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Wirtschaft

Trumps Aussagen im Faktencheck

Ist Deutschland ein "Gefangener Russlands"?

Deutschland zahlt Abermilliarden für Energie aus Russland und wird von Moskau kontrolliert, verbreitet US-Präsident Donald Trump. Doch was ist an der Kritik dran? Ein Faktencheck.

DPA

Donald Trump

Eine Analyse von
Mittwoch, 11.07.2018   17:08 Uhr

Das Frühstück mit dem Nato-Chef hatte kaum begonnen, da startete Donald Trump seine neueste Attacke auf Deutschland. Ein "Gefangener Russlands" sei die Bundesrepublik, behauptete der US-Präsident in einer minutenlangen Tirade: wegen ihrer Abhängigkeit von russischen Energielieferungen. Und weil er seine Sätze so gut fand, twitterte Trump sie dann auch gleich.

Aber hängt Deutschland wirklich so stark am russischen Erdöl und Erdgas, wie Trump behauptet?

Seine Aussagen im Faktencheck.

1. Milliarden für Öl und Gas aus Russland

"Deutschland macht ein gewaltiges Öl- und Gasgeschäft mit Russland. Deutschland bezahlt Milliarden und Milliarden im Jahr an Russland [...] Der frühere Kanzler von Deutschland ist der Chef der Pipelinegesellschaft, die das Gas liefert."

Die Bundesrepublik hat 2017 laut Statistischem Bundesamt für 19,8 Milliarden Euro Erdöl und Erdgas aus Russland eingeführt. Wertmäßig waren das 35 Prozent von allen Importen dieser beiden Energieträger.

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Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßt Ex-Kanzler Gerhard Schröder (Archivbild)

Altbundeskanzler Gerhard Schröder ist Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream. Die Gesellschaft, deren Mehrheitseigentümer der russische Staatsmonopolist Gazprom mit 51 Prozent ist, betreibt die Ostsee-Pipeline. Diese ist allerdings nicht die einzige Leitung, durch die Deutschland Erdgas bezieht. Durch andere Pipelines kommt unter anderem Gas aus Norwegen, den Niederlanden und auch aus Russland in die Bundesrepublik. Aber im Großen und Ganzen stimmt Trumps Aussage.

Video: Schlagabtausch zwischen Trump und Merkel

Foto: REUTERS

2. Deutschland verdoppelt seine Gaseinfuhr aus Russland

"Letztlich wird Deutschland fast 70 Prozent seines Landes von Russland kontrolliert haben mit Erdgas."

Trump will damit wohl sagen, dass künftig fast 70 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases aus Russland kommen werden. Zurzeit liegt dieser Anteil laut Bundeswirtschaftsministerium bei etwa 38 Prozent. Mit seiner Vorhersage spielt Trump auf die heftig umstrittene Pipeline Nord Stream 2 an. Das Projekt, dessen Bauarbeiten in deutschen Gewässern bereits begonnen haben, soll ähnliche Mengen Gas wie die erste Ostsee-Pipeline transportieren können. Osteuropäische Staaten wie die Ukraine oder Polen haben große Vorbehalte, da sie umgangen werden, Transiteinnahmen verlieren oder im Krisenfall von der Versorgung abgeschnitten werden könnten. Auch die USA bekämpfen das Projekt - unter anderem, weil sie im großen Stil verflüssigtes Erdgas (LNG) aus den eigenen Vorkommen nach Europa verkaufen wollen.

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Bagger arbeiten im Greifswalder Bodden am Unterwassergraben der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2 (Mai 2018)

Der Brennstoff aus Nord Stream 2 ist aber längst nicht nur für Deutschland gedacht, sondern auch für andere mittel- und westeuropäische Länder. Das Gas von Nord Stream 1 etwa wird zu einem bedeutenden Teil durchgeleitet: etwa nach Frankreich oder Tschechien.

Die Bundesregierung hat kein Interesse daran, dass sich der Anteil der russischen Gasimporte in Zukunft fast verdoppelt. Ihr Ziel ist es, die Lieferungen zu diversifizieren. Im Koalitionsvertrag legt sich Schwarz-Rot fest, die Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG) über Schiffe voranzutreiben. Im Gespräch ist unter anderem, den Bau eines Anlande-Terminals an der Nordseeküste zu unterstützen. Auch über andere europäische Staaten können sich die deutschen Importeure Gas beschaffen.

"Die Erdgas-Infrastruktur wurde so umgebaut, dass Gas in beide Richtungen fließen kann, also auch von West nach Ost - dies ist besonders wichtig für einige Länder in Mittel- und Osteuropa", sagt Stefan Kapferer, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Und schließlich hat sich Deutschlands zweitwichtigster Lieferant Norwegen festgelegt, man werde noch jahrzehntelang Pipeline-Gas nach Mitteleuropa liefern. Dass die Bundesrepublik künftig mehr als zwei Drittel seines Erdgases aus Russland bezieht, ist daher eine mehr als gewagte Prognose von Trump.

3. Russland kontrolliert den deutschen Energiesektor

"Deutschland ist total kontrolliert von Russland, denn sie werden 60 bis 70 Prozent ihrer Energie von Russland und einer neuen Pipeline kriegen."

Energie ist mehr als nur Erdgas. Dieses macht nur knapp ein Viertel des gesamten deutschen Energieverbrauchs aus. Erneuerbare Energien, Kernenergie und Braunkohle haben zusammen einen Anteil von rund 40 Prozent - und hier kommt wenig bis gar nichts aus Russland. Je schneller die Energiewende voranschreitet (schon jetzt erzeugen regenerative Technologien 36 Prozent des deutschen Stroms), desto geringer wird diese Abhängigkeit.

Wichtigster einzelner Energieträger für Deutschland ist Erdöl. Hier ist Russland zurzeit der wichtigste Lieferant - aber nur einer von 23 verschiedenen Staaten, die den Stoff nach Deutschland exportieren. Für Öl, das oft mit Schiffen transportiert wird, gibt es internationale Börsen. Deutsche Importeure könnten es einfach anderswo auf dem Weltmarkt einkaufen. Ähnliches gilt für die Steinkohle: den dritten Brennstoff, der zurzeit zu einem bedeutenden Teil aus Russland kommt. Auch hier gibt es alternative Lieferanten.

Insgesamt haben russische Erdgas-, Öl- und Kohlelieferungen nach unseren Berechnungen einen Anteil von knapp 25 Prozent am deutschen Primärenergieverbrauch. Das ist beträchtlich. Aber "total kontrolliert" von Russland ist Deutschland deswegen noch lange nicht. Und wird es auch nicht sein.

4. Abhängigkeit = Geiselhaft

"Deutschland ist Gefangener Russlands"

Für Russland ist Deutschland als Handelspartner wichtiger als andersherum. Von allen deutschen Importen kamen 2017 nur drei Prozent aus Russland - und lediglich zwei Prozent der Exporte gehen in Putins Reich. Für die Russen war die Bundesrepublik mit einem Anteil von 8,6 Prozent ihres gesamten Außenhandels der zweitwichtigste Partner hinter China. Und mehr als zwei Drittel der russischen Exporte nach Deutschland waren Erdgas, Öl und Steinkohle.

Russland ist auf den Abnehmer Deutschland angewiesen. Die Deutschen benötigten die Russen vor allem als Lieferanten für Erdgas. Aber auch da ginge es längere Zeit ohne. Dank vieler Speicher und der verbesserten innereuropäischen Anbindungen könnte die Bundesrepublik laut einer Simulation des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln ein Totalembargo mindestens fünf Monate lang ohne Versorgungsengpässe überstehen.

Den Russen würde es also schwerfallen, Deutschland in Geiselhaft zu nehmen.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

insgesamt 98 Beiträge
tomxxx 11.07.2018
1. Vollkommen richtig...
Und mit dem Geld der Deutschen beeinflussen die Russen die Wahlen in anderen westlichen Staaten, deren Präsidenten auch von den Russen abhängen.... nicht wahr Mr. President?
Und mit dem Geld der Deutschen beeinflussen die Russen die Wahlen in anderen westlichen Staaten, deren Präsidenten auch von den Russen abhängen.... nicht wahr Mr. President?
waldschrat_72 11.07.2018
2. Richtig.
Die Russen sind viel stärker von Deutschland als Energieabnehmer abhängig als Deutschland von Russland. Denn nur rund 35-40 % des aktuellen Erdgasbezugs stammen aus russischen Quellen. Aber gleichzeitig ist Deutschland ist für [...]
Die Russen sind viel stärker von Deutschland als Energieabnehmer abhängig als Deutschland von Russland. Denn nur rund 35-40 % des aktuellen Erdgasbezugs stammen aus russischen Quellen. Aber gleichzeitig ist Deutschland ist für Russland seit Jahrzehnten die "goldene Fahrkarte". Denn wir zahlen stets pünktlich, garantiert ausfallfrei und noch dazu Spitzenpreise. Ist das vielleicht Trumps eigentliches Problem ? Warum ich das weiß ? Weil ich selber für 5 Jahre bei einem bekannten deutschen Gasimporteur gearbeitet habe. Und ich nach wie vor die Russen sowohl für die gelieferte Gasqualität wie auch die Versorgungsssicherheit bewundere. Man mache sich nur einmal schlau, von wie weit her und unter welch widrigen klimatischen Gegebenheiten russisches Erdgas den Weg zu uns findet. In immer gleichbleibend hochkalorischer Qualität im Übrigen.
hmmmm4711 11.07.2018
3. Keiner analysiert,
Dass die USA bereits Sanktionen angedroht haben. Und zwar den Firmen die North Stream 2 mitbauen. Keiner sagt, dass die USA kein Dollar für die Frakinganlegestellen ausgibt. Das soll/darf die EU nämlich selber zahlen. Die [...]
Dass die USA bereits Sanktionen angedroht haben. Und zwar den Firmen die North Stream 2 mitbauen. Keiner sagt, dass die USA kein Dollar für die Frakinganlegestellen ausgibt. Das soll/darf die EU nämlich selber zahlen. Die Ukraine und Polen sind beides anti Russlandstaaten die sich immer bedroht fühlen. Das die Ukraine vom Transitgas abzweigt, ist kein Geheimnis. Soll Russland die Geisel Polens oder der Ukraine werden? Die könnten ja das Gas abdrehen und Russland damit die Einnahmen stehlen! Mal das Pferd von der anderen Seite aufsatteln.... übrigens wie oft hat Russland, Deutschland schon angegriffen? Die letzte Aggression mit Deutschland hat 23 Millionen Russen das Leben gekostet. Also bitte analysieren Sie mal, warum Russland immer noch Gas in die Ukraine liefert, obwohl diese höchst verschuldet ist, mit den Zahlung extrem im Verzug ist und beide Staaten „inoffiziell“ sich im Krieg befinden..... übrigens sehr tolle WM Russland, ihr könnt stolz auf euch sein!
Atheist_Crusader 11.07.2018
4.
Was ein anderes Land - egal ob Freund, Neutraler oder Feind - ist oder tut, hängt immer einzig und allein davon ab was Trump gerade rhetorisch gebrauchen kann. Wir erinnern uns nur mal an China: während des Wahlkampfe shieß es [...]
Was ein anderes Land - egal ob Freund, Neutraler oder Feind - ist oder tut, hängt immer einzig und allein davon ab was Trump gerade rhetorisch gebrauchen kann. Wir erinnern uns nur mal an China: während des Wahlkampfe shieß es "they're killing us!" und "they're raping us!". Kurz nach dem Staatsbesuch fand er, man könnte es ihnen ja gar nicht übelnehmen, dass sie die USA über den Tisch gezogen hätten. Später waren sie wieder ganz böse, weil sie Nordkorea beschützt haben. Und dann wieder musste man dringend chinesische Jobs in China retten, in Form eines Elektronikkonzerns der mit der chinesischen Regierung bei der Spionage zusammenarbeitet. Dass Fakten und allgemein anerkannte Logik für den Mann bestenfalls optional und schlimstenfalls der erklärte Feind sind, das wissen wir ja seit dem Wahlkampf... aber kann er nicht zumindest ein bisschen innere Konsistenz haben? Mal ein paar Monate ohne sich selbst zu widersprechen? Ist das vielleicht drin?
KingTut 11.07.2018
5. Interessenwahrung
Deutschland wahr mit dem Gasdeal, einschließlich Nordstream 2, seine Interessen, was das gute Recht eines souveränen Staates ist. Die Umgehung anderer Länder durch die Pipelineführung unter der Nordsee ist ein kluger [...]
Deutschland wahr mit dem Gasdeal, einschließlich Nordstream 2, seine Interessen, was das gute Recht eines souveränen Staates ist. Die Umgehung anderer Länder durch die Pipelineführung unter der Nordsee ist ein kluger Schachzug. Protestiert haben bisher nur jene Länder, die jetzt keine teuren Transitgebühren für eine Pipeline durch ihre Länder kassieren können. Und jetzt protestiert der Präsident eines Landes, das selbst gerne im großen Stil Gas an uns liefern würde. Es geht hier also um wirtschaftliche Konkurrenz. Im Übrigen hat der Autor völlig Recht mit der Behauptung, dass Russland von den Einnahmen wesentlich abhängiger ist, als Deutschland von den Gaslieferungen. Denn ohne den Handel mit Bodenschätzen wäre dieser wirtschaftliche Zwerg schon längst bankrott.
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