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Wirtschaft

Handel nach EU-Austritt

Deutsche Wirtschaft legt Wunschzettel für den Brexit vor

Wenn schon Brexit, dann ein möglichst sanfter: Die deutsche Industrie legt ihre Wünsche zu Großbritanniens EU-Austritt vor. Gern sähen es die Wirtschaftsvertreter, wenn Briten künftig wie Norweger behandelt würden.

Getty Images

Towerbridge in London

Von
Dienstag, 13.03.2018   13:50 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Man wird ja noch träumen dürfen. Ginge es nach der deutschen Wirtschaft, so bliebe in den Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union einfach alles beim Alten. "Den Status quo erhalten" steht ganz oben auf einer Art Wunschliste zum Brexit, die Experten des Bundesverbands der Industrie (BDI) am Dienstag vorlegen werden. Großbritanniens Entscheidung für den EU-Austritt werde "zutiefst bedauert", heißt es in dem Positionspapier.

Weil die Briten nun mal so abstimmten, wie sie es taten, müssen sich deutsche Unternehmen mit den Konsequenzen des Brexits beschäftigten. Dazu könnten laut einer neuen Studie Zusatzkosten von neun Milliarden Euro gehören, falls es tatsächlich zu einem sogenannten harten Brexit kommt.

Bei solch einem Austritt ohne Anschlussregelung würden im Verhältnis zu Großbritannien die gleichen Zölle gelten wie zu anderen Drittstaaten. Die Rückkehr von Zollkontrollen dürfte enorme Kosten und Verspätungen verursachen - die meisten Unternehmen erwarten laut BDI einen Zeitverlust zwischen 24 und 72 Stunden pro Lieferung. Ein Problem wäre das insbesondere für die Autoindustrie, die für die sogenannte Just-In-Time-Produktion auf kurze Lieferzeiten angewiesen ist. Auch viele Streitfragen wären weniger eindeutig geklärt als bislang, etwa das Urheberrecht.

Kein Wunder, dass dieser Ausgang den deutschen Industrievertretern am wenigsten lieb wäre. Doch was sind realistische Alternativen? Wenn schon nicht alles bleiben kann, wie es ist, so hätte der BDI am liebsten eine Kombination aus Binnenmarkt und Zollunion.

Damit hätten die Briten ein ähnliches Verhältnis zur EU wie heute schon die Norweger: Sie wären nicht mehr Teil der EU, würden aber weiter deren vier Grundfreiheiten teilen, darunter den ungehinderten Verkehr von Waren und Personen. Auch britische Zölle und Gesetze würden weiterhin den EU-Standards angeglichen.

Ein solches Modell erlaube "einen vergleichsweisen sanften Brexit", wirbt der BDI. Einen großen Unterschied gäbe es für Großbritannien dennoch. Das Land wäre nicht länger Teil von 34 Freihandelsabkommen und drei Zollunionen, welche die EU für ihre Mitgliedstaaten ausgehandelt hat.

Die insgesamt 67 an den Abkommen beteiligten Länder könnten ihre Waren über die EU zwar auch weiterhin zollfrei nach Großbritannien exportieren. Den Briten dagegen bliebe der Zugang umgekehrt voraussichtlich aber versperrt. Mehr noch: Weil ihre Waren nicht länger bevorzugten Marktzugang hätten, könnten EU-Unternehmen sie aus ihren Lieferketten schmeißen. Die politischen Hürden für das Projekt seien "erheblich", glaubt man beim BDI.

Lange Schlangen in Dover?

Ähnlich wie heute die Türkei würde Großbritannien dagegen behandelt, falls es zu einer reinen Zollunion kommt. Das hieße: Briten und EU-Länder erheben keine Zölle im Handel untereinander und die gleichen Zollsätze gegenüber anderen Ländern. Das hätte unter anderem den Vorteil, dass nicht über sogenannte Ursprungsnachweise aufwendig geklärt werden muss, wie einzelne Waren behandelt werden.

Für eine Zollunion hatte sich kürzlich schon der britische Industrieverband CBI ausgesprochen. Die deutschen Lobbykollegen sehen allerdings auch darin eine "erhebliche Verschlechterung gegenüber dem Status quo". So gäbe es auch innerhalb einer solchen Union noch Zollkontrollen - wenn auch vereinfachte. Sie dürften zu mehr Bürokratie und Verzögerungen führen, etwa im Hafen von Dover, den jährlich mehr als 2,5 Millionen Güterfahrzeuge passieren. Auch drohen ohne Binnenmarkt nach Ansicht des BDI abweichende Produktstandards.

Damit bleibt auf der Wunschliste noch eine Möglichkeit: Ein umfassendes Freihandelsabkommen - mehr will die EU-Kommission bislang auch nicht anbieten. Als Vorbild könne das kürzlich mit Kanada geschlossene Ceta-Abkommen dienen, das als vergleichsweise fortschrittlich gilt.

Auch auf diesem Weg könnten nahezu alle Zölle abgeschafft werden, aufwendige Kontrollen gäbe es aber dennoch. Im Gegensatz zu einer Zollunion würden zudem Ursprungsnachweise für Waren verpflichtend - auch wenn Großbritannien oder die EU für die Waren nur eine Zwischenstation sind.

"Diese Waren müssten zweimal deklariert und kontrolliert werden und könnten zweimal zollpflichtig sein", warnt der BDI. Der bürokratische Aufwand führe schon heute dazu, dass Unternehmen die Vergünstigungen von Freihandelsabkommen der EU oft nicht in Anspruch nähmen.

Bislang verlaufen die Verhandlungen zwischen London und Brüssel sehr zäh. Vor diesem Hintergrund appelliert der BDI an die Politik, sich wenigstens bald auf eine klar definierte Übergangsphase bis zur endgültigen Trennung zu einigen. "Wir fordern eine entsprechende Grundsatzentscheidung seitens der EU und der britischen Regierung auf dem Treffen des Europäischen Rates", sagt BDI- Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Andernfalls seien "einige Unternehmen gezwungen, ihre Notfallpläne scharfzustellen".

Zumindest diesen Wunsch scheint die Politik gehört zu haben. Man verstehe, wie wichtig eine solche Abmachung sei, sagte Brexit-Staatssekretär Robin Walker am Montag in London. "Ich möchte betonen, dass wir einer Einigung derzeit sehr nahe sind."

Zusammengefasst: Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat ein Positionspapier zum Brexit vorgelegt. Demnach sehen Unternehmen eine Kombination aus Binnenmarkt und Zollunion als beste Lösung nach dem britischen EU-Austritt an. Auch eine reine Zollunion oder ein umfassendes Freihandelsabkommen wären dem Bericht zufolge aber einem "harten Brexit" ohne eine Anschlussvereinbarung vorzuziehen, durch den hohe Folgekosten zu befürchten seien.

insgesamt 55 Beiträge
stefan.p1 13.03.2018
1. "Man wird ja noch träumen dürfen. Ginge es-
- nach der deutschen Wirtschaft...." Natürlich geht es nach der deutschen Wirtschaft. Zumindest solange Merkel Kanzlerin ist. Die deutschen Wirtschaft hat mit Merkel ihre größte Lobbyistin. Sie hat in en letzten 12 [...]
- nach der deutschen Wirtschaft...." Natürlich geht es nach der deutschen Wirtschaft. Zumindest solange Merkel Kanzlerin ist. Die deutschen Wirtschaft hat mit Merkel ihre größte Lobbyistin. Sie hat in en letzten 12 Jahren Politik für die Dax Konzerne gemacht und wird das beim Brexit auch tun. Ihr bleibt auch keine andere Wahl den die starke deutsche Wirtschaft ist das einzige was Merkel an der Macht hält.
gerhard-s-123 13.03.2018
2. wer zu spät kommt
Der Wunsch des BDI ist verständlich. Dem steht allerdings die definitive Absage an Binnenmarkt und Zollunion entgegen. Der britischen Alternative dazu hat Tusk vor Tagen eine harsche Absage erteilt. Bestenfalls ein [...]
Der Wunsch des BDI ist verständlich. Dem steht allerdings die definitive Absage an Binnenmarkt und Zollunion entgegen. Der britischen Alternative dazu hat Tusk vor Tagen eine harsche Absage erteilt. Bestenfalls ein Handelsabkommen. Da das dem BDI bekannt sein dürfte ist die Veröffentlichung dieser Wunschliste eigentlich brotlose Kunst. Da hätte man vor Monaten in Brüssel intervenieren müssen.
frankfurtbeat 13.03.2018
3. ja doch genau ...
ja doch genau - soft landing - der good old economy zuliebe ... die Tommi´s wird´s freuen ... die ganzen Drohszenarien - alles Makulatur - die EU tritt selbst gegenüber GB als schwacher Verein auf ...
ja doch genau - soft landing - der good old economy zuliebe ... die Tommi´s wird´s freuen ... die ganzen Drohszenarien - alles Makulatur - die EU tritt selbst gegenüber GB als schwacher Verein auf ...
hansaeuropa 13.03.2018
4. war doch klar
50 Mrd Außenhandelsüberschuss gegenüber Großbritannien! Die Deutschen haben wesentlich mehr zu verlieren als die Britten. Mal sehen wie schnell die EU von Ihrem hohen Ross bei den Brexitverhandlungen herabsteigt.
50 Mrd Außenhandelsüberschuss gegenüber Großbritannien! Die Deutschen haben wesentlich mehr zu verlieren als die Britten. Mal sehen wie schnell die EU von Ihrem hohen Ross bei den Brexitverhandlungen herabsteigt.
jpphdec 13.03.2018
5. Die gesuchten Begriffe lauten EFTA und EWR
Großbritannien war bis zu seinem EU-Beitritt EFTA Mitglied und EFTA Mitglieder können dem EWR beitreten, was bis auf die Schweiz auch alle getan haben. Damit hätten die Briten sowohl ihren status quo ante zurück als auch [...]
Großbritannien war bis zu seinem EU-Beitritt EFTA Mitglied und EFTA Mitglieder können dem EWR beitreten, was bis auf die Schweiz auch alle getan haben. Damit hätten die Briten sowohl ihren status quo ante zurück als auch Zugang zum Binnenmarkt ("wie Norwegen")

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