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Wirtschaft

Bevölkerungsexplosion

Äthiopien will 8000 neue Städte bauen

Die Bevölkerung Äthiopiens hat sich verdreifacht, Millionen Bauern verlassen ihre Felder und landen in den Elendsvierteln der Metropolen. Städteplaner haben nun eine Lösung gefunden - mitten in der Einöde.

Bente Stachowske

Arbeiter auf einer Baustelle in der Modellstadt Buranest in Äthiopien

Aus Buranest berichtet Rainer Müller
Sonntag, 04.02.2018   14:29 Uhr
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Berichte über Menschen auf dem Weg in die Zukunft beginnen oft mit einem Aufbruch in die Fremde. Die Geschichte des Bauern Birhan Abegaz ist anders. Um sein Glück zu finden soll er bleiben, wo er ist - in der baumlosen Einöde im Norden Äthiopiens.

Vereinzelte Dornbüsche und Akazien stehen rund um die windschiefen Hütten seines Dorfes Bura. Birhan baut hinter seiner Hütte auf einem Flecken gepachteten Landes Reis an, in der Regenzeit jedenfalls. Die Ernte liegt ein paar Monate zurück. Jetzt ist Trockenzeit. Die Erde ist staubig und der Fluss Shine, die Lebensader von Bura, nicht mehr als ein Rinnsal.

Birhan ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist 28 Jahre alt, das harte Landleben lässt ihn deutlich älter aussehen. Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen holt er für die Familie aus rund einem Kilometer Entfernung. Der nächste Brunnen liegt auf der anderen Seite der Schnellstraße, die in die zwei Autostunden entfernte Provinzhauptstadt Bahir Dar führt. Aus Bura und den Dörfern des Umlands haben in der Vergangenheit viele diese Straße genommen und dem Land den Rücken gekehrt, auf der Suche nach einem besseren Leben in der Stadt.

Was kann die Bauern auf dem Land halten?

Äthiopiens Bevölkerung hat sich seit den Siebzigerjahren von 30 Millionen auf mehr als 100 Millionen mehr als verdreifacht. Auf dem Land führt die Überbevölkerung zu Übernutzung und Überweidung der Felder und Abholzung der Wälder. Immer mehr Menschen ziehen in die großen Städte, die daher noch schneller wachsen als das Land insgesamt. Die Provinzhauptstadt Bahir Dar hatte vor 30 Jahren knapp 60.000 Einwohner, heute sind es 350.000. "Wohnhäuser, Straßen, Trinkwasserversorgung, die gesamte Infrastruktur kann nicht in diesem Tempo mitwachsen", sagt der äthiopische Stadtplaner und Architekt Zegeye Cherenet.

Darum landen die Neuankömmlinge auf der Straße oder in Slums. In Bahir Dar stehen in den frühen Morgenstunden Dutzende zerlumpte junge Männer an den Kreuzungen und hoffen auf einen Job als Tagelöhner. Nachts nehmen ihre Schwestern und Mütter den Platz ein und warten auf Freier.

Das soll sich ändern, und der Ausgangspunkt dieser Veränderung liegt in der kargen Einöde gleich neben dem Dorf Bura. Birhan zeigt eine Baustelle neben der Schnellstraße. Aus Eukalyptusholz und Lehmziegeln entsteht dort sein neues Haus. Es soll eines der ersten von vielen werden. Eine ganze Stadt soll hier entstehen - mit einer Schule und einem Ausbildungszentrum, in dem die Bauern aus der Umgebung neue Fähigkeiten erwerben und Geld mit neuen Tätigkeiten verdienen können. Buranest heißt die Neugründung, die schrittweise auf rund 15.000 Menschen wachsen soll. Damit die Landbevölkerung nicht in die Großstädte flutet, muss die Stadt zu den Bauern kommen, das ist der Plan.

Bente Stachowske

Stadtplaner Zegeye Cherenet im Labor der Universität von Addis Abeba

Nestown lautet der Name des Projekts, kurz für "New Sustainable Town". Auf deutsch heißt das "neue nachhaltige Stadt". Ins Leben gerufen haben es vor allem: Franz Oswald, früher Professor an der Hochschule ETH Zürich und der Hamburger Stadtsoziologe Dieter Läpple, der Doktorvater des äthiopischen Stadtplaners Cherenet.

Urbanisierung ohne Landflucht

Ein ganzes Netz von Siedlungen neuen Typs soll durch das Nestown-Projekt in Äthiopien entstehen, halb Dorf, halb Stadt. In Genossenschaften sollen die Bewohner ihre Stadt selbst bauen und verwalten, landwirtschaftliche und handwerkliche Waren herstellen und vermarkten. "Die Bewohner können Bauern bleiben, wie sie es kennen und sich zugleich urban skills aneignen, städtische Fähigkeiten", sagt Cherenet. Die Land-Städte wie Buranest sollen die Menschen auf dem Land halten, indem sie ihnen vor Ort Perspektiven bieten, die sie in den übervölkerten Städten vergeblich suchen.

Vor fünf Jahren begannen die Arbeiten. Gebaut wurden zunächst Musterhäuser, um skeptischen Bauern den Nutzen von stabilen Grundmauern, Zisternen und Toiletten zu demonstrieren. Üblich sind in der Gegend eher wacklige Hütten aus Zweigen, etwas Lehm und Kuhfladen. Dancing Houses werden die windschiefen Bauten genannt.

Birhan öffnet stolz die Luke zu seiner Zisterne. Die Grube dafür hat er gemeinsam mit seinen neuen Nachbarn ausgehoben. Auch sein Haus ist fast fertig, eine Art Reihenhaus, das sich ein großes Wellblechdach mit den Nachbargebäuden teilt. In der Regenzeit läuft dort der Regen ab und wird in den Zisternen gesammelt. Rain Water Units (RWU) werden die Konstruktionen genannt. "Mit dem Wasser kann ich im Jahr nicht nur eine Ernte einfahren, sondern mehrere," sagt er. Hinter dem Haus wird ein Garten angelegt, die fünf Kühe "bekommen sogar ihren eigenen Stall". Bisher lebte das Vieh in der alten Hütte mit der Familie unter einem Dach.

Ungewöhnlich für die Gegend ist der Baustil: Die Häuser sind zweistöckig, auf jeder Etage wird eine Familie einziehen, um möglichst wenig Fläche zu bebauen. Fruchtbares Land ist kostbar. 75.000 Äthiopische Birr kostet so eine Reihenhaushälfte, umgerechnet 2200 Euro, die zum Teil über Kredite, zum Teil aber auch über Spenden finanziert werden.

Der Fluss führt wieder das ganze Jahr Wasser

Am Dorfplatz ist das Ausbildungszentrum entstanden, ein Bau mit Wänden in freundlichem Rot und Grün. Die Bauern sollen hier lernen, wie sie Lebensmittel weiterverarbeiten können, Hauswirtschaft und Grundkenntnisse der Buchhaltung. Ihre Kinder sollen Computerkurse besuchen. Bauer Birhan hingegen hat wie seine Nachbarn nie eine Schule besucht, er kann weder lesen noch schreiben.

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Auch eine Mangobaumplantage und ein Garten sind Teil des Projektes "Nestown". Hier lernen die Menschen, die Bäume zu pflegen, Gemüse anzubauen und verschiedene Produkte aus dem Obst und Gemüse zu produzieren.

In den nächsten Bauabschnitten sollen eine Schule, ein Gesundheitszentrum und eine Kirche entstehen - alles weitgehend von den neuen Bewohnern selbst gebaut. Die Schweizer Hilfsorganisation "Green Ethiopia" hat einen großen Gemüsegarten angelegt und die Straße und das Ufer des Shine mit Bäumen bepflanzt. Der Fluss führt nun wieder ganzjährig Wasser, zum ersten Mal seit Jahrzehnten.

Das rasante Wachstum der Bevölkerung hatte auch rund um Birhans Dorf Bura Narben hinterlassen: Das 20 Kilometer entfernte Quellgebiet des Shine war kahlgeschlagen worden, den fruchtbaren Boden trugen Wind und Wetter ab. Seit 2012 hat "Green Ethiopia" in den Hügeln von Lobokemkem fast drei Millionen Bäume gepflanzt. Die Organisation zahlt den Bauern der Umgebung auch Geld, damit sie ihr Vieh dort nicht mehr weiden lassen.

Nach fünf Jahren sind die Erfolge erkennbar: Bis zu fünf Meter recken sich die Bäume in den Himmel. Am Boden hat sich eine dünne Humusschicht gebildet, auf der wieder Gras wächst. Baum- und Graswurzeln halten den Boden. An einigen Stellen tritt selbst in der Trockenzeit wieder Quellwasser aus. Das hat es seit zwei Generationen nicht gegeben. Flussabwärts in Buranest kommt heute trotz Dürre genug Wasser an, um die neuen Gärten zu bewässern. Sie sind einer der wichtigsten Bausteine für die weitere Entwicklung der Stadt. . "Was muss ich tun, um eine Stadt zu bauen? Ich pflanze erst mal einen Wald!", fasst Franz Oswald das scheinbar paradoxe Prinzip zusammen.

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Auch die Baumschule gehört zum Projekt. Menschen aus der Region arbeiten hier und ziehen Bäume auf, die in Buranest gepflanzt werden sollen.

Das größte Hindernis: die Skepsis der Nachbarn

Birhan Abegaz plant schon seine ersten Schritte weg von der Landwirtschaft, hin zum Leben als Städter. Wenn er eines Tages zusätzliches Land bekommen könnte, wolle er mehr Gemüse anbauen "und dann ein Restaurant eröffnen", wie er sagt. Seine Familie könnte dort mitarbeiten. Für seine Kinder hofft er, "dass sie lernen können und bessere Berufsmöglichkeiten haben. Sie sollen keine Bauern bleiben wie ich."

Doch seine Geduld wird immer wieder auf die Probe gestellt: Als künftiger Stadtbewohner ist er abhängig von der Entwicklung um ihn herum. Er ist angewiesen auf seine Nachbarn. Eigentlich sollte sein Haus so wie der gesamte erste Bauabschnitt schon im vergangenen Jahr fertig sein. Der Termin wurde mehrfach verschoben.

Bald soll es nun wirklich so weit sein, aber Prognosen sind schwierig in Äthiopien. Die Genossenschaft der Tischler und Maurer, die eigens für den Aufbau der Wohnhäuser gegründet und ausgebildet wurde, musste schon wieder aufgelöst werden. Kaum hatten sie das begehrte Abschlusszeugnis in der Hand, machten sich viele der angelernten Handwerker aus dem Staub und suchten ihr Glück in Bahir Dar oder anderswo. Die Baustelle ruhte deshalb ein Jahr. Das Ausbildungszentrum mit der rot-grünen Außenwand ist zwar fertig, steht aber leer, weil sich die lokalen Behörden nicht einigen konnten, wer die Lehrer bezahlt.

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Der Marktplatz und das Ausbildungszentrum des Projekts "Nestown"

Das Wachstum hat dennoch eingesetzt in Buranest - wenn auch nicht am Ufer des Shine, wo es die Planer eigentlich vorgesehen hatten. Der faktische neue Ortskern hat sich links und rechts der Schnellstraße entwickelt. Ein Kiosk hat dort geöffnet und eine Kneipe. Rund 300 Menschen haben dort ihre traditionellen Dancing Houses aus Lehm und Zweigen errichtet. Buranest, die Stadt im Aufbau, hat sie aus den Dörfern der Umgebung angelockt, doch die meisten zögern noch, sich an das Projekt zu binden. Sie scheuen die 40 Euro für den Beitritt in die Genossenschaft und das neue Stadtleben mit elektrischem Strom und den in kleinen Schuppen vor den Häusern untergebrachten Toiletten erscheint ihnen noch fremdartig und ungewohnt.

Die Regierung will Tausende neue Kleinstädte bauen

Die wilde Siedlung durchkreuzt zwar viele Vorhaben der Planer von Buranest, diese bleiben dennoch gelassen. Die Tatsache, dass so viel informell gebaut wurde, sei ja ein Zeichen dafür, dass die Menschen an die Zukunft des Ortes glauben, sagt Dieter Läpple. Er hofft nun auf das, was die Gründer "Propaganda der guten Tat" nennen: Sind erst einmal Familien in ihre neuen Häuser mit Wasser und Garten eingezogen, könnten auch die Nachbarn rasch die Vorteile erkennen. Entscheidend sei aber, "dass die Bevölkerung das Projekt zu ihrem macht", sagt Läpple.

Die Regierung in Addis Abeba hat er bereits überzeugt. In der Fünf-Millionen-Metropole leben laut Uno-Schätzung bis zu 80 Prozent der Einwohner in Slums. Trotzdem galten Landflucht und Verstädterung offiziell jahrelang als Tabu. Heute ist das anders. Bis 2020 will das äthiopische Bauministerium jetzt 8000 ländliche Siedlungen in "städtische Zentren" umbauen. Ein konkretes Vorbild für ihr Vorhaben nennt die Regierung auch schon. Es ist Buranest.

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