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Wirtschaft

Illegale Onlinewetten

Wie der Staat den Glücksspielboom begünstigt

Wer in Deutschland online wettet, tut das meist illegal. Ein neues Gesetz soll wenigstens für Sportwetten legale Angebote schaffen - kann das gelingen?

Getty Images /iStockphoto

Online wetten, im Stadion

Von Katharina Koerth
Sonntag, 17.03.2019   09:08 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Tobias K. wieder spielen will, reicht dafür eine Unterschrift. Ob er noch süchtig danach sei? Nein, natürlich nicht, Kürzel drunter, weiterwetten. K. hat das schon einmal durch: Online Sportwetten platzieren, erst noch für 100 Euro, dann für 500, später für 1000 Euro als Standardeinsatz. Die große Liebe und die Wohnung verlieren, Schulden von 28.000 Euro innerhalb eines halben Jahres anhäufen.

Doch dann gewann er - mit einer Wette schuldenfrei. K. eroberte Freundin und Wohnung zurück, machte eine Therapie, ließ sich auf die Sperrlisten aller ihm bekannten Wettanbieter setzen. Ein Jahr später der Rückfall: "Ich brauchte nur das Papier unterschreiben, dann haben sie meinen Account wieder entsperrt", sagt K. "Das darf doch nicht sein!" Was läuft da schief?

Der aktuellen Gesetzgebung zufolge ist schon die Existenz der Sperrliste selbst eine Großzügigkeit des Anbieters - denn die Bundesländer sind bislang an einer deutschlandweiten Regulierung des Online-Glücksspielmarkts gescheitert. Bis auf den staatlichen Wettanbieter Oddset und die staatlichen Lotterien sind die Angebote illegal, aber geduldet. Das heißt: Es gibt keine verpflichtenden Vorgaben zum Spielerschutz, Steuern zahlen nur die Sportwettanbieter - fünf Cent pro gesetztem Euro.

Der Kieler Sonderweg

Legale Angebote gab es nur in Schleswig-Holstein: 2011 brachten die Länder ein Glücksspielgesetz auf den Weg, das Sportwetten begrenzt erlauben sollte, Onlinecasinos aber verbietet. Die schwarz-gelbe Landesregierung in Kiel lehnte das Verbot ab, schuf ein eigenes Gesetz und vergab entsprechende Lizenzen.

imago/Steffen Kuttner

Sportwettenwerbung in der 2. Bundesliga

Nach einem Regierungswechsel trat das Land 2013 doch noch dem aktuellen Glücksspielgesetz bei. Die erteilten Lizenzen für Onlinecasinos und Sportwetten galten trotzdem sechs Jahre lang, vor fünf Wochen lief die letzte aus. Mit einer Übergangsregelung erlaubt die Landesregierung nun noch acht der ursprünglich 25 lizenzierten Firmen, Sportwetten anzubieten.

Der Kieler Sonderweg gilt jedoch nur im Land selbst. Im Rest Deutschlands verweisen die Anbieter auf Lizenzen aus Steueroasen wie Malta, Gibraltar oder der Isle of Man. "Mir war nicht bewusst, dass ich illegal spiele", sagt K. Für den Verbraucher auf der Website ist der Unterschied nicht sichtbar.

Legales Spiel ist kaum möglich

Für die Anbieter lohnt sich das Onlinegeschäft: Die Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim schätzt den Umsatz von illegalen Sportwetten auf etwa sieben Milliarden Euro im Jahr, den von unerlaubten Onlinecasinos und Lotterien sogar auf mehr als 50 Milliarden Euro. Rund 83 Prozent des Markts operieren den Forschern zufolge in der geduldeten Illegalität. Der Leiter der Forschungsstelle, Professor Tilman Becker, sagt: "Deutschland ist ein Paradies für illegales Glücksspiel."

Selbst wenn die Anbieter von Casinospielen und Sportwetten legal werden wollten, hätten sie aktuell keine Möglichkeit dazu. Mehrere Anläufe, die Bereiche zu regulieren und damit zu legalisieren, sind gescheitert:

Ein rechtlich legales Angebot ist damit nicht möglich. Der Europäische Gerichtshof hat für solche Fälle entschieden, dass die Betreiber für ihre Tätigkeiten auch nicht bestraft werden dürfen.

Länder wollen Sportwetten legalisieren

Auf der Ministerpräsidentenkonferenz am 21. März wollen die Länder nun einen Minimalkonsens für Sportwetten beschließen - vorausgesetzt, niemand springt ab. Demnach sollen alle Anbieter, die sich an grundlegende Regeln des Spieler- und Jugendschutzes halten, vom 1. Januar 2020 eine Genehmigung erhalten.

Im Video: Wenn Glücksspiel das Leben zerstört

Foto: NZZ Format

So sollen Minderjährige am Spielen gehindert werden; auch der Spieleinsatz dürfte maximal 1000 Euro im Monat betragen. Livewetten, etwa auf das nächste Tor oder den Gewinner der ersten Halbzeit im Fußball, würden verboten.

Auch dürften Sportwettenanbieter nicht mehr auf Casinospiele weiterleiten. Die sind bei großen Anbietern wie Tipico.de und Bet-at-Home.com bisher nicht zu übersehen. Ob die Anbieter auf diesen wichtigen Teil ihres Geschäfts verzichten werden, ist fraglich.

Bis 2021 müssen Länder über Onlinecasinos entscheiden

So bietet Bwin die Spiele auf dem schleswig-holsteinischen Ableger seiner Website weiter an - obwohl die vom Land vergebene Lizenz für Onlinecasinospiele ausgelaufen ist. Bwin bekommt dafür Rückendeckung aus dem Innenministerium in Kiel: Das erklärt auf Nachfrage, das Angebot würde im Sinne des "Wählerwillens" toleriert - denn die Landesregierung plane eine Gesetzesinitiative, um die ausgelaufenen Lizenzen für Onlinecasinos zu verlängern.

Forscher Becker sieht das kritisch. Er fordert: "Die Länder sollten endlich eine bundesweite Glücksspielkommission einrichten, die für die Kontrolle des Markts ausreichend ausgestattet ist, bevor sie über die Vergabe von Lizenzen nachdenken." Alles andere sei lediglich eine offizielle Duldung des illegalen Angebots. So auch die geplante Regelung für Sportwetten.

Die würde ohnehin nur bis Ende Juni 2021 gelten - dann läuft der Glücksspielstaatsvertrag aus. Bis dahin müssen die Länder sich nicht nur auf die Regulierung von Sportwetten und Lotterien einigen, sondern auch über die Zukunft der Onlinecasinos entscheiden. Die Verhandlungen haben begonnen.


Zusammengefasst: Die Glücksspielbranche ist seit Jahren unreguliert - weil die Bundesländer sich nicht einigen können. Deshalb boomt der Internetmarkt für illegale Casinospiele und unerlaubte Sportwetten. Die Länder beraten derzeit über einen Minimalkonsens: Jeder Anbieter, der sich an grundlegende Regeln zum Spielerschutz hält, soll legalisiert werden. Das ist umstritten.

insgesamt 26 Beiträge
b1964 17.03.2019
1. Fdp
Bei dem Thema kann ich nur empfehlen, die intensive Verquickung der Glücksspiellobby mit der FDP zu durchleuchten. Das Thema belegt (wiedereinmal), dass der von der FDP propagierte Marktliberalismus gesellschaftsschädlich ist. [...]
Bei dem Thema kann ich nur empfehlen, die intensive Verquickung der Glücksspiellobby mit der FDP zu durchleuchten. Das Thema belegt (wiedereinmal), dass der von der FDP propagierte Marktliberalismus gesellschaftsschädlich ist. Profiteure sind allein FDP-Wähler, was in keinem anderen Bereich (Hoteliers, Apotheker, Spediteure) derart kongruent ist. Die FDP hat von gesellschaftlicher Liberalität schlicht keine Ahnung, sondern nur von Egoismus. Ansonsten gilt wieder mal die Moral des "Zauberlehrlings". Die Geister, die ich rief...
twike-fahrer 17.03.2019
2. Scheinmoral
Wenn's um's Geld geht wird die Moral verkauft. In der Kirche wie beim Staat. Sollen doch alle süchtig werden, Spiel, Tabak, Alkohol, sonstige Drogen, Sex - Hauptsache der Rubel rollt. Vielleicht schafft es die Friday for Future [...]
Wenn's um's Geld geht wird die Moral verkauft. In der Kirche wie beim Staat. Sollen doch alle süchtig werden, Spiel, Tabak, Alkohol, sonstige Drogen, Sex - Hauptsache der Rubel rollt. Vielleicht schafft es die Friday for Future Bewegung diese Scheinmoral mit Konsequenzen bis zur Korruption wie in Bananenrepubliken endlich zu überwinden und hinter uns zu lassen. Das wäre der Mensch 2.0 den wir brauchen um noch ein paar Jahre auf unserer Welt überleben zu können.
Leistungs-Träger 17.03.2019
3. Was soll ILLEGAL eigentlich bedeuten?
Wenn jemand ein illegales Geschäft betreibt, gehört es behördlich geschlossen und nicht "dem Wählerwillen entsprechend geduldet", das ist doch Unsinn hoch drei! Und wenn Geschäfte wie TIPICO oder BWIN illegal in [...]
Wenn jemand ein illegales Geschäft betreibt, gehört es behördlich geschlossen und nicht "dem Wählerwillen entsprechend geduldet", das ist doch Unsinn hoch drei! Und wenn Geschäfte wie TIPICO oder BWIN illegal in Deutschland operieren, warum dürfen die dann auch noch dafür werben. Und die Steuern der lokalen TIPICO-Läden nimmt der Staat aber trotzdem gerne mit? Dieser Artikel wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Wäre schön, wenn SPON das Thema mal genauer und weniger reißerisch beleuchten würde. Was ist LEGAL, was ist ILLEGAL? Warum wird gegen ILLEGALE Aktivitäten nicht vorgegangen? Gibraltar und Malta sind in der EU und vergeben legale Lizenzen. Sind die nun gültig oder nicht?
MyMoon 17.03.2019
4. Appell an die Politik
Das Problem ist nicht eine Regulierung die dem Staat etwas mehr Geld abgibt um vom Elend der Glückspielsüchtigen zu profitieren, sondern das Glückspiel an sich,das in den letzten 10 Jahren liberalisiert wurde und nun Millionen [...]
Das Problem ist nicht eine Regulierung die dem Staat etwas mehr Geld abgibt um vom Elend der Glückspielsüchtigen zu profitieren, sondern das Glückspiel an sich,das in den letzten 10 Jahren liberalisiert wurde und nun Millionen neuer Spielsüchtiger produziert hat. Vor allem was die vielen Spielhöllen die an jeder Straßenecke aus dem Boden schießen angeht sollte zum Schutz der Jugend und Familien sofort eingegriffen werden. Wer wie selbst Fälle in der Familie hat die mit Mitte Zwanzig hochverschuldet und süchtig sind versteht was ich mit Elend meine. Jünge Väter die nicht nur Ihr monatliches Gehalt dort verschwenden sondern zum Teil Ihre Immobilien verpfänden, Kredite aufnehmen um weiterzuspielen und Ihre wirtschaftliche Zukunft ruinieren. Schon jetzt zerstört diese Krankheit unsere Familienstrukturen und damit unsere Gesellschaft. Was früher nur eine Randerscheinung der unteren Gesellschaftsschichten war und nur eine kleine Anzahl von meist ausländisch Stämmigen betraf, hat sich jetzt wie ein Krebs in alle Gesellschaftsschichten ausgebreitet. Durch die vielen Spielkasinos und die Internetfilialen wo 24 h überall um alles gewettet werden kann entsteht ein verstecktes Elend und eine Zunahme der "Beschaffungskriminalität" wie sie die Polizei nur aus der Drogenszene kannte. Daran hängt auch ein großer Teil der organisierten Kriminalität in Deutschland wenn man sich die Betreiber genau anschaut. Das Glücksspiel und die Shisha Bars sind perfekte Werkzeuge um illegal erworbenes Geld zu waschen, da hilft dann auch kein Verbot der 500Euro Scheine wenn man diesen "Wirtschaftszweig" so frei gewähren lässt. Bitte liebe Politik, ändert die Gesetze zum Glückspielmonopol des Staates zurück wie sie zwischen den 50 und 90 er Jahren galten. Und P.S. an die Lobbyisten hier im Forum: Niemand will das einfache Lotto, die Glücksspirale und die staatlichen Kasinos verbieten und mir ist auch klar das man das Glücksspiel online international nicht voll verhindern werden kann, aber man sollte wenigstens wie beim Rauchen die extreme Werbung (die auch auf Jugendliche zielt) und die leichte reale Zugänglichkeit wie die vielen Spielhöllen erschweren. Beim rauchen hat es ja auch geklappt. Die Zahlen sind extrem runtergegangen, diese Prinzip sollte für alle Süchte gelten, nicht fördern sonder erschweren. Der Staat hat auch eine Fürsorgepflicht!
nurEinGast 17.03.2019
5.
Die Frage ist doch, inwieweit unsere Herren und Damen Entscheidungsträger von den Regelungen profitieren. Die Tabakwerbung vor Schulen ist ja auch nicht soo schlimm, so lange nur genug Spenden fliessen. Sollte es dann beim Thema [...]
Die Frage ist doch, inwieweit unsere Herren und Damen Entscheidungsträger von den Regelungen profitieren. Die Tabakwerbung vor Schulen ist ja auch nicht soo schlimm, so lange nur genug Spenden fliessen. Sollte es dann beim Thema Glücksspiel anders sein? Und wenn ich mir anschaue, wie aggressiv Firmen wie Tipico und co. Werbung machen, wie instinktlos und geldgierig beispielsweise Fussballer und der DFB agieren, dann wird's mir Angst und Bange. Würde mich nicht wundern, wenn wir in ein paar Jahren hierzulande wieder eine Schwemme von Privatinsolvenzen hätten. Naja, mir solls egal sein...

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