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Wirtschaft

Griechenland

Massenstreik gegen Tsipras' Sparpolitik

Zehntausende Griechen protestieren auf die Straßen - gegen Arbeitslosigkeit, Armut und immer mehr Steuern. Premier Tsipras zieht sein Sparprogramm trotzdem durch.

REUTERS

Proteste in Athen

Donnerstag, 14.12.2017   14:05 Uhr

Aus Protest gegen die harte Sparpolitik der Regierung unter Alexis Tsipras sind am Donnerstag in Griechenland die Mitglieder der größten Gewerkschaften des Landes in einen 24-stündigen Streik getreten. Allein in Athen gingen mehr als 20.000 Demonstranten auf die Straßen, wie die Polizei schätzte.

Die Demonstranten protestierten zudem gegen ein neues Gesetz, mit dem das Streikrecht eingeschränkt werden soll: Ein Streik soll demnach nur mehr dann legal sein, wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem zugestimmt haben. Bislang reichten 20 Prozent und in manchen Fällen nur der Beschluss des Gewerkschaftsvorstandes. Das Gesetz soll in den nächsten Wochen vom Parlament gebilligt werden.

Die links-rechts Koalitionsregierung unter Premier Alexis Tsipras zeigt sich entschlossen, alle Sparmaßnahmen und Reformen in die Tat umzusetzen. "Wir halten alle unsere Verpflichtungen ein", sagt Tsipras bei jeder Gelegenheit. Er hofft, dass sich sein Land mit dem Ende des aktuellen Sparprogramms im August 2018 wieder eigenständig Kapital am Geldmarkt wird leihen können.

Im Rundfunk und Fernsehen gab es wegen des Streiks keine Nachrichten, nachdem die Journalisten um Mitternacht für 24 Stunden die Arbeit niedergelegt hatten. Die Fähren sind in den Häfen geblieben. Die Bahnen fuhren nicht. Die Fahrer der U-Bahnen, Busse und Trams von Athen legten zur morgendlichen "Rush-Hour" die Arbeit nieder.

Einkommen um mehr als ein Viertel gesunken

In Thessaloniki fuhr nur ein Bus pro Buslinie. Auch dort gingen nach Polizeischätzungen rund 8000 Menschen auf die Straßen. Einige Inlandsflüge wurden verschoben, weil die Techniker der Zivilen Luftfahrt die Arbeit für vier Stunden niederlegen wollten. Bei Auslandsflügen gab es dagegen keine Einschränkungen, wie die Fluggesellschaften mitteilten.

Staatliche Schulen und die meisten Behörden blieben geschlossen. Ärzte staatlicher Krankenhäuser behandelten nur Notfälle. Zu den Streiks hatten die beiden größten Gewerkschaften des staatlichen und privaten Sektors, ADEDY und GSEE, sowie die kommunistische Gewerkschaft PAME aufgerufen.

Die griechischen Arbeitnehmer haben in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel ihres Einkommens verloren. Die Arbeitslosigkeit geht nur langsam zurück. Sie beträgt zurzeit gut 20 Prozent und ist damit die höchste in Europa. Mehr als 18.000 Ärzte sind ausgewandert.

ssu/dpa

insgesamt 6 Beiträge
Phildemos 14.12.2017
1. schmerzhafte innere Abwertung
Das ist die äußerst schmerzhafte sogenannte innere Abwertung vor der bei einigen so unbeliebte Prof. Hans-Werner Sinn immer gewarnt hat. Ein Austritt aus dem € wäre auch nach meiner Meinung reibungsloser vonstatten gegangen, [...]
Das ist die äußerst schmerzhafte sogenannte innere Abwertung vor der bei einigen so unbeliebte Prof. Hans-Werner Sinn immer gewarnt hat. Ein Austritt aus dem € wäre auch nach meiner Meinung reibungsloser vonstatten gegangen, wenn er auch mit erheblichen Schmerzen verbunden gewesen wäre. Eine äußere Abwertung hätte bis auf die Importpreise das innere Preisgefüge einigermaßen bewahren können. Und um gleich einem Einwand zu entgegnen: Die Schulden können mit einer abgewerteten Währung genauso schlecht bedient werden - wenn sie denn je bedient werden - wie mit einer durch innere Abwertung geschwächten Wirtschaft.
Knackeule 14.12.2017
2. Hoffnungsloser Fall
Das Problem "Griechenland" ist vielschichtig. Die Proteste gegen das von SPON geschilderte Gesetz, nachdem ein Streik nur mehr dann legal sein soll, wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem [...]
Das Problem "Griechenland" ist vielschichtig. Die Proteste gegen das von SPON geschilderte Gesetz, nachdem ein Streik nur mehr dann legal sein soll, wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem zugestimmt haben, ist mir unverständlich. Ähnliche Regelungen gibt es bei uns auch und dies ist auch nachvollziehbar. Wenn es zutrifft, dass die griechischen Arbeitnehmer in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel ihres Einkommens verloren haben, so ist dies absolut unsozial und eigentlich kriminell. Aber Schuld ist daran weniger die EU sondern die diversen griechischen Regierungen, die es immer noch nicht geschafft haben, bei den reichen Griechen endlich angemessene Steuern einzuziehen. Auch nicht der Salon-Sozialist Tsipras, ein Sprücheklopfer vor dem Herrn. Im übrigen ist Griechenland wohl ein hoffnungsloser Fall, da es so gut wie keine Industrie vorweisen kann (laut Aussage eines griechischen Wirtschaftsprofessors "nicht mal eine Fahrrad-Fabrik") und ausser dem Tourismus keine andere profitablen Dienstleistungen vorhanden sind und ausser der Agrarwirtschaft (Olivenöl etc.) so gut wie keine Exporte möglich sind. Dafür sind aber angeblich ca. 50 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst tatig. Wie soll so ein Land im knallharten weltweiten Wettbewerb jemals auf die Füsse kommen ?
juested 14.12.2017
3. Mitsprache
Was mir waehrend meiner ca.19jaehrigen Taetigkeit im oeffentlichen Dienst des Landes (ESY) missfiel,war die fehlende Mitsprachemoeglichkeit der Nichtgewerkschaftsmitglieder vor einem Streik.In unsere [...]
Was mir waehrend meiner ca.19jaehrigen Taetigkeit im oeffentlichen Dienst des Landes (ESY) missfiel,war die fehlende Mitsprachemoeglichkeit der Nichtgewerkschaftsmitglieder vor einem Streik.In unsere Krankenhausabteilung,bzw.Gesundheitszentrum kam jeweils nur ein Fax,das zum Streik aufforderte,hier Firmani genannt,etwas wie ein Ukas.Ich sagte zu einem Kollegen,dass in deutschen Krankenhaeusern immer vor Streiks eine Urne der oetv aufgestellt wurde zwecks Urabstimmung.Ein bitteres Lachen war die Antwort:Die wollen doch alle bloss Minister werden.Mit einem Patienten,ehemaligem Vorabeiter auf der Werft in Elefsina sprach ich ueber schwere Unfaelle auf den Werften vor Jahren,als morgens Schweissarbeiten in ungeluefteten Abteilungen von Schiffsneubauten mehrmals zu schweren Explosionen mit vielen Toten fuehrten.Die Erlaubnis fuer den Arbeitsbeginn war telefonisch ohne Gasspuergeraete gegeben worden.Ich sagte ihm,ich haette einen groesseren Streik erwartet.Antwort:"die sind doch alle gekauft.Und die Polen wurden noch nicht mal mitgezaehlt."
mostly_harmless 14.12.2017
4.
Nene, hierzulande gibt es keineswegs "ähnliche Regelungen". Hierzulande muss nicht Ein definierter Teil der Mitglieder einer Gewerkschaft dem Streik zustimmen, sondern ein deinierter Teil der Wähler der Urwahl. Das [...]
Zitat von KnackeuleDas Problem "Griechenland" ist vielschichtig. Die Proteste gegen das von SPON geschilderte Gesetz, nachdem ein Streik nur mehr dann legal sein soll, wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem zugestimmt haben, ist mir unverständlich. Ähnliche Regelungen gibt es bei uns auch und dies ist auch nachvollziehbar. Wenn es zutrifft, dass die griechischen Arbeitnehmer in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel ihres Einkommens verloren haben, so ist dies absolut unsozial und eigentlich kriminell. Aber Schuld ist daran weniger die EU sondern die diversen griechischen Regierungen, die es immer noch nicht geschafft haben, bei den reichen Griechen endlich angemessene Steuern einzuziehen. Auch nicht der Salon-Sozialist Tsipras, ein Sprücheklopfer vor dem Herrn. Im übrigen ist Griechenland wohl ein hoffnungsloser Fall, da es so gut wie keine Industrie vorweisen kann (laut Aussage eines griechischen Wirtschaftsprofessors "nicht mal eine Fahrrad-Fabrik") und ausser dem Tourismus keine andere profitablen Dienstleistungen vorhanden sind und ausser der Agrarwirtschaft (Olivenöl etc.) so gut wie keine Exporte möglich sind. Dafür sind aber angeblich ca. 50 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst tatig. Wie soll so ein Land im knallharten weltweiten Wettbewerb jemals auf die Füsse kommen ?
Nene, hierzulande gibt es keineswegs "ähnliche Regelungen". Hierzulande muss nicht Ein definierter Teil der Mitglieder einer Gewerkschaft dem Streik zustimmen, sondern ein deinierter Teil der Wähler der Urwahl. Das ist etwas völlig anderes. Bei der IGM müssten vor jedem Streik über 1.2 Millionen Mitglieder der Sache zustimmen. ODer anders gesagt: Es handelt sich real um ein Streikverbot Und die hier genannten Zahlen zum Einkommen der Griechen sind vermutlich die Nominallöhne. Die Reallöhne sind in GR weit über 40% gesunken. Und was nun die "Schuld" angeht, entgegen dem, was hier gerne kolportiert wird, diktiert die Troika (oder wie immmer sich das gerade nennt) die Griechen die "Reformen". Achja, und was den "knallharten weltweiten Wettbewerb" angeht: Es besteht kein Zwang, einen relevanten Exportsektor zu haben. Und Griechenland besitzt, wie Sie richtig anmerken auch keinen. Womit sich zwangsläufig die Frage stellt, wozu man das Land "international konkurrenzfähig" machen will.
lathea 14.12.2017
5. In Griechenland besitzen noch immer mehr....
......Menschen eine Immobilie als bei uns und bei uns kann sich niemand derartige Streikwellen, die insgesamt der Wirtschaft schaden, leisten. Die Griechen sollten sich lieber für mehr Massnahmen gegen Steuersünder engagieren, [...]
......Menschen eine Immobilie als bei uns und bei uns kann sich niemand derartige Streikwellen, die insgesamt der Wirtschaft schaden, leisten. Die Griechen sollten sich lieber für mehr Massnahmen gegen Steuersünder engagieren, damit mehr Geld in die Staatskassen rein kommt. Mit derartigen Streiks steigern sie das Bruttosozialprodukt ganz sicher nicht und höhere Löhne müssen schließlich von irgendetwas bezahlt werden - von neuen Schulden hoffentlich nicht.

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