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Wirtschaft

Arm gegen Reich

Schlimmer als in Amerika

Von wegen Wohlstand für alle - das Gefälle zwischen Besserverdienern und Billigarbeitern erreicht im aktuellen Aufschwung einen Rekord. Und das Drama ist: Die Folgen werden bei uns immer weniger aufgefangen.

Bloomberg via Getty Images

Straßenszene in Frankfurt

Eine Kolumne von
Freitag, 18.05.2018   12:28 Uhr

Die Wirtschaft wächst. Es gibt Monat für Monat einige Tausend mehr Beschäftigte im Land. Und die Arbeitslosigkeit ist mittlerweile nur noch halb so hoch wie vor zehn Jahren. Eigentlich sollte die Sache klar sein. All das müsste stark auch dazu beitragen, dass in Deutschland die Einkommensgefälle abnehmen - dass es weniger Leute mit wackeligem Kleinkommen gibt; und der Abstand zu den Bessergestellten schrumpft. Auslaufmodell Reichtumsgefälle. Was der eine oder andere optimistische Experte in den vergangenen Jahren auch schon zu erkennen schien, weil die Ungleichheit der Einkommen seit 2005 angeblich nicht mehr zugenommen habe.

Umso mehr haben es erste Schätzungen in sich, nach denen das Gegenteil zu passieren scheint - und die Einkommen mitten im gelobten deutschen Aufschwung weiter auseinandergedriftet sind. Ein Befund mit womöglich dramatischen Konsequenzen: Denn die Schätzungen nähren die Vermutung, dass das Auseinanderdriften heute zugleich weniger durch staatliche Transfers kompensiert wird, als dass das früher der Fall war - eine Spätfolge der Reformpanik in Deutschland; als das Land nach Diagnose der Ökonomiepäpste angeblich an zu viel Gerechtigkeit zugrunde zu gehen drohte.

Kaum etwas spaltet die Deutschen so wie die Frage, ob die Deutschen gespalten sind - zwischen denen, die schon das Nachdenken darüber als Genörgel empfinden. Und denen, die alles irgendwie ungerecht finden. Dabei gibt es Mittel, das Phänomen nüchtern zu erfassen.

Wie unterschiedlich sich Einkommen entwickeln, leiten Experten aus großen Umfragen und Statistiken ab, in Deutschland vor allem aus denen des Sozio-oekonomischen Panels, das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin geführt wird. Und es gibt auch eine ziemlich unbestrittene Maßeinheit, mit der sich das Ausmaß des Auseinanderdriftens in einer (wenn auch abstrakten) Zahl auf den Punkt bringen sowie im Zeitablauf und über Grenzen hinweg vergleichen lässt - den Gini-Koeffizienten, der jedem Ökonomie-Studenten in frühen Semestern begegnet: so eine Art kollektiver Body-Mass-Index fürs finanzielle In-die-Breite-Gehen der Nation. Der Gini-Koeffizient liegt bei null, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich viel verdienen; bekommt ein Mitglied hingegen das gesamte Einkommen, beträgt er eins.

Wie es um Deutschland steht, hat der weltweit renommierte Ungleichheitsforscher Branko Milanovic kürzlich ausgewertet. Der Index ist 2015 wieder gestiegen, dem aktuellsten Jahr der Erhebungen. Nimmt man die alleinigen (Netto-)Einkommen zum Maßstab, die am Markt und ohne Einrechnung des Zugriffs durch den Fiskus erzielt werden, liegt der Abstand zwischen Reich und Arm jetzt sogar so hoch wie noch nie in der Bundesrepublik - nachdem er ums Jahr 2010 herum für kurze Zeit geringer geworden war. Die Ungleichheit ist heute also größer als vor dem Aufschwung. Nach Milanovics Berechnung liegen Besser- und Schlechter-Verdienende in Deutschland sogar weiter auseinander als in den USA.

Im Diagramm entsprechen die blauen Linien diesem sogenannten Markt-Einkommen.

Vom Aufschwung profitieren jene, die schon vorher gut verdienten

Was dahintersteckt, ist zu erahnen. Einiges spricht dafür, dass vom Aufschwung vor allem jene profitiert haben, die schon vorher relativ gut verdienten. Weil sie als Hochqualifizierte bei Konzernen arbeiten, die schon deshalb die Gehälter erhöhen, weil es allmählich an Fachkräften mangelt. Oder weil sie Immobilieneigentum besitzen und die Mieten, die sie dafür kassieren, in den vergangenen Jahren viel stärker gestiegen sind als etwa, sagen wir, das schöne Gehalt einer Friseurin. Dazu kommt, dass es immer noch viele Langzeitarbeitslose gibt. Und es doch nicht so einfach ist, Leute, die ewig in Wackeljobs arbeiten, in eine gut bezahlte Daueranstellung zu bringen.

Immerhin ist den Deutschen zu Reformzeiten mal das (mehr oder weniger explizite) Versprechen gemacht worden, dass sie zwar zur Besserung der Wirtschaftslage auf dies und das verzichten müssen - die bessere Konjunktur am Ende aber bei irgendwie allen finanziell ankommen wird.

Da hilft auch der Verweis nur bedingt, dass ja in Deutschland der Sozialstaat prima funktioniert - und allzu große Einkommensgefälle ausgleicht. Zwar bestätigen auch Milanovics neue Rechnungen: Nach Steuern und Transfers liegen die tatsächlich verfügbaren Einkommen in Deutschland nach wie vor weniger stark auseinander als etwa in den USA (anders als bei den Markteinkommen - siehe oben. Im Diagramm sind das die grünen Linien.) Nur gilt das seit der Jahrtausendwende immer weniger.

Bis etwa ins Jahr 2000 wurde der drastische Anstieg der Abstände zwischen den Einkommen im Grunde vollständig dadurch ausgeglichen, dass die Top-Verdiener mehr Steuern zahlten und Geld zu denen transferiert wurde, die zu den Verlierern zählten. Das weit moderatere Gefälle bei den verfügbaren Einkommen blieb trotz zunehmender Kluft am Markt in etwa gleich, so Milanovic. Vorbei: Seit 2000 nimmt der Abstand zwischen den verfügbaren Einkommen ähnlich stark zu, wenn die Einkommen - vor Umverteilung - auseinandergehen. Ausgleich kaputt.

Deutschland erlebt ein atemberaubendes Auseinanderdriften der Einkommen

Ein Grund dürften die Steuerreformen seit Ende der Neunzigerjahre sein, sagt Charlotte Bartels, Ungleichheitsexpertin beim DIW. Damals wurden Spitzensteuersätze gesenkt und obere Einkommen vor allem entlastet. Und danach auch die eine oder andere Sozialleistung gekürzt. Werbeslogan: Agenda 2010. Sie erinnern sich. Mit dem - damals gewollten - Ergebnis, dass es weniger Umverteilung gibt. Weil die angeblich zu teuer war - und die (vermeintlichen) Leistungsträger vom Arbeiten abhalten.

Jetzt steht Deutschland da, erlebt ein immer atemberaubenderes Auseinanderdriften der Einkommen - und wundert sich, warum so viele Leute irgendwie nicht zufrieden sind. Obwohl wir so einen tollen Aufschwung haben. Kein gutes Omen, wenn sich im nächsten Abschwung bemerkbar zu machen droht, dass der alte Gassenhauer vom Wohlstand für alle selbst in relativ guten Zeiten so wenig realisiert wurde - und gleichzeitig die alten erprobt-deutschen Mechanismen nicht mehr wie früher wirken, wonach in solchen Fällen stets staatlich für hinreichend Ausgleich gesorgt wird. Viel Spaß.

Was dann droht, lässt sich in Ländern schon jetzt beobachten, die wie die USA oder Großbritannien gesellschaftlich tief gespalten sind. Und wo Politiker immer dachten, dass sie so einen Ausgleich fürs Auseinanderdriften von Einkommen nicht bräuchten. Wehret den Trump-Fällen.

insgesamt 268 Beiträge
m.gu 18.05.2018
1. Thomas Fricke hat diesen Beitrag sehr gut erarbeitet. Es sind genau
die Vorstellungen, die auch ich voll unterstütze. Fakt ist, dass die Politiker der GroKo ausschließlich jetzt und heute eine Politik für die Vermögenden, Besserverdienenden, Reichen in diesem Land betreiben. 45% Steuer für ca [...]
die Vorstellungen, die auch ich voll unterstütze. Fakt ist, dass die Politiker der GroKo ausschließlich jetzt und heute eine Politik für die Vermögenden, Besserverdienenden, Reichen in diesem Land betreiben. 45% Steuer für ca 1 200 000 Millionäre und 45 Milliardäre in Deutschland sprechen eine eindeutige Sprache. Kein westliches Land, welches an Deutschland grenzt, hat unter 55% (Österreich, Schweiz) bis 60% (Dänemark, Norwegen, Finnland) Steuern zu bieten, wir das reiche Deutschland sind ein Eldorado für die Reichen. Jeder User, der rechnen kann brauch nur die Minimum 10% zur Grundlage nehmen. Viele Milliarden Mehreinnahmen hätte unser Land um jeden Rentner, jeden Bedürftigen so viel Geld zu geben, dass jeder Deutsche menschlich leben kann. Jetzt und heute undenkbar, denn ca. 18 Millionen Deutsche haben für Mietzahlung und zum Leben weniger als 1 056 Euro im Monat zur Verfügung. Selbst kenne ich dutzende von Rentner die zwischen 400 - 600 Euro im Monat zum Leben vom Staat erhalten. Ich gebe Herrn Fricke Recht, wenn nicht baldigst die Steuern für die Reichen erhöht wird, wird die Armut weiter rasant ansteigen.
hubert kreutzmann 18.05.2018
2. Was macht die Sozialdemokratie?
Sie ist seit gut zwanzig Jahren nur mit einer kurzen Unterbrechung an der Regierung. Die Folgen der (von der Oberschicht verursachten) letzten Finanzkrise durften die unteren Einkommen über Steuern und Staatsverschuldung [...]
Sie ist seit gut zwanzig Jahren nur mit einer kurzen Unterbrechung an der Regierung. Die Folgen der (von der Oberschicht verursachten) letzten Finanzkrise durften die unteren Einkommen über Steuern und Staatsverschuldung bezahlen. Die damals investierte Kohle aus Steuergeldern sollte man schleunigst wieder einsammeln und der Allgemeinheit zugute kommen lassen. Sie fehlt nämlich offenbar jetzt für öffentlich Investitionen und Daseinsfürsorge.
carolameyer 18.05.2018
3. clickbait
Was man sich angucken muss ist doch der Gini vom verfügbaren Einkommen, von mir aus auch das Brutto-Einkommen (gross income). Aus dem Text ließ sich nicht wirklich verstehen, was das "market income" dazu im Unterschied [...]
Was man sich angucken muss ist doch der Gini vom verfügbaren Einkommen, von mir aus auch das Brutto-Einkommen (gross income). Aus dem Text ließ sich nicht wirklich verstehen, was das "market income" dazu im Unterschied ist (Unternehmensgewinne?). Das Einkommen vor Eingreifen des Fiskus ist doch das Brutto-Einkommen? Der Gini vom Bruttoeinkommen war 2010 genau so hoch bzw. niedrig wie 2000. Jetzt sind wir ca. auf dem Stand von 2008. Was steigt da atemberaubend? Ich finde auch, dass es sozial gerechter zugehen muss als bisher. Aber wenn man auf die Bruttoeinkommen schaut, hat die Ungerechtigkeit nicht in atemberaubendem Tempo zugenommen.
curiosus_ 18.05.2018
4. Nein
---Zitat von Thomas Fricke--- Der Gini-Koeffizient liegt bei null, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich viel verdienen; bekommt ein Mitglied hingegen das gesamte Einkommen, beträgt er 100 ---Zitatende--- Der [...]
---Zitat von Thomas Fricke--- Der Gini-Koeffizient liegt bei null, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich viel verdienen; bekommt ein Mitglied hingegen das gesamte Einkommen, beträgt er 100 ---Zitatende--- Der Gini-Koeffizient variiert nur zwischen 0 und 1, nicht zwischen 0 und 100. Das ergibt sich zwangsläufig aus seiner mathematischen Definition (Wikipedia): Der Gini-Koeffizient ist die auf die Gleichverteilung normierte Fläche zwischen den Lorenz-Kurven einer Gleichverteilung und der beobachteten Verteilung Oder, mathematisch: GUK = (Ag - Aug) / Ag mit GUK als dem Gini-Ungleichverteilungskoeffizienten, Ag der Fläche unter der Lorenz-Kurve einer Gleichverteilung und Aug der Fläche unter der Lorenz-Kurve für die beobachtete Verteilung. Richtig wäre: beträgt er 100*%* Und nun dazu: ---Zitat von Thomas Fricke--- Ein Grund dürften die Steuerreformen seit Ende der Neunzigerjahre sein, sagt Charlotte Bartels, Ungleichheitsexpertin beim DIW. Damals wurden Spitzensteuersätze gesenkt und obere Einkommen vor allem entlastet. Und danach auch die eine oder andere Sozialleistung gekürzt. Werbeslogan: Agenda 2010. ---Zitatende--- Völlig richtig. Und wer hat's gemacht? Genau - Gas-Gerd mit seiner SPD. 56% betrug der Spitzensteuersatz von 1975 bis 1989. Davor und danach (bis 1999) 53%. Der Mittelwert von 1958 bis heute liegt bei 51,5%. Die aktuell 45% sind historisch niedrig. Interessant ist, dass die absolut niedrigsten Steuersätze (Absenkung von 53% auf 42%) in die Zeit einer SPD-Regierung (Schröder, 1998 bis 2005) fällt. Irgendwie muss sich der Genosse der Bosse (und damit die SPD) seinen Ruf ja verdient haben. *Und die SPD wundert sich warum sie inzwischen unter 20% rumkrebst?* (http://www.spiegel.de/forum/politik/spd-krise-den-laendern-das-rote-elend-thread-750219-6.html#postbit_64958433) Da kommt man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus.
noch_ein_forenposter 18.05.2018
5. Das ist halt eben das Problem
Super, dass im Gesamten mehr verdient wird, klar. Aber dass dafür immer mehr Rentner in Müllcontainern nach Flaschen suchen müssen, ist furchtbar. Das sehe ich jeden Tag, und das in einer prosperierenden südwestdeutschen [...]
Super, dass im Gesamten mehr verdient wird, klar. Aber dass dafür immer mehr Rentner in Müllcontainern nach Flaschen suchen müssen, ist furchtbar. Das sehe ich jeden Tag, und das in einer prosperierenden südwestdeutschen Großstadt. Ich schäme mich für die regierenden Politiker. Daher habe ich in letzter Zeit immer die Linken gewählt.
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