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Wirtschaft

Schlammlawine in Brasilien

TÜV Süd erklärte Damm für sicher - trotz Bedenken eines Prüfers

Weil ein Damm brach, starben in Brasilien Dutzende durch eine Schlammlawine. Der TÜV Süd hatte den Bau abgenommen - doch nun wird klar: Ein Mitarbeiter hatte große Bedenken. Warum wurde das Projekt trotzdem genehmigt?

AFP

Feuerwehr auf der Suche nach Opfern in Brumadinho - 20 Tage nach dem Dammunglück

Von
Montag, 18.02.2019   10:59 Uhr

Die Dammkatastrophe im brasilianischen Brumadinho hat ein juristisches Nachspiel, das auch die Rolle des deutschen TÜV Süd betrifft. Ein Prüfer des Unternehmens hielt den Katastrophendamm nach neuen Erkenntnissen schon Monate vor dem Unglück für unsicher. Trotzdem attestierte der TÜV der Anlage des brasilianischen Konzerns Vale später unter Auflagen, dass sie sicher sei. Dies geht aus einem brasilianischen Gerichtsdokument hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. Laut diesem Haftbefehl fürchteten die zuständigen TÜV-Leute, dass ihnen Vale den Auftrag entziehen könne, sollten sie der Anlage nicht das verlangte Sicherheitszertifikat ausstellen.

Bei dem Bruch des Abraumdamms der Vale-Eisenerzmine Córrego do Feijão nahe Brumadinho am 25. Januar waren Arbeiter und Anwohner unter Millionen Tonnen Schlamm begraben worden. Bislang wurden 166 Leichen geborgen; die 147 noch vermissten Menschen sind wahrscheinlich ebenfalls tot. Der TÜV war von Vale beauftragt worden, den Damm zu überprüfen - und hatte laut Vale dem System im September 2018 die physische und hydraulische Sicherheit attestiert.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dabei wussten die Experten des Münchener Unternehmens frühzeitig von gravierenden Risiken. In seinem Haftbefehl gegen acht Vale-Manager zitiert der Richter Rodrigo Heleno Chaves aus einer Mail des TÜV-Mitarbeiters Makoto N. an drei Kollegen.

Schon am 13. Mai 2018, kurz vor dem Abschluss der Überprüfungen des Abraumdamms, schrieb Makoto N., alles deute darauf hin, dass der Damm die Überprüfung "nicht bestehen" werde.

"Daher können wir streng genommen nicht die Stabilitätserklärung für den Damm unterschreiben, was den sofortigen Stillstand aller Aktivitäten der Mine Córrego do Feijão zur Folge hat."

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

TÜV Süd sei unter Druck gesetzt worden

Makoto N. teilte seinen Kollegen mit, er habe seinen Ansprechpartner bei Vale informiert. Der Vale-Mann habe ihm Gegenmaßnahmen versprochen. "Aber das sind alles langfristige Lösungen, die zwei bis drei Jahre dauern werden, um den gewünschten Effekt zu erreichen", resümierte der TÜV-Mitarbeiter.

Zum Abschluss schrieb Makoto N., es werde am darauffolgenden Tag ein Treffen mit Vale-Leuten geben.

"Aber wie immer wird Vale uns gegen die Wand drängen und fragen: 'Und wenn das nicht durchkommt, werden Sie [die Stabilitätserklärung] unterzeichnen oder nicht?'"

Offenbar machten die TÜV-Techniker Vale daraufhin Vorschläge, um die Sicherheit rund um den Damm zu erhöhen - obwohl Makoto N. selbst im Mai geschrieben hatte, Lösungen würden Jahre dauern. Wie groß der Druck des Konzerns offenbar war, zeigt ein Treffen von Makoto N. mit dem Vale-Manager Alexandre Campanha. Der soll laut Haftbefehl gefragt haben: "Wird der TÜV Süd die Stabilitätserklärung unterschreiben oder nicht?" Makoto N. antwortete demnach: "Der TÜV Süd wird unterschreiben, wenn Vale die [...] angegebenen Empfehlungen annimmt."

Im Haftbefehl resümiert Richter Chaves:
"Obwohl [Makoto N.] Campanha diese Antwort gab, empfand er die [...] Frage als Art, ihn und den TÜV Süd unter Druck zu setzen [und] angesichts des Risikos des Auftragsverlustes die Stabilitätserklärung zu unterzeichnen. [Makoto N.] erklärt auch, dass diese Art Druck bei der Erbringung von Dienstleistungen im Bergbausektor sehr verbreitet ist."

Ob sich die TÜV-Prüfer nun unter Druck gesetzt fühlten und ob dies nun ausschlaggebend war oder nicht - letztlich unterschrieben sie jedenfalls die Stabilitätserklärung. Vale hat nach dem Unglück wiederholt behauptet, man habe alle Empfehlungen der Prüfer umgesetzt.

"Eine Katastrophe mit Ansage"

Der TÜV Süd erklärt, dass die Sicherheitsprüfung auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben erfolgt sei und man die Ermittlungen unterstütze - wegen der laufenden Untersuchungen aber keine weiteren Auskünfte gebe.

Kritiker sind entsetzt. "Das ist kein schicksalhafter Zufall, sondern eine Katastrophe mit Ansage", sagt Susanne Friess, Beraterin für Bergbau bei Misereor. "Die Risiken waren seit Mai 2018 bekannt. Der TÜV Süd hat seine Sorgfaltspflicht nach unserem jetzigen Kenntnisstand nicht erfüllt." Misereor engagiert sich seit Jahren für die Opfer der Unglücksmine nahe der Gemeinde Mariana, die ebenfalls teils zum Vale-Imperium gehörte. Deren Abraumdamm barst im November 2015; 17 Menschen starben in der Schlammlawine.

Friess selbst hat Brumadinho wenige Wochen vor der Katastrophe besucht. "Schon damals hatten die Menschen vor Ort Angst vor einem Dammbruch", erzählt sie. Schließlich sei die Eisenerzmine nach einem ähnlichen Schema aufgebaut gewesen wie die von Mariana. Laut der "New York Times" gibt es in Brasilien mehr als zwei Dutzend Minen, deren Rückhaltedämme oberhalb von Städten oder Gemeinden liegen.

"Spätestens seit dem Dammbruch in jener Mine kann niemand behaupten, von den fahrlässigen Praktiken von Vale nichts zu wissen - auch die deutschen Geschäftspartner von Vale nicht", sagt Friess.

Die Allianz zählt zu den Versicherern des Konzerns, die Unglücksmine wurde einst von einer Thyssenkrupp-Tochter betrieben. Mehr als die Hälfte aller deutschen Eisenerz-Importe stammen aus Brasilien. Misereor und andere Nichtregierungsorganisationen fordern seit Jahren, die Bundesregierung müsse hiesige Unternehmen gesetzlich dazu verpflichten, ökologische und menschenrechtliche Risiken in ihren Wertschöpfungsketten sorgfältig zu untersuchen.

insgesamt 87 Beiträge
cyblord 18.02.2019
1.
Das ist halt ein grundsätzliches Problem mit privaten gewinnorientierten Prüfstellen: Am Ende zählt der Auftrag und das Geld und da werden beide Augen zugedrückt. Das erlebt man in der Industrie jeden Tag, egal um welche [...]
Das ist halt ein grundsätzliches Problem mit privaten gewinnorientierten Prüfstellen: Am Ende zählt der Auftrag und das Geld und da werden beide Augen zugedrückt. Das erlebt man in der Industrie jeden Tag, egal um welche Zertifizierungsstelle es geht. Wer glaubt dass hier objektiv geprüft wird, dem kann man nicht mehr helfen. Wer erinnert sich noch an die gefährlichen Brustimplantate? Auch vom TÜV "zertifiziert". Ans Licht kommen natürlich nur die großen Katastrophen oder wenn halt was passiert. Vielleicht müsste man für Sicherheits- und Gesundheitskritischebereiche mal über Prüfungen durch staatliche Stellen nachdenken, denen es nicht um Gewinn geht. Bei genauerer Überlegung fragt man sich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass man diese Aufgabe privatisiert hat.
hans.gans3000 18.02.2019
2. Naja hier wurde wohl sehr sorgfältig abgewogen!
Entweder: - Man bestätigt trotz bedenken über die Sicherheit auf Druck der Firma, nach dem Motto "Auftrag weg" oder "Unterschreib gefälligst" - Oder man riskiert einen Dammbruch, Hunderte Tote, einen [...]
Entweder: - Man bestätigt trotz bedenken über die Sicherheit auf Druck der Firma, nach dem Motto "Auftrag weg" oder "Unterschreib gefälligst" - Oder man riskiert einen Dammbruch, Hunderte Tote, einen immensen Imageverlust für den TÜV, massenhaft Schadensersatz und Strafverfahren. Naja da hat man wohl sich lieber für die Sicherung Auftrags entschieden. Ich will nicht wissen wieviele solcher TÜV Bescheinigungen nach dem Schema erteilt wurden. Das Gütesiegel ist dann nichts mehr Wert, wenn nach Druck und Geld entschieden wird. Dann lieber Auftrag weg, als das zweite Szenario! Da hätte der TÜV Mitarbeiter Vorort den Segen von einer höheren Ebene abholen müssen und die genaue Sachlage schildern. Damm kann brechen Kunde setzt uns unter Druck. Jetzt hat man den Schlamassel.
bigroyaleddi 18.02.2019
3. Irgendwie bezeichnend
Da werden Risiken erkannt und benannt, aber die Verantwortlichen sehen nur das Geld. Ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, wenn der Kapitaleigner und Betdreiber den Prüfer - wie uch immer - unter Druck setzt? Dann brqucht man auch [...]
Da werden Risiken erkannt und benannt, aber die Verantwortlichen sehen nur das Geld. Ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, wenn der Kapitaleigner und Betdreiber den Prüfer - wie uch immer - unter Druck setzt? Dann brqucht man auch keinen Prüfer mehr, dann ist alles egal, solange es gut geht. Das Wohl der Menschen ist diesen widerwärtigen Kapitalistenkreaturen sowieso sch....egal. Eigentlich müsste man dankbar sein, dass solche Untaten wenigstens auf diesem Wege an die Weltöffentlichkeit kommen.
remedias.cortes 18.02.2019
4. Trauer, Zorn und Wut
und die Tatsache, dass auch Deutschland eine marktkonforme Bananenrepublik ist . Welche Konsequenzen hätte es denn gehabt, wäre dem TÜV Süd der Auftrag entzogen worden? Auf der anderen Seite sind wir immer groß dabei, andere [...]
und die Tatsache, dass auch Deutschland eine marktkonforme Bananenrepublik ist . Welche Konsequenzen hätte es denn gehabt, wäre dem TÜV Süd der Auftrag entzogen worden? Auf der anderen Seite sind wir immer groß dabei, andere zu kritisieren : Venezuela etc.
m.m.s. 18.02.2019
5. TÜV-Süd und die Sicherheitszertifikate
Der TÜV-Süd hat doch auch Brustimplantate als unbedenklich zertifiziert, die jedoch mit Industriesilikon gefüllt waren (billiger). Jetzt haben Hunderte (Tausende?) Frauen deswegen neue Operationen nötig und ein erhöhtes [...]
Der TÜV-Süd hat doch auch Brustimplantate als unbedenklich zertifiziert, die jedoch mit Industriesilikon gefüllt waren (billiger). Jetzt haben Hunderte (Tausende?) Frauen deswegen neue Operationen nötig und ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Ausrede war, dass er (der TÜV-Süd) betrogen worden war. -- Jetzt der Damm. Etwas als in Ordnung zu zertifizieren, wenn es bewußt erkannt gravierende Sicherheitsmängel hat, ist aber jetzt kein Fremdbetrug, sondern Betrug durch den TÜV-Süd. -- Anscheinend kann nur ein Gericht diese Praktiken stoppen.

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