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Wirtschaft

Zu Besuch bei Bill Gates

Rastlos in Seattle

Bill Gates ist der spendabelste Mann der Welt. Doch seine globale Wohltätigkeitsstiftung stößt oft auf Kritik. Was treibt den Mann an? Ein Besuch.

DPA

Bill und Melinda Gates

Aus Seattle berichtet
Dienstag, 18.09.2018   14:12 Uhr

In diesem Büro lassen sich die Probleme der Welt schnell vergessen. Der enorme Schreibtisch ist leergeräumt, durchs Fenster sieht man die Idylle des US-Nordwestens: die Ausläufer Seattles, der funkelnde Lake Washington, im Dunst die Berge.

Doch Bill Gates sitzt mit dem Rücken zur Aussicht. "Bin ich gewohnt", murmelt er. Und zum Sinnieren hat er sowieso keine Zeit.

Der zweitreichste Mann der Welt redet ungern über sich oder seine Gefühle. Auch sein Privatbüro bei Seattle offenbart nur wenig Persönliches: vereinzelte Familienfotos, ein paar Souvenirs von Reisen, kaum Kunst. Stattdessen sind die hellen Edelholzregale mit Sachbüchern gefüllt - über Armut, Hunger, Seuchen. Die Probleme der Welt eben. Die Probleme, die er lösen will.

Was wäre da am dringlichsten? "Schwer, das einzustufen", sagt Gates im Gespräch - und rasselt dann eine Litanei globaler Horrorszenarien herunter: Atomkrieg, Bioterror, Klimakatastrophe, Grippeepidemie, "dass jemand Pocken im Labor erschafft".

So oder so, Armageddon.

Doch am Herzen liege ihm vor allem eines, fügt Gates hinzu: "Dafür zu sorgen, dass keine Kinder mehr sterben."

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Bill Gates: Vom Software-Nerd zum Wohltäter

Seit 18 Jahren verschenkt der dreifache Vater sein Vermögen. Die Bill and Melinda Gates Foundation (BMGF), die er mit seiner Ehefrau leitet, ist die weltgrößte Privatstiftung, sie steckte bisher fast 50 Milliarden Dollar in Gesundheits- und Entwicklungsprojekte in mehr als 130 Ländern. Der Großteil stammt aus Gates eigener Tasche oder vom legendären Investor Warren Buffett, der sich 2010 anschloss.

Gates ist der spendabelste Spender der Welt. Und ein Gegenpol zum Geiz eines Donald Trump, dessen Popularitätswerte Gates in jüngsten Umfragen locker schlägt. Ein guter Amerikaner.

Trotzdem bleiben Leute wie Gates vielen suspekt: ihr Reichtum ein Resultat der Ungleichheit, ihre Wohltätigkeit ein Feigenblatt, weil sie Symptome bekämpft statt Ursachen und erst recht nicht das kaputte System. Das sind die gängigen Vorurteile.

Auch die Gates-Stiftung - die diesen Dienstag ihren alljährlichen Goalkeepers Report vorlegt, einen Rechenschaftsbericht zur Uno-Entwicklungsagenda - stößt auf Misstrauen. Jedes Mal, wenn sie eine Bilanz veröffentlicht, gibt es scharfe Kritik - an Prioritäten, die westlich geprägt seien, an ihren Methoden, ihren Investments, ihrer Entscheidungsfindung, ihrer Intransparenz, ihrer schieren Größe und Macht.

Die Stiftung propagiere "neoliberale Wirtschaftspolitik und konzernfreundliche Globalisierung", schrieb die Gruppe Global Justice Now: Selbsternannte Wohltäter wie Gates trieben die Welt nur weiter in die falsche Richtung, statt ihr zu helfen.

"Niemand behauptet, dass Philanthropie die Lösung ist, um die Ungleichheit zu beenden", hält Gates dagegen. Das sei eine politische Aufgabe, die man etwa durch Steuerreformen angehen sollte - jedoch nicht Reformen wie die Trumps, die fast nur Reichen nutze. Einstweilen wolle er tun, was er als Privatier tun könne.

"Dies sind frustrierende Zeiten", räumt Gates ein. Nationalismus und Isolationismus schmälern die Bereitschaft, denen zu helfen, die sich nicht alleine helfen können - nicht nur in Trumps Amerika. Viele Regierungen werden knausriger, und selbst Großspender wie Gates können das Vakuum nicht füllen. "Wir spüren definitiv Gegenwind." Aber das sei auch gut so: "Wir sind viel schlauer als früher."

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Bill Gates

Es ist eine steile Lernkurve für den 62-jährigen Microsoft-Mitbegründer, der sein Heil bis heute in Algorithmen, Zahlen und Daten sucht. Doch Spenden ist selbst für ihn eine anspruchsvolle Aufgabe, bei der einem leicht Fehler unterlaufen. "Alle Teenager machen Fehler", sagt auch Dana Hovig, ein BMGF-Teamleiter, in Anspielung auf das Alter der Stiftung. "Und wie jeder Teenager lernt man schnell."

Auf den ersten Blick leuchtet zumindest die Kritik an der Struktur der Stiftung ein. Die meisten der 1541 BMGF-Mitarbeiter sitzen in einem schicken Campus in Seattle, im Schatten der Space Needle, des ikonischen Wahrzeichens der Stadt. Der von Gates größtenteils privat finanzierte 500-Millionen-Dollar-Komplex hat ein LEED-Zertifikat für eine besonders nachhaltige Bauweise, die Büros sind hell und offen, in der Cafeteria gibt's Biokost, auf dem begrünten Dach rasten Zugvögel.

Wozu, fragte das "Wall Street Journal", brauche man eine so luxuriöse Zentrale, wenn man mit dem Geld Menschenleben retten könne? Wer hier etwas Zeit verbringt, sieht, dass Philanthropie viel mehr ist, als nur Schecks zu verschicken - und dass das Management der Milliarden immer komplexer, aufwändiger und teurer wird.

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Zentrale der Gates Foundation

Die Stiftung - mit Büros in Washington, Indien, China, Südafrika, Äthiopien, Nigeria, Großbritannien und bald auch Berlin - nutzt neueste Datentechnologie, um Krankheiten wie Malaria, HIV und Tuberkulose zu vermessen und eindämmen zu helfen. Sie fördert die Entwicklung von Arzneien. Sie investiert in Schulen. Sie finanziert klimaresistente Landwirtschaft. Sie unterstützt Erfinder, deren Ideen Jahre brauchen können - etwa wasserlose Toiletten für bessere Sanitärversorgung in Afrika und Asien.

Im Prinzip funktioniert die Foundation wie ein gigantischer Computer, der unablässig neue Informationen verarbeitet und ausspuckt. Schicksale werden in Spreadsheets verwandelt, um so ähnliche Schicksale zu vermeiden.

Viele Mitarbeiter sind enthusiastische Fachexperten, tief verwurzelt in den Regionen. Der Ökonom Hovig koordinierte zuvor Gesundheitsprogramme für 40 Länder und lebte zehn Jahre lang in Westafrika und Pakistan.

Hovigs 50-köpfiges BMGF-Team sorgt dafür, dass die Hilfe richtig ankommt - und ist eine Reaktion auf die Kritik, die Stiftung sei lange zu technokratisch gewesen, zu "top-down", zu "kolonial". So reicht es nicht, Medikamente in die Dritte Welt zu schicken, wenn dort die entsprechende Infrastruktur fehlt - eine Sackgasse, in der viel steckenbleiben kann.

Also kooperiert die Foundation nicht nur mit der Weltbank und internationalen Research-Partnern. Sondern vor allem auch mit lokalen Regierungen, Behörden und Gruppen. Denn was in Äthiopien klappt, das klappt nicht unbedingt in Nigeria.

Gates: "Ist Armut unvermeidlich?"

Hindernisse bleiben. Kinderlähmung - eins von Bill Gates' wichtigsten Themen - flackert gelegentlich wieder auf. Immer noch sterben jährlich eine halbe Million Menschen an Malaria. HIV-Infektionsraten steigen stellenweise, ein Impfstoff bleibt fern. Verkrustete Ansichten zu Safe Sex und Familienplanung lösen sich in bestimmten Ländern nur langsam - und das Thema Abtreibung vermeidet die Stiftung bis heute völlig.

Mit Geld lassen sich nicht alle Probleme lösen. Fast 821 Millionen Menschen weltweit litten voriges Jahr an Hunger, so viele wie seit 2009 nicht mehr. Die Gründe, so ein Uno-Bericht: Kriege, Konflikte und der rasante Klimawandel, der Ernten wie Farmer ruiniert. Die Lebensmittelunsicherheit wuchs vor allem in den Ländern an, die von der Landwirtschaft leben - darunter die ohnehin ärmsten der Welt.

"Ist Armut unvermeidlich?", schreibt Gates im aktuellen Goalkeepers Report, ein spürbarer Unterschied zu früheren Berichten. Man müsse "realistische" Erwartungen haben, fügt er in seinem Büro hinzu. Trotzdem bleibe er optimistisch: In Wissenschaft und Technik "verbessern sich die Dinge schneller denn je."

Bis zum letzten Penny - 20 Jahre nach Gates' Tod

Was bewegt Leute wie Gates? Selbstlosigkeit? Schuldgefühle? Ein Gotteskomplex? So tiefe Einblicke gewährt er nicht. Auf die Frage, was er bei all dem persönlich gelernt habe, antwortet Gates nur mit einem Schwall weiterer Daten, die in seinem Hirn gespeichert sind.

Fast 100 Milliarden Dollar hat er noch. Amazon-Chef Jeff Bezos verdrängte ihn neulich vom Spitzenplatz der Krösus-Rangliste des Magazins "Forbes", den Gates 20 Jahre besetzt hatte. Kein Problem, sagt der: Er will ja irgendwann gar nicht mehr auf der Liste stehen.

Spätestens zwei Jahrzehnte nach seinem und Melindas Tod: Dann, so hat er vorbestimmt, soll der letzte Penny ausgegeben sein. Bis dahin bleibt ihm aber noch viel Zeit, mit dem Rücken zur vermeintlichen Idylle des US-Nordwestens zu sitzen.

Im Video: Bill Gates - Ein Mann programmiert die Welt

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 58 Beiträge
babbi7 18.09.2018
1. Reiche den kleinen Finger...
Für mich unverständlich. Da spendet jemand einen Großteil seines Vermögens, wird dann aber kritisiert, dass er nicht dort spendet, wo es anderen Geizhälsen und Ausbeutern lieber wäre? Ich würde mich sehr freuen, wenn SPON [...]
Für mich unverständlich. Da spendet jemand einen Großteil seines Vermögens, wird dann aber kritisiert, dass er nicht dort spendet, wo es anderen Geizhälsen und Ausbeutern lieber wäre? Ich würde mich sehr freuen, wenn SPON immer Dinge so kritisch hinterfragen würde. In diesem Fall empfinde ich es allerdings als eine Suche nach dem Haar in der Suppe. Da gibt es wahrlich viel mehr, was kritisch hinterfragt werde könnte.
wetzer123 18.09.2018
2. Es bleibt Zweischneidig
Klar ist es toll, was Gates versucht auf die Beine zu stellen, und er habt sich damit definitiv von den meisten Superreichen positiv ab. Genauso klar ist aber, dass es eigentlich nicht akzeptabel, dass jemand einen solchen [...]
Klar ist es toll, was Gates versucht auf die Beine zu stellen, und er habt sich damit definitiv von den meisten Superreichen positiv ab. Genauso klar ist aber, dass es eigentlich nicht akzeptabel, dass jemand einen solchen Reichtum durch die Nutzung einer de fakto Monopolstellung aufbaut.
barbierossa 18.09.2018
3. Cooler Typ!
Mehr davon!
Mehr davon!
cisko 18.09.2018
4. Ausgerechnet
Diese Verehrung für Superreiche ist mir völlig unverständlich... eine Stiftung deren Plan es war, mit kleinen Kenrkraftwerken das Energiethema anzugehen, anstatt intensiv an Solarzellen etc. zu forschen, aber nein, es muss [...]
Diese Verehrung für Superreiche ist mir völlig unverständlich... eine Stiftung deren Plan es war, mit kleinen Kenrkraftwerken das Energiethema anzugehen, anstatt intensiv an Solarzellen etc. zu forschen, aber nein, es muss immer gewaltig sein.
skeptikerin007 18.09.2018
5. Neid
Statt Anerkennung Neid. Wenn ein Elton John eine Million für seinen Geburtstag ausgibt, damit er den Sonnenkönig spielt, jubeln die Leute. Wenn ein Milliardär sein Geld ifür sinnvolle Hilfsaktionen ausgibt, kommen die Neider [...]
Statt Anerkennung Neid. Wenn ein Elton John eine Million für seinen Geburtstag ausgibt, damit er den Sonnenkönig spielt, jubeln die Leute. Wenn ein Milliardär sein Geld ifür sinnvolle Hilfsaktionen ausgibt, kommen die Neider und erklären aber.... Ich denke, es ist nur der bösartige Neid.
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