler wird, welch sozialer Sprengstoff in ihm steckt.

In Ershili denkt nun jeder, er könnte der nächste sein, den eine staatlich legitimierte Kugel trifft. Die Regierung müht sich nach Kräften, die Menschen mundtot zu machen. Nachdem Jie erschossen worden war, sperrten Sicherheitskräfte wochenlang alle Zufahrtsstraßen ins Viertel. Nur die Anwohner durften noch ein- und ausgehen, teils nur unter Personenschutz. Ende September trafen sich einige Nachbarn, um über Jies Tod zu diskutieren. Sie wurden rund zwei Wochen ins Gefängnis gesperrt.

Die Wang-Familie wurde nach dem 21. September isoliert, erzählen Bewohner im Viertel. Die Eltern habe man in ein Krankenhaus gesperrt und Bodyguards vor die Tür gestellt. Jies Witwe und die Kinder haben noch heute einen Polizisten bei sich wohnen, der ungebetenen Besuch zur Tür hinaus drängt.

Das Wohnzimmer ist karg möbliert. Die Witwe ist eine hagere kleine Frau, sie trägt kinnlanges Haar. Von der Einäscherung ihres Mannes erfuhr sie erst, als Staatsdiener ihr ein Formular hinhielten und sie zwangen, es zu unterschreiben, erzählen Nachbarn. "Du unterschreibst das hier", hätten sie ihr gesagt, "sonst bist du eine Kriminelle."

Jies Sohn ist ein leicht pummeliger Teenager, er trägt einen Mittelscheitel. Wenn Leute im Haus sind, muss er schnell hinausgehen und sich zu einem Wächter ins Auto setzen. Er erzählt, dass er nicht mehr zur Schule gehen darf. Dass ihn seine Freunde nicht mehr besuchen. Er hat keinen Vater mehr. Nur zwei Wächter, mit denen er sich gutstellen muss.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
1.
dongerdo 21.02.2013
Diese Vorgänge sind übel, aber es als "Alltagsgeschichte" zu titulieren dass ein chinesischer Bürger aus Protest mit Benzin übergießt führt zu weit
Zitat von sysopWu JiangDurch die Urbanisierung verlieren Millionen Chinesen ihr Land - und wehren sich immer erbitterter: Ein Mann übergießt sich mit Benzin, um den Abrisstrupp zu stoppen. Ein Polizist erschießt ihn. Nun will der Staat ein ganzes Viertel mundtot machen. Eine Alltagsgeschichte aus Panjin, China. Landnahme in China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/landnahme-in-china-a-884154.html)
Diese Vorgänge sind übel, aber es als "Alltagsgeschichte" zu titulieren dass ein chinesischer Bürger aus Protest mit Benzin übergießt führt zu weit
2. nicht nur in China
kalzifer 21.02.2013
Das Schicksal der Familie ist sicher tragisch. Aber auch in Deutschland sind Zwangsräumungen keine Kuschelstunde, da geht es oft auch mit Polizeigewalt heftig zur Sache. Und wenn ein Bauer in Deutschland auf einen Polizisten [...]
Das Schicksal der Familie ist sicher tragisch. Aber auch in Deutschland sind Zwangsräumungen keine Kuschelstunde, da geht es oft auch mit Polizeigewalt heftig zur Sache. Und wenn ein Bauer in Deutschland auf einen Polizisten losgeht, muss er auch mit Gegenwehr rechnen. Der einzige Unterschied ist eigentlich, dass das Land im vorliegenden Fall per se dem Staat gehört, bei einer Zwangsräumung in Deutschland der Bank. In beiden Fällen sind die Betroffenen nicht die Eigentümer. Und genau daraus entsteht das Elend, nämlich dass Menschen ihre Zukunft auf etwas gründen, was ihnen jederzeit wieder weggenommen werden kann. In China wie in Deutschland.
3. zynisch....
klammerkarlheinz 21.02.2013
kann man da nur noch antworten: Alle wissen es, keiner guckt hin oder sagt was. China taugt ja mit seinen Arbeitssklaven sooo toll für unseren Wohlstand. Unsere Politiker schwafeln von Wachstum...welches dennund wohin soll das [...]
kann man da nur noch antworten: Alle wissen es, keiner guckt hin oder sagt was. China taugt ja mit seinen Arbeitssklaven sooo toll für unseren Wohlstand. Unsere Politiker schwafeln von Wachstum...welches dennund wohin soll das alles wachsen?...Kauft keine chinesischen Produkte mehr, dazu gehören auch Smartphones....
4. zynisch....
klammerkarlheinz 21.02.2013
kann man da nur noch antworten: Alle wissen es, keiner guckt hin oder sagt was. China taugt ja mit seinen Arbeitssklaven sooo toll für unseren Wohlstand. Unsere Politiker schwafeln von Wachstum...welches dennund wohin soll das [...]
kann man da nur noch antworten: Alle wissen es, keiner guckt hin oder sagt was. China taugt ja mit seinen Arbeitssklaven sooo toll für unseren Wohlstand. Unsere Politiker schwafeln von Wachstum...welches dennund wohin soll das alles wachsen?...Kauft keine chinesischen Produkte mehr, dazu gehören auch Smartphones....
5. diese Überbevölkerung
brokerbundfuture1 21.02.2013
in China und der ungezügelte Kapitalismus sind unmenschlich. Wenn das hier die Polizei veranstalten würde, könnte sie sich anschliessend auf eine breite Welle von Hass einstellen. Und eine weitere Klagewelle, die Medien würden [...]
in China und der ungezügelte Kapitalismus sind unmenschlich. Wenn das hier die Polizei veranstalten würde, könnte sie sich anschliessend auf eine breite Welle von Hass einstellen. Und eine weitere Klagewelle, die Medien würden sich sicher nicht auf die Seite des Staates stellen. Und unsere Politiker werden sich wieder einmal nicht einmischn, keinen Kommentar abgeben und sich über die guten Geschäfte mit diesem Land freuen. Das Problem kann nur die CHinesische Bevölkerung lösen, mitg MIllionen Menschen einen Aufstand organisieren, der nicht mehr niedergeschlagen werden kann. Nur dann kann man diese Staatsmacht ad akta bringen. Hoffentlich erleben wir keine Diktatur mehr, das ist schlimmer als jeder 1Euro-Job.
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