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25.02.2013
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Eier-Skandal

Tierschützer beklagen laxe Bio-Gesetze

Von
DPA

Hühner aus Freilandhaltung: Bei 3000 Tieren im Stall herrscht schnell Mord und Totschlag

Schärfere Gesetze, mehr Kontrollen - im Skandal um falsch deklarierte Bio-Eier fordern Politiker mal wieder Konsequenzen. Doch Tierschützer kritisieren: Schon die bestehenden Regeln können kaum das Siegel "Bio" rechtfertigen.

Berlin - Ilse Aigner war die erste, die sich über den neuen Skandal um falsch deklarierte Bio-Eier empörte. "Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, geht es hier um Betrug im großen Stil: Betrug an den Verbrauchern, aber auch Betrug an den vielen Bio-Landwirten in Deutschland, die ehrlich arbeiten", sagte die Bundesverbraucherministerin. Ihr niedersächsischer Amtskollege Christian Meyer forderte massive Konsequenzen. "Wir prüfen, ob man den überführten Betrieben die Betriebserlaubnis entzieht", sagte der Grünen-Politiker im ARD-"Morgenmagazin". Hinter der möglichen massiven Verbrauchertäuschung könne sich eine "ziemliche kriminelle Energie" verbergen.

Millionen Eier aus konventioneller Haltung vor allem aus Niedersachsen sollen nach SPIEGEL-Informationen als angebliche Bio-Eier in den Handel gelangt sein. Die Legehennen sollen zudem in überbelegten Ställen nicht so gehalten und gefüttert worden sein, wie es für die Erzeugung von Bio-Eiern vorgeschrieben ist.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt nun gegen rund 150 Betriebe in Niedersachsen. 50 weitere Verfahren seien an Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Schleswig-Holstein, Sachsen und Sachsen-Anhalt abgegeben worden, sagte Oberstaatsanwältin Frauke Wilken. Den Betrieben wird vorgeworfen, systematisch die Vorschriften missachtet zu haben.

Christel Happach-Kasan, Agrarexpertin der FDP-Bundestagsfraktion griff die zuständigen Behörden an. "Schreibtischkontrollen reichen nicht aus. Die Kontrolleure müssen in die Ställe gehen und Tiere zählen", sagte sie. Die verdächtigen Betriebe hätten "mit bewusster Verbrauchertäuschung Profit auf Kosten der Tiere erzielt".

Das Ritual ist bekannt und erinnert an die Affäre um als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch. Sobald die Öffentlichkeit von den unappetitlichen Methoden der Lebensmittelindustrie erfährt, ist die Empörung auch unter den Politikern groß - so wie jetzt im Skandal um falsch etikettierte Bio-Eier. Die Schuldigen werden gebrandmarkt, schärfere Kontrollen angemahnt, und die strikte Anwendung der Gesetze gefordert. Im Fall der falsch ausgezeichneten Eier muss man allerdings die Frage stellen, ob die bisher geltenden Gesetze überhaupt dazu geeignet sind, das Prädikat "Bio" zu rechtfertigen.

Stress pur

Dabei klingen die Vorgaben, die die Produktion von Bio-Eiern regeln, zuerst eindeutig: Die Hennen müssen Gelegenheit haben, den Stall nach Belieben zu verlassen und draußen nach Futter zu suchen, wobei jedes Huhn dort mindestens vier Quadratmeter zur Verfügung haben muss. Den gemeinsamen Stall dürfen sich höchstens 3000 Tiere teilen. Auch hier gilt eine Größenformel: Jeden Quadratmeter dürfen höchstens sechs Hennen belegen.

Doch Experten sehen eben darin das Problem. "Eine Henne kann allenfalls 50 andere Hennen erkennen", erklärt Edmund Haferbeck, der die Tierschutzorganisation Peta berät. In diesen Einheiten können sie eine stabile Rangordnung entwickeln. "Sperrt man aber 3000 Tiere in einen Stall, dann herrscht schnell Mord und Totschlag."

Zu dieser Erkenntnis kommt auch der Schweizer Agrarbiologe und Autor Clemens Arvay, der monatelang zu diesem Thema in Deutschland recherchiert hat. "Die Hühner in diesen Ställen sind extrem nervös und aggressiv untereinander", berichtet er von seinen Erfahrungen. "Das bedeutet für die Tiere Stress pur."

Auch der vorgeschriebene Auslauf kann in der Praxis leicht unterlaufen werden. Um das natürliche Schutzbedürfnis der Tiere zu befriedigen, müssten eigentlich an vielen Stellen kleine Unterstände errichtet werden, sonst wagen sie sich aus Angst vor Greifvögeln nämlich gar nicht erst aus dem Stall. "Solche Rückzugsorte sind in vielen Fällen gar nicht vorhanden, weil sie nicht explizit vorgeschrieben sind", sagt Haferbeck.

Die eigentlichen Täter dürften davonkommen, vermuten Tierschützer

Der Grund für die laxen Regelungen liegt für die Tierschützer klar auf der Hand: "Die Agrarlobby hat es glänzend verstanden, ihre Interessen durchzusetzen", sagt Arvay. Im Skandal um die Falschetikettierung von Eiern sei wahrscheinlich erst ein Bruchteil der Wahrheit ans Licht gekommen, vermutet er.

Ähnlich nüchtern schätzt auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg die Lage ein. "Es scheint relativ flächendeckend Praxis gewesen zu sein", sagte Behördenchef Roland Herrmann. Sein Team ermittelt nun gegen die Betriebe in Niedersachsen, die zu viele Tiere in einem Stall gehalten haben sollen. Die Standorte seien alle durchsucht worden, sagte Herrmann. Gegen einige stehe das Verfahren kurz vor dem Abschluss. Die Ermittlungen werden insgesamt aber noch längere Zeit dauern.

Ob er damit auch die eigentlichen Drahtzieher erwischt, bezweifeln die Experten von den Tierschutzorganisationen. "Die allermeisten Betriebe sind vertraglich eng an die sogenannten Packstellen gebunden", erklärt Haferbeck die Marktordnung. Packstellen, das sind große Einkaufsunternehmen, die die Bauern als Zulieferer verpflichtet haben. Das ganze funktioniert wie ein Franchise-System, bei dem den Bauern von der Stalltechnik über das Futter bis hin zur Hühnerrasse jedes Detail vorgeschrieben wird. "Die Bauern haben keine Möglichkeit, etwas nach ihren Vorstellungen zu gestalten", sagt Arvay. Wer sich den Regeln nicht unterwerfe, dem bleibe lediglich die Möglichkeit, seine Eier auf den umliegenden Märkten zu verkaufen.

Für die Staatsanwaltschaft aber wird es an dieser Stelle schwer. Den Ermittlern fehlen im Einzelfall wichtige Informationen, wer überhaupt an den einzelnen Betrieben beteiligt ist. Auch die Tierschützer müssen passen. "Darüber wissen wir wenig", räumt Peta-Berater Haferbeck ein. Um das zu durchdringen, bräuchte man schon einige Insider.

Mit Material von dpa

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insgesamt 94 Beiträge
1. ....
jujo 25.02.2013
Eigentlich kaum zu glauben. Die Kontrollfirmen arbeiten privatwirtschaftlich und im Auftrag der zu Kontrollierenden. Da ist klar, das da nichts herauskommen kann. die Politik kann sich jetzt doch nicht hinstellen und auf [...]
Zitat von sysopDPASchärfere Gesetze, mehr Kontrollen - im Skandal um falsch deklarierte Bio-Eier fordern Politiker mal wieder Konsequenzen. Doch Tierschützer kritisieren: Schon die bestehenden Regeln können kaum das Siegel "Bio" rechtfertigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bio-eier-lasche-gesetze-machen-etikettenschwindel-erst-moeglich-a-885482.html
Eigentlich kaum zu glauben. Die Kontrollfirmen arbeiten privatwirtschaftlich und im Auftrag der zu Kontrollierenden. Da ist klar, das da nichts herauskommen kann. die Politik kann sich jetzt doch nicht hinstellen und auf betroffen machen. Das ganze Sytem ist korrupt!
2.
steve_88 25.02.2013
Was ist denn mit Siegeln wie Demeter und co? Ich gucke seit einiger Zeit mit Hilfe des Ei-Codes, wo meine Eier herkommen. Teilweise ist es sehr erschreckend, was sich Bio nennen darf...
Was ist denn mit Siegeln wie Demeter und co? Ich gucke seit einiger Zeit mit Hilfe des Ei-Codes, wo meine Eier herkommen. Teilweise ist es sehr erschreckend, was sich Bio nennen darf...
3. Entfremdete Lebensmittel
Palmstroem 25.02.2013
oblem ist doch, dass Das eigentliche Problem ist die Entfremdung der Leute vom Landleben. Man braucht Siegel, weil man sich selbst kein Urteil mehr bilden kann. Die meisten können nicht einmal mehr Schweine- vom [...]
Zitat von sysopDPASchärfere Gesetze, mehr Kontrollen - im Skandal um falsch deklarierte Bio-Eier fordern Politiker mal wieder Konsequenzen. Doch Tierschützer kritisieren: Schon die bestehenden Regeln können kaum das Siegel "Bio" rechtfertigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bio-eier-lasche-gesetze-machen-etikettenschwindel-erst-moeglich-a-885482.html
oblem ist doch, dass Das eigentliche Problem ist die Entfremdung der Leute vom Landleben. Man braucht Siegel, weil man sich selbst kein Urteil mehr bilden kann. Die meisten können nicht einmal mehr Schweine- vom Rindfleisch unterscheiden, wissen nichts über die Haltbarkeit von Eiern, haben keine Ahnung wie Wurst hergestellt wird und ekeln sich vor Dingen, die man vor ein paar Jahrzehnten noch als Delikatessen aß! Wem die Kenntnisse über seine *Lebensmittel* weniger wert ist als sein Wissen jede Menge unnützes Zeug, der sollte sich auch nicht beschweren. Die lila Kuh läßt schön grüßen!
4. Nichts neues...
Zentralabitur 25.02.2013
Wundert das echt jemand? Die Preise sind so moderat z.B. im REWE für die sog. „BIO-Produkte” — da kann ja etwas nicht stimmen. Das hier wird nicht der letzte Skandal in der Richtung sein. Ich kaufe nur noch Demeter-Qualität, [...]
Wundert das echt jemand? Die Preise sind so moderat z.B. im REWE für die sog. „BIO-Produkte” — da kann ja etwas nicht stimmen. Das hier wird nicht der letzte Skandal in der Richtung sein. Ich kaufe nur noch Demeter-Qualität, seit Jahren schon.
5. Es gibt keinen Verbraucherschutz
horstbier 25.02.2013
Es gibt nur den Schutz der Produzenten, den garantiert Frau Aigner! Würden die Produzenten von Lebensmittel in die Verantwortung genommen, bräuchten wir uns nicht die Ablenkungsmanöver mit den Zulieferern anhören. Würden die [...]
Es gibt nur den Schutz der Produzenten, den garantiert Frau Aigner! Würden die Produzenten von Lebensmittel in die Verantwortung genommen, bräuchten wir uns nicht die Ablenkungsmanöver mit den Zulieferern anhören. Würden die Produzenten von Dreck knallhart bestraft, würden diese dafür sorgen, dass nur beste Rohware bei ihnen ankommt. Frau Aigner treten sie zurück!

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