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Wirtschaft

Grüner Hofreiter

"Die alten Kraftwerke, die an Hambach hängen, könnten geschlossen werden"

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hält den Tagebau Hambach für weitgehend überflüssig. Hier skizziert er seinen Plan, wie man Kohlekraftwerke ersetzen und so den umkämpften Wald retten könnte.

DPA

Anton Hofreiter im Hambacher Forst

Ein Interview von
Freitag, 14.09.2018   17:58 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Hofreiter, Sie sind einer der größten Kritiker der Rodungen im Hambacher Forst. Haben Sie einen Vorschlag, wie sich der Holzschlag umgehen lässt?

Hofreiter: Zunächst einmal sollte RWE gerade jetzt überhaupt nichts roden. In Berlin erarbeitet gerade eine Kommission einen Plan für den Kohleausstieg. Dass der Konzern ausgerechnet jetzt die Eskalation sucht, ist unverantwortlich und gefährdet den gesellschaftlichen Konsens. Das sieht man auch daran, dass ein breites Bündnis aus Polizeigewerkschaft, Kirchenvertretern und Umweltverbänden sich für "Reden statt Räumen und Roden" einsetzt.

SPIEGEL ONLINE: RWE hat angeboten, mit den Rodungen bis Mitte Dezember zu warten, bis zum letzten geplanten Sitzungstermin der Kohlekommission. Das wäre doch "Reden statt Roden".

Hofreiter: Das RWE-Angebot war ein vergiftetes Angebot: Der Konzern hat sich an Mitte Dezember als Deadline geklammert. Das ist absurd. Wer weiß schon, ob die Kommission sich wirklich bis dahin geeinigt hat?

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Hofreiter: RWE sollte die Rodungen aussetzen, bis der Abschlussbericht der Kommission vorliegt. Bis geklärt ist, wie viel der Kohle aus dem Tagebau Hambach überhaupt noch gebraucht wird. Das wäre ein akzeptabler Kompromiss.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur Ausgangsfrage. Wie müsste man die Energieversorgung umbauen, damit der Wald stehen bleiben kann?

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Hofreiter: Erst einmal produzieren wir in Deutschland viel mehr Strom als wir verbrauchen. Wir exportieren sogar welchen ins Ausland. Daher könnten die alten Kraftwerke, die an Hambach hängen, geschlossen werden. Wenn mal Strom fehlen sollte, könnten flexible Gaskraftwerke einspringen. Das wäre kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Aber es wäre sicher teuer. Die Konzerne müssten dann wohl für ihre entgangenen Einnahmen entschädigt werden.

Hofreiter: Die älteren Kohleblöcke rund ums Hambacher Loch könnten stillgelegt werden, ohne dass die Konzerne dafür entschädigt werden müssen. Das Bundesverfassungsgericht hat der Regierung in seinem Urteil zum Atomausstieg erlaubt, alten AKW aus Umweltgründen die Betriebsgenehmigung zu entziehen - ohne etwas dafür zu zahlen. Das gilt für alle Kraftwerke, also auch für alte Braunkohlemeiler.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die Gerichte das anders sehen?

Hofreiter: Das Bundesverfassungsgericht hat dazu ein klares Urteil gesprochen. Es geht jetzt darum, welche Schlüsse die Bundesregierung in Bezug auf den Klimaschutz und die Stilllegung alter Kohlekraftwerke daraus zieht. Zumindest bis der Bericht der Kohlekommission vorliegt, brauchen wir ein Rodungsmoratorium. So lange gibt es andere Möglichkeiten für RWE zu baggern, ohne Bäume zu fällen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: RWE sagt, das gehe nicht, weil der Neigungswinkel der Braunkohlegrube dann zu steil würde. Der Tagebau wäre nach Darstellung des Konzerns in diesem Fall nicht mehr sicher.

Hofreiter: RWE hat anderen schon so oft Sand in die Augen gestreut und Bedrohungsszenarien aufgebaut - denen geht es doch zuerst einmal um wirtschaftliche Interessen. Es gibt immerhin auch Studien, die besagen, man könne in Hambach noch drei, vier Jahre weiter Kohle abbauen, ohne neue Waldstücke zu roden.

SPIEGEL ONLINE: Der Wald wird auch deshalb gerodet, weil eine rot-grüne Landesregierung in NRW im Jahr 2016 beschlossen hat, den Tagebau Hambach wie gehabt fortzusetzen. Im Gegenzug wurde der Tagebau Garzweiler verkleinert.

Hofreiter: Das ist Unsinn! Wir haben damals nicht für Hambach gestimmt. Die rechtlichen Beschlüsse für Hambach wurden in den Siebzigerjahren beschlossen - da gab es uns Grüne noch gar nicht. Als wir in NRW an der Landesregierung beteiligt waren, haben wir für eine Verkleinerung von Garzweiler gekämpft und diese auch durchgesetzt. Mehr hat die SPD nicht mitgemacht - das sind dann Koalitionskompromisse.

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Warum stellen Sie den Kompromiss von 2016 jetzt wieder infrage?

Hofreiter: Wie gesagt: Wir Grüne waren immer gegen den Tagebau Hambach und für den Kohleausstieg. Diese Position ist jetzt richtiger denn je. Die Welt hat sich weitergedreht. Der Kohleausstieg wird jetzt konkret. Entsprechend sollte der Bedarf am Rohstoff Braunkohle noch einmal neu geprüft werden. Und entsprechend sollten im Hambacher Forst jetzt keine Fakten geschaffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wer könnte die anstehenden Rodungen noch stoppen?

Hofreiter: RWE natürlich! Aber auch die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die Bundesregierung. Frau Merkel sollte RWE und die NRW-Landesregierung auffordern, die polizeiliche Räumung zu stoppen.

insgesamt 119 Beiträge
egonv 14.09.2018
1.
Wenn die Äußerungen Hofreiters zur Situationen wahrheitsgemäß sind, dann wäre eine Rodung tatsächlich sehr unsinnig. Gibt es nicht eine bisherige Einschätzung, was die Kohlekommission beschließen könnte? RWE sollte [...]
Wenn die Äußerungen Hofreiters zur Situationen wahrheitsgemäß sind, dann wäre eine Rodung tatsächlich sehr unsinnig. Gibt es nicht eine bisherige Einschätzung, was die Kohlekommission beschließen könnte? RWE sollte einfach nicht in die Erweiterung des Abbaus investieren....Entschädigung, was ein Unfug, die wissen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, dass die Kohleverbrennung in den Maßstäben wie bisher zu Ende geht! So was kann man einkalkulieren. In einigen Jahren tun sie so als hätten sie nie nie nie gedacht oder wissen können, dass sie mit der Kohleverheizung bald aufhören müssen.
salomon17 14.09.2018
2. Die zentrale Frage ist doch:
Brauchen wir (WIR, nicht RWE) die Braunkohle noch zur Sicherung der Stromversorgung oder nicht? Wenn nicht, dann ist die Abholzung eines alten Waldes ein Sakrileg und sollte gestoppt werden.
Brauchen wir (WIR, nicht RWE) die Braunkohle noch zur Sicherung der Stromversorgung oder nicht? Wenn nicht, dann ist die Abholzung eines alten Waldes ein Sakrileg und sollte gestoppt werden.
merkur08 14.09.2018
3. Es wäre bedeutend ehrlicher
wenn Hofreiter das Abholzen von Wäldern für Windkrafträder ebenso verurteilt. 2016 haben die Grüne übrigens in NRW für das Abholzen gestimmt. Verlogener geht es wohl nicht mehr. Dass die Energiewende eine Totgeburt ist [...]
wenn Hofreiter das Abholzen von Wäldern für Windkrafträder ebenso verurteilt. 2016 haben die Grüne übrigens in NRW für das Abholzen gestimmt. Verlogener geht es wohl nicht mehr. Dass die Energiewende eine Totgeburt ist dürfte mittlerweile jedem Klar sein. Spätestens wenn wieder vermehrt Stromausfälle eintreten. Gab es ja zuletzt auch häufiger.
dirkcoe 14.09.2018
4. Ein Kompromiss ist nötig
Ich Frage mich, warum sich nicht unabhängige Experten mit Fachleuten von RWE zusammen setzen und klären, ab wann die Rodung wirklich erfolgen muss? Gibt es da noch Luft über das Jahresende hinaus, dann kann das Land die Rodung [...]
Ich Frage mich, warum sich nicht unabhängige Experten mit Fachleuten von RWE zusammen setzen und klären, ab wann die Rodung wirklich erfolgen muss? Gibt es da noch Luft über das Jahresende hinaus, dann kann das Land die Rodung per Beschluss erst einmal stoppen und die Polizeibeamten können abziehen. Vernunft, statt Eskalation ist doch jetzt das Gebot der Stunde.
Ein_denkender_Querulant 14.09.2018
5. Riesige Verluste
Natürlich brauchen wir den Strom nicht. Aber er wird teuer exportiert. RWE ist zu 25% in kommunaler Hand. Die Kommunen bauen auf die Dividenden. Die Schornsteine müssen rauchen für den Erfolg! Natürlich sind die grünen [...]
Natürlich brauchen wir den Strom nicht. Aber er wird teuer exportiert. RWE ist zu 25% in kommunaler Hand. Die Kommunen bauen auf die Dividenden. Die Schornsteine müssen rauchen für den Erfolg! Natürlich sind die grünen Vorschläge wie fast immer durchdacht und umsetzbar. Aber es sind andere Zwänge, die das verhindern werden.

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