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Wirtschaft

Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Die schaffen das

Sie war Anwältin in Iran, jetzt arbeitet sie bei Porsche. Er stammt aus Aleppo und kreiert nun Dips in einem Stuttgarter Restaurant. Flüchtlinge berichten über ihre Neustarts auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Bartek Langer
Von Bartek Langer (Text und Fotos)
Mittwoch, 01.11.2017   14:32 Uhr

Ein fester Arbeitsplatz sei der Schlüssel zur Integration von Zuwanderern, heißt es. Doch häufig scheitert der berufliche Einstieg, gerade bei Flüchtlingen. Manchmal reichen die Deutschkenntnisse nicht, manchmal scheuen sich die Betriebe, Flüchtlinge einzustellen, weil sie fürchten, ihr neues Personal wieder zu verlieren. Oft kommen bürokratische Hürden hinzu. Vielen Betroffenen bleibt so nichts anderes übrig, als sich mit ehrenamtlichen Tätigkeiten zu begnügen, mit unbezahlten Praktika oder Hilfsjobs im Niedriglohnsektor.

Es gibt auch andere Beispiele: Flüchtlinge, die trotz aller Widerstände beruflich Fuß fassen - auch dank verantwortungsbewusster Arbeitgeber. Ein Streifzug durch die Wirtschaftsmetropole Stuttgart und ihre Umgebung.


Bartek Langer

Khaled Shamsi aus Syrien, 31, arbeitet als Arzt bei den Maltesern

Khaled Shamsi aus Syrien, 33, arbeitet als Arzt bei den Maltesern

"Hallo, ich bin der Flüchtlingsarzt!", sagt Khaled Shamsi zur Begrüßung. Der 33-Jährige arbeitet für die Hilfsorganisation der Malteser in Nürtingen und versorgt Flüchtlinge in einer mobilen Arztpraxis auf vier Rädern. Sein Wagen verfügt sogar über ein EKG- und Ultraschallgerät.

Damit ist Shamsi im gesamten Landkreis Esslingen unterwegs, um rund 1000 Patienten in fünf Flüchtlingsunterkünften zu behandeln: "Die meisten kommen mit orthopädischen Beschwerden, oder sie klagen über Bauchschmerzen und grippale Infekte, aber auch Alkohol- und Drogenprobleme sind dabei." Viele seien von Erlebnissen in ihrer Heimat traumatisiert. "Dann höre ich einfach zu, das hilft auch ein wenig", sagt Shamsi. Dann bittet er den nächsten Patienten in den Rettungswagen.

Er selbst stammt aus Qamischli im Nordosten Syriens und lebt seit Oktober 2013 in Deutschland. Neben Deutsch und Kurdisch spricht er Arabisch und kann sich zudem auf Persisch, Türkisch und Englisch verständigen. "Das erleichtert nicht nur die Kommunikation, die Patienten fassen auch schneller Vertrauen", sagt er. Der 33-Jährige war über einen befreundeten Arzt, der sich bei den Maltesern engagierte, zu dem katholischen Hilfsdienst gekommen.

Die ersten beiden Monate hatte Shamsi ehrenamtlich gearbeitet, dann wurde er fest angestellt. Nach zwei Stunden rollt die mobile Arztpraxis weiter. Für den Flüchtlingsarzt ist es eine der letzten Fahrten. Er zieht demnächst nach Nordrhein-Westfalen, dort hat er eine Stelle als plastischer Chirurg in einer Privatklinik gefunden.


Bartek Langer

Abdul Rahman Alashraf aus Syrien, 27, IT-Berater bei der Porsche-Tochter MHP

Wenn Abdul Rahman Alashraf nach seiner Arbeit gefragt wird, dann fallen Schlagworte wie "Distributed Computing", "Artificial Intelligence" und "Connected Car", die erahnen lassen, dass der Mann an der digitalen Zukunft arbeitet. Er ist Junior Consultant im Bereich "Software Engineering & Automation" bei der Porsche-Tochter MHP und berät Kunden im Auto- und Maschinenbau.

Erst machte Alashraf ein Praktikum, anschließend studierte er "Software Technology" auf Master und blieb bei MHP als Werkstudent. "Noch bevor ich das Masterzeugnis in Händen hielt, bekam ich das Angebot, als Consultant anzufangen", sagt der junge Mann, der 2014 mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen war. Nach dem Studium in Damaskus wollte er ins Ausland, um weiterzustudieren, aber auch weil der Krieg ein normales Leben nicht mehr zuließ.

Nebenher gründete er ein eigenes Start-up: "FreeCom" ermöglicht digitale Kommunikation ohne Internet. Dafür wurde er 2016 mit einem Preis für Nachwuchsunternehmer ausgezeichnet, dem European Youth Award. Seine Idee hat einen ernsten Hintergrund. "Als die Bomben in Damaskus einschlugen, wurden Telefonleitungen beschädigt, und es war nicht möglich, Hilfe zu holen", sagt Alashraf. Doch auch in Europa gebe es "noch immer Funklöcher". In Deutschland fühlt er sich angekommen, wenngleich ihn eine Sache ungemein stört: "Sobald die Leute hören, dass ich aus Syrien komme, sehen sie zuallererst den Flüchtling."


Bartek Langer

Adham Alkhatib aus Syrien, 19, macht eine Ausbildung als Metallwerker bei Daimler

Als Adham Alkhatib den Ausbildungsplatz beim schwäbischen Automobilhersteller bekam, konnte er sein Glück kaum fassen: "Ich hätte mich tausendmal dafür bedanken können". Vor dem Vertrag stand ein drei Monate dauerndes Brückenpraktikum, in dem er praktische Grundkenntnisse lernte und einen Deutschkurs besuchte. Er habe "am Anfang mit dem Namen Daimler nichts anfangen können, in Syrien kennen wir nur Mercedes", sagt er heute mit einem Schmunzeln.

Nach der Flucht aus Syrien war die Familie zunächst im Libanon. Um über die Runden zu kommen, hat Adham "Holztüren geschliffen, manchmal so lange, bis ich an den Händen Blasen bekam". Ein halbes Jahr lebten sie auf der Straße. Sein Blick wird hart, wenn er an seine Heimatstadt Damaskus zurückdenkt: "Ich ging in die Schule, hatte Träume. Plötzlich verliert man alles."

Nach seiner Ausbildung würde er gerne bei Daimler bleiben, "in der Fertigung oder in der Montage". Sein Traum? "Eine C-Klasse, das wäre schon super! Wenn man Hoffnung und ein Ziel hat, dann wird alles gut!"


Bartek Langer

Ismaila Drammeh aus Gambia, 27, macht eine Ausbildung als Anlagenmechaniker bei der Firma Ruppert

Damals, in Gambia, konnten "sich meine Eltern die Berufsschule nicht leisten, wir waren neun Kinder". Heute absolviert Drammeh eine Lehre als Anlagenmechaniker beim Sanitär- und Heizungsbetrieb Ruppert in Weil der Stadt. "In einer Woche bist du mit dem Einbau im Bad beschäftigt, dann eine Fertigmontage, und am nächsten Tag geht es um die Installation einer Heizung", sagt er.

Dass er in dem Fachbetrieb unterkam, war einem Zufall geschuldet. Ein Geselle der Firma hatte bei Bekannten eine Heizung montiert - und Drammeh packte kurzerhand mit an. Sein Geschick machte Eindruck. Wenige Tage später begann er ein Praktikum. "Ich musste nicht einmal eine Bewerbung schreiben!", sagt der Mann, der 2011 nach Deutschland kam. Seit drei Jahren ist er verheiratet. "Ich hatte nie die Absicht, nach Deutschland zu kommen, um auf der faulen Haut herumzuliegen", sagt er. "Ich will einfach, dass meine Kinder ein besseres Leben haben als ich."


Bartek Langer

Arezoo Jalali aus Iran, 39, arbeitet als Logistikerin bei Porsche

Arezoo Jalali ist mit ihrem Sohn aus Iran geflohen, aus politischen Gründen. "Ich war als Anwältin tätig", sagt sie. Mehr als ein Jahr waren die beiden auf der Flucht, 2011 kamen sie nach Deutschland. Wenn sie daran zurückdenke, "läuft mir ein Schauer über den Rücken". Die Arbeitsstelle bei Porsche habe die langersehnte Sicherheit in ihr Leben gebracht.

In Stuttgart-Zuffenhausen kommissioniert sie Autoteile, die später in die 911er, Boxster und andere Modelle eingebaut werden. "Ich bin gut im Organisieren, aber ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages in einer Autofirma arbeiten würde", sagt Jalali. Sie hatte an einem Integrationsprogramm des Sportwagenherstellers teilgenommen. Es bestand aus einem Sprachkurs mit Fokus auf Fachterminologie, Kulturunterricht, handwerklichen Grundlagen sowie einem Praktikum im Werk.

Die Firma wurde auf die 39-Jährige aufmerksam, nachdem sie einen Integrationspreis gewonnen hatte. Damals noch in einer Flüchtlingsunterkunft, machte sich die alleinerziehende Mutter Gedanken, wie sie Frauen in derselben Lage unterstützten könnte. "Im 'Kindernest' konnten Mütter ihre Kinder betreuen lassen, während sie Deutschkurse besuchten", erzählt Jalali, die auch regelmäßig Treffen für die Heimbewohnerinnen organisierte.

An das Gespräch mit der Personalabteilung, das über ihre berufliche Zukunft entscheiden sollte, erinnert sich Arezoo Jalali mit einem Schmunzeln. "Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet", sagt sie. Sie ist noch heute den Tränen nahe, wenn sie darüber spricht. "Es war eine riesige Überraschung", sagt sie und meint: "Alle Deutschen träumen davon, bei Porsche zu arbeiten. Ich bin froh, dass ich das Vertrauen rechtfertigen und die Chance nutzen konnte."


Bartek Langer

Ahmad Hossini aus Afghanistan, 21, macht eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker beim Autohaus Franke

Eigentlich wollte Ahmad Hossini Polizist werden. "Aber mein Papa, der viele Jahre in der afghanischen Armee war, hatte mir davon abgeraten", sagt er. Statt Ganoven zu jagen, wartet er nun Autos, zerlegt Motoren und wechselt Räder. "Ich kann gut mit den Händen arbeiten", sagt der junge Mann, der vor den Taliban geflüchtet war.

An den Tag, der alles änderte, erinnert er sich nur ungern. Damals in Herat war er auf dem Heimweg von der Schule, als ein Auto um die Ecke bog und ihn mit voller Wucht rammte. Nur durch Glück überlebte er ohne bleibende Schäden, er lag sechs Tage im Koma. Ihm war klar, dass er keine Zukunft in Afghanistan hat. "Ich wollte doch nur lernen, statt auf Menschen zu schießen", sagt er verbittert. Obwohl Ahmad Hossini einen Job und geregelten Alltag hat, leidet er unter der Situation. Seine Gedanken schweifen oft ab zu seiner Familie, die in Iran lebt. Afghanen würden dort "wie der letzte Dreck behandelt", sagt er.


Bartek Langer

Mostafa aus Iran, 31, macht eine Ausbildung als Industriemechaniker beim Autozulieferer Mahle

Nicht nur die deutsche Sprache stellte Mostafa vor Probleme, auch die kulturellen Unterschiede machten es ihm manchmal schwer. "Erst nach zweieinhalb Jahren wurde mir klar, dass man bei der Begrüßung auch die Hand einer Frau fest drücken sollte", erzählt der 31-Jährige heute lachend. Eine Arbeitskollegin beschwerte sich über seinen "schlaffen Handschlag". In Iran ist das nicht üblich.

Mostafa macht nach einer mehrmonatigen Qualifizierung zum Einstieg eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Mahle. Er ist froh über die körperliche Arbeit an der Werkbank: "Den ganzen Tag im Büro sitzen, das ist nichts für mich." Nach Feierabend lernt er an der Abendschule, was demokratische Werte ausmacht oder worauf bei Kaufverträgen zu achten ist, um seine neue Heimat "besser zu verstehen". Wichtig seien "Perspektiven im Leben, und in Deutschland habe ich eine Perspektive". Nach der Ausbildung will er Meister oder Techniker werden.


Bartek Langer

Yusuph Jagana aus Gambia, 33, macht eine Ausbildung als Altenpflegefachkraft bei der Samariterstiftung

In Gambia gab es kaum Arbeit, der frühere Präsident Yahya Jammeh regierte das Land an der Westküste Afrikas wie ein Diktator. Yusuph Jagana fuhr Taxi und jobbte im Supermarkt. Mit Menschen zu arbeiten, habe ihm aber schon immer Freude bereitet. "Klar, in der Sozialarbeit gibt es auch schwierige Leute, aber das gehört eben dazu", sagt der 33-Jährige, der eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft im Seniorenzentrum der Samariterstiftung in Leonberg macht. Dort ist er für die grundpflegerische Versorgung zuständig: Waschen, Ankleiden, Essen verteilen, Blutdruck messen. Nur Medikamente darf er nicht verabreichen.

Manchmal habe er das Gefühl, dem ein oder anderen Bewohner passe seine Hautfarbe nicht, auch wenn er nicht direkt darauf angesprochen werde. Das sei "im Seniorenheim auch nicht anders als draußen auf der Straße: Die einen haben Vorurteile und andere eben nicht".

Nach Feierabend engagiert sich Jagana im Verein 'Wir sind da', der von Flüchtlingen für Flüchtlinge gegründet wurde. Er träumt von einem Eigenheim und "mindestens drei Kindern", sagt er schmunzelnd. Dass der Weg dorthin kein Selbstläufer ist, weiß er. "Hier kommt man nur mit Leistung weiter."

Bartek Langer

Alphajar Jalloh aus Sierra Leone, 20, macht eine Ausbildung als Fachlagerist bei Bosch

Jalloh sei ein Glücksgriff, meint seine Chefin. "Er ist motiviert und wissbegierig. Man merkt richtig, dass er lernen möchte", sagt die Ausbildungsleiterin Natascha Brock über den jungen Mann aus Sierra Leone.

Seine Heimat in Westafrika leidet an den Folgen eines Bürgerkriegs und an der grassierenden Korruption. Das Wichtigste für Jalloh sei, dass er sicher leben und sich eine Zukunft aufbauen könne, sagt er. "Deutschland kannte ich nur aus dem Schulunterricht." Er habe aber schnell registriert, dass "die Menschen jedem mit Respekt begegnen - egal woher man kommt."

Der 20-Jährige kam 2015 in den Südwesten und macht nun eine zweijährige Ausbildung als Fachlagerist bei Bosch. Täglich erfasst er Hunderte Pakete, die er auf Menge und Beschaffenheit prüft, bevor diese in die ganze Welt gehen. "Bosch ist ein bekanntes Unternehmen, und viele träumen davon, hier zu arbeiten", sagt er stolz.


Bartek Langer

Tedros Gebru aus Eritrea, 25, macht eine Ausbildung als Anlagen- und Maschinenführer bei Lapp Kabel

Als Tedros Gebru 16 Jahre alt war, schickte ihn seine Familie aus Eritrea in den Sudan - aus Angst vor Repressalien. "Mein Vater war ein Kritiker der diktatorischen Regierung und musste dafür ins Gefängnis", sagt Gebru. Später bezahlte er Schlepper, die ihn in einem völlig überladenen Boot über das Mittelmeer brachten. "Eigentlich hätte die Überfahrt zwei Tage dauern sollen, doch am Ende trieb das Boot eine Woche lang durch das Wasser, weil der Motor ausgefallen war", erinnert er sich. Er habe "viele Leute sterben sehen".

Nach acht Monaten in einem libyschen Gefängnis kam er mithilfe des Flüchtlingshilfswerks UNHCR als anerkannter Flüchtling nach Deutschland. Dort machte er einen Hauptschulabschluss und bekam einen Ausbildungsplatz in Stuttgart-Vaihingen. "Ich durchlief eine Einstiegsqualifizierung, doch schon drei Monate vor dem Ablauf wurde mir die Lehrstelle angeboten", sagt er. Gebru brachte eine Menge Know-how mit: "Mein Vater war Ingenieur und hatte einen kleinen Laden in Asmara, dort konnte ich eine Ausbildung zum Elektriker machen." Er könne deshalb "alles reparieren: Fernseher, Radios, Fahrräder", sagt Tedros. Nach seiner Ausbildung möchte der 25-Jährige den Techniker oder Meister machen. Sein Ausbildungsleiter Thilo Lindner hält das für gut möglich: "Er ist wirklich sehr tüchtig und diszipliniert. Da bekommen selbst unsere einheimischen Leute einen Schub!"


Bartek Langer

Issa Dawod aus dem Irak, 17, macht eine Ausbildung als Friseur

Im Irak, seiner Heimat, tragen Männer ihr Haar klassisch kurz, alles andere ist ein stilistisches No-Go. Aber als Friseur in Deutschland kommt Issa Dawod natürlich nicht an Haartrends vorbei - und darf sich auch seine feschen Locken stehen lassen. Der 17-Jährige macht derzeit eine Ausbildung im Friseursalon "Tomàs Hairdesign" im Stuttgarter Osten.

Noch darf er nur waschen, färben und föhnen. Mit der Schere darf er sich höchstens an Frisierpuppen austoben - oder an seinen Kumpels. "Bislang hat sich noch keiner beschwert", versichert Issa, der Ende 2015 nach Deutschland kam. Damals war der IS im irakischen Sindschar-Gebirge eingefallen und hatte Tausende Jesiden ermordet. Die Familie versteckte sich tagelang im Wald. Während seine Eltern und die sieben Geschwister in einem Flüchtlingscamp blieben, machte Issa sich mit einem Onkel auf den Weg nach Deutschland.

Issa hofft, bald wieder seine Familie um sich zu haben, doch die rechtlichen Hürden dafür sind hoch. Er träumt von einem eigenen Friseursalon und sagt: "Ich habe die Sprache gelernt und mir hier eine Zukunft aufgebaut, das soll nicht umsonst sein!"


Bartek Langer

Aurelie Sielinou aus Kamerun, 28, macht eine Ausbildung als Krankenpflegerin am Klinikum Stuttgart

Aurelie Sielinou setzt als angehende Krankenpflegerin nicht nur Spritzen, misst Blutdruck und wechselt Verbände. "Ich bin auch Psychologin und manchmal fast schon ein Familienmitglied", sagt die 28-Jährige. Anderen zu helfen, das sei ihr großer Berufswunsch gewesen. "In meiner Heimat Kamerun ist die Not der Menschen groß", sagt sie.

Früher hat sie in einem Seniorenheim gearbeitet, die Tätigkeit in einem Krankenhaus findet sie aber abwechslungsreicher. In Deutschland gebe es viele Möglichkeiten, sich eine Zukunft aufzubauen. "Man darf aber nicht nur herumsitzen, sondern muss die Gelegenheiten nutzen. Zeigt man hier Leistung, dann wird das auch gewürdigt."


Bartek Langer

Ayad Yakoob aus dem Irak, 32, arbeitet als IT-Systemelektroniker bei "Mein Computer spinnt"

Kaum hatte Ayad Yakoob seine Arbeitserlaubnis in der Tasche, da ging es schon auf Jobsuche. Noch auf dem Heimweg von der Behörde, wo er die Papiere bekam, stoppte er an einem Laden am Cannstatter Marktplatz. "Ich verstand nur Notebook- und PC-Service, aber das reichte auch", erzählt der 32-Jährige, der damals lediglich Englisch sprach.

Seine Chefin erinnert sich, dass er wissen wollte, welche Voraussetzungen er erfüllen müsse, um in so einem Geschäft zu arbeiten. So viel Eigeninitiative imponierte Nina Buchert. Sie stellte Yakoob zunächst als Aushilfe ein. Nach dem Deutschkurs durfte er eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker machen. Er hat sie vor Kurzem abgeschlossen. Buchert hatte zwei Jahre vergeblich nach einem passenden Mitarbeiter gesucht. Yakoob wartet Computer und Notebooks, repariert Festplatten und Handys und bringt sogar alte Nintendo-Konsolen wieder zum Laufen. Das hatte er auch schon im Irak gemacht.

In Mossul wurde er aber aufgrund seines christlichen Glaubens angefeindet. Außerdem hatte er als Dolmetscher für die amerikanischen Streitkräfte gearbeitet. 2005 flüchtete er nach Syrien, und mit dem Kriegsausbruch dort zog er weiter nach Europa. "Es ist nicht einfach, alles hinter sich zu lassen", sagt der 32-Jährige. Seine Zukunft sieht der Vater eines kleinen Sohnes aber in Deutschland. "Heimat ist da, wo man sich sicher fühlt", sagt er.


Bartek Langer

Baha Baghdadi aus Syrien, 26, macht eine Ausbildung als Koch im Hotel-Restaurant "Der Zauberlehrling"

Behutsam, als würde er eine Bombe entschärfen, setzt Baha Baghdadi die marinierten Zuckerschotten und Gurkenröllchen mit einer Pinzette zu einem Kreis zusammen. Dann noch ein paar Kleckse des würzigen Knoblauch-Dips, bevor als krönender Abschluss drei Buttermakrelenscheiben das kleine Kunstwerk auf dem Teller komplettieren. "Es ist fast schon zu schade, um es zu essen, gell", sagt der 26-Jährige. Er macht eine Ausbildung zum Koch im Stuttgarter Hotel-Restaurant "Der Zauberlehrling".

Die Lehrstelle hat er selbst gefunden. Baghdadi brachte Erfahrung mit, denn er stand schon in seiner Heimatstadt Aleppo in der Küche. "Ich habe fünf Jahre in mehreren Restaurants gearbeitet", erzählt er - in fast akzentfreiem Deutsch. Dafür hat er sich ins Zeug gelegt. Neben dem Sprachkurs nahm er Nachhilfe bei befreundeten Studenten. Ihm war klar: Mit gutem Deutsch kann er viele Hürden leichter nehmen. Dass er in dem Familienbetrieb schnippelt, filetiert und blanchiert, finden alle klasse - auch wenn er schon mal das Backpulver mit Gelatine verwechselt.

Eine Rückkehr nach Syrien schließt er aus, auch wenn eines Tages Frieden in dem Land einkehren sollte. "Mit der Flucht habe ich den Begriff Heimat für mich umdefiniert", sagt er. "Ich fühle mich wohl in Deutschland, hier habe ich Menschen gefunden, die mir wichtig sind. Ich möchte bleiben."

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