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Wirtschaft

Zuzug von Flüchtlingen

Armutsrisiko unter Einwanderern steigt

Das Risiko, von Armut betroffen zu sein, hat im vergangenen Jahr nach SPIEGEL-Informationen einen Höchststand erreicht - trotz glänzender Lage auf dem Arbeitsmarkt. Gestiegen ist die Gefahr ausschließlich für Migranten.

DPA

Lebensmittelausgabe in Berliner Tafel

Von
Freitag, 10.08.2018   06:38 Uhr

Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Die Wirtschaft in Deutschland ist im vergangenen Jahr erneut stabil gewachsen, viele neue Arbeitsplätze sind entstanden und auch die Löhne legten deutlich zu - und dennoch ist der Anteil der Menschen gestiegen, die von Einkommensarmut bedroht sind. Die Armutsrisikoquote lag im Jahr 2017 bei 15,8 Prozent und damit 0,1 Prozentpunkte höher als im Jahr zuvor.

Das geht aus neuesten Daten aus dem Mikrozensus 2017 hervor, die Eric Seils und Jutta Höhne vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet haben. Die Auswertung liegt dem SPIEGEL vor.

Offiziell hat das Statistische Bundesamt die Armutsquote für 2017 noch gar nicht mitgeteilt - sie findet sich aber bereits in einer Veröffentlichung der amtlichen Statistiker zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Dem WSI zufolge handelt es sich bei der Quote von 15,8 Prozent "um einen neuen Höchststand seit Beginn der Zeitreihe im Jahre 1996".

Verschärfen sich also die Armutsprobleme in Deutschland, trotz der glänzenden Lage auf dem Arbeitsmarkt? Auch wenn der Rekordwert dies nahelegt, ist der Befund bei näherem Hinsehen längst nicht so eindeutig: Das Armutsrisiko ist nämlich ausschließlich in der Gruppe der Einwanderer gestiegen - und das ist keine Überraschung. Denn diese Gruppe ist deutlich gewachsen durch den starken Zuzug Geflüchteter in den Jahren 2015 und 2016, die wiederum aufgrund (noch) mangelnder Deutschkenntnisse und beruflicher Qualifikation überwiegend auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Im Gegensatz dazu ist die Armutsgefährdung der Einheimischen im vergangenen Jahr erneut leicht zurückgegangen - von Menschen also, die in Deutschland geboren sind, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Bei ihnen sank der Anteil von Menschen unterhalb der Armutsrisikoschwelle um 0,1 Prozentpunkte (mit Migrationshintergrund) beziehungsweise 0,4 Prozentpunkte (ohne Migrationshintergrund).

Die Armutsrisikoschwelle liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens. Wer darunter liegt, gilt als armutsgefährdet. Im Jahr 2016 lag die Einkommensschwelle für einen Single-Haushalt netto bei 969 Euro, für eine vierköpfige Familie mit zwei kleinen Kindern netto bei 2035 Euro.

Bereits im Vorjahr war das Armutsrisiko bei den Einheimischen gesunken. Und selbst beim Anstieg unter den Eingewanderten dürfte es sich eher um einen statistischen Effekt handeln als um eine echte Verschärfung der Lage. Denn die Zahl neu ankommender Schutzsuchender war 2017 mit rund 185.000 vergleichsweise niedrig - während 2015 und 2016 insgesamt mehr als 1,15 Millionen Geflüchtete ins Land kamen. Wahrscheinlich ist, dass der für 2017 ausgewiesene Anstieg der Armutsquote in Wirklichkeit den starken Zuzug der Vorjahre abbildet.

Die Gründe: Zum einen geben amtliche Statistiken reale Prozesse stets mit einer Verzögerung wieder. Zum anderen werden im Mikrozensus nur Personen erfasst, die in einer Privatwohnung leben. Solange Hunderttausende Flüchtlinge also in Gemeinschaftsunterkünften lebten, existierten sie für den Mikrozensus schlicht nicht. All jene, die erst im Jahr 2017 in eine eigene Wohnung zogen, beeinflussen auch erst seitdem die Armutsstatistik - und zwar negativ, obwohl sich ihre Lebenssituation de facto meist verbessert hat.

Von Armut bedroht: Arbeitslose, Alleinerziehende, Menschen ohne Schulabschluss

In den kommenden Jahren dürfte daher die Armutsrisikoquote auch unter den Eingewanderten sinken: Einerseits kommen nur noch wenige neu hinzu - andererseits finden inzwischen viele der Geflüchteten einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Allein von Januar 2017 bis Mai 2018 gelang das mehr als hunderttausend von ihnen, und aller Erfahrung nach wird sich diese Entwicklung noch beschleunigen. Die WSI-Forscher kommen zu dem Schluss, es bleibe "weiterhin die zentrale Herausforderung, die neu zugewanderten Migrant/innen sprachlich und beruflich zu qualifizieren und schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren".

Im Video: Alleinerziehend und arm - Schicksal Armutsfalle

Foto: NDR

Doch auch wenn sich die Lage in Deutschland nicht weiter verschärft hat, bleiben einige Bevölkerungsgruppen besonders stark von Armut bedroht. Auch im Jahr 2017 war das Risiko - außer für Empfänger von Arbeitslosengeld und Erwerbslose - für Alleinerziehende und Menschen ohne Schulabschluss sehr hoch.

Und weiterhin leben besonders viele Kinder unterhalb der Armutsrisikoschwelle. Ihr Anteil lag 2017 mit 20,4 Prozent deutlich über dem Wert für die Gesamtbevölkerung und 0,2 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Zudem stieg die Armutsgefährdung nicht nur für selbst eingewanderte Kinder, sondern auch für jene, die zwar in Deutschland geboren sind, aber einen Migrationshintergrund haben.

Die WSI-Forscher prognostizieren zwar, dass die Kinderarmut in den kommenden Jahren statistisch sinken wird - für die einzelnen Betroffenen ist das jedoch nicht unbedingt Grund zur Hoffnung. Denn der Rückgang ist WSI zufolge nur deshalb zu erwarten, "da die große Zahl der 2015 eingewanderten Minderjährigen nach und nach die Altersgrenze von 18 überschreiten wird". Aus armutsgefährdeten Kindern werden dann also armutsgefährdete Volljährige.

Im Video: Kinderarmut in Deutschland

Foto: SPIEGEL TV

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