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Wirtschaft

Demokratie in der Demografie-Falle

Landluft macht unfrei

Die zunehmenden Gegensätze zwischen Metropolen und Peripherie bringen enorme Spannungen mit sich. Sie haben das Potenzial, die Demokratie zu unterminieren.

DPA

Dorfstraße von Kriesow

Eine Kolumne von
Sonntag, 05.08.2018   11:55 Uhr

Geht doch nach drüben! Es war ein gemeiner Spruch. Echt Achtzigerjahre, echt alte Bundesrepublik. Wenn es euch linken, aufsässigen jungen Leuten hier im Westen nicht passt, dann geht doch gefälligst in die DDR - da werdet ihr schon sehen.

Glücklicherweise blieben die allermeisten. Sie mischten sich ein, sie waren unbequem und leisteten gerade deshalb einen wertvollen Beitrag. Sie erzeugten jene Reibung, die nötig ist, um Gesellschaften vor dem Stillstand zu bewahren. Die 68er und ihre Nachfolger halfen, die Bundesrepublik zu verändern.

So war es in vielen Nationen. Kopfstarke junge Generationen drängten nach, forderten die Älteren heraus und stießen jede Menge Wandel an. Sie sorgten dafür, dass sich Demokratie, Kultur und Wirtschaft fortentwickelten. Weil sie blieben und ihre Stimmen erhoben.

Ganz anders heute: Die jüngeren Generationen sind mobil. Wem die Situation in seiner Heimat nicht passt, der kann woanders hingehen - in eine andere Region seines eigenen Landes oder in einen anderen Staat.

Reportage

Geht doch nach drüben?

Prinzipiell haben Bürger zwei Möglichkeiten, ihrem Unmut über die herrschenden Verhältnisse Ausdruck zu verleihen: sich einmischen und versuchen, etwas zu verändern, oder gehen und anderswo ihr Glück suchen. "Exit" oder "Voice", wie der Soziologe Albert Hirschman die beiden Optionen genannt hat.

Beides ist völlig legitim. Niemand ist gezwungen, sich einzumischen. Und natürlich sollte jeder die Freiheit haben hinzugehen, wohin er will. Doch wenn viele die Exit-Option wählen, dann kann das durchaus zum Problem werden.

Wenn gerade die jüngeren Gutausgebildeten gehen, statt sich zu engagieren, verschärft sich die politische und ökonomische Polarisierung. Während die ökonomischen Zentren vom Zuzug profitieren, multikultureller und politisch liberaler werden, läuft in der Peripherie der entgegengesetzte Prozess ab: Ganze Regionen und Länder bleiben mit schrumpfender Bevölkerung zurück, von Pessimismus geplagt, getrieben von einem Gefühl der Bedrohung.

Es ist eine Dynamik, die enorme Spannungen mit sich bringt - und die das Potenzial hat, die Demokratie zu unterminieren.

Osteuropas demografische Implosion

Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung in Osteuropa. Die Kombination aus Abwanderung und niedrigen Geburtenzahlen sorgt dafür, dass dort die Bevölkerung rasch schrumpft. Die zehn Länder mit den am schnellsten schrumpfenden Einwohnerzahlen liegen allesamt in Osteuropa: Bulgarien, Lettland, Moldau, die Ukraine, Kroatien, Litauen, Rumänien, Serbien, Polen, Ungarn - in all diesen Ländern wird die Bevölkerung bis 2050 um 15 Prozent und mehr zurückgehen, wie Berechnungen der Vereinten Nationen zeigen.

Auch innerhalb der Länder nehmen die Unterschiede zu. Während die Ballungszentren nach wie vor Leute anziehen, fallen ländliche Regionen immer weiter zurück. Gerade dort finden rechtsnationale Regierungsparteien wie PiS in Polen oder Fidesz in Ungarn ihre Wähler. Die Regenten in Budapest und Warschau schwächen die Institutionen des Rechtsstaats und die freie Presse, beschwören die Stärke der Nation. Die liberale Stadtbevölkerung schaut fassungslos zu. Wer für sich keine Perspektive sieht, verlässt das Land - was die politischen Kräfte, die auf Abschottung setzen, weiter stärkt.

Dennoch möchte man am liebsten unter sich bleiben und auch keine Flüchtlinge im Rahmen der EU-Quotenregelung aufnehmen.

Irreale Versprechen

Auch in Italien wirkt die Polarisierung. Dass in Rom nun eine Koalition aus Links- und Rechtspopulisten regiert, ist nicht nur eine Folge der langen wirtschaftlichen Stagnation. Auch die Demografie spielt eine Rolle. Seit 2010 hat sich die Zahl der Auswanderer verdoppelt; immer mehr Akademiker verlassen das Land, so der Internationale Währungsfonds (IWF), nicht nur aus dem abgehängten Süden.

Wer geht, mischt sich nicht mehr ein. Wer bleibt, hat häufig die Hoffnung verloren, dass sich irgendetwas substanziell zum Besseren wenden könnte, und wählt entsprechend die Parteien, die die größten Versprechen machen, so irreal sie sein mögen.

In den USA hat die Spaltung zwischen dem in sich gekehrten "Heartland" und den dichtbesiedelten, boomenden Küsten die Präsidentschaft Donald Trumps hervorgebracht. Das Versprechen, Jobs in alten Industrien - Auto, Stahl, Chemie - in angestammte Regionen zurückzuholen, wird zwar nicht funktionieren. Aber die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, als man in Amerika noch ohne Berufsausbildung ein Mittelschichtsleben führen konnte, kommt bei einer eher älteren Wählerschaft gut an.

Globalisierung und Migration begünstigen ohnehin die Metropolen. Ein Trend, der nun noch verstärkt wird durch den natürlichen Rückgang der Bevölkerung infolge niedriger Geburtenzahlen.

Geld und gute Worte

In den kommenden Jahrzehnten stehen auch Deutschland enorme demografische Umwälzungen bevor. Nach den Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wird in großen Teilen des Landes bis 2035 die Bevölkerung schrumpfen. Die zurückgehende Einwohnerschaft konzentriert sich zunehmend auf die großen Städte und ihr Umland.

Geht doch nach drüben? Was seit 1990 weitgehend auf die ostdeutschen Bundesländer beschränkt war, wird zum Normalfall.

Die zunehmende demografische Polarisierung dürfte eines der großen gesellschaftlichen Konfliktfelder der kommenden Jahrzehnte werden. So wird es immer schwieriger, tragfähige Kompromisse zwischen Stadt und Land - zwischen Offenheit und Abschottung - zu finden.

Klar ist auch: Mit Geld allein ist es nicht getan. Umverteilung im großen Stil schützt nicht davor, dass sich Gefühle des Abgehängtseins ausbreiten können - wie sich in Ostdeutschland zeigt, wo die AfD bei der letzten Bundestagswahl als zweitstärkste Kraft abschnitt. Übrigens konnten die Rechten auch im reichen Baden-Württemberg in ländlichen Wahlkreisen punkten.

Ländliche Gebiete sind in den Parlamenten tendenziell überrepräsentiert, weil möglichst alle Teile eines Landes vertreten sein sollen, auch die dünner besiedelten. Wenn aber gerade die ländlichen Wähler den Kurs eines Landes bestimmen, besteht die Gefahr, dass sich viele Städter nicht mehr durch das System repräsentiert fühlen - und womöglich ebenfalls auswandern.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

MONTAG

Frankfurt/M. - Deutschland im Abschwung? - Neue Zahlen zu den Auftragseingängen im deutschen Maschinenbau.

Washington - Iran kontra - Die Trump-Regierung setzt die US-Sanktionen gegen Iran wieder in Kraft. Das wird schmerzhaft: Unter anderem darf Iran keine Dollar mehr erwerben und keine Edelmetalle mehr handeln.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von UniCredit, HSBC, Xing.

DIENSTAG

Wiesbaden - Spuren des Handelskriegs I - Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt zum deutschen Export. Noch ist nur ein kleiner Teil der Ausfuhren von Zöllen betroffen.

Berichtssaison II - Geschäftszahlen von Bayer, Deutsche Post, Commerzbank, Beiersdorf, Schaeffler, Kuka, Zalando.

MITTWOCH

Peking - Spuren des Handelskriegs II - Chinas Zoll veröffentlicht Außenhandelszahlen für Juli. Der Wirtschaftskonflikt mit den USA spitzt sich seit Monaten zu.

Berichtssaison III - Geschäftszahlen von Munich Re, Eon, KfW, Glencore.

DONNERSTAG

Peking - Lockerungsübungen - Um die Effekte des Handelskriegs zu dämpfen, haben die Behörden die Kreditvergabe erleichtert. Ist noch mehr in der Pipeline? Chinas Statistikamt legt neue Inflationszahlen vor.

Berichtssaison IV - Geschäftszahlen von Deutsche Telekom, Adidas, Merck, Stada, Hannover Rück, Porsche SE, Dürr, Aurubis, Jungheinrich, Jenoptik.

FREITAG

Washington - Zinsen rauf? - Die US-Notenbank Fed ist im Zinserhöhungsmodus. Nun veröffentlichen die Statistiker neue Zahlen zum Anstieg der Verbraucherpreise. Legen die Daten nahe, dass die Zinsen womöglich noch schneller steigen als bislang erwartet? Die Börsen werden genau hinschauen.

Berichtssaison V - Geschäftszahlen von Innogy, Hapag-Lloyd, Carl Zeiss Meditec.

insgesamt 206 Beiträge
goethestrasse 05.08.2018
1. Lebensqualität
Die Lebensqualität auf "dem Dorf" ist für die meisten besser als in der Stadt. Urbane Szeneviertel sind "das Paradies" nur für Singles, Patchworker und Non-comformisten. Leider sind dies die Stimmungs- und [...]
Die Lebensqualität auf "dem Dorf" ist für die meisten besser als in der Stadt. Urbane Szeneviertel sind "das Paradies" nur für Singles, Patchworker und Non-comformisten. Leider sind dies die Stimmungs- und Meinungsmacher in der Republik. Es gibt auch einen Kosmos ausserhalb der Kurzstecken-Zone.
jozu2 05.08.2018
2. Land ist überrepräsentiert
Wo bitte, Herr Müller, sind ländliche Gegenden überrepräsentiert? ÖPNV, Ärzte und Internet sind doch die besten Beispiele, dass ländliche Gegenden gerne vergessen werden - so sehr, dass sich jetzt die Politik einschaltet.
Wo bitte, Herr Müller, sind ländliche Gegenden überrepräsentiert? ÖPNV, Ärzte und Internet sind doch die besten Beispiele, dass ländliche Gegenden gerne vergessen werden - so sehr, dass sich jetzt die Politik einschaltet.
tobby27 05.08.2018
3. So, so, das Land ist überrepräsentiert...
Deswegen sind die Zeitungen voll von Themen wie Wohnungsmangel - bei uns sind Wohnungen preisgünstig zu haben; kostenfreiem Nahverkehr - bei uns kann man froh sein, wenn der Bus zwei Mal am Tag kommt; Flüchtlingskriese - alleine [...]
Deswegen sind die Zeitungen voll von Themen wie Wohnungsmangel - bei uns sind Wohnungen preisgünstig zu haben; kostenfreiem Nahverkehr - bei uns kann man froh sein, wenn der Bus zwei Mal am Tag kommt; Flüchtlingskriese - alleine in meiner unmittelbaren Nachbarschaft leben drei syrische Familien und alle werden von uns radikalen Landeiern integriert und unterstützt; und Feinstaubdiesel. Ärzteüberversorgung? Klar ganz wichtiges Thema in den ländluchen Gebieten, in denen Du 1h Fahrtzeit hast um mal einen Facharzt zu finden. Störerhaftung? Super wichtig wenn Du froh sein kannst überhaupt mal einen Anschluss zu bekommen... Die ländlichen Regionen werden vielmehr ignoriert. Das führt zur Abwanderung - und der Verschärfung der Stadtprobleme - und zu einer Gefahr, dass die, die sich ungehört fühlen dann tatsächlich radikalen Spinnern ihre Stimme geben.
garb 05.08.2018
4. Die unfreie Landluft
Die Landbevölkerung als Gegner der offenen Gesellschaft ist die These des Artikels. Hier in einer ländlichen Gegend nahe Luxemburg ist davon nichts zu spüren. Aber keine Angst vor der Landbevölkerung, das erledigt sich ja bald [...]
Die Landbevölkerung als Gegner der offenen Gesellschaft ist die These des Artikels. Hier in einer ländlichen Gegend nahe Luxemburg ist davon nichts zu spüren. Aber keine Angst vor der Landbevölkerung, das erledigt sich ja bald von selbst. Keine Ärzte, kein Internet, wenig Jobs, da laufen die Jungen weg. Dann einfach noch weniger Geld in die ländlichen Gebiete schieben, das Wahlrecht ändern und dann ist es aus mit der konservativen Landbevölkerung. Dann können sich auch endlich große Agrarfabriken im Westen breit machen. Das ist natürlich schade für den Städter, er hätte ja gerne eine heile Welt auf dem Lande wo seine Lebensmittel herkommen.
mikelinden 05.08.2018
5.
"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben" (Alexander von Humbold) - erstaunlich aktuell.
"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben" (Alexander von Humbold) - erstaunlich aktuell.
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