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Wirtschaft

Einigung auf Konzept

Ärzte und Kassen wollen bis 2021 Digitalakte für Patienten

Gesundheitsminister Spahn treibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran. Nun haben sich laut "Handelsblatt" Krankenkassen und Ärzte auf ein Konzept für eine elektronische Patientenakte geeinigt.

DPA

Ansicht der App "Vivy", mit der sich Gesundheitsdaten verwalten lassen

Montag, 15.10.2018   08:01 Uhr

Spätestens 2021 soll allen gesetzlich Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stehen. Um dies zu ermöglichen, haben sich Krankenkassen und Ärzte mit dem Gesundheitsministerium auf ein Grundkonzept geeinigt, berichtet das "Handelsblatt". Die Akteure im Gesundheitswesen hätten die Schaffung gemeinsamer Standards verabredet, hieß es unter Berufung auf eine dreiseitige Absichtserklärung.

Sollten sich Kassen und Ärzte wie in der Vergangenheit gegenseitig blockieren, wolle Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Ausgestaltung der Digitalakte an sich ziehen. AOK-Chef Martin Litsch sagte dem "Handelsblatt": "Ein Zurück ohne Gesichtsverlust gibt es nicht." Die Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Doris Pfeiffer, sagte, die Digitalakte zur Vernetzung von Gesundheitsdaten werde "ein Meilenstein in der Modernisierung der Patientenversorgung".

Spahn hatte bereits erklärt, er wolle, dass gesetzlich Versicherte spätestens ab 2021 generell auch per Handy und Tablet ihre Patientendaten einsehen können. Eigene Angebote für elektronische Gesundheitsakten hatten die AOK und die Techniker Krankenkasse (TK) schon vorgestellt.

Die nun erzielte Einigung sieht laut "Handelsblatt" vor, dass die Gesellschaft für den Aufbau eines Gesundheitsdatennetzes (Gematik) für den grundlegenden technischen Aufbau und Schnittstellen für die Digitalakte verantwortlich ist. Die Formate, in denen medizinische Daten gespeichert werden, legt demnach die Ärzteschaft fest.

Die Krankenkassen folgen bei ihren Patientenakten einem einheitlichen Muster: Neben einem Standardbereich für Medizindaten wie Röntgenbilder soll es einen Kassenbereich etwa für Informationen zu Bonusprogrammen geben. Auch die Versicherten bekommen ein eigenes Fach, dort können sie beispielsweise Fitnessdaten speichern. Die Patienten sollen dann entscheiden, wer auf welche Informationen zugreifen darf.

mmq/dpa

insgesamt 31 Beiträge
kirschlorber 15.10.2018
1. So viel Transparenz, wollen Sie das Herr Spahn?
Gab es schon mal. Nannte sich Marburger Modell oder so. Jeder Patient konnte so wie bei den Privaten sehen, was der Arzt abrechnet. Wurde schnell wieder beerdigt. So viel Transparenz wollte man denn doch nicht.
Gab es schon mal. Nannte sich Marburger Modell oder so. Jeder Patient konnte so wie bei den Privaten sehen, was der Arzt abrechnet. Wurde schnell wieder beerdigt. So viel Transparenz wollte man denn doch nicht.
don_peppone 15.10.2018
2. Gläserner Patient
Genau davor hatte ich Angst und es war das exemplarische Beispiel warum Digitalisierung gefährlich sein kann. Alles was digitalisiert wird, kann prinzipiell gestohlen werden. Meine Akte im Netz macht mich verletzlich, [...]
Genau davor hatte ich Angst und es war das exemplarische Beispiel warum Digitalisierung gefährlich sein kann. Alles was digitalisiert wird, kann prinzipiell gestohlen werden. Meine Akte im Netz macht mich verletzlich, Krankenkassen können diese auf einem Schwarzmarkt ,betrieben durch Hacker, einsehen. Ich trage keinen Aluhut - aber das finde ich echt bedenklich.
robinlott 15.10.2018
3.
ich würde schon gerne etwas genauer wissen, was da geplant wird. Kann dann am Ende jeder alles sehen, was ich je mit einem Arzt besprochen habe? Auch das, was vielleicht nur als Randnotiz von ihm dokumentiert wurde? da gibt es [...]
ich würde schon gerne etwas genauer wissen, was da geplant wird. Kann dann am Ende jeder alles sehen, was ich je mit einem Arzt besprochen habe? Auch das, was vielleicht nur als Randnotiz von ihm dokumentiert wurde? da gibt es noch verdammt viel Klärungsbedarf.
Leser161 15.10.2018
4. Sprache ist ein Präzisionswerkzeug
Wenn in der Kommunikation schon soviel durcheinandergeht, ist davon auszugehen, dass die technische Umsetzung nicht ordentlich gemacht wird und daher für mich als Patient ein Risiko darstellt - konkret: Da die Krankenkassen [...]
Wenn in der Kommunikation schon soviel durcheinandergeht, ist davon auszugehen, dass die technische Umsetzung nicht ordentlich gemacht wird und daher für mich als Patient ein Risiko darstellt - konkret: Da die Krankenkassen und Ärzte bereits jetzt Patientendaten speichern, haben wir bereits jetzt digitale Krankenakten. Was gewollt ist (der Text gibt einen Hinweis "Fach für den Patienten") ist eine online zur Verfügung stehende Krankenakte. Dies ist ein massives Risiko, da Krankendaten (gesichert zwar) im Internet zur verfügung stehen statt nur intern beim Dienstleister. Und was soll der Vorteil sein - das wir online Igel- und Bonusprogramme buchen können? Ansonsten: Es heisst doch immer wir haben soviele Krankenkassen wegen marktwirtschaftlicher Konkurrenz. Warum wird ein wichtiges Thema wo ich mir mal marktwirtschaftliche Konkurrenz wünschen würde quasi per Ministerwunsch durchgesetzt. Ich dachte immer ich mag Merkel nicht, aber Spahn toppt sie mehrfach.
Sleeper_in_Metropolis 15.10.2018
5. Wäre ja schön...
...wenn nun nach zehn (oder mehr ?) Jahren des auf-der-Stelle-treten relevante Teile der elektronischen Gesundheitskarte endlich mal realisiert würden.
...wenn nun nach zehn (oder mehr ?) Jahren des auf-der-Stelle-treten relevante Teile der elektronischen Gesundheitskarte endlich mal realisiert würden.

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Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
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1993: Die Leistungen werden budgetiert
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1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
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1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
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Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
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Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
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Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
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Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.

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